Zeitschrift Islam in Deutschland Nicht nur Sunniten und Schiiten Was ist Islam und wer ist Muslim? Die Glaubensrichtungen des Islam Von Heinz Halm |
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Anders als die christlichen Kirchen verfügt der Islam über keine feste Organisationsstruktur mit klar definierten Glaubensinhalten, fester Mitgliedschaft und oberster Autorität. Vielmehr ist der Islam in die verschiedendsten Richtungen gespalten, von denen die Sunniten und Schiiten die bedeutendsten sind, auch in Deutschland. In der – ungewohnten – Diaspora allerdings ergeben sich andere Notwendigkeiten, wenn man Moscheen und theologische Zentren unterhalten will und wenn es um die Einführung islamischen Religionsunterrichts geht. Red. Der Kanon der "fünf Säulen", auf denen der Islam ruht Wer ist ein Muslim? Wer sich selber dafür hält,
würde auf diese Frage wohl mit dem Glaubensbekenntnis
antworten: "Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt
außer Gott, und dass Mohammed der Gesandte Gottes
ist". Der erste Teil dieser zweigliedrigen Formel,
das Bekenntnis zum absoluten Monotheismus, verbindet den
Islam mit den anderen monotheistischen Religionen, während
der zweite Teil das Besondere des Islam ausmacht: Mohammed
ist der Gesandte Gottes, ein Prophet, dessen Verkündigung
– im Koran niedergelegt – daher als göttliche Offenbarung
gilt. Ein Muslim ist also jemand, der den Koran als Äußerung
des göttlichen Willens anerkennt und befolgt. Hinzuzufügen
ist noch, dass die Muslime im allgemeinen die koranische
Offenbarung als die letzte und endgültige ansehen:
nach Mohammed wird es bis zum Jüngsten Gericht keinen
Propheten mehr geben; er ist das "Siegel der Propheten"
– Bekräftigung und Abschluss der Offenbarungen, die
Gott der Menschheit durch frühere Propheten wie Abraham,
Moses oder Jesus hat zuteil werden lassen. Die Wallfahrt nach Mekka als Demonstration der Zusammengehörigkeit Das Zeremoniell der Wallfahrt (Haddsch) in Mekka, das jeder Muslim nach Möglichkeit einmal im Leben absolvieren soll, demonstriert auf höchst eindrucksvolle Weise das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Muslime: Pilger aus aller Welt, Angehörige ganz verschiedener Völker, Sprecher verschiedener Sprachen vollziehen hier, in das gleiche weiße Pilgergewand gekleidet, dasselbe Ritual. Nirgendwo sonst kommt auch der egalitäre Anspruch des Islams deutlicher zum Ausdruck: alle Gläubigen sind vor Gott gleich. Auch beim Gebet (salât) wird die Idee der Einheit und Einigkeit aller Muslime sichtbar: wo immer auf der Welt ein Muslim in einem fremden Land eine Moschee betritt, weiß er sich zu Hause und wird sich richtig verhalten. Die Muslime sind "die Leute mit der Gebetsrichtung" (ahl al-qibla) – nämlich nach Mekka.
Seit Anbeginn keine Einheit, weder religiös noch politisch Dennoch ist es allgemein bekannt und allen Muslimen schmerzlich
bewusst, dass der Islam schon seit den Anfängen seiner
Geschichte keine Einheit mehr ist – weder eine religiöse
noch eine politische. Seinen Niederschlag hat dieses Bewusstsein
in einem Ausspruch gefunden, der als Prophezeiung des Propheten
Mohammed selber an seine Anhänger überliefert
wird: "Die Juden sind in 71 Richtungen gegangen, die
Christen in 72, ihr werdet in 73 Richtungen gehen." Weniger dogmatische Unterschiede als Anerkennung verschiedener Autoritäten Der übliche arabische Terminus für solche voneinander abweichenden Richtungen des Islam ist madhhab, "Weg" oder "Methode". Eine Wiedergabe im Deutschen durch "Bekenntnis" ist problematisch; meistens handelt es sich nicht um Unterschiede des religiösen Dogmas, wie bei den christlichen Glaubensbekenntnissen, sondern um die Anerkennung unterschiedlicher Autoritäten: Wer ist legitimiert, die Umma politisch zu führen? Und wer ist im Konfliktfall befugt zu entscheiden, was islamisch ist oder nicht? Es ist also die Frage nach der legitimen Autorität im Islam, die die Umma von Anfang an gespalten hat. Da der Prophet keinen Nachfolger designiert hat (wie die große Mehrheit der Muslime meint) und da das direkt von Gott inspirierte Prophetentum mit dem Tod des "Siegels der Propheten" endete (wie ebenfalls die Mehrheit meint), stellte sich die Frage, wer denn befähigt und berechtigt sei, die Nachfolge des Propheten anzutreten und als sein "Stellvertreter" (khalîfa; Kalif) die Gläubigen zu lenken. Die "Kharidschiten" Eine Antwort darauf war die der Kharidschiten (etwa: "Dissidenten"), die erstmals schon im 7. Jahrhundert im Irak auftraten; ihr Grundsatz, dass der beste und frömmste Muslim – ohne Ansehen der Herkunft – durch Wahl an die Spitze der Gemeinde zu stellen und im Falle des Versagens wieder abzusetzen sei, hat sich allerdings nicht durchsetzen können; das Kharidschitentum, zeitweilig so etwas wie die Nationalreligion der nordafrikanischen Berber, konnte sich nur an wenigen marginalen Stellen im Maghreb – etwa auf der tunesischen Insel Dscherba – oder in Oman behaupten. Warten auf den "Mahdi": die Schiiten Anders die Schiiten, die Anhänger der Schia ("Partei"), die auf die Frage der höchsten Autorität im Islam ihre eigene Antwort gefunden haben. Für sie war der vom Propheten selbst designierte, einzige rechtmäßige Nachfolger des Propheten sein Vetter und Schwiegersohn Ali, der aber nach dem Tode Mohammeds zunächst nicht zum Zuge kam, dann nur kurz (656–661) als vierter Kalif regierte; nach seiner Ermordung wurden seine Söhne al-Hassan und al-Hussain, die leiblichen Enkel des Propheten, gänzlich von der Macht verdrängt. Für die Schiiten aber gelten nur diese leiblichen Nachkommen des Propheten als die wahren Oberhäupter (Imame) der islamischen Gesamtgemeinde. Die Schiiten verehren eine Reihe von zwölf direkten Prophetennachkommen als Imame, deren erster Ali ist, während der letzte, der wie der Prophet Mohammed geheißen habe, schon vor dem Jahr 874 als kleines Kind versteckt worden und nie wieder aufgetaucht sein soll; nach schiitischem Glauben weilt er seitdem in der "Abwesenheit" (ghaiba), aus der er eines Tages glorreich zurückkehren wird, um dem wahren, ursprünglichen Islam (im schiitischen Sinne) zum Sieg zu verhelfen. Dieser verborgene zwölfte Imam ist der erwartete Mahdi, der "Rechtgeleitete", dessen Kommen die Schiiten herbeisehnen. Solange er auf sich warten lässt, nehmen die islamischen Religionsgelehrten (die ulamâ; Singular âlim) die irdischen Belange der Muslime wahr; in Iran haben einige der höchsten schiitischen Autoritäten, der Ayatollahs, zusammen mit den niedrigen Geistlichen, den Mollas, in der Revolution von 1979 eine führende Rolle übernommen und bestimmen seitdem dort das politische Geschehen. Eine Leidensgemeinschaft Neben dem Glauben an die zwölf Imame und die bevorstehende Wiederkehr des verborgenen Zwölften Imams ist der schiitische Islam wesentlich gekennzeichnet durch eine starke Passionsbereitschaft. Die Schia war immer eine Minderheit, oft Verfolgungen ausgesetzt; ihre Imame, von der rechtmäßigen Herrschaft ausgeschlossen, inhaftiert und deportiert, gelten als Märtyrer; ihrer Leidensgeschichte wird in elegischen Dichtungen, Prozessionen mit Selbst-geißelungen und in theatralischen Passionsspielen gedacht; Trauergefühle und die Bereitschaft zum Selbstopfer kennzeichnen die besonderen Riten und Feste der Schiiten. Obwohl die Schia im Irak entstanden ist und dort ihre meisten Heiligtümer hat – die Schreine der Imame in Nadschaf und Kerbelâ am Euphrat und in Kâzimiyya (bei Bagdad) und Samarra am Tigris –, ist das Kernland der Schia seit dem 16. Jahrhundert der Iran; starke schiitische Minderheiten gibt es ferner im Südlibanon und im Irak, in den Emiraten am Golf, in Afghanistan, Pakistan und Indien. In Deutschland ist die Moschee in Hamburg das Zentrum schiitischer Aktivitäten. Man schätzt, dass etwa ein Zehntel der mehr als eine Milliarde zählenden Muslime auf der Erde Schiiten sind.
Die Weisungen der Ayatollas gelten als fehlbar und somit als revidierbar Das Oberhaupt der (Zwölfer-)Schiiten, der verborgene zwölfte Imam – nach schiitischer Auffassung der rechtmäßige Nachfolger Mohammeds und daher Oberhaupt aller Muslime – ist also nicht gegenwärtig; stellvertretend für ihn leitet das Kollektiv der Religionsgelehrten – die Mollas und Ayatollahs – die Gemeinde. Die höchsten Autoritäten unter diesen, die Groß-Ayatollahs, deren Zahl schwankt, konkurrieren miteinander und können in rechtlichen und kultischen Fragen durchaus unterschiedliche Lehrmeinungen vertreten, wenn auch nur innerhalb eines durch Konsens der Schiiten vorgegebenen Rahmens; nur gelegentlich erlangt einer unter ihnen die alleinige Anerkennung als höchste "Autorität der Nachahmung" (Mardscha' al-taqlîd). Die Zwölfer-Schiiten haben also kein dauerndes anwesendes Oberhaupt; die Weisungen der Ayatollahs gelten als fehlbar und damit revidierbar. Zwar hat das iranische Revolutionsregime mehrfach versucht, dem 1979 neugeschaffenen Amt des Revolutions"führers" (rahbar) die höchste und alleinige Lehrautorität zuzuerkennen, doch sind diese Versuche fehlgeschlagen; wie eh und je wird die höchste religiöse Autorität der Zwölfer-Schiiten auf mehrere Personen verteilt. Die Sondergruppe der Ismailiten Die Zwölfer sind die bei weitem größte
Gruppe unter den Schiiten. Unter den zahlreichen kleineren
sind die Ismailiten die bedeutendste und bekannteste; sie
ist in Pakistan und im Nordwesten Indiens, im Jemen und
Syrien sowie in ganz Ostafrika verbreitet. Die Ismailiten
erwarten keinen Verborgenen Imam, sondern haben an ihrer
Spitze eine ununterbrochene Reihe von Imamen, die aus der
Nachkommenschaft Mohammeds zu stammen beanspruchen; der
derzeitige 49. Imam ist der Agha Khan (Karîm Âghâ
Khân IV.). Als inspirierter Nachfolger des Propheten
genießt der Imam Anerkennung als geistlicher Führer
seiner weltweiten Gemeinde, die eine geschlossene Struktur
besitzt (offizieller Name: The Shia Imami Ismaili Muslims).
Mit einer wissenschaftliche Institution (The Institute of
Ismaili Studies) in London und einer Reihe gemeinnütziger
Stiftungen ist die sehr wohlhabende Gemeinde in der ganzen
Welt aktiv.
Die Sunniten als Hauptgruppe umfassen rund neun Zehntel der Muslime Gegenüber den schiitischen Minderheiten setzt sich
der main stream des Islam, dem rund neun Zehntel der Muslime
auf der Erde folgen, als "sunnitisch" ab. Das
arabische Wort sunna bedeutet "Herkommen" oder
"Brauch"; gemeint sind damit die vom Propheten
Mohammed überlieferten Lebensformen, ausdrücklichen
Anordnungen oder Verbote, die sich in tausenden seiner überlieferten
Aussprüche und Handlungen niedergeschlagen haben; diese
sind für den Muslim vorbildlich und verbindlich. Im
8. und 9. Jahrhundert gesammelt und gesichtet, bilden diese
Überlieferungen (hadîth) als Ganzes die Sunna;
auf ihnen und dem Koran beruht die religiös fundierte
Rechtsordnung des Islam, die scharî'a – ein Begriff,
unter dem man die gesamte von Gott gewollte und geoffenbarte
Lebensordnung der Muslime auf der Erde versteht. Kennzeichnend für die Sunniten ist, dass sie kein allgemein anerkanntes Oberhaupt haben Es ist ein wesentliches Kennzeichen des sunnitischen Islam, dass er ein allgemein anerkanntes Oberhaupt, eine höchste Lehrautorität weder hat noch benötigt. Höchste Autorität ist neben dem Koran die in den Prophetenworten und -taten überlieferte Sunna, die in sechs umfangreichen Standardsammlungen aus dem 9. Jahrhundert fixiert ist. Freilich bedarf es eines Berufsstandes, der in der Auslegung des Korans und in der Handhabung der Sunna geübt ist, dies sind in der ganzen islamischen Welt die ulamâ (Singular: âlim), die Gelehrten, die ein sehr langwieriges, stark juristisch geprägtes Studium absolviert haben. Sie können als Prediger, Richter und geistliche Lehrer fungieren; ihre wichtigste Funktion aber ist die des Gutachters (muftî), der – auf Anfrage oder aus eigenem Antrieb – zu irgendeiner die Scharî'a berührenden Frage ein Gutachten (fatwâ) abgeben kann. Die im Alltagsleben der Muslime allgegenwärtige fatwâ gibt Antwort auf die Frage, was islamisch ist und was nicht. Dabei muss der Gutachter (muftî) auf jeden Fall durch ein abgeschlossenes Studium des religiösen Rechts qualifiziert sein. Fatwas sind Menschenwerk und können so unterschiedlich ausfallen Es liegt in der Natur der Sache, dass Fatwas sehr unterschiedlich ausfallen, ja dass sie einander widersprechen können. Sie sind eben Menschenwerk und werden auch als solches beurteilt; es gibt traditionelle wie moderne, konservative wie fortschrittliche Antworten auf die Fragen, die sich dem Muslim stellen (etwa: Geburtenregelung, Organtransplantation, Gentechnik; aber auch Fragen zur Ernährung, zur Hygiene, zum Verhalten in der Diaspora). Ob eine Fatwa befolgt wird, hängt von der Autorität ab, die sie ausspricht; nicht jeder, der eine Fatwa abgibt, findet auch Gefolgschaft. In manchen islamischen Ländern ist die Funktion des Muftî institutionalisiert; so hat etwa Ägypten einen höchsten Muftî der Republik. Daneben gibt es weltweit beachtete Fatwas vom Leitungsgremium der renommierten Azhar-Universität in Kairo unter der Führung des Scheich al-Azhar (der zu Zeit mit dem Mufti der Republik identisch ist). Vier Schulen, die sich wechselseitig als rechtgläubig anerkennen Der sunnitische Islam ist also keineswegs uniform. Die ständige Diskussion um den rechten Weg bei der Anwendung der göttlichen Offenbarung auf den Alltag hat dazu geführt, dass sich unter den Religionsgelehrten schon seit dem 9. Jahrhundert bestimmte lokale Richtungen herausgebildet haben, die man als juristische "Schulen" bezeichnen könnte (sie werden – wie die "konfessionellen" Gruppen – als madhhab, d. h. "Weg" oder "Methode", bezeichnet) und die sich – meist aufgrund historisch-politischer Gegebenheiten – in bestimmten Regionen der islamischen Welt durchgesetzt haben. So ist die in Medina entstandene Schule der Malikiten, benannt nach dem 796 gestorbenen Mâlik, in ganz Nordafrika vorherrschend; die hanafitische Schule (Abû Hanîfa, gest. 767 in Bagdad) wurde zur bevorzugten Rechtstradition der Turkvölker (Türkei und Zentralasien), während die schafi'itische Richtung (Schâfi'î, gest. 820 in Ägypten) sich heute vor allem rund um den Indischen Ozean konzentriert (Indonesien, Südostasien, Schwarzafrika); die hanbalitische Schule (Ibn Hanbal, gest. 855) ist die Grundlage des streng konservativen Rechtssystems in Saudi-Arabien. Diese vier Schulen anerkennen einander als rechtgläubig "sunnitisch"; dogmatische Unterschiede spielen bei ihnen keine Rolle; ihre Differenzen liegen hauptsächlich auf dem Gebiet der Methodik der Rechtsfindung. Während etwa die Schafi'iten in ihren Fatwas rationale Methoden wie den Analogieschluss aufgrund von ähnlich gelagerten Präzendenzfällen zulassen oder das Prinzip des Allgemeinwohls gelten lassen und die Hanafiten in Fragen, die von Koran und Sunna nicht eindeutig geregelt sind, der persönlichen Entscheidung einen gewissen Spielraum einräumen, wollen die strengen Hanbaliten die Grundlagen des Rechts strikt auf den geoffenbarten Koran und die überlieferte Sunna beschränkt sehen; sie sind die eingentlichen "Fundamentalisten" des Islam im ursprünglichen Sinn des Wortes. Die konservative Erneuerungsbewegung in Saudi-Arabien Die hanbalitische Rechtstradition ist die Grundlage einer konservativen Erneuerungsbewegung, die im 18. Jahrhundert in Arabien entstand und zum geistigen Fundament der saudischen Monarchie wurde: der Wahhabismus, benannt nach seinem Gründer Ibn Abd el-Wahhâb (1703–1792), will den Islam von allen nichtislamischen Zutaten – etwa Gräberverehrung und Heiligenkult – reinigen. Saudi-Arabien fördert Aktivitäten im wahhabitischen Sinne weltweit durch Verteilung von Koranen, Schulgründungen und Unterstützung von Gemeinden und Verbänden; in Deutschland wird der Dachverband Zentralrat der Muslime in Deutschland von Saudi-Arabien gesponsort.
Sufi-Orden mit mystischen Traditionen Neben den traditionellen madhhab's, die den Gesetzesislam der Rechtsgelehrten, der ulamâ, praktizieren, gibt es eine Reihe von Sufi-Orden, die die mystischen Traditionen des Islam mit ihrer Betonung der persönlichen Frömmigkeit und des individuellen Gotteserlebnisses verkörpern. Die Bezeichnung Sûfî ist abgeleitet vom arabischen Wort Sûf (Wolle) und spielt auf die wollene Kutte des Asketen an; andere Bezeichnungen sind das arabische faqîr (Armer, Bettler) und das bedeutungsgleiche persische derwîsch. Die Sufis bilden ordensähnliche Gemeinschaften (tarîqa, wörtlich: "Pfad"), die unter der Leitung von geistlichen Meistern stehen und sich meist regelmäßig zu Exerzitien treffen, bei denen das Gottgedenken oder Gotterwähnen (dhikr) unter Einhaltung bestimmter Rituale – rhythmischer Bewegungen und Rezitation fester Formeln – praktiziert wird. Solche Derwisch-Orden sind die Naksüibendiye oder die modernen türkischen Bewegungen der Nurcu und der Süleymanlõ. In die Nähe dieser Gruppen gehört auch die Religionsgemeinschaft der türkischen Aleviten, einer (auch in Deutschland) zahlenmäßig sehr starken Religionsgemeinschaft mit eigenen Ritualen und Festen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Gebote und Verbote der Scharî'a für sie eine untergeordnete Rolle spielen. Eine kirchenähnliche Struktur ist dem Islam fremd Der Islam kommt nicht nur ohne eine höchste Lehrautorität aus, er hat auch keine feste, institutionalisierte Organisationsform, keine kirchenähnliche Struktur und damit auch keine feste Mitgliedschaft. In vormoderner Zeit bildeten die Organisationsform, in der sich der Islam entfaltete, die islamischen Reiche, deren Herrscher Muslime waren. Dieser Rahmen fehlt seit dem Entstehen der modernen Territorialstaaten mit ihren häufig säkularen Verfassungen. Das ungebrochene Fortbestehen des Islam ohne einen solchen Rahmen und ohne kirchenähnliche Organisationsform zeigt aber, dass es auch ohne beides geht, zumindest dort, wo die islamische Tradition seit Jahrhunderten verwurzelt ist und die Muslime die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Politscher Islam in der deutschen Diaspora Anders stellt sich die Situation in der Diaspora dar. Wo die Muslime als Minderheit in einer Gesellschaft leben, deren Normen nicht vom Islam geprägt sind, gibt es Schwierigkeiten. Die Muslime müssen sich selbst organisieren, wenn sie Moscheen unterhalten und Unterweisung im Islam anbieten wollen; sie müssen Infrastrukturen schaffen, wenn sie traditionelle Lebensformen beibehalten wollen (was freilich keineswegs alle wollen). Während in den Herkunftsländern häufig eine bestimmte Form des Islam vorherrscht und als die selbstverständlich erscheint, werden bei der Migration Muslime ganz unterschiedlicher Herkunft zusammengewürfelt. Hinzu kommt die Aktivität von bestimmten modernen Bewegungen des politischen Islam, wie die arabischen Muslimbrüder oder die türkische nationalistisch-religiöse Bewegung der Nationalen Sicht (Milli Görüüs), die den zweiten Dachverband, den Islamrat der Bundesrepublik Deutschland dominiert und deren politisches Ziel eine Machtübernahme in der Türkei ist. Einheitsbewusstsein trotz Zersplitterung und Konkurrenz Da manche dieser Gruppen mit einem Ausschließlichkeitsanspruch auftreten und um Anhänger werben, konkurrieren sie stark miteinander und suchen Einfluss auf die größeren Organisationen und Dachverbände zu gewinnen. Die Zersplitterung ist dem gemeinsamen Ziel der Muslime, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden, nicht gerade förderlich; die Existenz von zwei Dachverbänden ist für die Uneinigkeit bezeichnend. Vor allem für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen ist die Vielfalt des Islam bisher ein Hindernis gewesen; bei der Formulierung von Lehrplänen, die für verschiedene islamische Gruppen akzeptabel wären, tun die muslimischen Promotoren sich schwer, und die zuständigen Kultusministerien der Länder haben Mühe, unter den muslimischen Organisationen einen Partner zu finden, der als islamische Autorität und als Repräsentant des Islam allgemein anerkannt wäre und die vom Grundgesetz geforderte Gewähr der Dauer böte. Was die christlichen Kirchen in Zuge der Konfessionalisierung schon vor Jahrhunderten haben leisten müssen – eine eindeutige Definition ihrer jeweiligen Lehrinhalte, eine körperschaftliche Geschlossenheit und eine eindeutige Repräsentanz gegenüber dem Staat –, dazu waren die Muslime bisher nicht gezwungen, und das müssen sie nun unter großen Anstrengungen nachholen. Der angeblich monolithische Islam erweist sich also bei näherer Betrachtung als ein äußerst vielfältiges Phänomen. Über allen Differenzen und Antagonismen darf man jedoch das starke Einheitsbewusstsein, das unter den Muslimen herrscht und sie von den Nichtmuslimen deutlich abgrenzt, nicht übersehen oder unterschätzen.
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