Der Aralsee. Eine ökologische Katastrophe
Springer Verlag,
Berlin 1996
517 Seiten, 230 Abbildungen, DM
88,-
Spätestens seit Mitte der 80er Jahre, als die Bilder der gestrandeten Fischerboote in den ausgetrockneten, sandigen Fahrrinnen der Häfen von Muniak und Aralsk um die Welt gingen, hat die reale ökologische Katastrophe einen Namen erhalten: Aralsee. Von der Fläche des bis 1960 viertgrößten Sees der Erde sind heute weniger als 50 % und von seinem ursprünglichen Volumen nur noch etwa 20 % vorhanden. Die ökologische Katastrophe beschränkt sich jedoch nicht auf den bloßen Verlust des Sees, sondern schlägt sich aufgrund der hohen Pestizidbelastung der Luft und des Grundwassers (sprich Trinkwassers) in steigenden Säuglingssterblichkeitsraten (51 Promille) und einer dramatischen Verschlechterung des Gesundheitszustandes der lokalen Bevölkerung nieder, die zu über 60 % betroffen ist. Mit der ökologischen ging die ökonomische Katastrophe in Gestalt der zusammengebrochenen Fischereiwirtschaft durch Austrocknung und Versalzung des Sees und den sinkenden Ertragszahlen in der Landwirtschaft einher. Der Aralsee ist nicht nur Sinnbild für menschlich verursachte Ökokatastrophen sondern gleichzeitig Signal für das der Welt bevorstehende Fanal, wenn es nicht zum Umlenken in unserem Umgang mit der Umwelt kommt. Erstmals legen nun die Geographin Monique Mainguet und der Biogeochemiker René Létolle mit ihrem Buch eine umfassende, im Ansatz interdisziplinär konzipierte Untersuchung der Senke von Turan vor. Ausgehend von der geologischen Dimension greifen die Autoren die klimatischen und biologisch-ökologischen Gegebenheiten auf und berücksichtigen die entwicklungsgeschichtlichen, die bis in die Altsteinzeit zurückreichenden siedlungs- und wirtschaftshistorischen Aspekte der Region ebenso wie die zeitgeschichtlichen ökonomischen Realitäten, ehe sie die seit den 60er Jahren stattfindende "Aralseetragödie" aufarbeiten und alle Einzelfaktoren in eine umfassende Schadensanalyse einbeziehen. Es spricht für die Autoren, daß sie ihre Aufgabe mit der Bilanzierung und Bewertung der "Aralseetragödie" nicht beendet sehen, sondern darüber hinaus Fragen nach Gegenstrategien bzw. nach schadenbegrenzenden Projekten zur Rettung der Region aufgreifen. Folgerichtig konzentriert sich das Erkenntnisinteresse des Buches primär auf die Frage, ob der Aralsee, dessen natürliche Gefährdung durch die moderne Landwirtschaftstechnologie und ihre Folgen noch zugenommen hat, dazu verdammt ist, vollständig zu verschwinden oder nicht.
Im Zuge der Erschließung des Raumes im 19. Jahrhundert unter zaristischer Herrschaft, die einher ging mit dem Bemühen, die nomadisierende alteingesessene Bevölkerung seßhaft zu machen, entschied man sich hinsichtlich der Schaffung wirtschaftlicher Ressourcen für den Anbau von Baumwolle, später ergänzt durch Reisanbau und Obstkulturen. Bereits dieser ersten richtungsweisenden Planungsentscheidung lagen drei elementare Fehleinschätzungen zugrunde, nämlich die Annahme, es sei unbegrenzt jungfräulicher Boden verfügbar, dieser sei zweitens sehr fruchtbar und schließlich, es stünden unbegrenzte Wasservorräte zur Verfügung. Das Festhalten an diesen Annahmen führte über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert in die ökologische Katastrophe, deren Zeugen wir heute sind. Obwohl bereits in den 60er Jahren erste Versalzungserscheinungen des Bodens zu beobachten waren, entstand gerade in dieser Zeit der ersten Alarmzeichen mit dem Bau des Kara-Kum-Kanals, einer Verbindung zwischen dem Aralseezufluß Amu-Darja und dem Kaspischen Meer, der größte Kanal der Welt, der die natürliche Wasserzufuhr des Aralsees empfindlich reduzierte. Entsprechende Projekte am Syr-Darja führten dazu, daß der Wassereintrag in den Aralsee praktisch zum Erliegen kam, die Austrocknung des Sees sowie die durch die Auswehung der Schadstoffe aus den trockengefallenen Uferbereichen anwachsende Luftverschmutzung rapide zunahm. Obwohl die schwerwiegenden ökologischen Folgen seit Jahrzehnten gesehen wurden, lassen sich keine Gegenmaßnahmen erkennen, die von offizieller Seite angegangen worden wären. Als Hauptursachen der Tragödie stehen die übermäßige Wasserentnahme aus den Zuflüssen, die jahrzehntelange Mißwirtschaft und die fehlgeschlagene Kolonisierung der lokalen Bevölkerung im Raum. Ansätze zur Überwindung der Misere müssen folglich an diesen Punkten ansetzen, d.h. vor allem die Landwirtschaft so zu organisieren, daß sie mit den naturräumlichen Bedingungen der Region im Einklang steht. Realistisch erscheint den Autoren weiterhin eine Fülle einfacherer kleiner Lösungen, etwa die Verbesserung des Zustandes der Zuleitungskanäle, um die Versickerungsverluste zu minimieren, der Anbau ökologisch adäquater, weil nur wenig Wasser benötigender Kulturpflanzen oder eine Reduzierung des Chemikalieneinsatzes. Zwar verbreiten diese Lösungsansätze einen gewissen Optimismus, dennoch machen Mainguet und Létolle unmißverständlich deutlich, daß der Aralsee nicht mehr zu retten sein wird. Lediglich die Verbesserung der Lebensbedingungen der 35 Millionen Menschen zählenden lokalen Bevölkerung kann heute noch als erreichbares Ziel ins Auge gefaßt werden.
Wenngleich die Autoren bereits eingangs auf die Problematik der Beschaffung zuverlässiger und aktueller Daten hinweisen, verwundert es den Leser doch immer wieder, daß ein großer Teil der vielfach detaillierten Tabellen und Statistiken mit Daten aus den frühen achtziger Jahren enden. Dieser negative Eindruck, der durch eine technisch seit Jahren überholte, die Lesbarkeit der Graphiken unnötig erschwerende Darstellungstechnik noch verstärkt wird, bleibt trotz der im Text punktuellen Aktualisierungen bis in die jüngste Zeit leider bestehen. Kritik ist verschiedentlich an der Form der Darstellung des Kartenmaterials zu üben (etwa S.116,117,136 bis 140), da einerseits keine klare Trennung unterschiedlicher Karten auszumachen ist und andererseits die mehrere Seiten entfernt gedruckte, umständlich zu lesende Legende die Benutzbarkeit des Buches unnötig erschwert. Verbessert werden könnte sicherlich auch die Druckqualität der insgesamt 47 Farbabbildungen, die größtenteils zu blaß geraten sind. Positiv zu erwähnen sind in jedem Fall das äußerst ausführliche und aktuelle Literaturverzeichnis sowie der mehrteilige Anhang, der unter anderem eine detaillierte Zeittafel sowie verschiedene Dokumente beinhaltet.
Trotz dieser Defizite im Layout nimmt das vorgelegte Werk als die bislang umfassendste ganzheitliche Untersuchung der Region inhaltlich eine herausragende Stellung im Umfeld der Fachliteratur zur "Aralseetragödie" ein.
(Thomas Hoffmann)