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Zwischen neuer Großmachtrhetorik und kooperativer Anpassung an begrenzte außenpolitische
Optionen
Von Michael Bauer
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Michael Bauer ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut für
Politikwissenschaft der Universität Tübingen. |
Noch vor dem Ende der Sowjetunion, mit dem Amtsantritt von Gorbatschow und Außenminister
Schewardnadse, vollzog sich ein atemberaubender Kurswechsel in der Außenpolitik: An die Stelle des ideologischen Ziels der weltrevolutionären
Umgestaltung traten auch offiziell die nationalen russischen Interessen. In der Folge davon wurde Sicherheit neu definiert: politisch, nicht
militärisch. Gesucht wurde nicht die Konfrontation, sondern die internationale Kooperation. Der wirtschaftliche Niedergang Russlands hat
allerdings auch seine Möglichkeiten als außenpolitischer Akteur erheblich geschwächt. Sein Trumpf bleibt das nukleare Abschreckungspotenzial,
das umso mehr in den Vordergrund gestellt wird, je schwieriger es ist, das konventionelle Potenzial zu unterhalten. Russische Ohnmachtsgefühle
machten sich vor allem in der Rhetorik der Duma in nationalistischer Rhetorik Luft, während sich gleichzeitig die Außenpolitik weiterhin
kooperativ verhielt. Schrittweise jedoch ist eine Distanzierung zu den USA vorgenommen worden, in denen man zusammen mit der NATO
zunehmend eine Bedrohung sieht.
Gleichzeitig aber wird die Kooperation mit der EU als vorrangig angesehen, mit Deutschland als wichtigstem Partner. Letztlich wird nur ein
demokratisches und wirtschaftlich gesundetes Russland seine Rolle in der Weltpolitik verantwortlich einnehmen können. Das aber wiederum hängt
ab vom Erfolg russischer Reformpolitik im Innern. Red.
Eine neue Weltinterpretation hatte eine neue Außenpolitik zur Folge
Mit der Übernahme
der Partei und Staatsführung durch Gorbatschow und dem Amtsantritt von Schewardnadse als Außenminister 1985 begann in der UdSSR nicht
nur eine tief greifende innenpolitische Wende, sondern auch ein "neues Denken" in der Außenpolitik. Zwischen 1985 und 1991 vollzog sich der
wohl atemberaubendste Kurswechsel der sowjetischen Außenpolitik. Dagegen war der Übergang von der sowjetischen zur russischen
Außenpolitik Ende 1991 weit weniger bedeutungsvoll. Dieser von innenpolitischen Motiven geprägte Kurswechsel war vielfältiger Art 1 . Mit der
schrittweisen Abkehr von der marxistisch-leninistischen Ideologie im Kontext der innenpolitischen Reformen war auch eine neue Weltinterpretation
verbunden. Das ideologische Ziel einer weltrevolutionären Umgestaltung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse trat zugunsten
der Suche nach nichtideologischen, nationalen Interessen zunehmend in den Hintergrund. Mit dem Verlust der Ideologie begab sich Russland nicht
nur im Inneren auf die Suche nach einer "neuen russischen Idee". Russland konnte auch international kein alternatives Gesellschaftsmodell zum
westlichen Way of Life mehr vorweisen. Anstelle der Gefährdung der nationalen Sicherheit durch den "imperialistischen" Westen sah sich die
UdSSR zunehmend durch neue Sicherheitsrisiken bedroht, wie sie aus der internationalen Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, aus dem
internationalen Terrorismus und aus zivilen und wirtschaftlichen Krisensituationen entstehen können.
Der neue, politisch statt militärisch-ideologisch definierte Sicherheitsbegriff hatte eine neue, defensive Militärstrategie zur Folge. Militärstrategische
Instrumente in der russischen Außenpolitik wurden zunehmend durch politisch-zivile Instrumente abgelöst. Mit der Umsetzung der neuen
Außenpolitik wurden die Beziehungen zum Westen zunehmend entspannter und kooperativer. Die Ratifizierung zahlreicher internationaler
Verträge spiegelte die neue Qualität der Ost-West-Beziehungen wider. So unterzeichnete die UdSSR im November 1990 den Vertrag über
konventionelle Streitkräfte in Europa, nur zwei Tage später die Charta von Paris sowie im Juli 1991 den START-I-Vertrag. Parallel dazu öffnete
sich die UdSSR für westliche Besucher und die Reisefreiheit für die eigene Bevölkerung wurde seit 1991 schrittweise erleichtert.
Der
Weltmacht-Anspruch verlor an Bedeutung
Mit der schleichenden Abkehr von der Breschnew-Doktrin zwischen 1987 und 1989 verlor auch der
Weltmacht-Anspruch der UdSSR an Bedeutung. Nachdem Schewardnadse 1989 erklärte, er könne sich kein Szenario vorstellen, bei dem eine
sowjetische Militärintervention nötig wäre, um mit inneren Unruhen in einem Mitgliedsland des Warschauer Paktes fertig zu werden, lösten sich
die Verbündeten in Ostmittel und Südosteuropa rasch aus der Bevormundung durch die Sowjetunion und orientierten sich Richtung Westen. Das
östliche Militärbündnis, der Warschauer Pakt, hat sich im Juli 1991 ebenso selbst aufgelöst, wie einen Monat zuvor das östliche "
Wirtschaftsbündnis", der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Der Verlust dieser institutionalisierten und von Moskau dominierten
außenpolitischen Verflechtungen wurde durch die schrittweise Rücknahme der sowjetischen Machtpositionen in den "Satellitenstaaten" in Afrika,
Lateinamerika und Asien noch schmerzlicher. Der Höhepunkt der Veränderungen war aber ohne Zweifel der Zerfall der Sowjetunion am 20. 12.
1991. Obwohl Russland völkerrechtlich der Rechtsnachfolger der UdSSR wurde und damit auch alle internationalen Verpflichtungen übernahm,
markierte das Ende der UdSSR gleichzeitig das Ende der Außenpolitik dieses Landes. Der überwiegend friedliche Zerfall der UdSSR war aus
russischer Perspektive mit dem Verlust eines Viertels der Landesfläche und der ungefähren Halbierung der Einwohnerzahl verbunden 2 . In einer
historischen Leistung zog Russland in nur wenigen Jahren seine Truppen aus Ostmittel, Südosteuropa und dem Baltikum sowie aus den meisten
ehemaligen Sowjetrepubliken ab. Aus der sowjetischen Weltmacht wurde aus innerem Antrieb und ohne Blutvergießen ein russischer Großraum
in europäischasiatischer Übergangslage.
Russland kann sich ein weltweites Engagement schon wirtschaftlich nicht leisten
Gemessen an der
weltpolitischen Bedeutung der UdSSR hat Russland seit 1991 deutlich an Macht und internationalem Einfluss eingebüßt. Mit über 17 Mio. km 2
ist Russland zwar das größte Land der Erde und mit etwa 147 Mio. Einwohner steht Russland auf dem sechsten Platz in der Weltrangliste der
bevölkerungsreichsten Länder, doch sagen diese Größenangaben nicht viel über den Einfluss eines Staates auf das internationale Geschehen aus.
In Zeiten der Globalisierung und verschärfter ökonomischer Standortkonkurrenz entscheidet zunehmend die wirtschaftliche Potenz eines Staates
über Macht und Einfluss auf das internationale Geschehen. Dass dies auch in Russland so gesehen wird, verdeutlicht ein Zitat von B. Jelzin: "
Diejenigen Weltzentren, welche die größte Anziehungskraft und [den größten] Einfluss ausüben, tun dies aufgrund ihrer wirtschaftlichen, nicht ihrer militärischen Macht."3 Aber gerade in einem Vergleich der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit zeigt sich der internationale Einflussverlust Russlands am dramatischsten. Bis 1998 sank das russische Bruttoinlandsprodukt
(BIP) auf 55 % des Wertes von 1989. Der Anteil Russlands am Welthandel, gemessen am Weltbruttosozialprodukt, lag 1998 bei nur 1,5 %. Das seit 1990 fast kontinuierlich sinkende russische BIP erreichte 1999 in der Summe in etwa das
jährliche Wachstum des BIP der USA. Der desolate Zustand der russischen Wirtschaft spiegelt sich in einem Vergleich zwischen Russland und
den G-7-Staaten wider (vgl. Tabelle 1).
Tabelle 1: G7 und Russland im
Vergleich - ausgewählte Indikatoren (1997)

Quellen:
1 OECD; online: http://www.oecd.org/std/gdpperca.htm [access: 17. 1. 2000].
2 Mtoe:
Million tonnes of oil equivalent. Für die Präsentation ihrer Energiebilanz hat die OECD als Maßeinheit "Tonnes of Oil Equivalent" eingeführt. Eine
Tonne "oil equivalent" (TOE) ist durch 107 Kilokalorien (41 868 Gigajoules) definiert. Diese Menge Energie entspricht in etwa dem Heizwert
voneiner Tonne Rohöl. OECD; online: http://www.oecd.org/publications/figures/index.htm [access: 17. 1. 2000].
3 HDI: Human Development
Index (der Index berechnet sich auf der Grundlage der Indikatoren Lebenserwartung, Alphabetisierungsrate und reale Kaufkraft des
Prokopfeinkommens); HDIrank: Rangfolge nach HDIIndex unter 174 Staaten. UNDP, Human Development Report 1999.
4 Business Central
Europe; online: http://www.bcemag.com/ [access: 17. 1. 2000].
5 United States Energy Information Administration, online:
http://www.eia.doe.gov/emeu/cabs/russia.html [access: 17. 1. 2000]. Für 1997 wird ein jährlicher Energieverbrauch von 26,6 Quadrillion Btu
angegeben. Unter der Adresse http://www.bpamoco.com/worldenergy/appendices/ convcalc.htm findet man eine nützliche
Umrechnungstabelle..
Selbst die Nutzung der enormen russischen Bodenschätze ist aufgrund der extremen Kosten des Abbaus
und Transports ohne westliche Hilfe zurzeit undenkbar. Letztlich hat die externe Verschuldung der Russischen Föderation
souveränitätsbedrohende Ausmaße angenommen: die Gesamtschulden im Westen belaufen sich auf etwa 340 Milliarden DM bei einer für
Russland ungünstigen Struktur der Auslandsverschuldung. Demgegenüber steht die noch immer bedeutende wirtschaftliche Rolle Russlands in der
GUS-Region: Als ein Erbe der aus Moskau zentral gesteuerten Planwirtschaft ist ein von Russland unabhängiges Wirtschaften für viele ehemalige
Sowjetrepubliken noch kaum möglich. Die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen, Energielieferungen und Absatzmärkten blieb ebenso bestehen
wie die Mängel in der ausschließlich auf Russland ausgerichteten Infrastruktur. Während Russland dem Westen gegenüber als Schuldner auftritt,
ist dasselbe Land für einige Nachbarstaaten der wichtigste Kreditgeber. Trotz der nicht zu vernachlässigenden regionalen wirtschaftlichen
Bedeutung Russlands bleibt festzuhalten, dass Russland auf absehbare Zeit nicht über die finanziellen und materiellen Ressourcen verfügen wird,
um sich ein weltweites Engagement leisten zu können. Die Bestimmung des außenpolitischen Kurses in Russland muss der prekären wirtschaftlichen Abhängigkeit von westlicher Kooperation und Kreditvergabe ebenso Rechnung tragen wie den zur Verfügung stehenden begrenzten
finanziellen Ressourcen.
Militärische Schwäche trotz der Atomwaffen
Nun kann man einwenden, dass auch die sowjetische Weltmacht nicht auf
wirtschaftlicher, sondern auf militärischer Stärke gründete. Tatsächlich beruhte der außenpolitische Einfluss der UdSSR wesentlich auf einem
enormen Abschreckungspotenzial und einer militärischen Unterstützung bzw. Repression seiner weltweiten Verbündeten. Die Beantwortung der
rage, ob die russische Außenpolitik an dieses Instrument anknüpfen kann, ist ambivalent. Russland hat das nach den USA größte Arsenal an
nuklearen Waffen von der UdSSR geerbt. Zunächst erscheint es dann auch logisch, dass das wirtschaftspolitisch schwache Russland aufgrund
seiner Atomwaffen und den daraus resultierenden latenten Gefahren ein zentraler Akteur auf der internationalen Bühne bleiben will und wird.
Doch am Beispiel der Verhandlungen um den START-II-Vertrag wird die Ambivalenz dieser Aussage deutlich. START II sieht die Halbierung der
Zahl der Atomsprengköpfe bis 2007 vor, d. h. auf etwa ein Drittel des Bestandes von 1991. Obwohl der Vertrag schon 1993 von den damals
amtierenden Präsidenten Bush und Jelzin unterzeichnet wurde, ratifizierte ihn die Duma erst im April 2000, was mit der Gefährdung des
Abschreckungspotenzials des Landes begründet wurde. Die Abrüstung der Sprengköpfe ist für Russland entgegen den kritischen Stimmen aus
der Duma aber unausweichlich. Ohne START II wäre Russland gezwungen, wollte es ein Gleichgewicht mit den USA bewahren, viermal mehr
für seine Nuklearwaffen auszugeben. Letztlich war es sogar das russische Militär, welches angesichts der angespannten Haushaltslage zur
Annahme von START II gedrängt hatte. Nur so wäre es möglich, neben der unausweichlichen Abrüstung der eigenen Waffen, auch die USA zu
einem solchen Schritt zu bewegen. Putin unterstützt neuerdings sogar Verhandlungen über ein START-III-Abkommen, welches einen weiteren
Abbau von 1500 Atomsprengköpfen je Seite und die Verpflichtung der Vertragspartner, keine neuen Sprengköpfe in Dienst zu stellen, vorsieht.
Trotz anders lautender russischer Rhetorik hat Moskau faktisch keine Alternative zur vertraglich fixierten Abrüstung der Atomwaffen. Das wissen
auch die westlichen Staaten, da sie, z.T. über Umwege, sowohl die Verschrottung als auch die Sicherung der russischen Kernwaffen und Plutoniumbestände finanzieren. Während das atomare Abschreckungspotenzial Russlands durchaus real ist und eine Isolation Russlands aus
diesem Grund von niemanden gewollt sein kann, entlarven die Verhandlungen im Zusammenhang mit dem START-II-Abkommen auch hier die
Abhängigkeit Moskaus von westlicher Kooperationsbereitschaft. Die UdSSR hat Russland nicht nur die Nuklearwaffen selbst vererbt, sondern
auch die enormen Kosten dieses Waffensystems. Bei einem begrenzten Rüstungsetat 4 fehlen die Mittel für die nukleare Abschreckung, folglich
für die überfällige Umstrukturierung und Modernisierung der konventionellen Streitkräfte. In welchem Zustand sich die Streitkräfte Russlands
befinden, hat der Untergang des U-Boots "Kursk" im August 2000 gezeigt. Die Havarie der "Kursk" führte zur "Beschädigung jenes patriotischen
Kollektivtraums von der militärischen und technologischen Weltgeltung Russlands, den Putin mit durchschlagendem Erfolg für seine politische
Mobilmachung instrumentalisieren konnte. Dieser eben nicht nur von den politischen Eliten geträumte Traum hat schweren Schaden genommen"
(Vogel, FAZ 25. 8. 00:8). Ein nahtloses Anknüpfen der russischen Außenpolitik an das globale Abschreckungs- und Unterdrückungspotenzial der
UdSSR zur Kompensation der ökonomischen Schwäche scheint trotz des Gewichts der Atomwaffen kaum realistisch. Gerade wegen den mangelnden finanziellen Ressourcen ist dies auch für die Zukunft nicht zu erwarten. Dennoch bleib
Russland trotz aller genannten Einschränkungen eine militärische Regionalmacht. Als Reaktion auf blutige Separationskonflikte in einigen
ehemaligen Sowjetrepubliken stationierte oder beließ Russland seit dem Zerfall der UdSSR auf der Grundlage von gesonderten vertraglichen
Vereinbarungen unterschiedlich starke Friedens und Grenztruppen in diesen Ländern. Die Motive Russlands für die Stationierung waren zum
einen, dass die Konflikte in und um Russland herum als Bedrohung der eigenen Sicherheit wahrgenommen wurden. Zum anderen wird immer
wieder der Schutz der etwa 25 Millionen Russen in der Region als Grund für das teure russische Engagement genannt. Letztlich muss betont
werden, dass die russische Außenpolitik bisher im Wesentlichen zivilen Instrumenten deutlich den Vorzug vor militärischen gegeben hat. Diese
zivile Außenpolitik wurde auch dadurch erleichtert, dass trotz einzelner Konfliktherde an Russlands Grenzen zurzeit keine reale
sicherheitspolitische Bedrohung der territorile
Integrität Russlands (außer von Innen) besteht.
Auch das "nahe Ausland" ist weiter denn je entfernt
Der ersatzlose Verlust der von Moskau
dominierten außenpolitischen Verflechtungen (Warschauer Pakt, RGW) und die Rücknahme der sowjetischen Machtpositionen außerhalb
Europas schwächten die internationale Position Russlands nachhaltig. Hoffnungen, wenigstens den Zerfall der Sowjetunion durch eine Integration
der ehemaligen Sowjetrepubliken "im nahen Ausland" in der 1991 gegründeten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) aufzufangen, haben
sich bisher kaum erfüllt. Schon die von Moskau als Beispiel für die am fortgeschrittenste Integration dargestellten russisch-belarussischen
Beziehungen 5 werden diesen Erwartungen nicht gerecht. Nach dem 1997 ratifizierten Vertrag über die Union zwischen Russland und Belarus
wurde 1999 ein weiterer "Unionsvertrag" geschlossen. Beide Verträge bleiben inhaltlich vage und bieten nicht mehr als eine Grundlage für eine auf
unbestimmte Zeit verschobene Integration. Eine Integration "zweier souveräner Staaten", wie in Moskau betont wird. Die Beziehungen zur
Ukraine, dem größten Schuldner Russlands, haben sich seit der Unterzeichnung des Vertrags über Freundschaft, Zusammenarbeit und
Partnerschaft 1997 und dem Abkommen zur Aufteilung der Schwarzmeerflotte im selben Jahr zwar deutlich verbessert, von einer zukünftigen
Integration ist aber weder in Moskau noch in Kiew die Rede. Vor allem die gegenseitige Anerkennung der Grenzen und der russische Verzicht
auf Gebietsansprüche auf der Krim haben die Spannungen reduziert. Aus russischer Sicht stehen aber nicht eingehaltene Handelsabkommen, der
andauernde Streit um die Höhe der Schulden und die von der Ukraine offen betriebene Westorientierung einer Vertiefung der Beziehungen im
Wege. Nach wie vor angespannt sind die Beziehungen zum Baltikum. Im außenpolitischen Konzept ist nur von der "Aussicht und dem Interesse
Russlands an der Entwicklung von gutnachbarschaftlichen Beziehungen" mit Litauen, Lettland und Estland die Rede. In den baltischen Staaten
selbst wird an der Ernsthaftigkeit dieses Interesses gezweifelt, wenn Russland wiederholt mit Sanktionen droht, sollte sich die
Situation der
russischen Minderheit im Baltikum, die Schlüsselfrage in den bilateralen Beziehungen, nicht deutlich verbessern. Daneben betont Russland, dass
eine von den baltischen Staaten angestrebte NATO-Mitgliedschaft auf keinen Fall akzeptiert werden kann. Einer EU-Integration der Staaten steht
Moskau dagegen neutral bis zustimmend gegenüber. Diese bedrohe nicht die nationale Sicherheit Russlands und würde eine Verbesserung der
Minderheitenrechte im Baltikum voraussetzen. Trotz allem stehen im außenpolitischen Konzept die GUS-Staaten nach wie vor an erster Stelle der
regionalen Prioritäten. Auf dem Papier wird sehr allgemein von "gutnachbarschaftlichen Beziehungen" und einer nicht weiter definierten "
strategischen Partnerschaft" mit den GUS-Staaten gesprochen. Besonders die "Bewahrung der Rechte und Interessen der russischen Bürger und
Landsmänner" erhalten durch die russische Außenpolitik ein besonderes Gewicht. Auch das Ziel einer Handelsunion und die Integration der
GUS-Staaten in einem von Moskau dominierten kollektiven Sicherheitsbündnis als Gegengewicht zur NATO wurde offiziell noch nicht
aufgegeben. Das Festhalten an diesen Zielen kann wohl mehr mit innenpolitischen als außenpolitischen Motiven erklärt werden. Denn in der
außenpolitischen Realität wird von der GUS nur noch ungern gesprochen, weil sie Ressourcen kostet, ohne etwas Greifbares einzubringen.
Aufgrund der finanziellen Schwäche Russlands ist eine auf verstärkte Integration zielende Außenpolitik gegenüber den Nachbarstaaten derzeit
unmöglich. Dennoch bleibt Moskau eine vage Hoffnung: je mehr die GUS-Staaten aufgrund nicht eingehaltener Versprechungen vom Westen
enttäuscht sind, desto größer wird die Chance Russlands, in dieses Vakuum vorzudringen und die Potentiale der vielfältigen ökonomischen und
politischen Verflechtungen zu nutzen.
Trotzdem bleibt Russland ein "Global Player"
Manche Beobachter erwarten vor dem Hintergrund der ökonomischen und militärischen Einschränkungen der außenpolitischen Handlungsfähigkeit Russlands das nahe Ende des
Staates als Global Player. Dabei werden jedoch zwei gewichtige Faktoren unterbewertet, aufgrund derer eine Isolation des Landes in der
internationalen Politik nach dem Zerfall der Sowjetunion weder möglich noch gewollt erscheint. Der ständige Sitz im UN-Sicherheitsrat verbunden
mit einem Vetorecht gewährleisten Russland auch weiterhin ein internationales Mitspracherecht und Einfluss auf die globale Politik. Während die
ständige Vertretung Moskaus im Sicherheitsrat eine wie auch immer motivierte Isolation Russlands wesentlich erschwert, gibt es auch Faktoren,
die für die verantwortliche Einbindung Russlands in die Weltstrukturen sprechen. So wäre eine Destabilisierung Russlands von latenter Gefahr für
den gesamten eurasischen Kontinent. Die außenpolitischen Aktivitäten Russlands mit dem Ziel der politischen Integration und der finanziellen
Unterstützung, vor allem Richtung Westen, folgten bisher erfolgreich der Strategie, vor den Taten eines verwundeten und geschwächten russischen
Bären und den unkalkulierbaren Folgen für den gesamten Kontinent zu warnen. Darüber hinaus ist sich Russland seiner Bedeutung als
Rohstofflieferant und zukünftiger Absatzmarkt bewusst. Bedenkt man letztlich, dass Russland gemeinsam mit anderen regionalen Großmächten die
gleichen Interessen und Vorbehalte gegenüber einer dominierenden "Supermacht USA" teilt, wird deutlich, dass Russland vielfältige multi und
bilaterale Optionen zur zukünftigen Sicherung seines internationalen Einflusses offen stehen. Die Vertretung in internationalen Organisationen sowie
zahlreiche bilaterale Verträge spiegeln wider, dass Russland diese Möglichkeiten erfolgreich genutzt hat. Als Rechtsnachfolger der UdSSR ist
Russland neben dem UN-Sicherheitsrat auch in der OSZE vertreten. Seit 1992 ist das Land Mitglied des Internationalen Währungsfonds, der
Weltbank sowie der Internationalen Entwicklungsorganisation. 1992 wurde Russland Mitglied im Ostseerat und 1996 im Europarat 6 , um nur
einige zu nennen. Mit den beiden "strategischen Partnern" China und Indien werden mehrere bilaterale Partnerschaftsverträge geschlossen sowie
Rüstungslieferungen und wirtschaftliche Kooperationen vereinbart. Russland hat neben all den bisher genannten Einschränkungen seiner
außenpolitischen Handlungsfähigkeit eben auch vielfältige Optionen, die es zukünftig ausbauen und nutzen kann.
"Juniorpartner mit angerosteten Raketen": die psychologischen Folgen
Ökonomisch haben wir fast nichts zu bieten, niemand hat mehr Angst vor
uns und auf der internationalen Bühne sind wir allenfalls geduldete Juniorpartner "mit angerosteten Atomraketen". So könnte man etwas pauschal
und verkürzt die Seelenlage russischer Eliten und der Bevölkerung zusammenfassen. Schlimmer als die bisher genannten faktischen
Einschränkungen der außenpolitischen Spielräume Russlands sind die psychologischen Folgen. Der schmerzliche Verlust der in der Sowjetunion
ideologisch überhöhten Weltmachtrolle und das Bewusstsein der begrenzten außenpolitischen Optionen können in Kombination mit einer
schweren innenpolitischen Krise zu einer unberechenbaren Mischung gären, die eine Prognose über die zukünftigen außenpolitischen
Aktivitäten Russlands erschweren. Des Weiteren boten und bieten außenpolitische Debatten mit großrussischem Getöse Populisten,
Kommunisten und Nationalisten immer wieder eine Plattform, um im innenpolitischen Kräfteringen um Unterstützung durch die Bevölkerung zu
werben.
Die Akteure: die prowestliche Orientierung Kosyrews
Wie in Präsidialsystemen üblich, unterliegt auch in Russland, wo die Verfassung
dem Präsidenten eine überragende Macht einräumt, die Bestimmung des außenpolitischen Kurses zunächst dem Staatspräsidenten. Die Domäne
der Exekutive in der außenpolitischen Weichenstellung spiegelt sich neben der Dominanz des Präsidenten auch in der besonderen Rolle des
Nationalen Sicherheitsrates und der koordinierenden Funktion des Außenministeriums wider. Allerdings
schwankte die Bedeutung und
Kompetenz des Außenministeriums in Abhängigkeit von der Person des Außenministers und seiner außenpolitischen Orientierung im Kontext
innenpolitischer Entwicklungen. Die Amtszeit von Außenminister Kosyrew von 1991/92 bis Januar 1996 war neben z. T. dramatischen
innenpolitischen Ereignissen auch durch eine politisch sehr umstrittene Phase einer einseitig prowestlichen/ proamerikanischen Außenpolitik
geprägt. Die Außenpolitik Kosyrews bis etwa 1994 wurde als "romantische Außenpolitik" kritisiert und von den Nationalisten und Kommunisten
in der Duma öffentlich als ein Verrat und Ausverkauf russischer Interessen angegriffen. Als Reaktion auf die wachsende Kritik wurden Anfang
1993 zwei offizielle Dokumente über die zukünftige Hauptrichtung der Außenpolitik sowie die Hauptleitsätze der Militärdoktrin der Russischen
Föderation verfasst. In beiden Dokumenten finden sich, als eine Art Zugeständnis an die national-bolschewistisch-nationalistische Duma, z. T. sehr
skeptische Formulierungen, was die internationale Integration und Kooperation mit dem Westen betrifft. Während bisher "die Aufnahme
Russlands in die zivilisierte Staatengemeinschaft und die maximale Unterstützung des Auslands für die innere Umwandlung Russlands" oberste
Ziele der Außenpolitik waren, sollte von nun an der Aufbau einer multipolaren Weltordnung mit Russland als einem zentralen Pol verstärkt ins
Zentrum rücken. Die Tendenz zu einer unipolaren Weltordnung unter machtpolitischer und ökonomischer Dominanz der USA wurde von Moskau
erstmals als potenzielle Gefahr für die Destabilisierung der globalen Weltordnung beschrieben. Zu diesem Zeitpunkt "betrachtete Russland aber
keinen Staat als seinen Gegner", auch nicht die USA oder die NATO, so die Formulierung in den Hauptleitsätzen. Im Wesentlichen wurde dann
auch, abweichend von der häufig wenig gehaltvollen Rhetorik der Dokumente, die prowestliche und kooperative Zielsetzung beibehalten.
Aufgrund von Machtkämpfen rivalisierender Institutionen und Personen, bei gleichzeitiger Schwäche Kosyrews, war eine klare Zuschreibung
außenpolitischer Entscheidungen oft kaum möglich. Daran änderte sich auch durch die Veröffentlichung der eben erwähnten Dokumente nichts.
Der Mangel an Koordinierung und klaren Leitlinien der Außenpolitik wurde zunehmend Jelzin angelastet und schwächte dadurch seine zu diesem
Zeitpunkt angeschlagene Autorität weiter. Die vielen und in der Gunst des Präsidenten schnell wechselnden Berater im Kreml machte
die außenpolitische Willensbildung Jelzins tatsächlich zu einem undurchsichtigen Prozess. Dennoch hatte Jelzin schon während dieser Phase seine
außenpolitische Dominanz wiederholt unter Beweis gestellt. Er hat seine außenpolitischen Grundsätze immer wieder, z.T. in einer für seinen
Amtsstil typischen Gipfeldiplomatie, gegen massiven innenpolitischen Druck durchgesetzt. Es war wesentlich der Verdienst Jelzins, dass Russland
seinen Kurs der Westorientierung und Kooperation mit dem Westen beibehielt. Auch um seine Chancen rechtzeitig vor den
Präsidentschaftswahlen im Juni 1996 zu verbessern, ersetzte Jelzin im Januar 1996 Kosyrew durch Primakow.
Primakow verband die
Westorientierung mit nationaler Rethorik
Der neue außenpolitische Kurs unter Primakow (Außenminister von 1996 bis 1999) war einerseits
pragmatisch und führte die bisherige Politik der Kooperation mit dem Westen fort, was z. B. durch die Aufnahme Russlands in den Europarat
1996 bestätigt wurde. Andererseits verband Primakow eine viel konsequentere Vertretung russischer Positionen gegenüber dem Westen, so z. B.
seine entschiedene Ablehnung der NATO-Osterweiterung, mit einer starken nationalen Rhetorik. Mit diesem Kurs gelang ihm ein beginnender
Ausgleich zwischen den differierenden außenpolitischen Forderungen der Kommunisten und Nationalisten einerseits und den prowestlichen
Reformern andererseits. Durch einen Ukas des Präsidenten wurde bestimmt, "dass nur Präsident Jelzin selbst, Regierungschef Tschernomyrdin
und Primakow einen offiziellen außenpolitischen Standpunkt formulieren dürfen"7. "Die Koordinierung außenpolitischer Entscheidungen [wurde] wesentlich verbessert und der Einfluss rivalisierender Institutionen begrenzt" (Adomeit 1999:10).
Im Vergleich zu Kosyrew gewann Primakow deutlich an Unterstützung aus der Duma. Damit wurde der Amtswechsel an der Spitze des
Außenministeriums von Kosyrew zu Primakow gleichzeitig eine wichtige Basis für den Machterhalt Jelzins. In dieser Phase konnte Jelzin seine
größten außenpolitischen Erfolge erzielen und seine Domäne erneut unter Beweis stellen. So hat er 1997, trotz der sich parallel abzeichnenden
NATO-Osterweiterung und gegen den massiven Protest der Duma sowie den Bedenken des Außenministeriums, die NATO-Russland Grundakte
unterzeichnet und damit seinen überwiegend europäischatlantischen Kurs in der russischen Außenpolitik beibehalten. Sein nachhaltigster Erfolg
war aber ohne Zweifel die Aufnahme Russlands in die G8 (1998). Als Primakow 1998 von Jelzin zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, löste
ihn Iwanow, sein bisheriger Stellvertreter und enger Vertrauter, als neuer Außenminister ab. Unter Präsident Jelzin führte Iwanow die Politik
Primakows ohne nennenswerten Kurswechsel fort. Sowohl nach Putins Ernennung zum Ministerpräsidenten im August 1999 als auch nach seiner
Wahl zum Präsidenten im März 2000 blieb Iwanow im Amt des Außenministers.
"Aus offensiver Position heraus": Außenpolitik unter Putin und
Iwanow
Seit dem Amtsantritt Putins zeichnet sich eine zunehmende Konzentration der Macht beim Präsidenten ab. Die Dominanz des
Präsidenten über die z. T. neue Regierung und der Machtverlust der regionalen Gouverneure beweisen dies ebenso wie die Tatsache, dass er im
Gegensatz zu Jelzin über eine seine Politik unterstützende Mehrheit in der Duma verfügt, die anstelle der bisherigen Konfrontation einen
konstruktiven Dialog mit der Exekutive sucht. Die Zentralisierung der Macht ermöglicht, erstmals seit Bestehen der Russischen Föderation, eine
konsensfähige Formulierung nationaler außenpolitischer Interessen, was sich in der Veröffentlichung offizieller Dokumente zur Bestimmung des
außenpolitischen Kurses des Landes widerspiegelt. Seit dem Amtsantritt Putins tritt Russland außenpolitisch wieder aktiver un selbstsicherer auf
und verstärkt seine diplomatischen Bemühungen zur Durchsetzung eigener Positionen. Der Eindruck, der bei der Bestimmung des
außenpolitischen Kurses entsteht, ist nicht mehr der chaotischer Zustände, sondern eher der, dass es eine ordnende Hand gibt. Seit dem
Amtsantritt Putins hat sich der außenpolitische Entscheidungsfindungsprozess deutlich konsolidiert. Putin, der erste russische Präsident mit
langjähriger Auslandserfahrung, scheint sich bei der Bestimmung seines außenpolitischen Kurses weit weniger als Jelzin auf offizielle und inoffizielle
Berater zu stützen, als vielmehr den Aufbau von ihm kontrollierter Strukturen zu forcieren. Ein Beispiel ist der Macht und Bedeutungsgewinn des
Sicherheitsrats. War der seit 1992 bestehende Sicherheitsrat während der Amtszeit Jelzins in außenpolitischen Fragen kaum von Bedeutung,
werden dort heute alle strategischen Fragen diskutiert und alle außenpolitisch bedeutsamen Entscheidungen vorbereitet. Putin selbst sagte kurz
nach seiner Wahl zum Präsidenten, nach seinem neuen außenpolitischen Stil gefragt, dass "Russland seine Außenpolitik fortan aus offensiver
Position heraus betreiben müsse" (Wehner, FAZ, 14. 4. 00:12), was mit einem nicht unbedeutenden Wechsel der außenpolitischen
Grundorientierungen verbunden ist.
Die Duma als rhetorischer Garant der russischen Weltmachtrolle
Die Duma hat laut Verfassung keinen
direkten Einfluss auf die Gestaltung der Außenpolitik des Staates. Dennoch gelang es der Duma, eine nicht zu vernachlässigende Rolle, vor allem
bei der Umsetzung der Außenpolitik, zu spielen. So muss die Duma internationale Verträge ratifizieren, wodurch sie die Exekutive wiederholt in
Schwierigkeiten brachte. Des Weiteren kann die Duma über den Umweg des Staatshaushaltes, dem sie ihre Zustimmung geben muss, Druck auf
die Regierung ausüben. Zu betonen ist, dass die Duma-Debatten zur Außenpolitik selten konstruktiv waren, sondern vielmehr nationalistische und
anti-westliche Stimmungen schürten und durch eine wenig realistische Großmachtrhetorik geprägt waren. Dieser großrussischen Stimmungsmache und Rhetorik diametral gegenüber standen die tatsächlichen machtpolitischen und
wirtschaftlichen Einflussmöglichkeiten Russlands. Seit den Wahlen zur Staatsduma im Dezember 1999, die einen klaren Sieg der Putin
unterstützenden Parteien brachten, und der Wahl Putins zum Staatspräsidenten im März 2000 hat sich auch die Duma in außenpolitischen
Entscheidungen konstruktiver und kooperativer gezeigt.
Die russische Bevölkerung ist in erster Linie "mit sich selbst beschäftigt", aber ...
In den
Wahlprogrammen der Parteien und im Wahlkampf vor den Duma-Wahlen Ende 1999 waren außenpolitische Themen ebenso von marginaler
Bedeutung wie in den Aussagen der Kandidaten für die anschließenden Präsidentschaftswahlen zu Beginn des Jahres 2000. Es zeigt, dass
Russland aufgrund seiner innenpolitischen Probleme in erster Linie "mit sich selbst" beschäftigt ist. Die Außenpolitik ist nur bedingt geeignet, die
Wähler zu mobilisieren. Die Probleme und Hindernisse des russischen Alltags verhindern ebenso wie die Schwäche der russischen
Zivilgesellschaft oder auch die Schwäche von international agierenden Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), dass der Einfluss der
Bevölkerung auf die außenpolitischen Zielsetzungen des Landes an Bedeutung gewinnt. Die Debatte um die außenpolitische Weichenstellung ist im
Vergleich mit anderen Themen für die russischen Bürger von geringerem Stellenwert. Allerdings hängt die außenpolitische Orientierung Russlands
unter anderem davon ab, wie westliche Motive und Ambitionen von der russischen Bevölkerung (und den politischen Entscheidungsträgern)
wahrgenommen werden. In diesem Zusammenhang gewinnen die nationalistischen Kommentare einzelner Politiker zu den "wahren Motiven" des
Westens einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert. Die Politik der NATO, die Brüskierung Russlands während des Kosovo-Kriegs sowie die
westliche Kritik am zweiten Tschetschenienkrieg gaben diesen Kommentatoren in jüngster Vergangenheit genügend verbale Munition, um eine
langsam wachsende anti-westliche, besonders anti-amerikanische, Stimmung zu schüren. Mit der Wahl Putins zum Präsidenten gewann in der
Bevölkerung der nationale Patriotismus sowie der Glaube an Russlands Größe und Stärke wieder zunehmend an Bedeutung. In jüngster
Vergangenheit konnte man einen wachsenden "Hurra-Patriotismus und eine schleichende Militarisierung" (Wehner, FAZ, 6. 3. 00:8) der russischen
Gesellschaft beobachten. Der neue "patriotische Konsens", das Ideal eines starken Staates, bezieht sich nicht nur auf die Innen, sondern auch auf
die Außenpolitik Russlands.
Militär und Geheimdienst bis vor kurzem keine eigenständigen Akteure in der Außenpolitik
Der Einfluss des Militärs
auf die Bestimmung des außenpolitischen Kurses war bis zum Amtsantritt Putins beschränkt. Verteidigungsministerium und örtliche
Militärkommandeure haben wohl das Geschehen in den Konflikten in der GUS-Region mitbestimmt und ihren Einfluss in Moskau geltend gemacht.
Darüber hinaus war nicht immer klar, ob einige Waffenexporte in Länder wie z. B. in den Iran mit dem Außenministerium abgestimmt waren. Das
Militär und die Geheimdienste haben aber erst unter Putin wieder an Einfluss auf höherer politischer Ebene gewonnen. Der zweite
Tschetschenien-Krieg sowie Putins öffentliche Auftritte bei der Truppe haben das angeschlagene Selbstbewusstsein der Generäle wieder
aufgebaut. Die Vorliebe des Präsidenten für alles Militärische geht zwar nicht so weit, dass er seinen Generälen einen eigenständigen
außenpolitischen Einfluss gewähren würde, doch war der Generalstab neben Putin maßgeblich bei der Formulierung der neuen Konzeption der
nationalen Sicherheit beteiligt. Die eng mit dem Militär verbundene Rüstungsindustrie konnte sich trotz der offensichtlichen Notwendigkeit, den
Rückgang der russischen Aufträge für die Rüstungsindustrie durch Exporte zu kompensieren, bis vor kurzem nur selten gegen das Veto des
Außenministeriums durchsetzen. Erst in jüngster Vergangenheit lassen zahlreiche Verträge über umfassende Rüstungslieferungen (z. B. an China
und Indien) einen wachsenden Einfluss des militärisch-industriellen Komplexes vermuten. Der Geheimdienst gilt als die eigentliche Hausmacht des
neuen Präsidenten. Es muss davon ausgegangen werden, dass der Geheimdienst sowohl in direktem Kontakt zum Präsident als auch im
Sicherheitsrat an der außenpolitischen Entscheidungsfindung beteiligt ist.
Schwache Oligarchen und mächtige Gouverneure
Entgegen der
führenden Rolle der "Oligarchen" (gemeint sind die führenden russischen Finanz und Industriekapitäne vor allem im Banken, Energie und
Rüstungssektor) in der Innenpolitik, ist deren Einfluss auf die internationale Politik gering. Mit der Ausnahme einiger Politikfelder, allen voran die
Rohstoffwirtschaft, können sowohl ihre persönlichen Interessen als auch ihre Einwirkungschancen auf die Bestimmung des außenpolitischen
Kurses vernachlässigt werden. Mit der Kampfansage Putins an die Adresse der Oligarchen dürfte selbst dieser marginale Einfluss noch weiter
abnehmen. Einzelne Gouverneure als Vertreter der Föderationssubjekte (Regionen) haben es dagegen in der Vergangenheit durchaus verstanden,
Lücken und Spielräume in der Verfassung zu nutzen und wurden außenpolitisch aktiv. Dabei beschränkten sich ihre z.T. recht erfolgreichen
Aktivitäten weitgehend auf wirtschaftliche Fragen und der Suche nach finanzieller Unterstützung.
Das Gefühl der Bedrohung durch die USA und
NATO wächst
Die marginale Bedeutung außenpolitischer Themen im Wahlkampf 1999/2000 lag neben den oben genannten Gründen vor allem
daran, dass neuerdings über die Grundsätze der Außenpolitik weitgehend Konsens zwischen den politischen Lagern in Russland zu herrschen
scheint. Um diesen Konsens zu beschreiben, beziehe ich mich auf drei für die Bestimmung des zukünftigen außenpolitischen Kurses des Landes
autoritative Dokumente aus dem Jahr 2000. Im Juni 2000 unterzeichnete Putin das Neue außenpolitische Konzept der Russischen Föderation 8 .
Dieses Konzept stellt eine offizielle Übersicht über die Inhalte und Hauptthemen der außenpolitischen Aktivitäten Russlands
dar. Gleich zu Beginn
wird betont, dass sich, trotz einer gewissen Stärkung der internationalen Bedeutung Russlands, nicht alle Erwartungen erfüllt haben, die im
Konzept Jelzins von 1993 formuliert waren. Besonders was die Pläne zur Aufnahme "neuer, gerechter und partnerschaftlicher internationaler
Beziehungen zu gegenseitigem Vorteil" betrifft, gäbe es zu Beginn des 21. Jahrhunderts für Russland auch negative Tendenzen. Im Februar 2000
trat die mehrfach überarbeitete Konzeption der nationalen Sicherheit 9 durch einen Präsidentenerlass Putins in Kraft. Obwohl an der
Ausarbeitung der Regierungserklärung zur nationalen Sicherheit alle "Machtministerien" und staatlichen Sicherheitsdienste unter Federführung des
Sicherheitsrats beteiligt waren, "spiegelt dieses Konzept weitgehend die Auffassungen des Generalstabs und des Präsidenten wider und markiert
den Wendepunkt in der Sicherheitspolitik Russlands: die NATO und die USA werden als wach
nde Bedrohung angesehen"10 . Dieselbe Einschätzung findet sich auch in der Militärdoktrin 11 wieder. Die im April 2000 verabschiedete
Militärdoktrin löste die Hauptleitsätze der Militärdoktrin der Russischen Föderation aus dem Jahr 1993 ab. Während in allen Dokumenten die
Bedrohung der nationalen Sicherheit auch durch innenpolitische Ereignisse und Krisen betont wird, wächst im russischen Bewusstsein
zunehmend das Gefühl, vor allem durch die Politik des Westens bedroht zu sein. Um diesen Wendepunkt nachvollziehen und einordnen zu
können, ist es notwendig, den politischen Kontext kurz zu skizzieren. Die 1997 verabschiedete Konzeption spiegelte eine völlig unterschiedliche
innenpolitische und weltpolitische Situation im Vergleich zu der am Jahresende 1999 wider. Das Jahr 1997 kann als das Schlüsseljahr für
Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion bezeichnet werden. Im Inneren sah man die ersten Lichtblicke einer beginnenden ökonomischen
Entspannung, was das russische Selbstbewusstsein nach all den Jahren des Zerfalls stärkte. In dieser Situation wurde eine Abkehr von den
Großmachtträumen und die Bereitschaft zur Integration in die Weltstrukturen, wie sie sich in der Konzeption 1997 finden lassen, auch
innenpolitisch durchsetzbar. Die Unterzeichnung der Grundakte über gegenseitige Beziehungen, Kooperation und Sicherheit zwischen der NATO
und Russland beim Gipfeltreffen der NATO und Russlands im Mai 1999 und die Gründung des Ständigen Gemeinsamen NATO-Russland-Rats
waren ein enormer Fortschritt bei der Institutionalisierung der postsowjetischen Ost-West-Beziehungen. Der vorläufige Höhepunkt war aber die
Aufnahme Russlands in die Gruppe der sieben führenden Industriestaaten (G7) auf dem Weltwirtschaftsgipfel im Mai 1998 als (formal) achtes
Vollmitglied. Die G7 wurde zur G8. Doch mit der russischen Finanzkrise und der Rubelabwertung am 17. 8. 1998 war diese Phase beendet. Die
Finanzkrise war Ausdruck der anhaltenden Rezession; ein Durchbruch zu nachhaltigen wirtschaftlichem Wachstum wurde trotz hoffnungsvoller
Anzeichen nicht erreicht. Der Rückstau ungelöster wirtschaftlicher und innenpolitischer Probleme dämpfte die optimistischen Erwartungen an die
eigene Zukunft. Die Finanzkrise war aber auch der Beginn neuer Spannungen im Verhältnis zum Westen. In den Augen vieler Russen hatte der
westliche Reformweg für Russland endgültig versagt. Vor allem die USA und die NATO hätten die Schwäche Russlands genutzt, um ihre eigenen
Interessen durchzusetzen. Als Beweise dienten die NATO-Osterweiterung um Polen, Tschechien und Ungarn im März 1999 oder die öffentliche
Erklärung des amerikanischen Präsidenten vom Juli 1999, in der er die Notwendigkeit eines amerikanischen Raketenabwehrschirms begründete
und seine Entwicklung ankündigte. Die "einseitig-kooperative" Phase in den Beziehungen Russlands zum Westen war aber spätestens mit Beginn
des Kosovo-Krieges beendet. Jelzin zeigt sich zutiefst empört über die völkerrechtswidrige Umgehung des UN-Sicherheitsrates. Als Reaktion auf
die NATO-Angriffe im Kosovo und in Serbien fror Russland im April 1999 die diplomatischen Beziehungen zur NATO ein und zog
seinen Botschafter aus Brüssel ab. Erst im Januar 2000 stellte Russlands Außenminister Iwanow eine Wiederaufnahme der eingefrorenen
Beziehungen zur NATO in Aussicht. In einer Moskauer Zeitung nannte er als Bedingung, für Russland müsse zuvor Klarheit herrschen, inwieweit
die Allianz bereit ist, Moskaus Interessen zu berücksichtigen. Bei einem Besuch des NATO-Generalsekretärs Robertson in Moskau im Februar
2000 wurden die Differenzen zwischen der NATO und Russland überwunden und der NATO-Russland-Rat nahm nach fast einjähriger Pause seine
Arbeit wieder auf. Dennoch: durch die Militäraktion der NATO im Kosovo sowie durch Angriffe der USA auf Ziele im Irak, Sudan und
Afghanistan 1999 gewann der Faktor militärische Gewalt in den internationalen Beziehungen (nicht nur) aus russischer Perspektive wieder an
Bedeutung. Der Vertrauensverlust Russlands zum Westen war und ist enorm.
Die neue außenpolitische Grundorientierung
Die außenpolitischen
Grundorientierungen, wie sie aus den genannten Dokumenten hervorgehen, lassen sich wie folgt zusammenfassen: Russland verfolgt das Ziel, eine multipolare
Weltordnung aufzubauen. Eine unipolare Weltordnung unter machtpolitischer und ökonomischer Dominanz der USA wird von Moskau als
Bedrohung der eigenen Sicherheit und als Destabilisierung des internationalen Systems abgelehnt. Interessanterweise widerspricht die
Militärdoktrin in diesem Punkt sowohl der Konzeption der nationalen Sicherheit als auch dem außenpolitischen Konzept. Die Verfasser der
Militärdoktrin sehen gerade in einer sich abzeichnenden multipolaren Weltordnung eine latente Gefahr für den Weltfrieden. Um dem Ziel einer
multipolaren Weltordnung ein Fundament zu geben, ist Russland gezwungen, sich nach Gegenpolen zu den USA umzusehen. Besonders Asien
gewinnt dabei eine stetig wachsende Bedeutung. Indien und China werden im außenpolitischen Konzept sogar als "strategische Partner"
betrachtet. Während Russland und Indien traditionell gute Beziehungen pflegen und diese im Jahr 2000 weiter ausgebaut haben, hat sich das
russischchinesische Verhältnis durch die Lösung alter Spannungen in den letzten Jahren stetig verbessert. Abgesehen vom gemeinsamen Ziel, die
weltpolitische Dominanz der USA zu begrenzen, stehen vor allem Wirtschafts- und Rüstungsprojekte sowie russische Rohstofflieferungen im
Vordergrund der russischchinesischen Kooperation. Daneben will Moskau besonders "traditionelle Partner", welche z. T. von den USA als "
Schurkenstaaten" isoliert werden (z. B. Iran, Irak), wieder stärker umwerben. Dabei gewinnen ebenfalls wirtschafts- und rüstungspolitische
Kooperationen zunehmend an Bedeutung. Die russischen diplomatischen und wirtschaftspolitischen Aktivitäten in der Krisenregionen des Nahen
Ostens oder im Persischen Golf sollen dagegen wohl eher den Amerikanern signalisieren, dass auch in diesen Ländern mit einem russischen
Engagement zu rechnen ist. Ne ben der Gegenmachtbildung zu den USA sind es also überwiegend wirtschaftliche Motive, die das russische
Engagement erklären. Dabei gewinnen vor allem die für die russische Rüstungsindustrie lebensnotwendigen Rüstungsaufträge zunehmend an
Bedeutung. Während die Dominanz wirtschaftlicher Motive erklärt, warum es faktisch keine außenpolitischen Aktivitäten Russlands in Afrika gibt,
erscheint das Fehlen fast jeglicher russischer Ambitionen in Lateinamerika weitgehend rätselhaft.
Konsolidierung im Innern als Voraussetzung
einer Konsolidierung nach außen
Die Unterstützung der gesellschaftlichen, politischen und besonders der wirtschaftlichen Reformen im Inneren
durch die Schaffung günstiger internationaler Rahmenbedingungen ist die Hauptpriorität der russischen Außenpolitik. Nur durch eine
Konsolidierung im Inneren könne eine machtpolitische Konsolidierung nach außen gelingen. Mangelnde Ressourcen werden im außenpolitischen
Konzept erstmals offiziell als ursächlich für die Begrenzung der internationalen Handlungsfähigkeit Russlands genannt. Aufgrund der Globalisierung
und den zunehmenden Interdependenzen sieht Russland eine wachsende Bedrohung der internationalen wirtschaftlichen Stabilität. Globale
Wirtschafts- und Finanzkrisen werden auch als eine Gefahr für die eigene Wirtschaft betrachtet. Diesen Gefahren könne nur durch eine wachsende
Bedeutung internationaler Wirtschaftsorganisationen, namentlich dem IWF, der Weltbank und allen voran der G8, begegnet werden. Russlands
Ziel ist es, seine Bedeutung in diesen Institutionen als gleichberechtigter Partner weiter zu erhöhen. Sowohl durch seine Mitarbeit in internationalen
Organisationen als auch durch bilaterale Verträge strebt Russland nach wirtschaftlicher Unterstützung, ausländischen Investitionen und Aufträgen
für die nationale (Rüstungs-) Industrie. Unter Berücksichtigung der realen finanziellen Möglichkeiten ist Russland um eine fristgerechte Rückzahlung
seiner Auslandsschulden bemüht. Russland betont die wachsende Bedeutung globaler, regionaler und subregionaler Integrationskerne für die
Weltwirtschaft, die internationale Stabilität und den Weltfrieden. Die Vereinte
Nationen sollen dabei als einzig legitime universelle internationale Organisation in ihrer besonderen Rolle für die friedliche Gestaltung der
internationalen Beziehungen erhalten bleiben. Eine Änderung des bisherigen Vetorechts bzw. eine Erweiterung des Sicherheitsrates über 21
Mitglieder hinaus wird von Moskau zurückgewiesen. Russland hat darüber hinaus ein Interesse an dem Erhalt bzw. der Stärkung der Rolle der
OSZE bei der Schaffung einer europäischen Sicherheitsarchitektur. Eine weitere Ausweitung der NATO nach Osten und die Aufnahme
ehemaliger Sowjetrepubliken wird strikt abgelehnt, ebenso die neue NATO-Strategie. Die Militäraktion der NATO im Kosovo und die
Umgehung des UN-Sicherheitsrats wird von Moskau scharf verurteilt. Nachträglich stimmte
Russland aber der UN-Resolution 1244 zu und
beteiligt sich konstruktiv an der internationalen KFOR-Truppe im Kosovo.
Die Betonung nuklearer Abschreckung
Russland will sich sowohl an
alle bestehenden Verpflichtungen zur Begrenzung und Reduzierung seiner nuklearen und konventionellen Waffen halten als auch darüber hinaus
über eine weitere Begrenzung und Reduzierung verhandeln. Sorgen bereiten Moskau die Pläne der USA zum Aufbau eines
Raketenabwehrschirms, der aus russischer Perspektive gegen den ABM-Vertrag verstoßen würde. Des Weiteren wird die Bekämpfung der
internationalen Proliferation von Massenvernichtungswaffen und des internationalen Terrorismus als wichtiges Ziel russischer Außenpolitik
bezeichnet. Die Gewährleistung der nationalen Sicherheit soll vor allem durch das nukleare Abschreckungspotenzial gesichert werden. Die
Schwelle für den Einsatz der Atomwaffen wurde dazu gesenkt. "Notwendig und gerechtfertigt sei ein solcher Einsatz schon im Falle einer
bewaffneten Aggression, wenn alle anderen Mittel zur Lösung einer Krisensituation ausgeschöpft und unwirksam sind" (Adomeit, FAZ, 15. 2.
00:11). Die Betonung der nuklearen Abschreckung ist auch eine Reaktion auf die in der Militärdoktrin geäußerte Einsicht, dass die
Kampfbereitschaft der konventionellen russischen Streitkräfte als "kritisch niedrig" zu betrachten ist. Trotz einer allgemeinen Aufwertung des
Militärs bleibt es in den Dokumenten offen, wer die "Ausrüstung der Streitkräfte mit modernen Waffen durch den militärischindustriellen
Komplex" vor dem Hintergrund mangelnder finanzieller Ressourcen bezahlen soll. Ebenso offen bleibt, wie "das Militär die Realisierung der
außenpolitischen Ziele" oder seine "Präsenz in allen strategisch wichtigen Weltregionen" gewährleisten soll. Es wird nicht einmal erwähnt, welche
Weltregionen eigentlich gemeint sind.
Bildung von Gegenmacht und Einflusszonen
Bis zum Amtsantritt Putins überwog die teils freiwillige, teils alternativlose Bereitschaft, sich durch
Anpassungsleistungen, Kooperation und teilweisem Autonomieverzicht in die Weltstrukturen einzufügen. Unter Anerkennung der Ziele und
Prinzipien der UN-Charta will Russland von nun an wieder verstärkt danach streben, das internationale Umfeld an eigene Bedürfnisse anzupassen.
Im außenpolitischen Konzept sieht sich Russland denn auch als Großmacht, die als eines der einflussreichste Zentren der modernen Welt in Zukunft
rational, pragmatisch und kühl seine nationalen Interessen verfolgen will. Statt "gleichberechtigter und partnerschaftlicher" Beziehungen zu den
führenden Mächten und internationalen Organisationen fehlt in der neuen Fassung das partnerschaftliche und wird durch "gegenseitig vorteilhafte"
ersetzt. An der konstruktiven Rolle Moskaus bei der Lösung internationaler Krisen und Probleme soll sich dennoch nichts ändern. Während
internationale Peacekeeping Einsätze im Einklang mit der UN-Charta als ein effektives Instrument zur Lösung von Konflikten bezeichnet werden,
sind "humanitäre Interventionen" oder das Konzept der "beschränkten Souveränität", "die nur der Legitimierung unilateraler Aktionen unter
Umgehung des UN-Sicherheitsrats dienen", für Russland nicht akzeptabel. Tatsächlich war sich Russland seiner weltpolitischen Verantwortung in
der Vergangenheit stets bewusst. Dies zeigt sich beispielsweise in der im Wesentlichen reibungslosen Zusammenarbeit bei den SFOR und KFOR-Einsätzen im ehemaligen Jugoslawien ebenso wie bei verschiedenen
russischen diplomatischen Initiativen in Krisenregionen (z. B. im Nahen Osten). Die begrenzte Kooperation einerseits, die Suche nach Partnern
zur Ausbalancierung der Gegenseite andererseits lässt auf ein Verständnis von internationaler Politik in den Kategorien Gegenmachtbildung und
Einflusszonen statt Integration und Kooperation auf breiter Basis schließen.
In den Beziehungen zu den USA werden die begrenzten
Handlungsspielräume am sichtbarsten
Trotz der Einbindung in internationale Organisationen und dem begrenzten Autonomieverzicht wurde und
wird in Russland Außenpolitik häufig bilateral und weniger multilateral verstanden. Von besonderer Bedeutung sind dabei die bilateralen
Beziehungen mit den USA, Europa und Deutschland. In der "romantischen Phase" der russischen Außenpolitik, auf dem Höhepunkt der
amerikanisch-russischen Beziehungen, wurde 1992 die Charta für die amerikanisch-russische Partnerschaft und Freundschaft unterzeichnet.
Seit dem haben sich die Beziehungen zu den USA deutlich abgekühlt.12 Zunächst belastet der Versuch der Amerikaner, in den ehemaligen
Sowjetrepubliken, besonders in der Region um das Kaspische Meer und im Baltikum, an Einfluss zulasten Russlands zu gewinnen, die
Beziehungen. Nachdem lange Zeit gemeinsame Interessen (Verlängerung des Atomwaffensperrvertrages und des Atomteststopp-Abkommens,
Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der Proliferation von Massenvernichtungswaffen) überwogen, dominieren derzeit die teilweise
weit differierenden Interessen und sorgen für Spannungen. Russland unterstellt darüber hinaus den Amerikanern, die russische
Kooperationsbereitschaft und Schwäche bewusst zur Durchsetzung eigener Interessen ausgenutzt zu haben und will deswegen die zukünftige
Zusammenarbeit auf das für die weltpolitische Stabilität und Sicherheit notwendige Maß beschränken. Letztlich ist es aber die Tendenz zur
unilateralen Weltordnung unter Führung der USA, die für Russland nicht akzeptabel ist. Doch "die russische Führung hat [sowohl] nach der
Rationalisierung ihrer Außenpolitik 1994 [als auch nach den Ereignissen von 1999] meist mehr mit starken Worten und symbolischen Gesten
gegen den Führungsanspruch der USA protestiert, als ihn durch praktische Taten unterminiert. In Streitfragen akzeptiert Moskau meist die
Haltung Washingtons, zum Teil wegen amerikanischen Kompensationsangeboten, zum Teil aus Einsicht in die eigene Schwäche" (Bierling, FAZ,
22. 3. 00:11). Gerade in den Beziehungen zu den USA werden die begrenzten außenpolitischen Handlungsspielräume Russlands am deutlichsten.
Auch wenn die USA im außenpolitischen Konzept erst an neunter Stelle der regionalen Prioritäten genannt werden, bleiben sie auch nach dem
Ende des Ost-West-Konflikts wichtigster Bezugspunkt und Gegenüber der russischen Außenpolitik. Das Verhältnis zur USA kann als der
Referenzpunkt für die Außenpolitik Russlands bezeichnet werden. Viele außenpolitische Grundpositionen Russlands müssen als direkte oder
indirekte Reaktion auf die internationalen Aktivitäten der USA verstanden und interpretiert werden.
Demgegenüber Kooperationsbereitschaft mit
der EU
In dem Maße wie sich die russisch-amerikanischen Beziehungen abkühlten, verbesserte sich das Verhältnis zur Europäischen Union und
deren Mitgliedsstaaten. 13 Wie gut und unbelastet die Beziehungen Russlands zur EU sind, spiegelt die Tatsache wider, dass die Duma in breitem
Konsens und ohne Verzögerung 1997 das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit der EU ratifiziert hat. Darüber hinaus hat Russland im
Oktober 1999 eine eigene Strategie für die Entwicklung der Beziehungen zur EU bis zum Jahr 2010 vorgelegt. Dass die EU im außenpolitischen
Konzept an zweiter Stelle der regionalen Prioritäten genannt wird, hat mehrere Gründe. Wenn für Moskau die Sicherheit, Stabilität und
demokratische Entwicklung auf dem Kontinent als wichtige Ziele im Vordergrund stehen sollen, dann gibt es schon aufgrund der geografischen
Nähe und den vielfältigen Interdependenzen keine Alternative zu einer umfassenden Kooperation. Im Gegensatz zu den russisch-amerikanischen
Beziehungen, in denen sich Russland als gedemütigter Gegenüber fühlt, versteht sich Russland im Verhältnis zu Europa als gleichberechtigter
Partner, was die Kooperationsbereitschaft erhöht. Von größter Bedeutung sind aber die Wirtschaftsbeziehungen mit den europäischen Staaten.
Die EU ist bei weitem der wichtigste Handelspartner Russlands. "Über 40 % seines Außenhandels wickelt das Land mit der EU ab"
(Timmermann 1999:3). Das Handelsvolumen mit der EU übersteigt das mit den USA um das Achtfache. Zur Unterstützung der wirtschaftlichen
Reformen im Inneren ist Russland auf eine Kooperation mit den Europäern angewiesen. Neben der wirtschaftlichen Kooperation versucht
Moskau neuerdings auch die Unterstützung der europäischen Staaten zur Umsetzung eigener Interessen zu gewinnen. Ein Beispiel dafür ist das
russische Bemühen um europäische Rückendeckung zur Verhinderung des geplanten Raketenabwehrsystems der USA. Im Gegensatz zur
NATO-Osterweiterung steht Moskau einer EU-Osterweiterung oder einer militärischen Integration in Europa gelassen gegenüber. Russland erhofft sich dadurch mittelfristig
die Etablierung eines von den USA eigenständigeren Machtzentrums. Dies würde dem russischen Streben nach einer multipolaren Weltordnung
entgegenkommen. Außerdem erhofft sich Russland, in der Ausnützung wachsender Differenzen zwischen Europa und den USA die eigenen
außenpolitischen Spielräume zu erweitern.
Deutschland als bevorzugter Partner
Innerhalb Europas kann Deutschland als der bevorzugte Partner
Russlands bezeichnet werden.14 Daran hat auch der russisch-britische Flirt beim Antrittsbesuch Putins im Westen nichts geändert. Moskau sieht
die Bundesrepublik als führende Macht in Europa und zweitstärkste Kraft in der NATO. Die persönliche "Saunafreundschaft" zwischen Kohl und
Jelzin sorgten durch eine intensive persönliche Kommunikation und Kooperation für sehr gute deutsch-russische Beziehungen. Nach den
Machtwechseln in Deutschland und Russland und aufgrund einiger ungelöster Probleme, z. B. die Zustimmung Deutschlands zur
NATO-Osterweiterung, die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg und die vergleichsweise harte Kritik am Tschetschenien-Krieg, kühlten die
Beziehungen zwischenzeitlich ab. Auch die multilaterale Außenpolitik unter Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer anstelle der unter
Kohl und Kinkel gepflegten Sonderbeziehungen zu Russland enttäuschte die Russen. Aus ihrer Sicht versteckt sich Deutschland allzu oft hinter der
EU, dem IWF, der OSZE oder der NATO und scheute sich, Verantwortung zu übernehmen. Ein "neuer Pragmatismus" und "gemeinsame
Interessen statt persönlicher Gefühle" sollten den Neubeginn der bilateralen Beziehungen beim Staatsbesuch Putins in Deutschland im Juni 2000
markieren. Vor allem die Wirtschaftbeziehungen prägen diese gemeinsamen Interessen. Deutschland ist der wichtigste wirtschaftliche Partner
Russlands in Europa und mit etwa 120 Milliarden DM der größte Gläubiger Russlands.
Bei allem Bedeutungsverlust bleibt Russland ein
weltpolitischr Akteur
Ist von den Perspektiven der russischen Außenpolitik die Rede, so tauchen zwei Szenarien auf, die gegensätzlicher nicht sein
können. Die einen fürchten, dass Russland früher oder später an die (militärische) Großmachtpolitik der UdSSR anknüpfen wird und damit
wieder in die alte Rolle des unberechenbaren, ja bedrohlichen Riesen im Herzen des eurasischen Kontinents schlüpft. Die anderen sehen den
völligen Bedeutungsverlust Russlands in der internationalen Politik voraus - je nach Standpunkt mit einem lachenden oder weinenden Auge. Auch
ohne Kaffeesatz zu lesen, sind zunächst zwei Dinge festzuhalten. Erstens: Russland verfügt weder über die finanziellen, machtpolitischen noch
militärischen Mittel zur Rückkehr in die frühere Rolle als Weltmacht. In der russischen Außenpolitik gibt es zudem eine erhebliche Diskrepanz
zwischen politischer Rhetorik und politischem Handeln. "Dem Großmachtgerede und Großmachtgehabe folgen nur selten entsprechende Taten,
zumindest nicht von Regierungsseite, wo die begrenzten außenpolitischen Optionen deutlicher gesehen werden als in der Duma" (Adomeit
1999:5). Zweitens: Trotz der im Verhältnis zur UdSSR geringeren politischen und strategischen Bedeutung bleibt Russland ein weltpolitischer
Akteur, ohne und gegen den zahlreiche weltpolitische Probleme nicht gelöst werden können. Was die zukünftige Kooperations- und
Integrationsbereitschaft Russlands mit dem Westen betrifft, so ist in Russland seit 1999 häufig zu hören, dass eine weiter reichende und enge
Zusammenarbeit abgelehnt wird, nach der Devise "Kooperation ja, aber nur soweit russische Interessen dabei berücksichtigt werden". Eine,
wenn auch z.T. begrenzte, Kooperation mit dem Westen wird entgegen diesen Äußerungen aber von allen ernst zu nehmenden russischen
Politikern als unvermeidbar angesehen und praktiziert. Dabei kann aber keinesfalls von einer Verwestlichung des eurasischen Riesenlandes
gesprochen werden. Das bisherige Scheitern der vom Westen propagierten (Wirtschafts-) Reformen und die militärische Intervention der NATO im Kosovo haben das Vertrauen in den Westen stark beschädigt und Russland darin bestärkt, seinen eigenen Weg zu suchen. Vor
allem die Beziehungen zu den USA haben unter diesem Vertrauensverlust gelitten. Auch wenn es widersprüchlich klingt: die USA bleiben
dennoch der wichtigste Bezugspunkt und Gegenüber der russischen Außenpolitik - an der amerikanischen "Supermacht" wird sich auch die
zukünftige russische Außenpolitik orientieren müssen. Um die beiden wichtigsten Ziele der russischen Außenpolitik, den Aufbau einer multipolaren
Weltordnung sowie die Unterstützung der (wirtschaftlichen) Reformen im Inneren, zu erreichen, gibt es in Moskau im Wesentlichen zwei
(regionale) Prioritäten. Russland orientiert sich zunehmend nach Europa und sucht vor allem in Asien nach Gegenpolen zu den USA. Als
weiterhin verlässlicher und verantwortungsvoller Akteur in den internationalen Beziehungen bewegt sich die russische Außenpolitik unter Putin also
zwischen einer neuen Großmachtrhetorik und kooperativer Anpassung bei begrenzten außenpolitischen Optionen. Letztlich wird aber nur ein
demokratisches und wirtschaftlich gesundendes Russland dauerhaft seinen noch immer beachtlichen außenpolitischen Einfluss friedlich und
verantwortlich ausüben. In diesem Sinne erscheint der weitere Verlauf der inneren Reformen als die Hauptdeterminante der zukünftigen russischen
Außenpolitik.
Literaturhinweise
1 Hamann, R. / Matthies, V. (Hg.): Sowjetische Außenpolitik im Wandel. BadenBaden 1991; Timmermann, H.:
Russland auf der Suche nach einem neuen außenpolitischen Profil. In: Osteuropa 42 (1992), H. 10, S. 817-835; Brown, A.: Der
Gorbatschow-Faktor. Wandel einer Weltmacht. Frankfurt/M., Leipzig 2000.
2 1991 erklärten Estland, Lettland, Litauen sowie elf
Sowjetrepubliken (Belarus, Ukraine, Moldawien, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan,
Kasachstan) die Unabhängigkeit.
3 Adomeit, H.: Russische Außen und Sicherheitspolitik zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Stiftung
Wissenschaft und Poliik, AP 3091. Ebenhausen 1999, S.17.
4 Ein Vergleich zwischen den Verteidigungsausgaben der USA und Russland
machen den Zusammenhang von wirtschaftlicher und militärischer Macht deutlich: während Russland 1997 je nach Berechnung max. 35000 Mio.
US $ für die Rüstung des Landes im Staatshaushalt vorgesehen hatte, waren es in den USA 254 290 Mio. US $. Bonn International Center for
Conversion: Conversion Survey 1999. Baden Baden 1999, S. 155/156.
5 Spahn, S.: Die Außenpolitik Russlands gegenüber der Ukraine und
Weißrussland von 1991 bis 1998. Herne 2000.
6 Als Mitglied im Europarat hat Russland 1998 die Europäische Menschenrechts und
Antifolterkonvention ebenso wie die Konvention über den Schutz nationaler Minoritäten unterzeichnet. Trotz der scharfen Kritik des Europarats
am militärischen Vorgehen Russlands in Tschetschenien und der vorübergehenden Suspendierung der russischen Mitgliedschaft im April 2000
haben beide Seiten ein Interesse am Erhalt des Dialogs und der Zusammenarbeit.
7 Thränert, O.: Perspektiven russischer Außenpolitik. In: Aus
Politik und Zeitgeschichte, B 30-31/1997, S. 3.
8 Foreign Policy Concept of the Russian Federation. Online:
http://www.mid.ru/mid/eng/econcept.htm [access: 24. 8. 2000].
9 Knabe, B.: Russlands neue "Konzeption der nationalen Sicherheit". In: Aktuelle
Analysen des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien Nr. 11, Köln 2000.
10 Schilling, W.: Russlands Militärmacht. In:
Osteuropa 50 (2000), H. 5, S. 25.
11 Walter, F.: Russlands Militärdoktrin 2000. In: Osteuropa 50 (2000), H. 7, S. 779-798 und A 221-A
246.
12 Mannteufel, I.: Russland und die USA vor dem Jahr 2000. Auf dem Weg in eine neue Konfrontation? In: Osteuropa 50 (2000), H. 1, S.
31-41.
13 Timmermann, H.: Russland und die internationalen europäischen Strukturen. In: Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche
und internationale Studien Nr. 29, Köln 1999; Vogel, H. (Hg.): Russland als Partner der europäischen Politik. In: Berichte des Bundesinstituts für
ostwissenschaftlich und internationale Studien Nr. 8, Köln 1996.
14 Zagorski, A.: Russlands Erwartungen an Deutschland. In: Aus Politik und
Zeitgeschichte, B 1-2/1997, S. 46-53.
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