Zeitschrift Russland unter Putin "So selbstverständlich wie Wodka, Kraut und Birkenbäume" Korruption und Kleptokratie |
|
|
Ausmaß und Ursachen Von Roland Haug Korruption ist in Russland ein weitverbreitetes Übel, das bis in die höchsten Ebenen des Staates reicht und die wirtschaftliche wie auch demokratische Entwicklung behindert. Gegenwärtig wird eine Art von "Manchester-Kapitalismus" praktiziert, wie aus einem sowjetischen Anti-Kapitalismus-Lehrbuch entnommen, in dem alles erlaubt ist, auch den Staat zu bestehlen und selbst kriminelle Mittel einzusetzen, um zum Ziele zu kommen. Doch die Wurzeln des Übels reichen weit in die Geschichte zurück, entsprechend schwer ist ihm beizukommen, zumal ein Schuldbewusstsein fehlt. Immer schon waren die Staatsdiener unterbezahlt, von daher ist die Versuchung groß, sein Einkommen aufzubessern. Zwar werden durchaus Versuche unternommen, Korruption zu bekämpfen, doch werden sie politisch instrumentalisiert. Zudem soll das mit noch mehr Staat geschehen. Doch die Heerschar der Staatsdiener umfasst gegenwärtig, Schätzungen zufolge, bereits 15 Millionen Menschen. Dieser Riesenapparat scheint ständig geschmiert werden zu müssen, damit er läuft. Ein Umdenken also tut Not. Red."In einem korrupten Volk kann die Freiheit nicht gedeihen." Edmund Burke Gesetzlosigkeit und Raffgier der neuen Elite Korruption ist in der Russischen Föderation so weit
verbreitet, dass fast jede Staatsinitiative von ihr befallen zu sein scheint. Die Maßlosigkeit von Korruption und Kleptokratie beschädigt nicht nur
die Autorität der Regierung, sondern das Ansehen des ganzen Landes. Der Unterdrückung dieser negativen Erscheinungen müsste deshalb die
höchste Dringlichkeit zukommen. Korruption gedeiht in unklaren Strukturen, wo es um Geld und Macht geht Auch im chaotischen, vulgären und barbarischen Russland müsste Korruption nicht der vielbeschworenen "Krake" ähneln. Auch brauchte sie nicht - so das andere Klischee - "wie ein Krebsgeschwür zu wuchern". Korruption ist von Menschen gemacht. Sie gedeiht in unklaren Strukturen und taucht immer auf, wo es um Geld und um Macht geht. Es bedarf eines bestimmten Klimas, in dem die Korruption ihre Blüte treibt. Ursachen korrupter Praktiken sind:
Das Versagen eines ausufernden Staates soll durch noch mehr Staat bekämpft werden Der Aufbau eines Rechtsstaates in der Russischen Föderation hätte mit dem Kampf gegen
die Korruption beginnen müssen. Dieser Kampf wird aber auch unter Putin nicht geführt. Westliche Exporteure hoffen nun, dass der sympathisch
lächelnde Putin mit dem großen Hobel Ordnung schafft und dem Chaos, der Mafia und der Korruption ein Ende bereitet. Doch alles geht weiter
wie gewohnt. Nicht dass Putin untätig wäre. Sein Denkfehler besteht darin, dass er das Versagen des Staates mit noch mehr Staat kurieren will.
Gegen die Korruption gründet er Anti-Korruptions-Komitees. Doch populistische und demagogische Kampagnen führen am Ende zu nichts. Sie können
sogar zu einer Verfestigung der Korruption führen, weil die wahren Ursachen, die Umtriebe der Schuldigen, verschleiert werden. Tief in der russischen Geschichte verwurzelt Heute sind Begriffe wie "Korruption" und "Russland" nahezu deckungsgleich. Entgegen einer weitverbreiteten Annahme ist aber die Alltags-Korruption keine unmittelbare Folge des Zusammenbruchs der UdSSR. Sie ist vielmehr in der Historie tief verwurzelt. Bis ins 18. Jahrhundert erhielten russische Beamte überhaupt keinen Lohn. Sie sollten deshalb für ihre Tätigkeiten Gebühren erheben und sich damit finanzieren. Im 19. Jahrhundert waren die Löhne minimal. Sie wurden schon damals mit Verspätung ausbezahlt. Einerseits mussten sich die Beamten Fremd-Gelder in die eigene Tasche stecken, um ihre Familie ernähren zu können. Auf der anderen Seite litten russische Untertanen unter der Ineffizienz des Staates. Schon der KP-Elite war durch und durch korrupt, und dies schon zu Zeiten des gefürchteten Diktators Stalin. So unterschlug z.B. der gefeierte "Sieger von Berlin", der Sowjet-Marschall Jurij Schukow gleich einen ganzen Eisenbahnwaggon. Er war voller Preziosen, die in Deutschland zusammengestohlen worden waren. Wer sich mit dem Nötigsten versorgen wollte, der kam vor allem in der Sowjetzeit nicht ohne "gute Freunde" aus. Man musste versuchen, sich in ein Netzwerk einzubringen und sich darum bemühen, die Protagonisten dieses Systems bei Laune zu halten. Nicht immer war man so plump, diese wichtigen Leute direkt zu schmieren. Das wäre dann doch zu gefährlich gewesen. In der Sowjetunion hatten sich subtilere Methoden der indirekten Bestechung herausgebildet, wie zum Beispiel bargeldlose, oft zeitverschobene Entschädigungsformen, so genannte "Kredit"-Vergaben, Stellen für den Austausch von Äquivalenten, geldwerte Vorteile wie zum Beispiel Luxusreisen. Das System beruhte auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Über derartige Netzwerke konnte man sich in der Sowjetunion fast alles beschaffen. Man brauchte eben nur Verbindungen oder den Kontakt zu Leuten, die wiederum über eine andere Verbindung verfügten. Dabei gehörte es zum Komment, dass man selbst etwas zu diesem Netzwerk beitrug. Tat man das nicht, dann verlor man seine " Kreditwürdigkeit". In der UdSSR wurde das System als blat beizeichnet. Blat vertuschte die Reziprozität. Eine rein ökonomische Beziehung wurde von einer persönlichen Freundschaft verdeckt. Blat verwischte auch die Grenze zwischen Geschenk und Schmiergeld. Auch Staatsbetriebe stützten sich auf das Blat-Netzwerk. Derartige Mechanismen entstehen bei mangelnder öffentlicher und juristischer Kontrolle. Man kennt das auch im Westen. Man spricht dann von "Vitamin B" oder von "Filz". Der verlässlichste Wachhund dagegen ist eine demokratische Aufsicht. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat diese Mechanismen brutalisiert Der Zusammenbruch der UdSSR hat diese Mechanismen weiter ausgeprägt
und auch brutalisiert. Korruption und Schiebereien erreichten noch größere Dimensionen. Auf allerhöchsten Kommandohöhen und in einem
schier unvorstellbaren Ausmaße werden heutzutage Bestechungsgelder oder geldwerte Vorteil akzeptiert (Mega-Korruption auf allerhöchster
Ebene).1 Bis in die engste Umgebung Jelzins hinein Berichte über Korruption und Geldwäsche reichten bis in die engste Umgebung von Ex-Präsident Jelzin. Der Vorwurf gegen die Jelzin-Familie lautete: Die Schweizer Firma "Mabetex" habe der Familie Jelzin über Kreditkarten riesige Beträge bezahlt. Der ermittelnde Generalstaatsanwalt Skuratow wurde daraufhin zur unliebsamen Person; er wurde suspendiert. Dabei stellte man die Dinge gleichsam auf den Kopf. Es wurde von Provokationen des Generalstaatsanwaltes gesprochen, die "diesem hohen Amt unwürdig" seien. Schuld waren in Russland also nicht jene, die staatliche Gelder wuschen und sich bereicherten, sondern jene, die in solchen Straftaten ermittelten, oder auch nur darüber berichteten. Niemand in Russland wunderte sich darüber, dass alsbald auch der neue Generalstaatsanwalt Ustinow, in ein schiefes Licht geriet. Der Verwalter der Kreml-Liegenschaften, Pawel Borodin, soll auch Ustinow bestochen haben. Dieser habe von Borodin aus Staatbesitz eine teuere Moskauer Wohnung erhalten. Ziel dieser Aktion sei es gewesen, dass ein gegen den Kreml-Verwalter anhängiges Korruptionsverfahren eingestellt wird. Borodin war eine der Schlüsselfiguren im so genannten "Mabetex"-Skandal. Er soll von der Schweizer Firma Schmiergelder in Millionenhöhe angenommen und dafür dieser Firma den Renovierungsauftrag für den Kreml-Palast verschafft haben. Nach Recherchen Schweizer Ermittler hat "Mabetex" 15 Millionen Schweizer Franken (18,3 Millionen DM) Schmiergelder an russische Beamte verteilt. In diese Affäre waren auch die beiden Töchter des Ex-Präsidenten Jelzin verwickelt. Die Folgen sind inkompetente und ineffektive Entscheidungen Da so intensiv in das eigene Portefeuille gewirtschaftet wird, kommt es auch zu zahlreichen inkompetenten und ineffektiven Politiker-Entscheidungen. Wen wundert es da, dass die Autorität des russischen Staates nur gering zu veranschlagen ist. Dieser Staat ist aber (entgegen einer weit verbreiteten Ansicht) keineswegs schwach. Ganz im Gegenteil. Dieser Staat ist wuchtig und allgegenwärtig. Der Staat kontrolliert den Bürger mit alttestamentarischer Strenge. Doch dann lässt er wieder Gnade walten. Entweder wird nach Gutdünken verfahren oder (etwa nach der Entrichtung von Geldbeträgen) eine mildere Sühneleistung abverlangt. Und so ist denn auch die von Wladimir Putin propagierte "Diktatur des Gesetzes" zu verstehen. Sie kann im Prinzip jeden treffen. Aber sie trifft bei weitem nicht alle. Sie kann einen unerwartet und mit großer Intensität ins Visier nehmen. Aber sie kann dann wieder auf einen Wink von oben abgemildert und sogar annulliert werden. Korruptionskämpfer wie Nemzow und Primakow scheiterten Kritiker des bestehenden Regimes wie der frühere Gouverneur von Nischnij Novgorod, Boris Nemzow halten Russland für ein staatsmonopolistisches, mafios korrumpiertes Wirtschaftsgebilde. Doch auch Nemzow konnte sich nicht behaupten. Sein Gegenentwurf, das " Reformmodell von der Wolga", ist bei den Schlachten an der ökonomischen Front nicht zum Vorreiter geworden. Nemzows Erfolge ließen sich nicht auf das übrige Land übertragen. Der frühere Vize-Premier stieß auf den hartnäckigen Widerstand der Staatsverwaltung. Er musste gehen. Der ehemalige russische Premier Primakow hatte mehrfach auf die Notwendigkeit hingewiesen, in Wirtschaft und Politik endlich Ordnung zu schaffen. Sie wurde für ihn einfach zu einem nationalen Sicherheitsproblem. Wenn es nicht gelingt - so der ehemalige Präsidentschaftskandidat - stehe die Existenz ganz Russlands auf dem Spiel. Kriminelle Strukturen kontrollierten schon jetzt 40 Prozent der russischen Wirtschaft. Schon lange geht es den entsprechenden Kreisen nicht mehr darum, einzelne Beamte oder Politiker zu bestechen, sondern die gesamte Regierung zu infiltrieren. Dadurch wird die Idee der Marktwirtschaft gründlich diskreditiert. Primakow ist gegen eine totale Rücknahme der Privatisierung. Er meinte, ein derartiger Schritt werde Blutvergießen mit sich bringen. Allerdings müsse man in einigen Fällen die Privatisierung dann aber doch rückgängig machen. Und zwar immer dann, wenn klar sei, dass gestohlen wurde und Haushaltsgelder in die eigene Tasche gewirtschaftet worden seien. Nach Primakows Überzeugung hatte sich schon fast die ganze Führungselite schuldig gemacht. Bereits im Dezember 1998 hatte er Anweisung an den Generalstaatsanwalt gegeben, er möge wegen Korruptionsverdachts gegen führende Politiker Ermittlungsverfahren eröffnen. Der als integer und unbestechlich geltende Primakow wusste, wovon er sprach. Es war ihm auch bewusst, warum ihn Jelzin aus seinem Regierungsamt vertrieb. Da man den Kämpfer gegen die Korruption nicht mit gleichen Waffen schlagen konnte, versuchten seine Gegner ihn, Primakow, zu diskreditieren. So versuchte man, ihm das Image eines rückwärts gewandten Scharfmachers anzudichten, der in Russland einen Polizeistaat einrichten wolle. Ausländische Investoren werden abgeschreckt Es sind nicht einmal die hohen Steuern oder die rückständigen Infrastrukturen, die ausländische Investoren abschrecken. Schuld an der geringen Bereitschaft zu investieren ist vielmehr der Mangel an klaren, stabilen, vom Staat garantierten und geschützten Rechten der Unternehmer. Ganze Beamtenpulks leben von der Wirtschaft und von dem, was dabei abfällt. Doch die russische Staatsverwaltung ist nicht nur bis zur Halskrause korrupt. Sie ist auch maßlos überbesetzt. Kaum eine wirtschaftliche Tätigkeit, die nicht über irgendwelche Lizenzen, sprich: Bestechungsgelder reguliert wird. Die russischen Steuerbehörden sehen sich z. B. nicht in der Lage, die Einnahmen für den Verkauf von Erdgas, Erdöl, Edel- und Buntmetallen zu kontrollieren. Es handelt sich hierbei um Milliardengeschäfte, bei denen Unsummen dem Staatsbudget vorenthalten bleiben. Sie fließen erst gar nicht nach Russland, sondern auf Auslandskonten. Dieses System konnte nur funktionieren, weil wichtige Leute in den Aufsicht führenden Ministerien selbst von diesen Operationen Nutzen zogen. Mittlere, aber auch kleinere Unternehmen in Moskau, werden von etwa 50 Organisationen heimgesucht. Es sind dies zum Beispiel die Gewerbeaufsicht, die Miliz, die Architektur-Aufsicht, der Pensions-Fonds, die Feuer-Polizei, das Gesundheitsamt und viele andere. Alle wollen sie abkassieren. Weigert sich ein Unternehmer, "finanzielle Gleitmittel" zu offerieren, legen sich diese Aufsichtsgremien quer. Auch normale Polizisten bessern sich ihre armseligen Gehälter mit Schmiergeldern auf. Autofahrer werden wegen angeblicher oder tatsächlicher Verstöße gegen die Verkehrsregeln zur Kasse gebeten - selbstverständlich privat und ohne Quittung. Zehn Prozent der Gewinne gehen für Bestechung drauf Georgij Satarow, ein ehemaliger Mitarbeiter Präsident Jelzins, ist der Ansicht, dass von den Gewinnen kleiner und mittelgroßer Unternehmen für die Bestechungssummen in der Verwaltung zehn Prozent draufgehen. Allein für die Eröffnung einer Autowerkstatt in Moskau musste 1998 für die erforderlichen Genehmigungen eine Summe von 30.000 Mark bereit gestellt werden. Korrupte Bürokratien sind eng mit Mafia-Strukturen verflochten. Bestechungen und Bestechlichkeit wuchern in den Organismen von Staat und Gesellschaft. Um ein eher harmloses Beispiel zu nennen: Im angeblich kostenlosen russischen Krankenhaus geht nichts mehr ohne Schmiergelder. Wer ein Zimmer haben und nicht in einem Notbett auf dem Gang liegen will, der zahlt mit Hunderten von Dollars. Ethische Skrupel haben die meisten Ärzte nicht mehr. Sie nehmen reichlich Geschenke an. Von ihrem Salär können sie nicht leben. Banken und Mafia In der Welt der Mafia spielen die Banken eine wichtige Rolle. Es dient unbestreitbar, dass sich das organisierte Verbrechen der Banken bedient und dass viele Geldhäuser der Mafia auch gehören. Die unkontrollierte Entwicklung des russischen Bankensektors hat der Mafia ihr Handwerk gewaltig erleichtert. So ist es in Russland kein Geheimnis, dass bis zum Jahr 1993 die Lizenz zur Gründung einer Bank gegen ein westliches Luxusauto zu erhalten war. Die Mafia benötigt die Banken nicht billiger Kredite wegen. Sie braucht sie aber, um die von ihr erpressten Gelder zu waschen. Schmutziges Geld wird transferiert. Oder: Es wird so lange zwischen den Konten hin- und hergeschoben, bis es als sauber gelten kann. Dass die meisten Banken in dunkle Machenschaften verwickelt sind, bestreitet niemand in Russland. Die meisten russischen Banken sind nur spekulative Handelshäuser, die für ihre Geschäfte aus dem Devisenhandel, mit staatlichen Schuldverschreibungen und mit mancherlei suspekten Tätigkeiten ein riesiges Aufgeld kassieren. Im Wirtschaftsbereich sind die Banken deshalb auch "keine Helfer, sondern Räuber und Schmarotzer".3 Korruptionsbekämpfung wird politisch instrumentalisiert Korruptions-Vorwürfe gegen Politiker können die Russen kaum noch verblüffen. In den Medien berichtet man darüber häufig in distanzierter Form. Die meisten Menschen in der Russischen Förderation haben sich schon lange damit abgefunden, dass "die da oben" machen können, was sie wollen. Die Erfahrung zeigt, dass die volle Schärfe des Gesetzes immer nur gegen jene angewandt wird, die cht über mächtige Freunde verfügen. Ermittlungen gegen Industrielle, Politiker und Behörden wegen Korruption oder Veruntreuung haben fast immer einen politischen Hintergrund. Sie sind ein Instrument im Machtkampf. Rechtliche und moralische Überlegungen spielen dabei keine Rolle. Gleiches gilt für den Generalstaatsanwalt. Er wird vom Kreml kontrolliert. Selbständige Aktionen und Ermittlungen gegen verdächtige Industriemanager oder Politiker gibt es nicht. Schlimmer noch: In vielen Regionen fürchten die Richter die Regierung und nicht umgekehrt. Solange sich Russland nicht als Rechtsstaat einrichtet, in dem die Bürger ihre Rechte einklagen können, ist an eine wirkliche Bekämpfung der Korruption gar nicht zu denken. Ob man die Korruption mit Polizei-Razzien bekämpfen kann, bleibt fraglich. So sollen Gelder des Internationalen Währungsfonds und des amerikanischen Nahrungsmittel Programms für Russland veruntreut worden sein. Insgesamt zwölf Regierungsmitglieder standen im Verdacht, über New Yorker Banken eine Geldwäsche in Höhe von 15 Milliarden Dollar betrieben zu haben. Der frühere russische Regierungschef Kirijenko hat Berichte über Korruption innerhalb seiner Regierung bestätigt. Ihm selbst - so Kirijenko - seien als Ministerpräsident mehrmals Bestechungsangebote gemacht worden. Man habe ihm vorgeschlagen, ihn für eine bestimmt Entscheidung zu " belohnen". Der Chef der Reformpartei "Jabloko", Grigorij Jawlinskij, warf einigen Mitgliedern der Regierung Primakow vor, für ihre Ministerposten hohe Geldsummen bezahlt zu haben. Zum ersten Mal geriet der Jelzin-Clan selbst in Verdacht, in den Genuss von Schmiergeld zu kommen. Für den legendären kleinen Mann in Russland war das die Bestätigung dessen, was er schon immer zu glauben wusste: In Russland wird schamlos gestohlen. Es fehlt das Schuldbewusstsein Der ehemalige Präsident Jelzin hatte wiederholt den Standpunkt vertreten, dass die
Wirtschaftsbürger Angst davor haben müssten, öffentliche Mittel zu veruntreuen oder Schmiergelder anzunehmen. Weit gefehlt: Die meisten
Bestechungsaffären bleiben unentdeckt. Oder aber: Man sitzt sie aus. Die Korruption ist längst zu einem festen Bestandteil des russischen
Wirtschaftlebens geworden. Da werden Existenzen gegründet und Supervermögen aufgehäuft. Ganze Familien werden zu Kleptokraten -, leben
von Schweige, Schutz und Schmiergeldern und bereichern sich aufgrund gesellschaftlicher Privilegien auf unsoziale Art und Weise. Um diesem
russischen Nationalübel Herr zu werden, würde deshalb auch die petrinische Methode nicht helfen: Zar Peter der Große hatte vor 300 Jahren
angeordnet, bestechlichen Beamten des St. Petersburger Hofes die Hosentaschen zuzunähen. Der Erfolg war gleich Null. Die Vorstellung, dass
der Staat ein gemeinsames Gut aller sei, dem der Bürger Loyalität schulde, hat sich in Russland einfach nicht durchsetzen können. Die Macht im
russischen Imperium ist personifiziert. Sie tritt in Gestalt von Zaren, Parteisekretären und Regierungsmitgliedern bis zu den kleinen Beamten hinab.
Sie alle brauchen vzjatki (Bestechungsgelder), weil sie sich legal nicht ausreichend versorgen können. So etwas wie Verantwortungsgefühl
empfinden sie nur gegenüber der eigenen Familie und ihren besten Freunden. Es fehlt schlichtweg das Sündenbewusstsein, denn nach allgemeinem
Verständnis erleichtert der Bestochene doch nur dem Bestechenden, seine Geschäfte zu erledigen. Geholfen sei damit doch beiden, heißt es.
In Zentralalsien und in den Turk-Republiken sieht es noch einmal anders aus Besondere Formen der Kleptokratie und Korruption haben sich in den
zentralasiatischen und Turk-Republiken der ehemaligen Sowjetunion etabliert. Ein besonders riskantes Land für Investoren ist - abgesehen vom
Ölsektor - die Republik Aserbeidschan. Dort ist die Korruption auf allen Ebenen das grundlegende Herrschaftsprinzip. Dazu muss man wissen:
Die Untergebenen des Staatschefs Alijew dürfen sich bereichern, wenn sie ihm, dem Staatschef, loyal sind. Damit hat dieser sie auch in der Hand;
er kann sie jederzeit erpressen. Ein Großteil der Staatsstellen ist nur gegen Bezahlung zu bekommen. Besonders erstrebenswert und teuer sind
die Posten bei der Verkehrspolizei oder beim Zoll, weil man dort zumeist viel Geld herauspressen kann. Auch muss man Gebühren für
Dienstleistungen entrichten, für die man dann gar nichts erhält. Literaturhinweise * Christoph Neidhart: Die "Favor"Bank und ihre Kunden. In NZZ/12. 3. 2000. ** Izvestija 27. 8. 99. *** So Vladimir Miljutenko in: Vostok 1/1999, S. 16. **** Nachrichtenagentur Inferfax vom 27. 8. 1999.
|
|
Copyright © 2001 LpB Baden-Württemberg HOME |
Kontakt / Vorschläge / Verbesserungen bitte an: lpb@lpb-bw.de |