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Zur Situation von Kirchen und Religion zehn Jahre nach
der deutschen Vereinigung
Von Martin Sterr
Dr. Martin Sterr lehrt Politikwissenschaft an der
Universität Freiburg i. Br.
Am auffälligsten unterscheiden sich Deutschland
Ost und Deutschland West in Hinblick auf die Kirchlichkeit:
In den alten Bundesländern sind rund 70% der Menschen
Mitglied in einer christlichen Kirche, in den neuen Bundesländern
jedoch nur 24%. Zwar spielten die Kirchen für die Opposition
in der DDR eine zentrale Rolle, doch mehr als ein schützendes
Dach denn als Heimat des Glaubens. Kirchenferne war schon
für die Gesellschaft der DDR ein Charakteristikum,
erfolgreich konnten offiziell angebotene Ersatz-Riten sich
behaupten, wie beispielsweise die Jugendweihe. Bei kirchlich
Gebunden finden wir jedoch Ähnlichkeiten im Verhalten,
auch bei politischen Präferenzen - in Ost wie in West.
Durch die deutsche Vereinigung ist Deutschland nicht protestantischer
geworden, sondern konfessionsloser - wenn man Bindung an
und die Mitgliedschaft in Kirchen zum Maßstab nimmt.
Red.
Beim Zusammenbruch der DDR waren die Kirchen die einzige
intakte Institution
Wem sind die Friedensfeier und die Gedenkgottesdienste
mit Tausenden von Mitwirkenden in der Leipziger Kirchen
1989 nicht noch in Erinnerung. Aus den Kirchen und in den
Kirchen formierte sich der Protest und die politischen Forderungen
von Hunderttausenden. Die Mahnwachen und die friedlichen
Prozessionen dieser Jahre haben die Grundlage für die
friedliche Revolution in der DDR gelegt und letztlich den
raschen Übergang vom "Wir sind das Volk" zum "Wir sind
ein Volk" möglich gemacht. Pfarrer und ihre Sprengel
wurden zu Helden und zu unverzichtbaren politisch Handelnden,
die das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten und
den Prozess des gesellschaftlichen Wandels maßgeblich
begleitet haben. Aus dem Zusammenbruch der DDR schien
nur eine Institution als Siegerin hervorgegangen zu sein:
die Kirchen. Nach Jahren der Stagnation und des Lavierens
am gesellschaftspolitischen Rand, betraut mit der Interessenvertretung
der Schwachen und Bedürftigen, schienen die Kirchen
durch die Wiedervereinigung ins Zentrum des gesellschaftlichen
Lebens zurückgekehrt. Niklas Luhmanns Überlegung,
dass man wohl individuell auf Religion verzichten könne,
nicht aber eine Gesellschaft als Ganzes, schien sich im
Falle des wiedervereinigten Deutschland zu bewahrheiten. Immerhin
gehörten Ende 1997 mehr als zwei Drittel der Bevölkerung
entweder der evangelischen oder der katholischen Kirche
an. Das Statistische Bundesamt verzeichnete 27398.000 evangelische
Kirchenmitglieder. Die katholische Kirche erreicht nur um
Tausende weniger 27383.000 Gläubige.1 Während
in der alten Bundesrepublik 70% einer christlichen Glaubensgemeinschaft
angehören, sind in den neuen Bundesländern die
Kirchen in der Minderheit. Lediglich 24% der Bürger
gehören dort der evangelischen Kirche und 6% der katholischen
Kirche an. Der vorliegende Artikel will sich mit folgenden
Fragen beschäftigen: Welche Umgestaltung hat die religiöse
Landschaft in Deutschland zehn Jahre nach der Wiedervereinigung
erfahren? Haben die Kirchen ihren Platz am runden Tisch
der Politik behaupten können? Ist es zu einem
Widererstarken
der Kirche und der Religiosität in den neuen Bundesländern
gekommen? Beeinflussen religiöse Überzeugungen
oder die Mitgliedschaft in einer Kirche weiterhin politisches
Abstimmungsverhalten?
Doch auch in der alten Bundesrepublik erlahmte die
Integrationskraft der Kirchen
Anfang der 50er bis Mitte der 60er Jahre sind die Kirchen
in Westdeutschland und mit ihnen die ausgeübte Religiosität
der Deutschen nicht voneinander zu trennen. Religiosität
wurde als kirchennahe Religionsausübung verstanden
und praktiziert. Mehr als 90% waren damals Mitglied in einer
der beiden großen christlichen Konfessionen. Kirchenaustritte
gingen erstmals seit 1918 auf eine historisch niedrige Rate
zurück.2 Insgesamt orientierten sich nahezu
alle gesellschaftlichen Gruppen an der hohen Integrationskraft
der Kirchen. Zudem wirkten die Kirchen mit ihren Wertvorstellungen,
wie Selbstbeherrschung, Selbstlosigkeit, Enthaltsamkeit
aber auch Disziplin und Treue weit in die Gesellschaft hinein.
Ab der zweiten Hälfte der 60er Jahre erlahmte die
Integrationskraft der Kirchen. Nicht nur die neuen sozialen
Bewegungen forderten die Wertvorstellungen von Gesellschaft
und Amtskirche heraus, sondern auch die moralische Leitfunktion
der Kirchen in der Gesellschaft verlor an Plausibilität
und Akzeptanz. Die Kirchen büßten ihre Rolle
als Führer und Schlichter im täglichen Leben ein
und zugleich wurde die Kirchen bezogene Religiosität
immer weiter ausdifferenziert. Kirchenaustritt und der nachlassende
sonntägliche Kirchenbesuch der jüngeren Generation
waren in erster Linie kein politisches Protestsignal, sondern
eher eine Chiffre für eine beginnende Gleichgültigkeit
gegenüber kirchlichen und religiösen Belangen.
Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur befreiten
sich immer mehr aus der Bevormundung durch Staat und Kirche. Unter
dem Eindruck der sich verändernden Rahmenbedingungen
betonten die Kirchen, gleichsam als Ersatz, immer stärker
Positionen und Interessen des Sozialen, Bedürftigen
und des Mildtätigen. Dies taten sie so konsequent,
dass sie die bundesdeutsche Gesellschaft seit Mitte der
70er Jahre auf Sozialanstalten mit einem Monopol auf Riten
wie Taufe, Konfirmation und Beerdigung reduzierte. Die
zunehmende Distanzierung zu den Kirchen ließ sich
auch an der wachsenden Zustimmung zu dem Satz: "Ich fühle
mich als Christ, aber die Kirche bedeutet mir nicht viel"
ablesen. Bereits 1975 stimmten dem immerhin 29% der Katholiken
und 52% der Protestanten zu.3 Die individuelle
Religiosität wurde zwar immer noch als eine vornehmlich
christliche verstanden, aber diese persönliche Religiosität
wurde nun nicht mehr im kirchlichen Rahmen und in Verbindung
mit kirchlichen Traditionen praktiziert. Die Kirchen bezogene
Religiosität wurde in diesen Jahren unsichtbarer, vielschichtiger,
mehrdeutiger und konfessionell unspezifischer. Die Kirchen
versuchten, diesem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu
tragen. Sie veränderten ihre ideologische Basis von
der Heils- zur Sozialkirche, ihre Organisationsform von
der institutionellen zur organisierenden Kirche und entabuisierten
Kirchenaus- und übertritt. Hinzu kam, dass sie, selbst
gegen innerkirchlichen Widerstand, ihre verbindlichen Glaubensregeln
und ihre Sanktionsmöglichkeiten abschwächten und
die Leitidee von Kirche als Gemeinde stark aufwerteten.
Auf der Suche nach der "Kirche light": schonend und
gut bekömmlich
In den 80er Jahren erlitten die Kirchen und die von ihnen
geprägte Religiosität weitere Einbußen,
sowohl als soziale und normative Integrationsanstalten,
als auch hinsichtlich ihrer Mitgliedschaft. Die Kirchenaustritte
stiegen an. 1989 verließen 93 000 Katholiken ihre
Kirche und 148 000 Protestanten kehrten ihren Gemeinden
den Rücken. Besonders Besorgnis erregend waren die
Verluste bei den unter 40-jährigen, die bei den Austritten
deutlich überrepräsentiert waren.4
Zudem verloren die kirchlichen Jugendorganisationen mehr
und mehr an Attraktivität, obwohl der Organisationsgrad
der Jugendlichen angestiegen war, wobei die Profiteure dieser
Entwicklung die Sportvereine waren. Da die Jugendlichen
und jüngeren Jahrgänge die Kirchen mehr und mehr
mieden, kündigte sich ein zunehmender Prozess der Verweiblichung
und Vergreisung der Gottesdienstgemeinden an. Den kirchlichen
Gemeinden wurden nach und nach die nachwachsenden Generationen
entzogen, so dass sie zum Einen von extremer Überalterung
gekennzeichnet sind und zum Anderen atypisch in ihrer Bildungs-
und Berufsstruktur wurden. Junge, gut ausgebildete und mobile
Großstädter ließen und lassen die Gotteshäuser
links liegen. Trotz der nachlassenden Gottesdienstbeteiligung
bleibt auch unter jungen Menschen die selektive Teilhabe
an kirchlichen Riten oder an kollektiven Lebenswenden hoch.
Taufe und Konfirmation, Weihnachten und Ostern bleiben weiterhin
Ereignisse, die durchaus im kirchlichen Rahmen stattfinden
und nichts von ihrer Attraktivität verloren haben.
Die kirchlichen Bestattungsriten erreichen immer noch eine
hohe Zustimmung (1989 wollten 97% der Katholiken und 93%
der Evangelischen kirchlich bestattet werden), während
die Anzahl der Ehen, die kirchlich geschlossen werden weiter
rückläufig ist (von 65% 1979 auf 57,6% 1989). Die
Folgen dieser Entwicklung sind eine schwere Bürde für
die Kirchen. Im Verständnis der Gesellschaft sind sie
für die Alten und Schwachen zuständig, organisieren
Riten und geben Familienereignissen einen mystischen Rahmen,
der aber seiner ursprünglichen Normen und Werten entkleidet
wird. Eine "Kirche light", schonend und gut bekömmlich,
aber ohne weitere Verpflichtungen wird erwartet und in Dienst
genommen. Betrachtet man die Ergebnisse der demoskopischen
Einstellungserhebungen, wird dieser Befund noch deutlicher.
Kein Lebensbereich wird als so unwichtig angesehen wie der
religiöse und ebenso wird kein Lebensbereich von so
wenigen Menschen (den Religiösen) als der wichtigste
angesehen. Kirchenbezogene Religiosität scheint heute
je nach sozialer Gruppe oder Altersgruppe nicht nur informeller
und individueller, sondern auch irrelevanter zu werden.
Die Kirche ist als Institution nicht mehr gefragt. Ihre
Botschaft wird bestenfalls als auswählbares Angebot
akzeptiert.
 Das
Bild trügt Mit der deutschen Vereinigung
ist Deutschland nicht protestantischer, sondern konfessionsloser
geworden: 70 Prozent der Bevölkerung in den neuen Bundesländern
sind nicht Mitglied in einer Kirche, gegenüber 24 Prozent
in den alten Bundesländern. Doch im Eichsfeld in Thüringen
ist alles anders: Die Menschen hier sind gut katholisch
und gehen in hohem Maße zur Sonntagsmesse. Das katholische
Milieu konnte auch durch die SED nicht in seinem Bestand
gefährdet werden. So fand denn auch während der
ganzen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ununterbrochen alljährlich
die Palmsonntags-Prozession in Heiligenstadt, unter großer
Beteiligung der Bevölkerung, statt. Foto: KNA
"Kirche im Sozialismus": von den Oppositionellen als
Schutzraum genutzt
Die Gründung der Bundesrepublik am 23. Mai 1949
und der DDR am 07.10.49 stellte auch die Kirchen vor völlig
neue Herausforderungen. Während in der Bundesrepublik
der Ausbau der Kirchen zügig voranschritt, sahen sich
die kirchlichen Amtsbrüder in der DDR in eine grundlegende
Auseinandersetzung mit der SED-Führung verstrickt.5
Die Kirchen wurden gezielt von ihren gesellschaftlichen
Wurzeln abgeschnitten. Die Trennung von Schule und Kirche
wurde erzwungen, die Staatsleistungen wurden beendet und
es kam zu folgenreichen Eingriffen in die Arbeit der kirchlichen
Jugendorganisationen und ihrer Sozialwerke. Nach Stalins
Tod nahmen die Konflikte zwar an Schärfe ab, grundsätzlich
mussten die Kirchen jedoch erkennen, dass sie im autoritären
SED-Staat dem Zugriff der kommunistischen Eliten weitgehend
schutzlos ausgeliefert waren. Die Einführung der Jugendweihe
im November 1954 markierte eine Wende und eine Vorentscheidung
in der Kirchenpolitik der DDR. Gegen den Widerstand der
Eltern und Kirchen gelang es der politischen Führung
der DDR diese Jugendfeiern durchzusetzen und letztlich die
Entkirchlichung der sozialistischen Gesellschaft entscheidend
voranzutreiben.6 Erst in den 70er Jahren schlossen
Staat und Kirchen in der DDR eine Art Burgfrieden. Die Kirche
versuchte ihre Stellung als "Kirche im Sozialismus" neu
zu definieren und die SED-Führung suchte im politischen
Tauwetter und der Annäherung der ideologischen Blöcke
nach einem Modus vivendi mit den Vertretern der Amtskirchen
- Koexistenz statt Kalter Krieg. Schließlich fanden
Kirchenvertreter und politische Führung sogar zu einem
Krisenmanagement zusammen. Die Verständigung und sachliche
Atmosphäre auf den oberen Leitungsebenen konnte jedoch
nicht die Kluft überbrücken, die sich zur Kirchenbasis
aufgetan hatte. Immer mehr Gruppen und Basisinitiativen
nutzen den Schutz der Kirchen, um auf die Erfüllung
der KSZE-Schlussakte zu pochen. Die Verweigerung des Wehrdienstes
junger, kirchlich gebundener Menschen in der Nationalen
Volksarmee (NVA) und die Einführung eines waffenlosen
Dienstes in Baueinheiten seit Anfang der 60er Jahre trugen
diesen inneren Konflikt über den Raum der Kirche hinaus
in die politische Arena. Die politischen Kader der DDR,
denen es gelungen war, die kirchlichen Würdenträger
mehr oder weniger in ihr System einzubinden, standen den
sich entwickelten Friedens- und Oppositionsgruppen unter
dem Dach der Kirche weitgehend unentschlossen gegenüber.
Paradoxerweise hatten sich diese Gruppen innerhalb des christlichen
Milieus entwickelt und ausgebreitet, zugleich kritisierten
sie den institutionellen Rahmen der Amtskirche und waren
durch die Kirchenführung nicht steuerbar. In der Folge
weitete sich die innerkirchliche Emanzipationsbewegung auf
immer mehr außerkirchliche Themen aus und suchte zudem
den Schulterschluss mit Kirchen fremden, Regime kritischen
Kräften auch jenseits der Grenzen der DDR. Die SED-Führung,
die Dank ihres Spitzelsystems über die Entwicklung
wohl informiert war, konnte sich nicht zum entschlossenen
Handeln durchringen. Zum Einen galt es die außenpolitische
Reputation der DDR nicht durch gross angelegte Verhaftungen
zu gefährden, zum Anderen registrierte sie einen zunehmenden
Bedeutungsverlust der Kirchen im Arbeiter und Bauernstaat.
Doch der Bedeutungsverlust der Kirchen in der DDR
ging unaufhaltsam weiter
Gehörten 1949 noch über 90% der ostdeutschen
Bevölkerung einer der beiden Kirchen an, so betrug
der Anteil im Jahr des Untergangs der DDR kaum mehr als
30%. Die größte Gruppe bildeten die Konfessionslosen,
deren Anteil sich auf fast 70% ausgeweitet hatte.7
Obwohl der religiöse Glauben und die religiösen
Praktiken vom SED-Staat nicht gut geheißen wurden,
so wurde die Ausübung letzten Endes auch nicht aktiv
unterdrückt. Es war verpönt, sich religiös
zu engagieren, doch boten die Kirchen, neben den Gartenlauben,
die letzten autonomen Freiräume in Ostdeutschland.
Die ideologische und Macht orientierte Indoktrination durch
die SED hatte trotz der Abkehr von einer Politik der völligen
Unterdrückung von Religion unerwarteten Erfolg mit
ihrer staatlich finanzierten Säkularisierungspolitik.
Die Entfernung der Kirchen aus dem öffentlichen Raum,
aus den Schulen und Jugendverbänden war dabei nur eine
Seite der Medaille. Mitbestimmend für die Säkularisierung
der Gesellschaft war der Tausch von kirchlichen Riten in
säkulare Riten. Sozialistische Moral statt Religionsunterricht,
staatliche Zeremonien für Hochzeiten, Taufen und Beerdigung,
staatliche Jugendgruppen statt kirchlichen, Jugendweihe
an der Stelle von Konfirmation grenzten die Kirchen aus
dem täglichen Leben aus und schufen zugleich neue Identifikationsmöglichkeiten.
Diejenigen, die religiös blieben, wurden vom Staat
marginalisiert. Diejenigen, die sich z.B. für die traditionelle
Konfirmation entschieden, wurden mit geringeren Bildungs-
und Berufschancen konfrontiert. Der Protestanten-Anteil
an der Gesamtbevölkerung Ostdeutschland sank danach
kontinuierlich von ca. 95% 1946 auf ca. 68% 1964 und fiel
schließlich auf unter 30%.8 Allerdings
führte der Minderheitenstatus der Kirchen im Osten
Deutschlands zu einem höheren Grad an Religiosität
und Kirchlichkeit derjenigen, die den Kirchen treu geblieben
sind. Evangelische Gläubige im Osten glauben weit mehr
als im Westen an die kirchlichen Lehren und sehen sich in
viel stärkerem Maße religiös geprägt,
als die Glaubensbrüder in der alten Bundesrepublik.
Dieses Ergebniss lässt sich so interpretieren, dass
Religiosität im Osten viel mehr eine individuelle Entscheidung
darstellt und weniger, wie im Westen, von Tradition und
sozialer Kontrolle bestimmt wird.9
Das Sozialprofil der kirchlich Gebundenen in Ost und
West gleicht sich an
Betrachtet man das Sozialprofil der Kirchenmitglieder
mit einer starken Kirchenbindung (Tabellen 1 und 2) lässt
sich die überproportionale Zugehörigkeit zur Kirche
durch die älteren Generationen damit erklären,
dass Kirche und Religion bei diesen einen traditionell geprägten
Hintergrund darstellen, den diese nicht missen möchten.
In Ostdeutschland zeigt sich, dass für die jüngeren
und mittleren Generationen, bedingt durch die Kirchensituation
in der DDR, Religion und religiöse Praktiken nur noch
eine nachgeordnete Rolle spielen. In ihrer soziostrukturellen
Zusammensetzung sind jedoch die Kirchgänger in Ost- und
Westdeutschland nahezu identisch. Zahlenmäßig
gehen in Ostdeutschland deutlich weniger Menschen in die
Kirche, unabhängig davon gehen in beiden Landesteilen
Frauen häufiger in die Kirche, mit höherem Alter
nimmt die Kirchgangshäufigkeit zu, mit der Größe
des Wohnorts10 wieder ab. Letztlich scheint sich
das Klischee zu bestätigen, dass nur alte Omas vom
Dorf sich Sonntags in die Kirche aufmachen.11


Der Anschein einer "Pastoren-Republik" hatte getrogen
Im Herbst 1989 fiel den Kirchen beim Sturz des SED-Regimes
eine führende Rolle in den Schoß. Aus den Friedensgebeten
und Mahnwachen entwickelte sich, trotz amtskirchlicher Vorbehalte,
ein ziviler, öffentlicher Protest. Entgegen dem von
Tag zu Tag wachsenden Autoritätsverlust des Politbüro
erwuchs den Kirchen über Nacht eine unbestrittene moralische
Führungsrolle zu. Geradezu zwangsläufig wurden
kirchliche Amtsträger und Mitarbeiter in der Übergangszeit
bis zur deutschen Wiedervereinigung auf vielfache Weise
in die politische Verantwortung genommen. Die französische
Zeitung Le Monde schrieb damals überspitzt von
der "Pastoren-Republik".12 Doch in der Stunde
des Triumphes blieb unbemerkt, dass die Interessenkoalition
von Oppositionsbewegung und Kirchen in dem Moment zerbrach,
als der gemeinsame Gegner überwunden war. Die Kontinuität
der Personen und die "Runden Tische" verdeckten die Tatsache,
dass die politische Opposition sich von ihrem kirchlichen
Asyl emanzipierte. Der bundesdeutsche Interessenpluralismus
und die Spielregeln der parlamentarischen Demokratie bestimmten
von nun an das Tagesgeschehen. Schnell zeigte sich, dass
der politische Aufbruch innerhalb der Kirchen nicht von
einem geistigen Aufbruch begleitet wurde. Die Händel
um Kirchensteuer, Religionsunterricht, Regelung der Militärseelsorge
und die Diskussion um eine Zusammenführung der evangelischen
Landeskirchen in Ost und West irritierten die Öffentlichkeit.
Weiteres Befremden und Verunsicherung löste zudem die
mitunter enge Verstrickung führender Kirchenvertreter
in konspirative Tätigkeiten von Stasi und SED-Dienststellen
aus. Die Folge dieser Schwierigkeiten war, dass die Kirchen
im Prozess der inneren Vereinigung Deutschland nahezu gelähmt
wirkten. Die Katerstimmung hielt auch nach einem Blick
auf die soziostrukturellen Gegebenheiten des neuen Deutschlands
an. Nach der deutschen Wiedervereinigung ist der Bevölkerungsanteil
der Christen auf einen Schlag auf rund 72% der Gesamtbevölkerungen
gesunken, obwohl die absolute Zahl der Kirchenmitglieder
angestiegen ist und sich die Anteile zu gunsten der Protestanten
verschoben haben. Dennoch ist das vereinigte Deutschland
weder protestantischer noch östlicher geworden. Stattdessen
ist es konfessionsloser geworden. Die Austrittszahlen
waren im Osten in den 70er und 80er Jahren stetig zurückgegangen
und näherten sich Ende der achtziger Jahre sogar den
Eintrittszahlen an. Erst mit der Einführung der DM
und der deutschen Wiedervereinigung stiegen die Zahlen wieder
an. Als Gründe werden von den Ausgetreten selbst an
erster Stelle die Einführung der Kirchensteuer angegeben,
wobei dieser Grund an der Spitze aller Nennungen in Ost
und West liegt. Die Kirchenaustrittszahlen erreichten
im Jahr 1992 ihre Spitzenwerte mit 193.000 bei der römisch-katholischen
Kirche und mit 361.000 bei den evangelischen Landeskirchen.
Seitdem verharren sie auf einem relativ hohen Niveau, welches
deutlich über dem der achtziger Jahre liegt.13 Die
Konfessionslosen oder die religiös Nichtorganisierten
machen fast 70% in Ostdeutschland und 12% der westdeutschen
Bevölkerung aus. Sie bilden keinen homogenen Block,
sondern sie unterscheiden sich durchaus soziokulturell und
in ihren jeweiligen Wertschätzungen.
Konfessionslosigkeit im Osten vielfach Familientradition,
im Westen ein emanzipatorischer Schritt
Konfessionslosigkeit als Massenphänomen gibt es
bereits seit Beginn des Jahrhunderts. Der Nationalsozialismus
hat sie erheblich gefördert und die Politik der SED
hat diese Entwicklung nochmals verstärkt. Wenn Konfessionslosigkeit
ursprünglich eine aus der individuellen Biographie
abgeleitete persönliche Entscheidung war, so ist sie
in Ostdeutschland zu einer selbstverständlichen über
mehrere Generationen zurückreichenden gewohnheitsmäßigen
Einstellung geworden. Kirche kommt bei jenen in ihrem Leben
nicht mehr vor, und sie vermissen sie auch nicht. Sie ist
entbehrlich geworden. Während in der ehemaligen DDR
Konfessionslosigkeit oft schon zum "Familienerbe" gehört,
ist bei den Austrittswilligen im Westen der Austritt ein
emanzipatorischer Schritt, weg von Konformität und
familiärer Tradition. Umgekehrt lässt sich die
Renaissance der Jugendweihe 14 als Kristallisationspunkt
ostdeutscher Familienidentität begreifen, während
im Westen die oben beschriebene Konformität und familiäre
Tradition als Hauptgründe für eine Kirchenmitgliedschaft
genannt werden. 15 Die Jahre nach der Wiedervereinigung
zeigen, dass die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung
relativ Kirchen restistent, ja religionsresistent geblieben
ist. Eine weitere Folge dieser Tatsache ist, dass der hohe
Anteil von religiös nicht Organisierten den demographischen
Rückhalt der christlichen Kirchen auf Dauer reduziert
und somit ihre Stellung als integrierende Institution untergräbt. Zwar
bedauert eine Mehrzahl der Deutschen, dass sich immer mehr
Menschen von der Kirche abwenden, doch unter den besser
Gebildeten und den unter 29-jährigen ist diese Auffassungen
am wenigsten verbreitet. Hinzu kommt, dass das Vertrauenskapital,
welches die Bevölkerung den Kirchen einräumt weiter
zusammengeschmolzen ist. Kaum noch Einfluss auf die jüngere
Generation - im Osten wie im Westen Die Tabellen 1 und 2
belegen das gerade die jungen, besser Gebildeten der Kirche
Lebewohl sagen, wobei im Osten allein die nackten Zahlen
das ganze Ausmaß der Entkonfessionalisierung verdeutlichen.
Lediglich die Älteren, die noch vor der Gründung
der DDR sozialisiert wurden, sind einigermaßen resistent
geblieben. Nochmalige Bestätigung erfahren die Befunde
durch die 13. Shell-Jugendstudie, die zum Einen kaum
noch Merkmalsunterschiede bei katholischen oder evangelischen
Jugendlichen feststellen kann, und zum Anderen eine Entwicklung
konstatiert, "die den (christlichen) Kirchen wenig Chancen
belässt, unter den derzeitigen Bedingungen und in den
bisherigen Formen Einfluss auf die junge Generation zu gewinnen."16 Insbesondere
als "moralische Instanz" scheinen die Kirchen an Bedeutung
unter den jüngeren Generationen verloren zu haben,
wobei die gesamtgesellschaftliche Distanzierung von den
Kirchen ihnen gleichgültiger zu sein scheint als den
Älteren. Kirchen bezogene Religiosität scheint
nicht nur unverbindlicher und individueller, sondern vor
allem in der Generationenabfolge immer irrelevanter zu werden.
Die Lebenswirklichkeit und die Lebensführung der nachgeborenen
Generationen werden von Religion und Kirche immer weniger
beeinflusst. Im Vergleich mit älteren Befragten schätzen
sie die Hilfe der Religion und Kirche bei moralischen und
persönlichen Problemen weit niedriger ein und weisen
dem Lebensgenuss als Lebensziel eine wachsende Bedeutung
zu. Die Bindung an die Kirchen ist insgesamt bei einem Großteil
der Bevölkerung gelockert, in Teilen Ostdeutschlands
und bei der Jugend ist sie zerbrochen.
Wirft der Kirchturm noch Schatten? - Entkonfessionalisierung
und Wahlen
Seitdem sich Deutschland zu einer parlamentarischen Demokratie
entwickelt hat, in der Parteien und Regierung auf die Massenunterstützung
und Partizipation in Wahlen angewiesen sind, stellt sich
für politisch Handelnde und Politik Analysierende die
Frage, wie sich bestimmte Wertmuster und Einstellungen von
Gruppen im politischen Prozess kanalisieren und durchsetzen
können. Dabei fiel der Blick recht bald auf die
konfessionelle Prägung der Bürger und auch heute
bleibt interessant, welches politische Gewicht dem Faktor
Konfession zukommt, und ob und wie sich dieses Gewicht in
der Nachkriegszeit und speziell nach der deutschen Wiedervereinigung
verändert hat. Oder amerikanisch pointierter: do
religion matter? Die Konfessionszugehörigkeit
hat sich über Jahrzehnte als eine der wichtigsten Grundlagen
politischer Loyalitäten, Werten und Präferenzen
erwiesen. So war zum Beispiel die Stimmabgabe der Katholiken
für die Zentrumspartei in der Weimarer Republik nicht
bloßer Wahlakt, sondern fast Teil ihres Glaubensbekenntnisses.
Auch heute noch sind in den Eliten der CDU/CSU Katholiken
überproportional vertreten.17 In ihrer
Wählerschaft sind sowohl Katholiken mit mäßiger
als auch solche mit starker Kirchenbindung im Verhältnis
zu ihrem Bevölkerungsanteil überrepräsentiert.
Indessen erodiert das religiöse Milieu nach und nach
durch das Ausscheiden der älteren Jahrgänge aus
der Wählerschaft. Hinzu kommt, dass kirchliche Bindung
und eine Anerkennung der kirchlichen Autorität, als
wichtigste Faktoren für eine religiöse Wahlnorm,
in den jüngeren Generationen nur noch im geringen Ausmaß
vorhanden sind.18 Diese Entwicklung wirkt sich
erst mit Verzögerung, gleichsam phasenverschoben in
der wahlsoziologischen Arena aus. "Katholiken, die im Laufe
ihres Lebens aufhören, Katholiken zu sein, bleiben
es mit großer Wahrscheinlichkeit im wahlsoziologischen
Sinne."19 In den neuen Bundesländern
hat sich inzwischen ein konfessionell ähnliches Wahlverhalten
wie im Westen herausgebildet, nur mit dem Unterschied, dass
hier die CDU bei bekennenden Katholiken und Protestanten
überdurchschnittliche Stimmenanteile verbuchen kann,
die anderen Parteien dagegen bei den Konfessionslosen. Wobei
zu beachten bleibt, dass der Katholikenanteil in Ostdeutschland
lediglich bei 6% liegt. Der Erfolg der CDU in dieser Wählergruppe
half ihr im Gesamtwahlergebnis von 1998 also kaum weiter.
Auf der anderen Seite konnte die CDU bei den Konfessionslosen
in Ostdeutschland (immerhin zwei Drittel der Bevölkerung)
nur 21% erreichen, während die PDS auf 26% sich vereinigen
konnte. Generell lässt sich jedoch formulieren:
je stärker die Bindung an eine der beiden christlichen
Kirchen, desto erfolgreicher ist die CDU/CSU; und je schwächer
die Bindung um so stärker ist die SPD. 20
Die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit
Auch in den vergangenen Bundestagswahlen von 1994 und
1998 hat des "Kirchturms langer Schatten" seine Wahl bedeutende
Relevanz angezeigt. Gerade bei der Abwahl von Helmut
Kohl haben die Katholiken gegen den Trend in ihrer Mehrheit
erneut für die CDU/CSU gestimmt. Auch hier wurde wieder
deutlich, dass überwiegend die Katholiken (aber auch
Protestanten) mit einer starken bis mäßigen Kirchenbindung
für die CDU/CSU votiert haben. Allerdings muss man
für die neuen Bundesländer generell von einem
unschärferen christlichen Milieu ausgehen, da sich
die Entkirchlichung nicht nur im Austritt manifestiert,
sondern generell in einer deutlich geringeren Ausübung
der kirchlichen Riten. Das heißt, im vereinigten
Deutschland wirft der Faktor Religion weiterhin seinen Schatten,
jedoch, wie bereits seit den 70er Jahren bekannt, in eine
andere Richtung. Die Konfliktlinie verläuft zwischen
praktizierenden Gläubigen auf der einen und Nichtgläubigen
auf der anderen Seite. Bereits im vorpolitischen Raum lässt
sich diese Linie an zwei emotionalen gesellschaftlichen
Streitfragen, wie soziale Gerechtigkeit und Abtreibung aufzeigen. In
Tabelle 3 zeigt sich, dass stark und schwach religiös
Gebundene in West und Ost soziale Unterschiede in der Regel
akzeptabel finden. Immerhin 46% der stark katholisch
eingestuften Befragten in der alten Bundesrepublik sehen
soziale Unterschiede als gerecht an. (Vergl. Tabelle 4)
Im Osten sind es bei der gleichen Gruppe zwar nur 20%, doch
dies ist zugleich der höchste Wert im Osten. Insgesamt
sehen jedoch die Konfessionslosen in West und Ost sowohl
Einkommensdifferenzen als auch Rangunterschiede und damit
soziale Unterschiede als weniger akzeptabel an. Offensichtlich
sind für die ehemaligen DDR-Bürger andere demokratische
Inhalte wichtig als im Westen der Republik. In den neuen
Bundesländern werden in einem weitaus größerem
Maße soziale Unterschiede als ungerecht empfunden
und in zweiter Konsequenz Parteien bevorzugt die soziale
Gerechtigkeit propagieren.


Unterschiede in der Abtreibungsfrage
Ein ähnliches Bild offenbart der Blick auf die Einstellungen
zur Abtreibungsproblematik. (Vergl. Tabelle 5) Im Westen
wollen nur 16% der "starken" Katholiken einer Frau die Entscheidung
zur Abtreibung überlassen. Im Osten ist der Wert mit
27% Zustimmung zwar höher, aber "starke Katholiken"
erreichen damit auch im Osten den niedrigsten Zustimmungsfaktor.
Nicht überraschend ist, dass Katholiken in Ost und
West am wenigsten den Fragen zur Abtreibung zustimmen und
Protestanten hier durchweg höhere Zustimmungswerte
erzielen (96% der westdeutschen "starken" Protestanten würden
einer Abtreibung bei einem Schaden des Babys zustimmen). Beide
Sachverhalte verdeutlichen, dass in West und Ost Kirchgangshäufigkeit
und die Zugehörigkeit zu einem christlichen Milieu
Einstellungen prägen, die sich deutlich von dem Konfessionsloser
und deren sozialen Milieu unterscheiden lassen. In Ostdeutschland
ist zudem, unabhängig von der Konfession, die Zugehörigkeit
zu einer Kirche bereits als Ausdruck einer religiösen
Orientierung zu werten, die sich in der Folge zu einer überproportionalen
Unterstützung der Union als Vertreter und Wahrer christlich,
konservativer Werte niederschlägt.

Das Monopol auf religiöse Zuständigkeiten
ist den Kirchen abhanden gekommen - im Osten mehr als im
Westen
Nachdem sich der Pulverdampf auf dem friedlichen Schlachtfeld
der Wiedervereinigung verzogen hat, werden die religiösen
und kirchlichen Verhältnisse der deutschen Republik
klarer in ihren Konturen. Zunächst wird deutlich,
dass sich die Kirchen in Deutschland während der Wiedervereinigung
in einer Ausnahmesituation befunden haben. Sie wurden unausweichlich
in eine Position gedrängt, die ihren tatsächlichen
Zustand übertünchte, sowie ihre soziostrukturellen
Verhältnisse verdeckte. Heute ist die zunehmende Minorisierung
der Kirchen auch auf ihre finanziellen und personellen Ressourcen
und Zwänge bestimmt. Mitgliederverlust und zurückgehende
Einnahmen erzwingen in großem Umfang Einsparungen,
Stellenabbau und Gehaltskürzungen. Eine umfassende
kirchliche "Grundversorgung" vor Ort, insbesondere in ländlichen
Regionen, ist heute kaum noch abzusichern. Die langfristigen,
strukturellen Grundmuster beginnen sich durchzusetzen. Vorsichtig
ausgedrückt sind Religion und Kirchen immer noch wichtige
Faktoren, wenn auch nicht im täglichen Leben, so weiterhin
bei Normen- und Werteinstellungen und bei Wahlentscheidungen.
Allerdings bei einer immer kleiner werdenden Gruppe der
Bevölkerung. Die neuen Bundesländer haben
die Situation verschärft. Deutschland ist mit Wittenberg
und Eisenach mitnichten protestantischer geworden, sondern
konfessionsloser. Diese Entwicklung ist zum großen
Teil der Sondersituation in der DDR geschuldet. Die Daten
belegen, dass die Kirchen- und Religionspolitik der SED
gerade in den jüngeren Generationen späten Erfolg
gezeigt hat. Kirchen und Religion haben dort ihre identitätsstifende
und führende Position wahrscheinlich auf Dauer eingebüßt.
Mitunter ist man versucht, in den neuen Bundesländern
ein konfessionsloses Milieu der zweiten oder dritten Generation
auszumachen, welches durchaus auf eigenen Normen und Wertvorstellungen
aufbaut, identitätsstiftende Riten, wie die Jugendweihe
besitzt, und auch in der Lage ist, familiäre und nostalgische
Wünsche zu befriedigen. Ostdeutsche Jugendliche scheinen
für die Kirchen verloren. Die tendenzielle Abkehr
vom "verpflichtenden Modell" der Religion und Kirche hat
aber trotz aller Befürchtungen zu keiner nennenswerten
Anbindung an andere Formen von Religion, wie etwa Sekten
geführt. Inzwischen wird vermutet, die Ostdeutschen
lehnen diese neuen Gurus und deren Ideologien aus einer
"Instinktsicherheit" gegenüber geschlossenen Weltbildern
heraus ab. Offensichtlich empfinden die Bürger der
ehemaligen DDR kein Bedürfnis, das entstandene ideologische
Vakuum mit neuen, klaren Orientierungen gleich welcher Couleur
zu füllen.23 Heute wird die religiöse
Landschaft in Deutschland von gesellschaftlichen Großprozessen
umgepflügt. Auf der einen Seite werden Lebens- und
Arbeitswelt rationalisiert, globalisiert und weiter ausdifferenziert,
während auf der anderen Seite eine individuelle Pluralisierung
den Zwang zur Privatheit und zur Kombinatorik vorantreibt.
Religion unterliegt mehr und mehr den Spielregeln dieses
Marktes, wobei kollektiven Vereinnahmungsprozessen eine
Absage erteilt wird. Die Kirchen haben zudem das Monopol
auf religiöse Zuständigkeiten, auf die Definitionshoheit
des Religiösen in modernen Gesellschaften verloren
und damit zwangsläufig auch an Integrationskraft in
der Bevölkerung. Überkommene Glaubensvorstellungen
und -praktiken sind ins "Rutschen geraten", zumal sich die
Modernisierungsprozesse bis in die Kirchen hinein ausgedehnt
haben. Die Reaktion der Kirchen mag ambivalent ausfallen.
Sollen sie versuchen, zwischen Gott und der Welt zu lavieren,
oder sollen sie den Konflikt aushalten und versuchen, den
persönlichen Glauben des Einzelnen wieder mit dem in
Deckung zu bringen was die Kirche vorgibt? Zehn Jahre
nach der deutschen Einheit ist die Position der Kirchen
in der modernen Gesellschaft unsicherer geworden. Vielleicht
mögen sich die Verantwortlichen damit trösten
dass Reiche kommen und gehen, die Kirche aber das Auf und
Ab der Jahrtausende immer überstanden hat. Ihre Türme
sind immer noch markante Bauwerke, die weit über ihre
Gemeinden hinausragen. Aus der Nähe betrachtet sind
sie inzwischen nicht nur im baulichen Sinne brüchiger
geworden.
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Schützendes Dach,
nicht Heimat waren die Kirchen
in der ehemaligen DDR. Eine besondere Rolle
spielte in der "Wendezeit" die Nikolai-Kirche
in Leipzig als Ort der Friedensgebete und Ausgangspunkt
der berühmt gewordenen "Montagsdemonstrationen". Foto:
dpa-Bildarchiv
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Literaturhinweise
1
Vgl. Zahlen des Statistischen Bundesamt 2000
2
Vgl. Michael N. Ebertz. Erosion der Gnadenanstalt? Frankfurt
1998, S.73ff
3
Vgl. Ebertz 1998, S.83
4
Vgl. Ebertz 1998, S.90
5
Für eine übersichtliche und zugleich knappe Darstellung
der Situation der Kirchen im Sozialismus vgl. Stichwort:
"Kirchen". in: Werner Weidenfeld/Karl-Rudolf Korte (Hgg.)
Handbuch zur deutschen Einheit 1949-1989-1999. Bonn 1999.
Die Situation der katholischen Kirche in der DDR schildert
Bernd Schäfer in: Staat und katholische Kirche in der
DDR. Köln u.a. 1998. Die Auseinandersetzung der evangelischen
Kirchen mit der SED werden im Sammelband: Herbergen der
Christenheit. Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte
20 (1996) geschildert.
6
Die DDR knüpfte bei der Einführung der Jugendweihe
an einen seit dem 19. Jahrhundert virulenten Kampf um die
Jugend zwischen Sozialdemokratie und Liberalismus auf der
einen Seite und der Kirchen auf der anderen Seite an. Vgl.
Albrecht Döhnert: "Jugendweihe zwischen Familie, Politik
und Religion.", in: Religiöser und kirchlicher Wandel
in Ostdeutschland 1989-1999 (Hgg.) Detlef Pollack/Gert Pickel.
Opladen 2000, S.236-258, S.237f
7
Vgl. Detlef Pollack: "Der Wandel der religiösen-kirchlichen
Lage in Ostdeutschland nach 1989.", in: Religiöser
und kirchlicher Wandel in Ostdeutschland 1989-1999 (Hgg.)
Detlef Pollack/Gert Pickel. Opladen 2000, S.18-47, S.19
8
Vgl. Detlef Pollack: "Artikel: Deutschland - Gesellschaft,
Kultur, Religion, Kirchen in der Gegenwart.", in: RGG, Bd.
2 (Hg.) H.D. Betz u.a. Tübingen 4 1999, S.717-772,
S.749
9
Vgl. Hermann Denz: "Postmodernisierung von Religion in Deutschland.",
in: Pollack 2000, S.70-86
10
In der Tabelle nicht aufgeführt.
11
Vgl. Jörg Jacobs: "Die konfessionell-religiöse
Spannungslinie am Beispiel der Bundestagswahlen 1994 und
1998.", in: Pollack 2000, S.165-185, S.177
12
Vgl. Gerd Mielke: "Des Kirchturms langer Schatten.", in:
Der Bürger im Staat 40 (1990), 3, S.157-165, S.165
13
Vgl. Ebertz 1998, S.101; Vgl. Klaus Engelhardt (Hg.) Fremde
Heimat Kirche: die dritte EKD Erhebung über Kirchenmitgliedschaft.
Gütersloh 1997, S.306ff. Vgl. Liste der Austrittsgründe,
S.326. Allerdings widerspricht Matthias Hoof der Einschätzung,
dass vorwiegend ökonomische Gründe den Austritt
motivieren. Seiner Ansicht nach gilt es zwischen Motiv und
Anlass zu unterscheiden. Hoof führt an, dass die Befragten
immer auch auf ihr Verhältnis zur Kirche verweisen.
Immerhin 53% im Westen und 56% im Osten nennen Gleichgültigkeit
oder Christ sein ohne Kirche als Motive ihres Austritts.
Dies deutet an, dass eine Kirchenbindung kaum noch vorhanden
war. Vgl. Matthias Hoof. Der Kirchenaustritt. Neukirchen-Vluyn
1999, S.193ff.
14
Jahr für Jahr steigen die Teilnehmerzahlen an der von
Interessenvereinigung Jugendarbeit und Jugendweihe e.V.
organisierten Feier in den neuen Bundesländern. Fast
100.000 Jugendliche haben 1998 teilgenommen, seit 1990 sollen
es über eine Million gewesen sein. Die Akzeptanz der
Jugendweihe liegt damit weit über der der christlichen
Konfirmation. In Ostberlin gab es 1992 ganze 800 Konfirmanden,
demgegenüber nahmen 6500 Jugendliche an Jugendfeiern
teil. Vgl. Heiner Barz: "Jugend und Religion in den neuen
Bundesländern.", in: APUZ B38/94 (1994), S.21-31; Albrecht
Döh-nert: "Jugendweihe zwischen Familie, Politik und
Religion.", in: Pollack 2000, S.236-258
15
Aus dem unterschiedlichen sozialen Kontext in Ost und West
ergeben sich unterschiedliche spezifischen Bedingungen für
die Kirchenmitgliedschaft. Die Kirchenbindung ist im pluralistisch
geprägten Westen eine Bindung unter vielen geworden.
Der Osten erlebte nach den Erfahrungen des Sozialismus eine
Befreiung von institutionellen Zwängen und verordnetem
Engagement und zugleich eine weitverbreitete Scheu vor neuen
formalisierten Bindungen und Mitgliedschaften. Vgl. Klaus
Engelhardt (Hg.) Fremde Heimat Kirche: die dritte EKD Erhebung
über Kirchenmitgliedschaft. Gütersloh 1997, S.346;
Vgl. Die Ergebnisse zur Frage nach den Mitgliedschaftsgründen.
Engelhardt 1997, S.294ff
16
Vgl. Deutsche Shell (Hg.) Jugend 2000. Die 13. Shell-Jugendstudie.
Opladen 2000, Bd. 1, S.21; Dabei sind die Jugendlichen jedoch
nur in einer Minderheit "religionsfeindlich". Ihre Religiosität
ist vielfältig und jenseits aller kirchlichen Dogmatik,
nicht aber unbedingt gegen sie. Hans Georg Ziebertz befragte
1744 Mittelstufenschüler über Religion und stellte
fest, dass die Mehrzahl von ihnen zwar kirchendistanziert
sind, jedoch _ der befragten Jugendlichen eine Beschäftigung
mit Fragen der Religion nicht ablehnen. Vgl. Hans Georg
Ziebertz: "Was glauben Schüler?", in: Kirche Intern
11 (1999) o.S.
17
Die andere langfristige Gruppenbindung ist die der Arbeiter
an die SPD.
18
Vgl. Karl Schmitt. Konfession und Wahlverhalten in der Bundesrepublik
Deutschland. Berlin 1989
19
Vgl. Schmitt 1989, S.302
20
Vgl. Mielke 1990, S.158
21
Folgende Fragen wurden gestellt: "Nur wenn die Unterschiede
im Einkommen und im sozialen Ansehen groß genug sind,
gibt es auch einen Anreiz für persönliche Leistungen.";
"Die Rangunterschiede zwischen den Menschen sind akzeptabel,
weil sie im Wesentlichen ausdrücken, was man aus den
Chancen, die man hatte, gemacht hat."; "Ich finde die sozialen
Unterschiede in unserem Lande im Großen und Ganzen
gerecht."
22
Folgende Fragen wurden gestellt: Bitte sagen Sie mir, ob
es Ihrer Meinung nach einer Frau gesetzlich möglich
sein sollte oder nicht, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen
zu lassen ..."; "... wenn das Baby mit hoher Wahrscheinlichkeit
eine ernsthafte Schädigung haben wird."; "... wenn
die Familie nur über ein geringes Einkommen verfügt
und sich keine Kinder mehr leisten kann."; "... wenn die
Frau es will, unabhängig davon, welches Grund sie dafür
hat."
23
Vgl. Frank Usarski: "´Alternative Religiosität´
in Ostdeutschland im Kontinuum zwischen cult-movements und
Esoterik-Angeboten.", in: Pollack 2000, S.310-327
 Herr
und Frau Mustermann haben steuerpflichtige Einkünfte
von rund 60 000 Mark pro Jahr. Das geht aus den Zahlen über
die Einkommensverteilung im Jahr 1995 hervor, die das Statistische
Bundesamt vorgelegt hat. Zwei Drittel der Steuerpflichtigen
hatten allerdings nur Einkünfte unter 50 000 Mark.
Etwa jeder vierte Verdiener verbuchte ein mittleres Einkommen,
das zwischen 50 000 und 100 000 Mark lag. 20500 Steuerpflichtige
mussten Einkünfte von über einer Million Mark
versteuern. - Die Ergebnisse aus dem Jahr 1995 sind die
zuletzt verfügbaren der Lohn- und Einkommensteuerstatistik,
die alle drei Jahre nach Abschluss der Veranlagungsarbeiten
in den Finanzämtern durchgeführt wird. Die Auswertung
wurde im Dezember 1999 vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht.
Globus
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