|
Inhaltsverzeichnis
Der Bevölkerung nach der
zweitgrößte Staat der Welt
Indiens geographische Grundlagen Ein
Überblick
Von Jürgen Clemens
Diplom-Geograph Jürgen Clemens arbeitet am Institut für
Wirtschaftsgeographie der Universität Bonn und ist Mitarbeiter des Südasienbüros in Essen
sowie der Redaktion der Zeitschrift "Südasien ".
Indien ist ein Subkontinent, nach Größe wie nach Vielfalt seiner
naturräumlichen Bedingungen und kulturellen, von Menschen geschaffenen Gegebenheiten. Von
bestimmender Bedeutung ist der Monsun, insbesondere der Sommermonsun: Er liefert den
notwendigen Niederschlag, kann aber auch Überschwemmungen bringen; verspätet er sich,
hat das verheerende Folgen für die Landwirtschaft und die Ernährung der Menschen. - Nach
wie vor ist Indien ein Agrarstaat, auch wenn gemessen am Bruttoinlandsprodukt - das
Produzierende Gewerbe inzwischen gleichgezogen hat: Immerhin sind aber noch zwei Drittel
der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft beschäftigt. Der Anbau von Nahrungsgütern
konnte mit dem hohen Bevölkerungswachstum Schritt halten, dank der "Grünen
Revolution", deren Auswirkungen allerdings kontrovers diskutiert werden. - Trotz dem
gewaltigen Anwachsen der "Megalopolen" ist Indien ein Land der Dörfer
geblieben. Die Bevölkerungsentwicklung ist gebremst, wird mit verändertem Heiratsverhalten und steigender Bildung auch weiterhin an Tempo verlieren. - Entsprechend der
Größe und Vielfalt des Landes ist die Entwicklungsdynamik Indiens je nach Region sehr
unterschiedlich.
Red.
Größer als die EU bei dreifacher Bevölkerungszahl
Ein Überblick der geographischen Grund lagen kann
aus der Vielfalt räumlich relevanter Aspekte und Prozesse des indischen Subkontinents
und Kulturerdteils nur eine begrenzte Auswahl aufgreifen. Dieser Beitrag greift nach den
naturräumlichen Grundlagen schwerpunktartig die für Indien weiterhin bedeutende Land
wirtschaft, die demographische Entwicklung und Urbanisierung sowie die regionalen
Entwicklungsunterschiede auf.
Die Dimensionen dieser nach Kriterien der Weltbank
und Vereinten Nationen "armen" Nation mit "geringer menschlicher
Entwicklung" erreichen wiederholt Superlative, etwa als "größte Demokratie" oder "größtes Entwicklungsland" der Welt, wobei auch die Spannbreite
der regionalen und sozialen Entwicklungsunterschiede extreme Ausmaße einnimmt. Schon
die räumliche Ausdehnung des weltweit siebtgrößten Flächenstaates mit etwa 3200
(Nord-Süd) oder 2900 Kilometern (West-Ost) sowie die Vielfalt der Naturlandschaften von
den feuchten Tropen bis zu Wüsten und Hochgebirgsgletschern läßt keine einfachen
generalisierenden Darstellungen zu. So ist das indische Staatsgebiet größer als
das der Europäischen Union (EU), und die weltweit zweitgrößte Bevölkerung übertrifft
die der EU um nahezu das Dreifache. Alleine der bevölkerungsreichste Bundesstaat Indiens,
Uttar Pradesh, müßte als selbständiger Staat weltweit auf Rang sieben, noch vor dem
Nachbarstaat Pakistan, eingestuft werden. Aufgrund der Vielschichtigkeit von Natur,
Kultur, Ökonomie und Politik, oftmals als "Einheit in der Vielfalt" zitiert,
ist die synthetische Behandlung Indiens eine besondere Herausforderung, die in der
deutschsprachigen geowissenschaftlichen Literatur nach den fünfziger (Alsdorf 1955;
Krebs 1939/65) und siebziger Jahren (BlencklBrongerlUhlig 1977) erst
wieder Mitte der neunziger Jahre aufgegriffen wurde. In der Zwischenzeit
wurden in Fachzeitschriften wohl Themenhefte publiziert (z.B. Geographische
Rundschau 1984, 1989, 1993), zu Aspekten, die auch wiederholt Einzug in
Erdkunde-Schulbücher gefunden haben, wie die "Bevölkerungsexplosion" und
"Slum-Problematik" oder die "Grüne-Revolution" (z.B. , Brongerlv.d.
Ruhren 1986; DIERCKE 1996).
Nach 50 Jahren der politischen Unabhängigkeit und
zahlreichen Publikationen mit landeskundlichen Inhalten (z.B. v. Schwerin 1988; Rothermund
1994; Schweizer 1995) oder solche in populären Medien (z.B. GEO Special hat
die wissenschaftliche Darstellung Südasiens und vor allem Indiens offensichtlich wieder
eine Renaissance erfahren. Neben dem Indien-Hand buch (Rothermund 1995a) und dem
Indien-Länderprofil (Bronger 1996b) sind weitere geographische Länderkunden in
Vorbereitung (Stang; Kreutzmann).

Drei Großräume: die Halbinsel ...
Nach geologischen und geomorphologischen Kriterien
läßt sich der Subkontinent Südasien in drei Großräume gliedern, die tektonisch enge
Verbindungen aufweisen: die weitgehend eingeschrumpfte Dekhan Scholle der Halbinsel im Süden
als Bestand teil der geologisch ältesten Landmassen der Erde, dem im Mesozoikum zerbrochenen "Gondwana-Land", die flachen nord indischen Ebenen als jüngste Großeinheit
sowie junge alpidische Faltengebirge im Norden mit einem sehr differenzierten Relief. Die
in Abbildung 1 aufgezeigten Großlandschaftseinheiten orientieren sich an Uhlig (1977),
während andere natur räumliche Gliederungen diese Großeinheiten sehr viel stärker
differenzieren (vgl. die auf Herresthal basierende Karte in Bohle 1995: 24
f. oder Johnson 1979).
Abbildung 1: Der Naturraum Südasien. Entwürfe:
J. Clemens. (a): Verändert nach Uhlig (1977) (b): verändert nach Diercke Weltatlas
(1996: 144, Karte 4) (c): Quelle: Länder und Klima (1982: 67-72)
Vom gebirgigen Süden, mit Gebirgsblöcken von bis
zu 2700 Metern verlaufen die küstenparallelen Westghats (ghats, d.h. Stufe,
Böschung) als steiler Abfall der schräggestellten Dekhan-Scholle, die nach Osten nur
sanft abfällt. Vielfach sind auch Inselberge mit ihren steil über das Flachre lief
aufragenden Flanken als typische Form der wechselfeuchten Tropen vorzufinden. Die Ostghats
bilden den östlichen Rand des Dekhan und erreichen Höhen von mehr als 1500 Metern.
Sie sind im Gegensatz zu den Westghats keine geschlossene Bergkette, sondern in einzelne
mittelgebirgsartige Berggruppen gegliedert und werden meist als Eastern Hills bezeichnet.
Auf der Halbinsel bilden große, von den West- und Ostghats umfaßte Granit- und
Gneis-Plateaus die wichtigsten morphologischen Einheiten. Im Süden schließen sich
gewellte Rumpfflächenlandschaften über den archaischen Gesteinen des Dekhan an. Daneben
sind im Westen die Schicht stufenlandschaften des vulkanischen Dekhan-Hochlandes
bestimmend, und nördlich der Grabenbrüche von Narmada und Son schließen sich
Schichtstufen, Plateaus und Ebenen des geologisch und geomorphologisch stärker
differenzierten, zentralindischen Berglandes an. Das Aravalli Gebirge bildet den
Abschluß nach Nord westen zum Industiefland, während die Gangesebene den Dekhan nach
Norden begrenzt. Der Küstensaum der Halbinsel, vom Runn of Kutch über das Kap
Kanya kumari (Cape Comorin) bis zum Ganges Brahmaputra-Delta, weist einen recht aus
geglichenen Verlauf auf. Ausläufer der Westghats reichen in den schmalen Küstensaum,
und die Malabar-Küste im Süden wird durch küstenparallele Dünengürtel und Lagunen
gegliedert. Die Ausgleichsküste der Ostküste weist teil weise schon verlandete Haffs
auf, und ausgedehnte Küstenebenen greifen im Bereich der großen Flußdelten buchtartig
ins Binnenland. Südlich der Orissa-Küste erreichen die Ostghats nahezu das Meer, und
weiter nördlich schließen sich Gezeitensümpfe und Mangrovenwälder im Delta von Ganges
und Brahmaputra an. Das Drainagenetz der Halbinsel ist auf Grund einer pultförmigen
Hebung asymmetrisch, einzig die Flüsse Tapti und Narmada münden ins Arabische Meer. Im
Süden verläuft die Wasserscheide entlang des Grates der Westghats, und die tief ein
geschnittenen Flüsse der Westabdachung erreichen nach nur kurzem Lauf das Meer. !n der
indischen Literatur werden diese coastal rivers von den Inland rivers mit
weit verzweigten Einzugsgebieten unterschieden (VijlShenoy 7968), die den
größten Teil der Halbinsel zum Golf von Bengalen entwässern. Sie bilden an der
Ostküste ausgedehnte, fruchtbare Mündungsdelten, und ihre Abflußregime sind wegen der
Monsunniederschläge im Jahresverlauf sehr unausgeglichen.
... das Stromtiefland mit Indus, Ganges und
Brahmaputra ...
Mit den Strömen von Indus, Ganges und Brahmaputra
erstreckt sich das Stromtief land der nordindischen Ebenen zwischen dem Dekhan und dem
nördlichen Gebirgsrahmen und reicht auch nach Pakistan und Bangladesch. Im Westen
schließt das Tiefland auch das Trockengebiet der Tharr sowie die Salzsümpfe des Kutch
ein. Das Ganges-Einzugsgebiet umfaßt etwa ein Viertel des indischen Territoriums und wird
überwiegend von Flüssen aus dem Hohen und Vorderen Himalaya gespeist, die nach dem
Austritt aus dem Gebirge rasch an Gefälle verlieren, mäandrieren und ihre Mündungen
verschleppen. Über weite Strecken fließen sie parallel zueinander und bilden große
Zwischenstrom platten aus Flußsedimenten (doabs, Land zwischen zwei Wassern).
Entlang der Südabdachung des Himalaya Systems
stehen durchlässige Schotter-, Kies- und grobe Sandablagerungen auf Schwemmfächern der
Gebirgsflüsse an, und kleinere Flüsse fallen in der Trocken zeit meist trocken. Im
tiefer gelegenen, feuchten Terai treten die Sickerwässer über tonigen Schichten
wieder aus. Dessen sumpfiges Wald- und Savannenland konnte aufgrund der
Malariaverbreitung erst nach intensivem Insektizideinsatz dauerhaft besiedelt werden.
Der Brahmaputra fließt in westsüdwestlicher
Richtung durch das Tiefland von Assam, biegt in das Bengalische Tiefland ab und bildet mit
dem Ganges ein weitverzweigtes Delta. Dieses Tiefland liegt über wiegend unter 50 Metern
Meereshöhe und wird periodisch von beiden Strömen über schwemmt. Im südlichsten Teil
des Deltas hat sich die junge, amphibische Landschaft der Sunderbands mit
Gezeitensümpfen und Mangrovenwäldern gebildet.
Das Abflußverhalten dieser Flüsse wird durch die
frühsommerliche Gletscher schmelze sowie die hohen Monsunniederschläge bestimmt, und
die saisonalen Abflußschwankungen erreichen sehr hohe Werte. Für den Unterlauf des
Ganges wer den bei Farakka durchschnittliche Abfluß mengen von 12 500 Kubikmetern pro Sekunde angegeben, die jedoch zwischen 1568 und 59 500 Kubikmetern pro Sekunde schwanken (VijlShenoy
1968).
... und der Hochgebirgsgürtel
Neben dem Himalaya-System zählen die westlichen und
östlichen Gebirgsketten des Hindukusch, Karakorum und die Birmesischen Randketten zum,
von der Ober kreide bis ins Teritär gefalteten, alpidischen Faltengebirge und bilden
einen trapezförmigen Rahmen um den Subkontinent. Vor allem an den Rändern des Gebirgszuges wird die rezent andauernde, starke Hebung durch häufige Erdbeben begleitet.
Die Dekhan-Scholle galt dem gegenüber lange als erdbebensicher, bis 1993 ein starkes
Erdbeben in Maharashtra eintrat.
Der Hochgebirgsgürtel Südasiens im engeren Sinne
reicht vom Indus-Durchbruch, nördlich des Nanga Parbat (8126 m) im Westen bis zum
Durchbruch des Brahma putra (Tsangpo), östlich des Namche Bawar (7756 m). Zum indischen
Staatsgebiet gehören Teile des Karakorum, des West Himalaya sowie, durch Nepal und Bhutan
getrennt, Teile des östlichen Himalaya. In seiner Nordwest-Südosterstreckung wird das
Himalaya-System gegliedert in die Hauptkette des Hohen Himalaya mit zehn Gipfeln über
8000 Meter Höhe. Auch der Vordere Himalaya (bis zu 4700 m) ist stark zerschnitten und
besitzt ein hochgebirgstypisches Relief, deshalb übersetzt Uhlig (1977) den
englischen Begriff Lesser Himalaya nicht mit "Niederer Himalaya", wie es
in den älteren Länderkunden von Krebs (1939/65) und Alsdorf (1955) üblich
ist. Die Gletscher des gesamten Hochgebirgsraums, im Himalaya etwa acht bis zwölf, im
Karakorum bis zu 28 Prozent der Fläche, bieten nach den Polregionen das weltweit größte
natürliche Süßwasserreservoir und sind die "Wassertürme" der ausgedehnten
Bewässerungskulturen in den Stromtiefländern (Uhlig 1977).
Im Süden ist das Vorgebirge der Siwaliks (600 bis
1200 m) vorgelagert, das jedoch im östlichen Himalaya fehlt. Senkrecht zu den
Birmesischen Randketten springt das Khasia-Bergland um etwa 200 Kilometer nach Westen vor,
drängt den Brahmaputra ab und staut die monsunalen Luftmassen trotz seiner eher
geringen Höhe von bis zu 1960 Metern.
Monsunklima
Indien hat von den Tropen über die Subtropen bis hin zu
vergletscherten Hochgebirgsregionen und Wüsten Anteil an den verschiedensten Klimazonen,
wobei der Niederschlag das wichtigste Klimaelement ist: absolute Menge, Zuverlässigkeit
und Jahresverlauf sind von entscheidender Bedeutung für das Ausmaß der Ernten, ins
besondere im Regenfeldbau.
Indiens Klima wird gemeinhin als Monsunklima
bezeichnet und ist durch einen jahreszeitlichen Wechsel der Windrichtungen und der damit
verbundenen Niederschläge bestimmt. Auf arabische Seefahrer, die diese Winde bei ihren
Handelsfahrten über das Arabische Meer nutzten, geht die Bezeichnung mausim (d. h.
Jahreszeit) zurück. Im indischen Sprachgebrauch wird der Begriff "Monsun"
abweichend von den Fachwissenschaften allgemein nur für den sommerlichen Südwestmonsun
benutzt, der für die meisten Landesteile die ergiebigsten Niederschlagsmengen bringt.
Die großräumige Monsunzirkulation ist ein Bestandteil der allgemeinen planetarischen
Zirkulation, und der indische Sommermonsun ist demnach auf die jahreszeitliche
Verlagerung der planetarischen Windgürtel und Strahlströme (jetstreamJ zurückzuführen.
Er wird maßgeblich durch drei Drucksysteme über dem eurasischen Kontinent beeinflußt:
ein "Monsuntief" ab Mai, durch die starke Rufheizung der Landmassen über
Belutschistan und Sindh (Südpakistan (Weischet 1988); ein Tiefdruckgebiet über
dem mehr als 4000 Meter hohen tibetischen Plateau mit einer darüberliegenden
Höhenantizyklone in der oberen Troposphäre; sowie der "Monsuntrog" vom
"Monsuntief" im Westen bis zur östlichen Gangesebene mit einem beständigen
Hitzetief in der unteren Troposphäre (Lauer 1993). Infolge der in Südasien im
Sommer außerordentlich weit nach Norden reichenden Verlagerung der innertropischen
Konvergenzzone (ITC) (bis etwa 30° N), schwenken die Südostpassate von der
Südhalbkugel über den Äquator zur Nordhalbkugel und wer den durch die Corioliskraft
nach Nordosten abgelenkt. Die zuvor sehr stabil geschichtete Passatströmung wird nach
der Querung des Äquators aufgrund der Flächenkonvergenz zunehmend labiler (Weischert
1988).
Der indische Sommermonsun teilt sich in zwei
Hauptzweige über dem Arabischen Meer und über dem Golf von Bengalen auf. Sein westlicher
Zweig trifft nahezu rechtwinklig auf die Konkan-Küste und erreicht später die
Gangesebene. Ein südlicher Teil dieses Zweiges streicht über die Malabar-Küste und
verbindet sich an der Südostküste mit dem Monsunzweig über dem Golf von Bengalen.
Dieser kann schon zuvor durch Pulsationen über Assam und dem Khasia-Bergland zu Niederschlägen führen. Er streicht zunächst über das Mündungsgebiet von Ganges und
Brahmaputra nach Norden, bevor er vom Himalaya abgelenkt wird. Im Gangestiefland
vereinigen sich die beiden Hauptzweige, und die feuchten Luftmas sen ziehen mit
abnehmender Intensität gangesaufwärts.
Indien unterliegt im Winter und Frühjahr dem
Nordostpassat (Nordostmonsun), dessen trockenkalte Luftmassen aus einem großräumigen
Hochdruckgebiet über Sibirien, Tibet und dem Himalaya stammen. Sie werden durch einen
Föhneffekt entlang der Himalayasüdabdachung erwärmt und führen somit über dem
größten Teil Indiens zu Trockenheit. Im Winter verlagert sich der westliche Strahlstrom
nach Süden und wird dabei durch das Gebirgs massiv des Himalaya geteilt. Sein südlicher
Zweig, der "Subtropenjet", führt entlang des Himalayasüdrandes mediterrane
Störungen mit Winterniederschlägen in den Nordwesten Indiens. Zudem sind diese
Niederschläge für die Schnee- und Eisbedeckung des nordwestlichen Himalaya
verantwortlich.
Vom Indian Meteorological Department wird der
klimatologische Jahresverlauf, basierend auf dem Witterungsverlauf in Nord- und
Zentralindien, in vier Jahreszei ten unterteilt: Winter- oder Nordostmon sun von Januar
bis Februar, Vormonsun von März bis Mai, Sommer- oder Südwestmonsun zwischen Juni und
September, und Nachmonsun oder Monsunrückzug von Oktober bis Dezember. Die durch
schnittlichen Temperaturen des trocken kühlen Wintermonsuns liegen deutlich über denen
anderer asiatischer Stationen in vergleichbarer Breitenlage und erreichen in Nordindien
etwa zwölf bis 20°C, im Süden etwa 24°
C. Im Nordwesten wie auch
in höheren Bergregionen des Südens sind durchaus Fröste möglich. Die Koromandef-Küste profitiert vom Überstreichen des Golf von Bengalen, wobei der
Nordostpassat Feuchtigkeit aufnimmt und über dem Festland abregnet. Darüber hin aus
erhalten die südlichen Gebirgsländer sowie Assam und das Chota Nagpur-Plateau noch
nennenswerte Winterniederschläge durch einzelne Ausläufer des äquatorialen
Tiefdruckgürtels. Zwischen Ende Februar und Anfang März setzt die trockenheiße
Vormonsunperiode ein. Die Lufttemperaturen steigen rasch an, und generell ist der Mai die
heißeste Zeit Indiens (Abb. 1c).
Die "hocherotische Zeit" des
Sommermonsuns
Anfang Juni beginnt, nach einzelnen sporadischen
Nordverlagerungen der ITC, die eigentliche Regenzeit des Sommermonsuns und reicht bis in
den September. Große Teile Indiens erhalten in dieser Periode im Mittel mehr als 80
Prozent ihres Jahresniederschlags, im Landesmittel etwa 850 Millimeter in der Monsunzeit.
Für die weitgehend auf die Monsunzeit aus gerichtete Landwirtschaft ist jedoch nicht nur
die absolute Niederschlagsmenge von entscheidender Bedeutung für die Feldbestellung und
den Ernteertrag, sondern auch das rechtzeitige Einsetzen des Monsuns. Dieser, oftmals von
heftigen Gewittern und Stürmen begleitete "Ausbruch" des Monsuns wird von den
Menschen sehnsüchtig erwartet, wie Krebs (1939/65: 28 f.) sehr eindrücklich
schildert:
"Die letzten Wochen vor dem Ausbruch des
Sommermonsuns sind unerträglich in folge der zunehmenden Bewölkung und Windstille.
Sehnsüchtig blickt alles nach dem südlichen Himmel, an dem sich die Wolkentürme
aufbauen (...) Der Durchbruch des Monsun wird begleitet von heftigen elektrischen
Entladungen und Wolkenbrüchen. (...) Riesige Wasserfluten stürmen die Berge herab, die
Flüsse schwellen in einer Nacht um mehrere Meter an; aber das vordem so kahle Land
begrünt sich in wenigen Tagen. Wo kurz vorher dürre Steppe geherrscht, steht weithin das
Wasser über den Fluren, aus denen sich bald smaragdgrüne Reisfelder entwickeln. (...)
Die Temperaturen gehen mit dem Beginn der Regen zurück, die Luftfeuchtigkeit steigt auf
80-95 %, aber der die Regen begleitende Wind macht die Arbeit erträglicher als einen
Monat vorher. Allerdings gibt es mehrfache Unterbrechungen im Regen; dann ist die Luft
schwül und drückend."
In der Beschreibung seiner "Reise mit dem
Monsun", die der Ausbreitung des Sommermonsuns in Indien folgt (Abb. 1 b), schildert
Frater (1997) diese Regenzeit in ihren zahlreichen Facetten des Alltagslebens
zudem als "eine hocherotische Zeit", in der "für Indien die Zeit der
Feste, der Liebe und der Musik" beginnt, "Regen Ragas" zitiert werden, aber
auch vielfältige Erschwernisse wie durch Schlamm oder Hochwasser zu ertragen sind. Frater
(1997: 277 f.) zitiert die Probleme des Monsuns u.a. aus einem Brief des Vizekönigs, Lord
Curzon vom 17. 7. 1901, an dessen Frau: "(...) wir hatten diese Woche seltsames
Wetter. Nachdem der Monsun vor acht Tagen ernsthaft begonnen zu haben schien, ließ er
plötzlich nach; wir hatten ganze Tage ohne Regen, und besorgte Telegramme strömten aus
allen Teilen Indiens herein. Jetzt, (...) hat es eben wieder zu regnen begonnen, und die
letzten Be richte sind etwas ermutigender. Wenn es nur keine Hungersnot gibt. Mich schaudert es beim bloßen Gedanken daran." Die Monsunregen setzen meist um den 1.' Juni im
Süden der Halbinsel ein (Abb. 1b), um den 10. Juni wird Bombay und erst Anfang Juli auch
der Westen Rajasthans erreicht. Bei gleicher Breitenlage setzt der Monsun im Nordosten
aufgrund einzelner Vorstöße wesentlich früher ein, insbesondere in Assam. Später
verharrt die Monsunfront längere Zeit über Bengalen, bevor sie von den Himalayaketten
umgeleitet wird.
Im August und September treten häufiger
Monsunpausen auf, meist zwischen fünf und sieben Tagen. In extremen Fällen mit länger
anhaltenden Monsunpausen und einem verfrühten Monsunrückzug können große Teile des
Landesniederschlags frei bleiben, und das Ernterisiko steigt entsprechend. Der mit der
Südverlagerung der ITC einhergehende Rückzug des Südwestmonsuns beginnt invers zum Vorstoß ab Mitte September über Nordwestindien und setzt sich nach Süden fort: in
Karnataka und Andhra Pradesh etwa An fang November, an der Südspitze Indiens etwa Anfang
Dezember.
Die Temperaturen erreichen aufgrund der
nachlassenden Bewölkung oftmals mit Z7 bis 29°C ein zweites Maximum, erst ab
Oktober sinken die Werte bis zum Jahres ende kontinuierlich ab. Mit Ausnahme Süd- und
Südostindiens entlang der Koromandel-Küste herrscht in den größten Landesteilen eine
ausgeprägte Trockenheit. Tamil Nadu erhält jedoch durch "Herbstregen" die
größten Niederschlags mengen des Jahres nach zyklonalen Störungen aus dem südlichen
Golf von Bengalen (Madras, Abb. 1 c).
Die klimaräumliche Differenzierung Indiens
Die räumliche Verteilung der Jahresniederschläge
wird in besonderem Maße von der Entfernung zum Meer (Maritimität/Kontinentalität)
sowie der Exposition zur Monsunströmung (Luv-/Lee-Lage) bestimmt. Außerordentlich hohe
Niederschläge (über 3000 mm) verzeichnen der Bereich der windexponierten Westghats
und der südlichen Bergländer - an der Malabar- und Konkan-Küste fallen alleine von
Juni bis September 1500 bis 2500 Millimeter Niederschlag - sowie der Nordosten Indiens.
Über dem vorgelagerten Khasia-Bergland kommt es zu den weltweit höchsten
Niederschlägen: In Cherrapunji fallen von Juni bis September 8017 und im Jahresmittel 11
419 Millimeter. Ein breites Band hoher Niederschläge zieht sich darüber hinaus entlang
der Südabdachung des Himalaya, und auch die Plateaus im Nordosten der Halbinsel erhalten
reichliche Niederschläge (1200-2000 mm). Den reichlich beregne ten Gebieten stehen die ariden
Teilgebiete Indiens mit weniger als 400 Millimeter Jahresniederschlag gegenüber, wie
die Tharr, Kutch und Regionen von Kaschmir und Ladakh jenseits des Himalaya-Hauptkamms. Die trockenste Region, der Jaisalmer-Distrikt in Rajasthan, erhält lediglich 150
Millimeter Monsunniederschlag, der mehr als 90 Prozent des mittleren Jahresniederschlages
ausmacht. Die extreme Trockenheit im gesamten Nordwesten Indiens wird auf trockenwarme
kontinentale Luftmassen zurückgeführt, die keilförmig von Iran und Afghanistan nach
Nordwestindien reichen.
Aufgrund der hohen Verdunstungsraten sind
selbst Regionen mit 400 bis 800 Millimeter Niederschlag als Trockengebiete zu bezeichnen,
sie ziehen sich in einem breiten Streifen von Rajasthan und Gujarat über den westlichen
Dekhan bis zum Süden. Nach Domrös (1977) liegt für In dien erst ab etwa 1500
Millimetern Jahresniederschlag eine positive Wasserbilanz vor. Die Humiditätskarte (Abb.
1 b) bietet mit der Darstellung der Dauer "humider" Monate, d.h. feuchter Monate
mit mehr Niederschlag als der potentiellen Verdunstung, eine Synthese der regionalen und
saisonalen Niederschlagsverteilung, sie wird zudem um ausgewählte Klimadiagramme
ergänzt.
Zahlreiche Sonderfälle und oftmals extreme
Abweichungen von langjährigen Mittelwerten erschweren eine komprimierte und dennoch
aussagekräftige Darstellung des indischen Klimas. Johnson (1979: 56 f.) entwarf
eine solche Klassifikation, die ausgewählte, für die Landwirtschaft besonders relevante
Aspekte wie Temperatur, Niederschlagsmenge sowie Dauer und zeitliches Auftreten der
Regen- beziehungsweise Trockenperioden miteinander kombiniert. Danach lassen sich die
Niederschlagsverhältnisse Indiens wie folgt typisieren: Grundtyp ist der zentral indische
Typ, dessen Feuchtperiode im Juni beginnt und vier Monate anhält, das übrige Jahr
bleibt trocken. Beim nordindischen Typ setzt die Feuchtperiode erst im Juli ein und
dauert drei Monate (Neu Delhi, Abb.1c). Im Bengalen-Orissa-Typ dauert die Feuchtperiode
etwa ein halbes Jahr (Kalkutta, Abb. 1c). Beim Assam-Typ setzen die Feuchtmonate früher
ein, die nur relativ trockene Periode umfaßt zwei bis vier Wintermonate, für den Osthima
laya ist eine lediglich zweimonatige Trockenperiode typisch. Südwestlich des
zentralindischen Typs schließt sich der Kerala-Karnataka-Typ an (Mangalore, Abb. 1c), mit
einer dem Bengalen-Orissa Typ ähnlichen Charakteristik, wobei die Monsunniederschläge
jedoch höher aus fallen. Der Tamil Nadu-Typ ist für die südöstlichen Teilgebiete im
Regenschat ten der Westghats kennzeichnend (Madras, Abb. 1 c), die Hauptniederschläge
fallen zwischen August und November.
Tabelle 1: Monsunniederschläge
(Juni bis September). Quelle: Stat.. Outline 1996-97 (S. 59)
| Jahr Monsunniederschläge der meteorologischen "Sub-Divisions"
Indiens |
Distrikte mit
normalem bzw. Überschußniederschlag |
| normal/
überschüssig |
knapp/
defizitär |
Summe |
|
| Jahr
No. |
No. |
No. |
|
| 1981
28 |
7 |
35 |
69 |
| 1987
14 |
21 |
35 |
43 |
| 1988
32 |
3 |
35 |
88 |
| 1989
29 1990
32 |
6 3 |
35 35 |
72 84 |
| 1991
27 |
8 |
35 |
68 |
| 1992
32 |
3 |
35 |
65 |
| 1993
31 |
4 |
35 |
78 |
| 1994
25 |
10 |
35 |
76 |
| 1995
33 |
2 |
35 |
79 |
Dürren und Hochwasser oder die
Bedeutung der Wettervorhersagen
Bei den Niederschlägen führen erhebliche Abweichungen von den
zuvor dargestellten "normalen" Verhältnissen, hinsichtlich der Ergiebigkeit
(Tab. 1) und Dauer, zu Dürren oder Überschwemmungen mit katastrophalen Folgen für die
betroffenen Landstriche. Eine Karte der Niederschlagsvariabilität (z.B. Dömrös 1977:
54) zeigt nahezu ein Spiegelbild der Verteilungskarte der Jahresniederschläge (z.B. Bohle
1995: 32). Regionen mit den höchsten Jahresniederschlägen und den längsten Niederschlagsperioden weisen die niedrigsten prozentualen Abweichungen vom langjährigen
Mittel auf (der Nordosten und die Westghats), aride und semiaride Gebiete, mit zudem nur
kurzen Regenzeiten, demgegenüber mit 25 bis 30 oder gar mehr als 30 Prozent die
größten Schwankungen. Während der für die Feldbestellung wichtigen Phasen des
Monsunbeginns und -endes ist die Variabilität und somit die Unzuverlässigkeit der
Niederschläge mit landesweit 22 bis 86 Prozent im Juni und 26 bis 108 Prozent im September nochmals höher als im Juli und August (19-73 %).
Dürrejahre, wie etwa das von 1987 (Tab. 1), sind
oftmals auf das verspätete Einsetzen oder den verfrühten Rückzug des Monsuns
zurückzuführen. Die Ausweisung dürregefährdeter Gebiete erfolgt durch die indische
Regierung, wenn der spezifische Jahresniederschlag wenigstens einmal in fünf Jahren das
langjährige Mittel um mindestens 25 Prozent unterschreitet. Als extrem dürregefährdet
gelten die Trockengebiete Rajasthans und Gujarats, dort werden etwa alle drei Jahre
Ernteeinbußen von 50 Prozent erwartet (Nitz 1977). Gebiete hoher
Dürregefährdung erstrecken sich im nordwestlichen Dekhan mit dominierendem Regenfeldbau
sowie im Regenschatten der Westghats. Ein Be reich mäßiger Dürregefährdung verläuft
im Süden durch Karnataka und Maharashtra, in Teilen Gujarats im Westen sowie als
schmaler Streifen nach Osten über Bihar bis Südwest-Bengalen. Die Dürregefährdung und
Ernteeinbußen werden darüber hinaus durch menschliches Fehlverhalten, wie
"Abholzung", "exzessive Ausbeutung des Grundwassers",
"Desertifikation" oder "nicht angepaßte Praktiken in der
Landwirtschaft" verstärkt und flächenhaft ausgebreitet.
In der Regenzeit können demgegenüber die meisten Flüsse die
innerhalb weniger Stunden anfallenden Wassermassen nicht bewältigen und treten
großflächig über die Ufer. In Nordindien geschieht dies während des Sommermonsuns,
wenn Gletscher- und Schneeschmelze im Himalaya mit starken Monsunregen im Tiefland
zusammentreffen. Die großen Ströme haben als "Dammuferflüsse" ihre Flußbetten durch Aufschüttungen ständig erhöht und bei Hochwasser besteht die Ge fahr
großflächiger Überschwemmungen, wenn die natürlichen Seitendämme durchbrochen werden.
Auf der Halbinsel führen die Flüsse erst zum Ende des Sommermonsun Hochwasser, dabei
kommt es vor allem in den Mündungsgebieten zu Überschwemmungen. Besonders betroffen ist
darüber hinaus die Küste im Golf von Bengalen. Diese Ge fahr wird durch die Auswirkungen
zyklonaler Störungen verschärft, die oftmals zu den gefürchteten tropischen
Wirbelstürmen führen. Sie treten überwiegend in den Übergangsperioden vom Winter- zum
Sommermonsun und umgekehrt auf, wandern mit hohen Windgeschwindigkeiten nach Norden und
führen an den Küsten Orissas und Bengalens sowie dem bengalischen Tiefland mit
Sturzregen, hohen Flutwellen und Überschwemmungen zu schweren Verwüstungen. Aufgrund
der Bedeutung der Monsunniederschläge für die indische Landwirtschaft werden schon seit
der britischen Periode Versuche zu deren Vorhersage unternommen. Die Prognosen des Indian
Meteorological Department berücksichtigen die Winter- und
Frühjahresschneebedeckung im Himalaya sowie eine Vielzahl meteorologischer Variablen auf
dem Subkontinent und von angrenzenden Erdteilen.
Ziel dieser Bestrebungen ist, den Land wirten Entscheidungshilfen
für Aussaattermine und Saatgutauswahl zu bieten. Für die Prognosen wird der
gesamtindische Mittelwert der Monsunniederschläge (850 mm) mit ,100' indiziert und der
Prognosewert als Prozentanteil hiervon angegeben. Ein "normaler" Monsun weicht
maximal um zehn Prozentpunkte von diesem Mittelwert ab. Zwischen 1983 und 1992 lagen die
effektiven und prognostizierten Niederschläge für Indien zwischen minus sechs und plus
sechs Prozentpunkten auseinander, und einzig im Jahr 1991 wurde ein sehr viel niedrigerer
Monsunniederschlag als der tatsächliche vorausgesagt (65 zu 91 %) (Business India, 21.6.-
4.7.1993), auch die Dürre von 1987 wurde recht zuverlässig prognostiziert. Doch nicht
allein die Vorhersage der absoluten Niederschlagsmengen, sondern auch die der regionale
Verbreitungswahrscheinlichkeit von Dürren soll zu künftig zur Vermeidung von Hungerkatastrophen verbessert werden. In den in dischen Medien findet dieses Thema des halb eine
große Beachtung (z.B.: Rainfall Forecast and Kharif Foodgrains in 1997, ,Economic
and Political Weekly', 6. 9. 1997; Studying the Mönsoon, ,Frontline', 17. 10.
1997).
Im Gegensatz zur potentiellen natürlichen Vegetation ist Indien
ausgesprochen waldarm
Schätzungen zufolge erlaubt das Klima Indiens auf
etwa 90 Prozent der Fläche als potentielle Vegetation zumindest tropische, sommergrüne
oder laubabwerfende Wälder und nur der trockene Nordwesten wäre waldfrei (Cambridge
Encyclopae diaJ. Neben den absoluten Jahresniederschlägen ist insbesondere die Dauer
der Trockenperiode entscheidend für die Differenzierung der Vegetationstypen, und die
zonale, polwärtige Abfolge von im meergrünen Feuchtwäldern zu laubabwerfenden Trocken-
oder Koniferenwäldern wird in Indien durch das Relief sowie die Monsunreichweite
variiert.
Die natürliche Vegetation des Subkontinents ist arm an endemischen
Pflanzen arten, vielmehr überlagern sich benachbarte Florenregionen, und junge Florenelemente sind dominierend. Charakter pflanzen sind nur für einzelne Vegetationstypen zu
benennen, wie etwa Sal für tropische laubwerfende "Monsunwälder" in den
nördlichen Teilen der Halbinsel und im Terai, Teak im zentralen und westlichen
Dekhan oder Sandelholz im Süden. "Monsunwälder" gelten unter kommerziellen
Gesichtspunkten als die wichtigsten Waldareale Indiens und unterliegen einer intensiven
Rodung und Degradation. In Trockengebieten sind Dattelpalmen und Akazien sowie
Laubbäume wie Neem und Shisham bedeutend. Natürliche Graslandschaften sind weit
gehend auf die Hochgras-Savannen des feuchten Terai beschränkt, ansonsten haben sich
Graslandschaften meist als Degradationsformen der Waldvegetation entwickelt. Sie
erstrecken sich, ähnlich wie Dornwälder, über weite Gebiete im indischen Westen und
Nordwesten sowie im Lee der Westghats. Somit tritt die natürliche Vegetation meist
hinter die aus gedehnten Kulturlandschaften zurück und wird durch Sekundärvegetation geprägt.
Das Staatsgebiet Indiens ist im Vergleich zur
potentiell möglichen natürlichen Bewaldung, aber auch im internationalen Vergleich,
sehr waldarm. Zwar sind 23 Prozent (770000 km2) des Landes offiziell als "Wald"
erfaßt, doch zählen hierzu auch Areale mit Buschland oder degradierte Flächen. Wälder
im eigentlichen Sinne, mit einer Kronendichte von mehr als 40 Prozent, haben einen
Flächenanteil von knapp zwölf Prozent (385 000 km2) (Daten für 1993, Stat. Outline 1996-97).
Die Forstwirtschaft hat nur geringe Anteile
am Nettoinlandsprodukt, und Bestrebungen zur Selbstversorgung hatten bis (ang. keinen
Erfolg; Indien ist Nettoimporteur von Holz- und Holzprodukten sowie von Papier. Die
Waldnutzung hat jedoch eine große ökonomische Bedeutung als Grundstoff der
weiterverarbeitenden Industrie sowie für die Dorf- und Stammesbevölkerung. Neben der
Bau- und Brennholzversorgung sind dabei auch die Vieh weide sowie das Sammeln von Wild-
und Heilpflanzen von Bedeutung, den sogenannten Forstnebenprodukten (minor forest
products).
Maßnahmen der kolonialen und indischen
Forstpolitik haben primär die kommerziellen Aspekte der Bauholzversorgung betont und
trotz vielfacher Aufforstungsprogramme bislang kaum nachhaltige Erfolge gezeigt. Das
Ziel, ein Drittel der indischen Landfläche mit Wald zu bestocken, ist noch unerreicht.
Vor allem unmittelbar nach der Unabhängigkeit wurden große Flächen zur Ackerlandgewinnung gerodet und weiterhin hält die Entwaldung für industrielle Projekte sowie aufgrund
des Bevölkerungswachstums an (Tab. 2). Oftmals wird dieser Prozeß der
"Waldvernichtung" (vgl. A. Bronger 1996) auch als ein vermeintlich
unaufhaltbarer Teufelskreis der Degradation herausgestellt, insbesondere wenn die
Hochgebirge behandelt werden.
Tabelle 2: Rückgang der Waldbestände zwischen 1951
und 1976 und dessen Ursachen. Quelle: Kulkarni (1993), nach Gadgil & Guha (1992); This
fissured land, an egological hitory of India. Delhi.
| Ursachen |
Rückgang
der Waldfläche |
| |
in 1.000 ha |
in Prozent |
| Staudämme La
ndwi rtsch aft
Straßenbau
Industrieanlagen
Sonstige |
479,1 z. 506,
9
57,1
127,2
965,4 |
11,6 60, 6
1,6
3,1
23,3 |
| Summe |
4.135,7 |
100,0 |
Selbst als sozial und partizipativ deklarierte
Programme schlugen oftmals fehl, so fern die beteiligte Landbevölkerung keine dauerhaften
Nutzungs- oder gar Eigentumsrechte an den von ihnen an gepflanzten Waldflächen
zugesprochen bekam. Demgegenüber sind private Nutzholzplantagen vielfach sehr erfolg
reich, da die Hektarerlöse dieser cash crops die anderer Ackerfrüchte übertreffen und oftmals den Ersatz der Nahrungsmittelproduktion bewirken. Im Fall der
Eukalypthus-Monokulturen für die alleinige Holzgewinnung werden jedoch negative
Auswirkungen auf den Bodenwasserhaushalt und die Bodenqualität befürchtet.
Oftmals ist die menschliche Nutzung unangepaßt
Die Landschaften Indiens unterliegen durch die
oftmals unangepaßte menschliche Nutzung Eingriffen, welche die natürlichen Prozesse
der Morphodynamik verstärken. Nach Seuffert (1989) ist die intensivste
Landschaftsdegradation in semiari den Regionen zu verzeichnen, für die er vier
großräumige "Badlandregionen" ausweist: in Gujarat, das nördliche Vor land
der Aravallis, die Südabdachung der Siwaliks sowie das Bergland von Chota Nagpur. Dort
kommt es zu einer intensiven Reliefzerschneidung, da die Felder zu Beginn der Regenzeit
meist vegetationsfrei sind und die heftigen Regengüsse die Bodenkrume fortspülen
können. Aufgrund der teilweise sehr starken Bodenerosion mit der Gefahr
"katastrophaler Auswirkungen" auch für die Landwirt schalt (A. Bronger 1996)
sind besondere Bodenschutzprogramme erforderlich. Terrassenkulturen und Wälle gelten hin
sichtlich des Erosionsschutzes als günstige Praktiken, ebenso die verstärkte Verwendung
von Tierdung zur Anreicherung der Böden mit organischer Substanz.
Die natürlichen Anbaubedingungen der
Landwirtschaft ...
Zum Verständnis der vielfältigen Land wirtschaft
Indiens sind die natürlichen Anbaubedingungen, insbesondere die Klima- und
Bodenverhältnisse, wichtig, sie haben einen entscheidenden Einfluß auf das jeweilige
Anbauprogramm sowie auf die Ernteerträge.
Die Temperaturen erlauben potentiell in ganz Indien
den ganzjährigen Anbau mit zwei oder teilweise auch drei Ernten, einzig in Nordindien
sowie in den Bergregionen ist die winterliche Abkühlung hinderlich. Tropische und
subtropische Kultur pflanzen mit einem hohen Wärmebedarf, wie Reis, Hirse, Baumwolle oder
Erdnüsse, können in Südindien ganzjährig und in den übrigen Landesteilen zumindest im
Sommer angebaut werden. Im Norden werden daneben Arten der gemäßigten Breiten als
Winterfrüchte angebaut, wie Weizen, Linsen oder Kartoffeln. Der keilförmig bis Mysore
(Karnataka) reichende Weizenanbau im Dekhan-Hochland ist somit ein Übergangsgebiet
zwischen diesen beiden Zonen.
Ganzjähriger Anbau ist jedoch nur unter günstigen
edaphischen und hydrologischen Bedingungen möglich, und nur in wenigen Teilgebieten
Indiens genügen die Niederschlagsmengen und deren jahreszeitliche Verteilung für einen
gesicherten Regenfeldbau. Solche Gebiete mit mehr als 1000 Millimeter Jahresnieder schlag
sowie mindestens 75 Regentagen pro Jahr sind die traditionellen Naßreisanbaugebiete an
der Westküste bis etwa Bombay, im nördlichen Orissa, Bengalen und Assam sowie entlang
der Himalayavorgebirge. Gebiete hoher Niederschlagsvariabilität oder mit semiariden bisherige den Bedingungen sind agrarklimatische Ungunst- oder sogar Risikogebiete. In großen
Teilen des Landes wird die Abhängigkeit von den unregelmäßigen Monsunregen durch die
künstliche Feldbewässerung aufgehoben, und beispielsweise den Anbau ertragreicherer
Früchte oder einer Zweitfrucht zu ermöglichen.
In den Plateaus und Becken der Halbinsel sind nährstoffarme und
wasserundurchlässige sowie für Regenfeldbau ungeeignete Roterden (Ferralsole, Domrös
1997) vorherrschend, die mit zusätzlicher Be wässerung durch Stauwehre und -teiche (tanks)
vor allem mit Naßreis bestellt wer den. Schwarzerden (Vertisole oder Regur bzw. black
cotton soll) im Trappgebiet der Dekhan-Lava sowie in benachbarten Regionen sind
demgegenüber aufgrund ihres Wasserhaltevermögens ideal für den Regenfeldbau mit Weizen
und Baumwolle und können meist auch im trockeneren Winter bestellt werden. Fruchtbare
Alluvialböden (Fluvisole) in den Stromtiefländern, und Flußdelten stellen mit
etwa 43 Prozent Flächenanteil die bedeutendste Anbauregion, ihre
Bewässerungsmöglichkeiten
sind günstig und bei zusätzlicher Düngung sind bis zu drei Ernten möglich. Die
indischen Kornkammern in den Tiefländern gründen auf oftmals schon jahrhundertealten
Kanalsystemen. Ungunstgebiete im ariden Rajasthan sowie die nur durch aufwendige Ackerterrassen nutzbaren Bergländer und Hochgebirge fallen demgegenüber zu rück, günstige
Anbaubedingungen sind auf kleinräumige Areale begrenzt, wie geschützte Beckenlagen in
den Gebirgen oder Oasen der Trockengebiete.
Solche Zusammenhänge zwischen Bodenbedingungen und
Wasserverfügbarkeit sind wichtige Determinanten der indischen Landwirtschaft, und
insbesondere die Wasserverteilung oder -knappheit gilt in vielen Regionen als ein
Entwicklungshemmnis. Die tatsächlichen Anbausysteme werden jedoch in mindestens gleichem Umfang durch die sozio-ökonomischen Verhältnisse der Landwirtschaft bestimmt.
... und die sozio-ökonomischen Anbauverhältnisse
Der Feldbau wird maßgeblich durch die Monsunperioden geprägt.
Ausgehend vom Sommermonsun sind kharif (Som meranbau) und rabi (Winteranbau)
die wichtigsten Anbauperioden. Kharif Früchte werden zu Beginn des Sommermonsuns
ausgesät, in der kühleren Jahreszeit er folgt der rabi-Anbau. In Teilgebieten ist zudem
eine dritte Ernte (said) möglich, die jedoch in den offiziellen Statistiken nicht
separat aufgeführt wird (vgl. Econ. Survey 1995-96).
Seit der Unabhängigkeit erfuhr die "Anbaufläche", d. h. die im jeweiligen Berichtsjahr tatsächlich ackerbaulich genutzte Fläche, eine deutliche Expansion: von 1950-51 bis 1960-61 um etwa zwölf Prozent, bis
1970-71 um weitere fünf Prozent, während bis in die 1990er Jahre nur noch geringe
Steigerungen erfolgten. Die tat sächlichen Anbauflächen variieren zudem mit dem Ausmaß
der Monsunregen. Dem gegenüber hat die Entwicklung der "Ernteflächen", d. h.
die Summe aller auch mehrfach pro Jahr genutzten Flächen, stärker zugenommen und wurde
bis 1990 91 mehr als verdreifacht. Neben dieser Anbauintensivierung wurde zudem die
Bewässerungslandwirtschaft ausgebaut: gegenüber rund 18 Prozent (1960-61) wird
seit Ende der achtziger Jahre etwa ein Drittel der Erntefläche bewässert. So ging die
gesamte Pro-Kopf-Erntefläche von 1950-51 bis 1990-91 von 0,37 auf 0,22 Hektar zurück,
während die bewässerte Pro-Kopf-Erntefläche um etwa 16 Prozent zunahm (Stat. Outline
1996-97).
In den Strom- und Küstentiefländern wird mehr als
vier Fünftel der Gesamtfläche ackerbaulich genutzt, während dieser An teil in den
ariden und gebirgigen Regionen unter 20 Prozent liegt. Auch die Verteilung des
Mehrfachanbaus zeigt signifikante Unterschiede: der Index des Mehrfachanbaus liegt in
ganz Indien bei durch schnittlich 1,3ma1 pro Jahr, mit signifikant höheren
Werten im feuchtwarmen Westbengalen (1,6) sowie im nördlichen Tief land (Punjab 1,8; Haryana 1,7;
Uttar Pradesh 1,4), Minimalwerte unter 1,16 weisen neben den niederschlagsarmen Staaten
Rajasthan und Gujarat auch Maharashtra und Karnataka sowie der äußerste Nordwesten auf
(Indian Agriculture in Brief).
Getreide und Hülsenfrüchte
Die Bedeutung der Landwirtschaft für die
Ernährungssicherung findet ihren Aus druck in den Flächenanteilen der Nahrungsmittel an
der gesamten Erntefläche. Nach Regierungsquellen (vgl. Stat. Outline 1996-97)
nehmen zu Beginn der neunziger Jahre die als foodgrains bezeichneten
Nahrungsmittel (Getreide wie Reis, Weizen und Hirse sowie Hülsenfrüchte) mehr als drei
Viertel der Gesamterntefläche ein, gegenüber mehr als 83 Prozent im Jahr 1950-51. Die
Abnahme der Flächenanteile erfolgte jedoch parallel zur Ausweitung der jährlichen
Ernteflächen, so daß die foodgrain-Erntefläche von 1950-51 bis 1994-95 um 36,8 auf
123,5 Millionen Hektar zunahm.
Der Nahrungsmittelanbau wird eindeutig durch
Getreide, insbesondere Reis und Weizen sowie Hirse, dominiert. Reis und Weizen nehmen seit
den achtziger Jahren zusammen mehr als die Hälfte der jährlichen
Nahrungsmittel-Ernteflächen ein, 1994-95 etwa 55 Prozent (34,2 bzw. 20,7 %), gefolgt von
Hülsenfrüchten (18,8 %) und Hirse (17,7 %) sowie Mais (4,9 %). Der Reisanbau überwiegt
in Indien insbesondere in Regionen mit mehr als 2000 Millimetern Jahresniederschlag: das westliche
Küstentiefland, Flußdelten der Ostküste, Bergländer und Plateaus der Halbinsel sowie
insbesondere das bengalische Tiefland, das Brahmaputra-Tal und große Teile der
südöstlichen Gangesebene. Bei künstlicher Bewässerung ist Reis auch in trockeneren
Gebieten häufig die Hauptanbaufrucht, und im Zuge der "Grünen Revolution"
wurden die Bewässerungsgebiete des Punjab und Haryanas zur wichtigsten
Reisüberschußregion Indiens.
Große Teile Indiens sind für den Weizenanbau zu
warm oder auch zu feucht, und die Anbaumöglichkeiten sind nach Süden und Osten
eingeschränkt. Das Verteilungsmuster der Hauptanbaugebiete ist somit invers zu dem des
Reisanbaus: Weizen wird überwiegend in Gebieten mit weniger als 1000 Millimetern
Jahresniederschlag bei zusätzlicher Bewässerung angebaut, der Regenfeldbau beschränkt
sich auf Teile des Dekhan mit tiefgründigen Schwarzerden sowie auf einen schmalen Saum
am Fuß des Himalaya. Schwer punkte des Weizenanbaus sind im Punjab, im südwestlichen
Himachal Pradesh sowie auf dem Malwa-Plateau, wo Weizen je weils mehr als 30 Prozent der
Anbaufläche einnimmt; weitere bedeutende Anbaugebiete sind die Gangesebene bis ins
westliche Bihar sowie weite Teile von Maharashtra.
Der Weizenanteil an der Gesamterntefläche wurde
von 1950-51 bis 1994-95 auf etwa 21 Prozent verdoppelt, und die Erntemengen stiegen
zeitgleich von 6,5 Millionen auf das Zehnfache. Parallel hier zu verlief der Ausbau der
Feldbewässerung von 54 Prozent der Weizenanbaufläche (1970-71) auf 84 (1994-95). Noch
rascher erfolgte die Ausbreitung von Hochertragssaatgut nach der Einführung mexikanischer
Sorten ab 1965 als Teil der "Grünen Revolution": von 1970-71 bis 1994-95 stieg
ihr Anteil von 36 auf 92 Prozent der Weizenfläche. Die Einführung von rascher reifenden
Neuzüchtungen bot darüber hinaus die Möglichkeit, den Weizenanbau in zuvor ungünstige
Regionen auszudehnen. Weizen ist mittlerweile eine der wichtigsten Marktfrüchte Indiens, und infolge der gesteigerten Weizenproduktivität konnte der Selbstversorgungsgrad
Indiens angehoben werden. Für die Selbstversorgung der ländlichen Bevölkerung sind die
verschiedenen in In dien angebauten Hirsearten weiterhin von großer Bedeutung,
noch bis in die 1990er Jahre übertrafen die gesamten Ernteflächen der drei wichtigsten
Hirsear ten die des Weizens. Hirsen stellen keine besonderen Bodenansprüche und sind sehr
trockenheitsresistent, sie werden im Regenfeldbau über weite Gebiete mit
Jahresniederschlägen zwischen etwa 500 und 1000 Millimetern angebaut; Rohrkolbenhirse
wird in Rajasthan selbst an der agronomischen Trockenheitsgrenze angebaut. In trockeneren
Teilgebieten der Halbinsel ist Hirse weiterhin das Haupt nahrungsmittel und nimmt den
größten Teil der Anbauflächen ein. Der Hirseanbau erfolgt oftmals als mixed cropping
gemeinsam mit anderen Feldfrüchten, um das niederschlagsbedingte Ertragsrisiko zu
minimieren. Doch selbst in traditionellen Hirseanbauregionen hat dieses Getreide
mittlerweile nicht nur relativ sondern auch absolut an Bedeutung verloren; auf
Bewässerungsland wird zunehmend Weizen angebaut, und im Regenfeldbau sind Erdnüsse als
Marktfrüchte lukrativer. Neben den Hirsen zählt Mais noch zu den wichtigsten
Nahrungsmitteln Indiens, dessen Anbaufläche wurde bis 1970-71 fast verdoppelt und liegt
seither bei etwa sechs Millionen Hektar. Zeitgleich wuchs die Erntemenge jedoch auf mehr
als das Fünffache, nachdem mehr als ein Fünftel der Anbaufläche bewässert und über 55
Prozent mit Hochertragssaatgut bestellt wird. Als Sommerfrucht (kharif) ist die
Verbreitung des Mais auf Teilgebiete mit moderaten Niederschlägen zwischen etwa 500 und
1000 Millimeter konzentriert. Besondere Bedeutung hat der Maisanbau neben Schwerpunkten in
Karnataka, Haryana und Punjab in den Bergländern er reicht, wo Mais ein wichtiges
Brotgetreide ist und oftmals anstelle von Trockenreis oder Hirse angebaut wird.
Hülsenfrüchte wie Kichererbsen, Straucherbsen, Bohnen und Linsen, sind zur Sicherstellung der Eiweißversorgung bedeutend.
Diese Leguminosensorten sind wegen ihrer stickstoffanreichernden Funktion für den Erhalt
der Bodenfruchtbarkeit wichtig und werden oftmals gemeinsam mit Weizen oder an den
Rändern von Reisbeeten ausgesät (mixed cropping). Ihr Anbau erfolgt fast
ausschließlich im Regenfeldbau, so daß die Erträge nieder schlagsabhängig sind, nur
rund zehn Prozent der Anbaufläche wird bewässert. Die Gesamtproduktion der
Hülsenfrüchte wurde von 1950-51 bis 1994-95 nur um etwa 67 Prozent gesteigert, so daß
die Pro Kopf-Versorgung der Bevölkerung seit 1965 das Niveau der fünfziger Jahre
nicht mehr erreicht hat (Abb. 2).
In der länderkundlichen Literatur werden die
Anbauverhältnisse oftmals in Verbreitungskarten der einzelnen Anbaufrüchte (z. B.
Nitz 1977: 181 ff.) oder zusammen fassend als Anbauregionen (z.B. Nitz 1977:
190; Bohle 1995: 36 nach Nitz; oder D. Bronger 1996b: 156) dargestellt. Die
Darstellung in solchen Karten stellt jedoch aufgrund der Vielfalt der Anbaufrüchte und
-techniken (u.a. mixed cropping) einen "Kompromiß und (...) nur einen sehr
begrenzten Teil der Wirklichkeit dar" (D. Bronger 1996b: 157).
Marktfrüchte - cash crops
Zuckerrohr zählt zu den wichtigsten indischen Marktfrüchten, deren Bedeutung allein durch die Anbaufläche nur unzureichend
wiedergegeben wird, sie wurde bis 1994-95 auf rund 3,8 Millionen Hektar mehr als
verdoppelt (Econ. Survey 1995-96). Insbesondere im Einzugsgebiet von Zuckerfabriken
überwiegt der marktorientierte, oft großflächige Anbau, wie etwa im traditionellen
cane belt im nord indischen Tiefland sowie in Südindien. Anbau und Produktion
wurden seit der Unabhängigkeit aufgrund der hohen Binnennachfrage erheblich ausgeweitet
- die Zuckerproduktion wurde etwa verzwölffacht und übertrifft mittlerweile den Binnenverbrauch -, und der Zuckerrohranbau wurde aufgrund der hohen
Erlöse für marktorientierte Bauern sehr lukrativ. Indien gehört zwar zu den weltweit
wichtigsten Produzenten von Ölfrüchten, kann jedoch den wachsenden Bedarf an
Speise öl nur durch Importe decken. Ölfrüchte, wie Erdnüsse, Raps und Senfsaaten,
Sesam sowie Kokosnüsse können nahezu in ganz Indien als Sommer- (kharif) oder
Winterfrüchte (rabi) angebaut werden und dienen sowohl der Ernährung wie auch
der gewerblichen oder industriellen Weiterverarbeitung, sie sind somit wichtige Cash
crops. Ihre Erntefläche, insbesondere die von Erdnüssen, wurde seit der Unabhängigkeit mehr als verdoppelt.
Gewürze besaßen lange Zeit eine überragende Stellung im Welthandel und waren oft Anlaß zu Entdeckungsfahrten sowie für die
Anlage von europäischen Handelsniederlassungen. Ihre herausragende Bedeutung in der
indischen Exportstatistik haben sie jedoch eingebüßt. An der Westküste südlich von
Goa hat der Gewürzanbau mit Ingwer, Kardamon und Schwarzem Pfeffer jedoch weiterhin
eine größere Bedeutung, die Küste Keralas galt arabischen Händlern schon im Altertum
als "Pfefferküste" (Nitz 1977). Der Pfefferanbau benötigt feuchtheiße
Klimabedingungen und konzentriert sich nahezu vollständig auf die Küstenregion Keralas.
Aufgrund der nachgelagerten handwerklichen und industriellen Weiterverarbeitung und
deren hohen Exporterlösen ist Baumwolle die wichtigste Marktfrucht Indiens. Sie
wird vorwiegend in Gebieten mit 500 bis 1000 Millimetern Jahresnieder schlag angebaut, in
den Tiefländern er folgt der Anbau mit künstlicher Bewässerung, und im Punjab und in
Haryana wer den mit dem Doppelten der indischen Durchschnittswerte die höchsten Hektarerträge registriert. Die wichtigsten Anbauregionen sind jedoch die Schwarzerdegebiete
des Dekhan, des Malwa-Plateaus und in Gujarat mit ihrem black cotton soll.
Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich mit der
Baumwollverarbeitung der erste Industriezweig auf dem Subkontinent, nachdem der
amerikanische Bürgerkrieg zu Produktionsausfällen im britischen Kolonialreich geführt
hatte. Dies ging einher mit der Einführung langfaseriger amerikanischer Baumwollsorten,
die insbesondere für hochwertige Textilien und den Export von Bedeutung sind und noch
bis in die siebziger Jahre nach Indien importiert werden mußten. Unmittelbar nach der
Unabhängigkeit war die Ausgangssituation jedoch sehr ungünstig, da Pakistan 1947 die
Anbaugebiete langfaseriger Baumwollsorten im Punjab und Sindh zu gesprochen wurden. Die
Anbaufläche Indiens wurde seit 1950-51 um rund 30 Prozent erweitert, die
Rohbaumwollernten sogar nahezu vervierfacht (Econ. Survey 1995-96), wobei
langfaserige Sorten mittlerweile auf rund einem Drittel der Erntefläche angebaut
werden. Mit Ausnahme weniger Jahre ist Indien etwa seit Mitte der achtziger Jahre
Nettoexporteur von Rohbaumwolle und Baumwollprodukten. Neben den Feldfrüchten sind Planiagen
für einige Agrarprodukte von besonderer Bedeutung. Tee und Kaffee haben durch ihre
Exporterlöse eine wichtige Funktion als Marktfrüchte, sie wurden schon in der
Kolonialzeit gefördert. Mittlerweile haben die Exporterlöse von Tee gegen über Kaffee
und anderen Agrarprodukten jedoch deutlich an Bedeutung verloren, auch wenn die
exportierten Mengen seit den sechziger Jahren nahezu verachtfacht wurden (Stat. Outline
1996-97).
Unbefriedigende Besitzverhältnisse in der
Landwirtschaft
Indien wird gemeinhin als Agrarstaat bezeichnet
(vgl. D. Bronger 1996b; Domrös 1997), und seine Landwirtschaft ist weiter hin ein
wichtiger Wirtschaftsbereich, auch wenn ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt von 56
(1950-51) auf unter 30 Prozent (1994-95) gefallen ist und mittlerweile gleichauf mit dem
der Industrie liegt (Stat. Outline 1996-97). Dieser Wert liegt deutlich über
denen anderer asiatischer Staa ten wie Pakistan (26 %), China (21 %) oder Indonesien (17
%) (Fischer Weltalmanach). Zudem sind rund zwei Drittel aller registrierten
Arbeitskräfte unmittelbar in der Landwirtschaft beschäftigt (1981: 66,6 %; 1991: 64,8 %;
Stat. Outline 1996-97), deutlich mehr als in anderen Entwicklungsländern, wie
Indonesien (50 %), Pakistan (48 %) oder Ägypten (33 %) (Fischer Weltalmanach).
Ihre zentrale Bedeutung liegt in der Nahrungsmittelproduktion für die zunehmen de Bevölkerung. So konnte die Produktion von
Getreide und Hülsenfrüchten von 51 (1950-51) auf 191 Millionen Tonnen (1994-95)
gesteigert werden (Abb. 2; Stat. Outline 1996-97), und die Selbstversorgung wurde
somit verbessert. In den sechziger Jahren mußten etwa acht bis zehn Prozent und zum Ende
der achtziger Jahre etwa zwei Prozent der Nahrungsmittel, v.a. Weizen, importiert werden (Länder
bericht Indien), während seit den frühen neunziger Jahren neben Reis auch Weizen
exportiert wird (Stat. Outline 1996-97). Dies gelang vor allem durch eine Intensivierung der Produktion, da kaum noch Land für die Ausweitung des Anbaus verfügbar ist.
Der landwirtschaftliche Anteil an den Exporterlösen sank trotz absoluter Zuwächse von 44 (1960-61) auf rund 17 Prozent
(1994-95), wobei sich zusätzlich die Gewichte der exportierten Agrarprodukte deutlich
verändert haben. Während Tee bis in die sechziger Jahre fast die Hälfte der agraren
Exporterlöse erzielte, haben inzwischen Produkte wie Reis, Garnelen und Fische, oder
Ölkuchen, verarbeitete Früchte und Gemüse sowie Kaffee eine größere Bedeutung (Sfiat Outline
1996-97).
Tabelle 3: Entwicklung der Betriebsstrukturen der
indischen Landwirtschaft. Quellen: Stat. Outline 1996-97 (S. 59), Länderbericht Indien
(S. 65), Bromger/v.d. Ruhren (1986: 50)
| |
|
1953-54 |
1960-61 |
1970-71 |
1976-77 |
1980-81 |
1990-91 |
| Anzahl der Betriebe |
1.000 |
44.354 |
49.824 |
70.493 |
81.500 |
88.900 |
105.300 |
| Wirtschaftsfläche |
Mio. ha |
134,9 |
132,4 |
162,1 |
163,2 |
163,8 |
165,6 |
| Durchschnittsgröße |
ha |
3,0 |
2,7 |
2,3 |
2,0 |
1,8 |
1,6 |
| Betriebe kleiner 1 ha |
% |
39,1 |
39,9 |
50,7 |
54,6 |
56,4 |
59,0 |
- Anteil an der
Wirtsch.fl. |
% |
5,5 |
6,8 |
9,0 |
10,7 |
12,0 |
14,9 |
| Betriebe größer 10 ha |
% |
|
4,6 |
3,9 |
2,9 |
2,5 |
1,6 |
-Anteil an der
Wirtsch.fl. |
% |
|
29,8 |
30,9 |
26,2 |
23,0 |
17,4 |
| Besitzkonzentration |
|
|
|
|
|
|
|
(Gini-Koeff.) |
0 bis 1 |
|
|
0,618 |
|
0,605 |
0,578 |
Von zentraler Bedeutung ist die Landbesitzproblematik mit ihrer seit Jahrzehnten anhaltenden Besitzzersplitterung (Tab. 3).
Selbst mehrere Landreformen und landesweite Entwicklungsprogramme konnten die feudalen
und kolonialen Strukturen des meist absentistischen Großgrundbesitzes nicht aufheben.
Solche Maßnahmen, die u.a. Landbesitzobergrenzen festlegten und
"Überschußland" an Kleinbauern und Landlose verteilen sollten, wurden vielfach
von Großgrundbesitzern (land lords) unterlaufen (vgl. Zingel 1995; D. Bronger
1996b). So änderte sich die Besitzkonzentration, gemessen am "Gini"-Koeffizenten, ein Indexwert von null bis eins (d.h. keine bzw. vollständige Gleichverteilung), zwischen den Volkszählungen von 1970-71 und 1990-91 nur geringfügig (Tab. 3). Die
hier verwendeten offiziellen Daten vermitteln jedoch nur einen qualitativen Eindruck
dieser Problematik, da ihre Erhebung oftmals fehlerhaft ist (D. Bronger 1996b) und
der zugrundeliegen de Begriff landholding nicht alleine Landeigentum sondern auch
Pachtland einschließt. Jedoch hat sich das Problem der Kleinbauern mit weniger als einem
Hektar (ca. 59 % der holdings) und vor allem das der Landlosen und Landarbeiter
verschärft. Häufig wandern die Tagelöhner saisonal je nach Arbeitsbedarf beispielsweise in Zuckerrohr- oder Baumwollanbaugebiete oder auch in die Großstädte ab.
In Extremfällen sind sie und ihre Familien in "Schuldknechtschaftsverhältnissen" (bonded labourer) faktisch als Leibeigene an einzelne
Großgrundbesitzer gebunden, auch wenn dies in den siebziger Jahren gesetzlich aufgehoben
wurde.
Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist eine anhaltende
Armut, sowohl im städtischen wie auch im ländlichen Bereich, die zwar nach offizieller
Lesart seit den siebziger Jahren absolut und relativ von 291,5 Millionen Menschen oder
51,5 Prozent der Bevölkerung (1972-73) auf 168,6 Millionen oder 19 Prozent (1993-94)
abgenommen haben soll (Stat. Outline 1996-97, nach Angaben der staatlichen Planning
Commission). Doch diese Angaben zur Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze (gemessen
an den notwendigen Ausgaben für eine angemessene Ernährung) sind politisch umstritten,
und regierungsunabhängige Institute kritisieren die Methodik der staatlichen Statistik
als verfälschend. Sie schätzen den tatsächlichen An teil der Armen rund zehn
Prozentpunkte höher ein (für 1987-88: 39,3 statt 29,9 %; Dogra 1997), der Bericht
zur menschlichen Entwicklung in Südasien weist für Indien 1993 sogar 46 Prozent und
insgesamt 416 Millionen Menschen aus (Haq 1997).
Die "Grüne Revolution"
Anstelle der fehlgeschlagenen Reformen wurden ab
Mitte der sechziger Jahre wachstumsorientierte Ansätze der Agrarpolitik verfolgt,
nachdem dürrebedingte Mißernten die Versorgungslage verschärft hatten. Der Einsatz von
neugezüchteten Hochertragssorten für Weizen und Reis wurde gefördert, da weder die
Expansion der Anbauflächen genügte, noch die zeit weise hohen Getreideimporte politisch
mit dem Autarkieziel vertretbar waren. Die nach Testergebnissen in Mexiko (Weizen) und
später in Manila (Reis) zu erwartenden Ertragssteigerungen der "Grünen
Revolution" waren jedoch nur zu erreichen, wenn in einem Maßnahmenbündel
gleichzeitig auch Düngung und Bewässerung verbessert wurden. Der Einsatz solcher
"Hochertragssorten" (high yielding varieties, HYV) wird deshalb auch als
"Saatgut-Düngemittel-Technologie" oder "Paketansatz" (package
Programme) bezeichnet. Ertragssteigerungen bei Weizen zwischen 25 und 100 Prozent
führten zu dessen raschen Übernahme (Tab. 4) und zur Entwicklung von Hybridsorten, die
den indischen Anbaubedingungen besser angepaßt sind. Insbesondere mit rasch reifenden
Sorten konnte der Weizenanbau insgesamt weiter ausgedehnt werden.
Tabelle 4: Einsatz von Hochertragssorten für Weizen
und Reis im Überblick. Absolute Flächeangaben und Prozentanteile der gesamten
Ernteflächen. Quellen: Stat. Outline 1996-97 (S.60); Econ. Survey 1995-96 (S. 137 &
S-22). Berechnungen
| Jahr |
Weizen |
Reis |
| |
Mio. ha |
% |
Mio. ha |
|
| 1966-67 |
0, 5 |
3,9 |
0,9 |
2,6 |
| 1970-71 |
6, 5 |
37, 7 |
5, 6 |
14, 9 |
| 1975-76 |
13,5 |
65,9 |
12,4 |
31,4 |
| 1980-81 |
16,1 |
72, 2 |
18, 2 |
45,4 |
| 1985-86 |
19,1 |
83,0 |
23, 5 |
57,2 |
| 1990-91 |
21, 0 |
86, 8 |
27, 4 |
64, 2 |
| 1994-9 5 |
23, 2 |
90, 6 |
31, 0 |
73, 5 |
Tabelle 5: Entwicklung der Feldbewässerung nach
Bewässerungsarten. Quelle: Stat. Outline 1996-97 (S. 57)
| |
1970-71 |
1980-81 |
1990-91 |
| |
Mio. ha |
% |
Mio. ha |
% |
Mio. ha |
|
| Regierungskanäle private Kanäle
Stauteiche (tanks)
Brunnen & Pumpen
Andere |
12,0 0,9
4,1
11,9
2,3 |
38,5 2,9
13,1
38,1
7,4 |
14,5 0,8
3,2
17,7
2,6 |
37,4 2,1
8,2
45,6
6,7 |
16,5 0,5
3,3
24,3
3,1 |
34,5 1,0
6,9
50,8
6,5 |
| Bewässerte Fläche |
31,2 |
100 |
38,8 |
100 |
47,8 |
100 |
Hochertragssorten für Reis wurden etwa zeitgleich
eingeführt, fanden jedoch aufgrund der niedrigeren Bewässerungsanteile eine geringere
Verbreitung (Tab. 4). Die für die angestrebten Produktionssteigerungen erforderlichen
Düngermengen konnten einzig durch den Einsatz von industriellem Handelsdünger bereitgestellt
werden, da Viehdung und Ernterückstände statt dessen als häuslicher Brennstoff oder
als Viehfutter verwendet wurden und werden. Der drastisch angestiegene Verbrauch konnte
einzig durch umfangreiche Importe befriedigt werden, die mittlerweile jedoch auf unter
30 Prozent des Jahresbedarfs gedrosselt werden konnten. Die Verbreitung der "Grünen
Revolution" ging einher mit der Ausweitung des Bewässerungslandes und insbesondere
der Installation von Brunnen und mechanisier ten Pumpen, die mittlerweile mehr als die
Hälfte des Bewässerungslandes bewässern (Tab. 5). Die traditionelle Bewässerungstechnik auf dem Subkontinent basiert entweder auf manuell betriebenen Brunnen oder
kleineren Stauweiern(tanks), darüber hinaus haben Feudal- und Kolonialherren
umfangreiche Kanalsysteme in den Stromtiefländern und Flußdelten errichtet. Nach der
Unabhängigkeit verfügte Indien über rund 21 Millionen Hektar Bewässerungsland, ein
Großteil der Bewässerungskulturen fiel an Pakistan, doch konnten die
Bewässerungsflächen Indiens mittlerweile (1991-1992) auf rund 49 Millionen Hektar
erweitert werden, bei Berücksichtigung der Mehrfachernten sind dies 64 Millionen Hektar
oder mehr als ein Drittel der gesamten Erntefläche (Stat. Outline 1996-97). Mit
der Einführung von Diesel und Elektropumpen hat dies eine neue Dimension erreicht, da
deren Einsatz flexibler ist und tiefere Grundwasserschichten erschließt. Zwischen 1981
und 1996 stieg die Anzahl der Elektropumpen von 4,3 auf mehr als elf Millionen (Stat. Outline
1996-97), und einige Autoren bezeichnen die "Grüne Revolution" als
eigentliche "Pumpenrevolution" (vgl. Bohle 1989).
Agrartechnologische Verbesserungen müssen mit politischen
Reformen Hand in Hand gehen
Die agrartechnische Modernisierung im Rahmen der
"Grünen Revolution" wurde insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren
sehr kontrovers diskutiert. Im wesentlichen konzentrierte sich diese Kontroverse auf die
Auswirkungen auf Kleinbauern und landlose Landarbeiter und in wieweit diese tatsächlich
an den erwarteten trickle-down-Effekten, d.h. an den Wohlfahrtsverbesserungen, teilhatten
oder ob die bestehenden Einkommensdisparitäten nicht vielmehr noch verstärkt wurden.
Die These, daß reiche Bauern und Großgrundbesitzer signifikant größere Vorteile durch
die Modernisierung erhielten als
Kleinbauern und Landarbeiter, wurde von Bohle (1989)
als "(landwirtschaftliches) Wachstum ohne (ländliche) Entwicklung"
zusammengefaßt. Dies wird jedoch von anderen Autoren (vgl. HazelllRamasamy 1991; Blanckenburg
1993) als "frühe Kritik" bezeichnet, da die zur Versorgung der wachsenden
Bevölkerung erforderlichen Produktionssteigerungen sowie die Importsubstitution außer
Acht gelassen worden seien. Zudem nutzten auch Kleinbauern die prinzipiell
betriebsgrößenunabhängigen modernen Input-Programme (Saatgut und Dünger) und könnten
auf ihren kleinen Feldern oftmals intensiver wirtschaften und somit höhere Erträge er
zielen. Nach jüngeren Untersuchungen mußten jedoch zahlreiche Kleinbauern aufgrund ihres
Kreditbedarfs Land ver kaufen oder Pächter wurden von den Landlords aus den
Pachtverträgen entlassen und als Landarbeiter weiterbeschäftigt, nachdem der
marktorientierte An bau lukrativer wurde als das passive Ab schöpfen der Landrenten. Beck
(1995) spricht in diesem Zusammenhang von trickle-up-Effekten und verstärkten Einkommensdisparitäten. Die Modernisierung wurde vielmehr "evolutionär" zur
Festigung bestehender sozialer Strukturen genutzt und führte letztlich zur "partiellen Verarmung" aufgrund der unter proportionalen Wohlfahrtssteigerung der
Kleinbauern und Landarbeiter (Beck 1995; Freebairn 1995).
Abbildung 3: Urbanisierung und sozio-ökonomische
Entwicklung Indiens. Entwürfe: J. Clemens. Quellen: (a) D. Bronger (1996b: 473f.) Stat.
Outline 1996-97 (S.34); (b): Haq (1997: 116); (c): Stat. Outline 1996-97 (S.37;43); (d):
Haq (1997: 116); (e): Haq (1997: 116), zu den Abkürzungen der Bundesstaaten vgl. Tab. 7
Daneben profitierten von dieser Entwicklung einige
Regionen überproportional. So verweist D. Bronger (1996b) darauf, daß die Anzahl
der Bundesstaaten mit rückläufiger Pro-Kopf-Produktion von Nahrungsmitteln stark
zugenommen hat. Die Produktions- und Produktivitätszuwächse konzentrierten sich
insbesondere auf die Bundesstaaten Punjab, Haryana, Uttar Pradesh, Andhra Pradesh und
Maharashtra, sodaß sowohl interregionale Disparitäten, vor allem zwischen dem Nordwesten
und dem Osten Indiens, wie auch intraregionale, zu Gunsten der jeweiligen agro-ökologischen Gunsträume, verstärkt wurden. Festzuhalten bleibt die landesweite Produktionssteigerung, so daß die durchschnittliche Ernährungslage - 1990 kcal. (1961-63);
2230 (1988-90) und 2395 täglich (1992) - das von der Welternährungsorganisation (FAO)
angestrebte Bedarfsdeckungsniveau erreicht hat (Handb. d. Welternährung; UNDP
1997). Chronische Mangelernährung ist aufgrund der verbreiteten ländlichen Armut aber
weiter hin ein drängendes Problem, und Indien wird in FAO-Statistiken in der Ländergruppe "mit mittlerer Nahrungssicherheit" eingestuft, da nur rund drei Viertel aller
Haushalte ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt sind (Handb. d. Welternährung). Seit
dem Einsetzen der "Grünen Revolution" sind landesweite akute Hungersnöte
jedoch ausgeblieben. Paradoxerweise hat somit die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln auf
den privaten oder den subventionierten öffentlichen Märkten zugenommen, ohne daß große
Teile der marginalisierten Bevölkerung, Kleinbauern, Pächter, Landlose und Handwerker,
über das nötige Einkommen verfügen, um diese auch kaufen zu können (Currie 1992).
Als Skandal wird zudem gewertet, wenn im Zuge der liberalisierten Außenhandelspolitik
zunehmend Nahrungsmittel exportiert oder Ackerflächen für die exportorientierte
Garnelenzucht oder Schnittblumenproduktion umgewidmet werden und somit das Verteilungsproblem weiter verschärft wird (v. Dillenl Weber 1997).
Die indische Agrarpolitik wird auch weiterhin von
der Prämisse geleitet, durch Produktionssteigerungen die Versorgung der Bevölkerung
sicherzustellen. Hierbei werden im Rahmen einer "neuen" oder "zweiten"
"Grünen Revolution" gentechnische Züchtungsstrategien verfolgt, um eine
höhere Krankheits- und Schädlingsresistenz sowie eine größere Toleranz gegenüber
ungünstigen Anbaubedingungen zu erreichen (FAO 1995). Diese "Gen Revolution"
wird von kritischen Entwicklungsforschern aufgrund der befürchteten Dominanz
transnationaler Konzerne und patentrechtlicher Bedenken jedoch weitgehend abgelehnt (vgl. Bohle
1989). Neue Strategien, die durchaus im Konzept der "neuen Grünen
Revolution" aufgegriffen werden, müßten demgegenüber verstärkt Kleinbauern
integrieren und Verbesserungen im Regenfeldbau auf greifen, wie etwa dry farming-Techniken
oder watershed management-Projekte zur kleinräumigen Verbesserung des Bodenwasserhaushaltes. Neben der Weiterentwicklung trockenheitsresistenter Feldfrüchte
sind hierbei sowohl "ökosystem-" wie auch "kultur-spezifische"
Maßnahmen erforderlich, um mit Einbeziehung des traditionellen Agrarwissens der lokalen
Bevölkerung die vorhandenen natürlichen Ressourcen nachhaltig zu nutzen (vgl. Bohle 1989;
Manshard/Mäckel 1995). Mit solchen Strategien wird jedoch nicht die Rückkehr zur
Subsistenzwirtschaft an gestrebt, sondern vielmehr ein integrierter Ansatz von
technologischen Verbesserungen und, zuvor vernachlässigten, politischen Reformen, d.h.
Landumverteilung (Freebairn 1995). Insbesondere von arbeitsintensiver
wirtschaftenden Kleinbe trieben sind bei gesicherten Besitzverhältnissen nachhaltige
Einkommensverbesserung der Kleinbauern zu erwarten (Acharya/Papanek 1995).
Aufgrund der komparativen Produktionskostenvorteile
auf dem Weltmarkt, insbesondere für Reis und Weizen, sieht Storm (1997) durchaus
Potentiale auch für eine Handelsliberalisierung von Agrarprodukten. Hierzu sind aufgrund
seiner Untersuchungen jedoch zusätzliche agrarpolitische Maßnahmen erforderlich, um
Binnenmarktstörungen zu vermeiden. Dazu zählen öffentliche Infrastrukturinvestitionen, da die marginalisierten Bauern und Pächter die erforderlichen Ressourcen nicht
selber, weder individuell noch in Genossenschaften, aufbringen können (Storm 1995).
Daneben verweist er auf institutionelle Engpässe im Agrarsektor, etwa die
Besitzverhältnisse oder das Kreditwesen, die dessen Entwicklung bislang behindern.
Trotz rasanter Urbanisierung ein Land der Dörfer
Die Bevölkerung Indiens konzentriert sich zusehends
in Groß- und Millionenstädten, deren Bevölkerungszuwachs von 1981 bis 1991 doppelt so
rasch anstieg wie der ganz Indiens, gegenüber dem landesweiten Zuwachs um 23,6 Prozent
waren dies 46,9 in Groß- und 67,8 Prozent in Millionenstädten. Jedoch ist der Urbanisierungstrend gegenüber den vorherigen Dekaden sowie den Erwartungswerten geringer
angestiegen (Abb.3c). Die An zahl der Millionenstädte, in Indien als
"Metropolen" bezeichnet, stieg von neun (1971) über zwölf (1981) auf zuletzt
23 (1991) (Abb. 3a), und bis zum Jahr 2000 werden mindestens 36 erwartet (Krafft 1996).
Nach D. Bronger (1996a) wies Indien um 1990 fünf von weltweit 36 Megastädten
mit mehr als fünf Millionen Einwohnern auf. Projektionen der Vereinten Nationen legen
demgegenüber eine Mindestgröße von zehn Millionen Einwohnern zugrunde und erwarten
für das Jahr 2025 in Indien neun von insgesamt 20 Megastädten in Asien (Tab. 6). Somit
zählt Südasien zu den dynamischsten Städteregionen, auch wenn das größere absolute
Bevölkerungswachstum Indiens bislang auf dem Land zu verzeichnen ist und Indien bei der
niedrigen Urbanisierungsquote von 25,7 Prozent weiterhin als "ein Land der
Dörfer" zu bezeichnen ist (Gödde 1996). Doch selbst die derzeitige
Stadtbevölkerung Indiens von rund 218 Millionen (1991) wäre nach China und Indien die
weltweit dritt größte Nation (Töpfer 1996).
Tabelle 6: Megastädte in Indien. Quelle: Asien
Development Bank (!997: 26), nach UNDP (1994): World urbanization prospects.
| Stadt |
Bevölkerung |
Wachstumsrate |
1995 |
2010 |
2025 |
1995-2025 |
Mio.
Einwohner |
% pro Jahr |
| Bombay (Mumbai) |
15,1 |
24,3 |
33,2 |
2,66 |
| Kalkutta |
11,7 |
15,6 |
21,4 |
2,03 |
| Neu Delhi |
9,9 |
15,5 |
21,6 |
2,63 |
| Madras (Chennai) |
5,9 |
8,3 |
11,8 |
2,34 |
| Hyderabad |
5,3 |
9,4 |
13,2 |
3,08 |
| Bangalore |
4,8 |
7,3 |
10,2 |
2,58 |
Die Struktur der Städte Indiens ist sehr heterogen, sowohl hinsichtlich ihrer Historie wie auch der jüngsten Entwicklungsdynamik.
Von besonderer Bedeutung ist die koloniale Überprägung durch die Briten sowohl in
Städten früherer Dynastien wie auch mit Neugründungen etwa in Kalkutta, Bombay oder
auch Neu Delhi. Typisch hierfür ist die "blaupausenartige" Anlage von
Garnisonen und Verwaltungseinrichtungen in den cantonments und civil lines am
Rande der indischen Altstädte, als "anglo-indische Siedlungsform", die ein bis
heute nachvollziehbares Nebeneinander von "modernen" und muslimischen oder
hinduistischen Strukturelementen bewirkt (vgl. Blenck 1977; Gutschow/Pieper
1978). Darüber hinaus weisen die indischen Städte nur wenige Gemeinsamkeiten der
Stadtstruktur auf, für Krebs (1939/65: 140) zerfielen sie vielmehr "in einer
völligen Regellosigkeit des Straßennetzes". Für die jüngste Vergangenheit ist
jedoch festzustellen, daß insbesondere die Innenstadtbezirke der indischen Metropolen
eine extreme sozio-ökonomische Polarisierung zwischen den Verwaltungs- und insbesondere
Handelsfunktionen sowie der "Wohnbevölkerung" in ausgedehnten Slumgebieten
aufweisen (z.B. D. Bronger 1996b, Krafft 1996, Clemens 1997). Darauf
weist auch ein Ingenieur der Stadtverwaltung Kalkuttas in einem Gespräch mit dem
britischen Journalisten Frater (1997: 295 f.) hin:
"Inzwischen hat sich die Einwohnerzahl
vervierfacht, und wir müssen (...) mit einem gewaltigen Strom von Flüchtlingen fertig
werden - sie machen derzeit vierzig Prozent der Bevölkerung aus. Diese Flut von armen
Bauern bedeutet, daß wir nur noch dem Namen nach eine Stadt sind. Selbst rings um das
Geschäftsviertel herrschen ländliche Werte und Lebensweisen vor; die Landbevölkerung
lebt in Hütten hinter den Büroblocks und, natürlich, auf der Straße."
Auch wenn die Anteile der Wanderungsgewinne am
Städtewachstum von 54 (1971-81) auf etwa 40 Prozent (1981-91) zurückgegangen sind (Krafft
1996), so wirken weiterhin "Push"-Faktoren und drängen zumindest Männer in
die Städte, um dort den Lebensunterhalt für ihre Familien zu verdienen. So weisen
Bombay, Kalkutta und Neu Delhi einen für arbeitsplatzorientierte Migrationsprozesse typischen Männerüberschuß auf, mit 827 bis 831 Frauen je 1000 Männern gegenüber dem
gesamt-indischen Durchschnitt von 927 (Stat. Outline 1996-97).
Dieser von D. Bronger (1996a) auch als
"Megapolisierung" bezeichnete Prozeß übertrifft mit seiner funktionalen Konzentration die intensivsten Städtewachstumsphasen Europas und Nordamerikas und führte zu
krassen sozio-ökonomischen Disparitäten in Indien, sowohl hinsichtlich der
Wirtschaftskraft wie auch des Humankapitals, wobei sich Stadt-Land-Gegensätze und
solche zwischen Bundesstaaten überlagern.
Nach wie vor das Land mit der sprich wörtlichen
Bevölkerungsexplosion?
Indien ist als weltweit zweitgrößter Staat, gemessen an der
Bevölkerung, ein häufig zitiertes Beispiel einer "sprichwörtlichen
Bevölkerungsexplosion", sowohl in wissenschaftlichen Beiträgen (z.B. D. Bronger
1977, 1996b; Rothermund 1994; Domrös 1997) wie auch in Schulbüchern (z.B. Bronger/v.d. Kuhren 1986; Diercke 1996). Aus gehend vom hohen natürlichen Bevölkerungszuwachs (Abb. 5 & Tab. 7) von mehr als 16 Millionen Menschen pro Jahr
werden düstere und schier nicht zu bewältigende Entwicklungsprobleme für deren
Versorgung projiziert.
Indien hat es jedoch bislang durchweg vermocht, die
Ernährungssituation zu verbessern (Abb. 2) und die demographische Entwicklung, gemessen
an der jährlichen Wachstumsrate, hat sich seit etwa 1971 stabilisiert (Abb. 7). Während
die Sterberaten schon zuvor rasch gesunken sind, sinkt nun die Geburtenrate
überproportional, und die Wachstumsrate wird nach Schätzungen bis 2011 von 1,8 (1991-96)
auf unter 1,4 Prozent sinken (Stat. Outline 1996-97).
Tabelle 7: Sozio-ökonomische Disparitäten - Daten
der wichtigsten Bundesstaaten Indiens. Quelle: Haq (1997: 116) Rothermund (1994: 236),
Stat. Outline 1996-97 (S.35)
| Bundesstaaten |
reales
Pro-
Kopf-
Einkom-
men |
HDI-
Index |
Be-
völke-
rungs-
dichte |
Lebens-erwar-
tung |
Alpha-
betisie-
rungs-
quote
Ew >_ 7
Jahre |
Säug-
lings-
sterb-
lichkeit |
natür-
liches
Bevöl-
kerungs-wachs-
tum |
land-
Wirt-
schalt-
lich
Beschäf-tigte |
Frauen
je
1.000
Männer |
1992 |
1993 |
1991 |
1990-92 |
1991 |
1994 |
1991 |
1991 |
1991 |
1993
PPP$ |
0 bis 1 |
Ew/kmz |
Jahre |
% |
%o |
%o |
|
|
| Ke Kerala |
1.017 |
0,597 |
747 |
72 |
90 |
16 |
12 |
25,5 |
1.036 |
| Pu Punjab |
2.124 |
0,516 |
401 |
66 |
58 |
53 |
21 |
23,8 |
882 |
| Ma Maharashtra |
1.802 |
0,513 |
256 |
64 |
65 |
54 |
18 |
26,8 |
934 |
| Ha Haryana |
1.915 |
0,476 |
369 |
63 |
56 |
67 |
25 |
19,0 |
865 |
| Gu Gujarat |
1.416 |
0,458 |
210 |
60 |
61 |
64 |
19 |
22,9 |
934 |
| WB Westbengalen |
1.186 |
0,452 |
766 |
61 |
58 |
61 |
19 |
24,6 |
917 |
| HP Himachal Pradesh |
1.180 |
0,447 |
92 |
64 |
64 |
. |
. |
3,3 |
976 |
| Ka Karnataka |
1.224 |
0,442 |
234 |
62 |
56 |
65 |
18 |
28,9 |
960 |
| TN Tamil Nadu |
1.119 |
0,432 |
428 |
62 |
63 |
59 |
12 |
34,6 |
974 |
| AP Andhra Pradesh |
1.227 |
0,393 |
241 |
60 |
44 |
63 |
16 |
40,9 |
972 |
| As Assam |
932 |
0,374 |
284 |
54 |
53 |
77 |
19 |
12,1 |
923 |
| Or Orissa |
896 |
0,368 |
202 |
55 |
49 |
103 |
16 |
28,7 |
971 |
| Bi Bihar |
640 |
0,350 |
497 |
59 |
39 |
66 |
21 |
37,1 |
911 |
| Ra Rajasthan |
961 |
0,350 |
128 |
58 |
39 |
84 |
24 |
10,0 |
910 |
| UP Uttar Pradesh |
884 |
0,343 |
471 |
56 |
42 |
88 |
24 |
19,8 |
879 |
| MP Madhya Pradesh |
898 |
0,341 |
149 |
54 |
44 |
98 |
22 |
23,5 |
931 |
Indien, gesamt |
1.240 |
0,436 |
267 |
61 |
52 |
73 |
19 |
26,0 |
927 |
Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte Indiens
(1997: 292 Ew/kmz; Domrös 1997) und Südasiens (1997: 283 Ew/kmz) gilt diese Region
gemeinhin als "übervölkert" (Domrös 1997). Die Bevölkerung Indiens
konzentriert sich insbesondere in den agro-ökologischen Gunsträumen, wie den
Stromtiefländern vom Punjab bis in das Ganges-Brahmaputra-Tiefland, im Küstensaum der
Ostküste, an der südlichen Westküste bis in die Hochländer von Karnataka sowie von
Mumbai (Bombay) nordwärts nach Gujarat. Dort werden Werte von 500 bis 750 Einwohnern je
Quadratkilometer, in einzelnen, auch ländlichen, Distrikten auch mehr als 1000, erreicht,
während die peripheren oder ariden Regionen in Rajasthan oder im Gebirge sehr dünn besiedelt sind (unter 10 Ew/kmz; vgl. die Karten der Bevölkerungsdichte in Bronger, 1996b:
94, nach Verwaltungsdistrikten; sowie Karte I in Betz 1997).
Im regionalen Vergleich zeigen sich zudem deutliche
Unterschiede des Bevölkerungswachstums zwischen den Bundesstaaten (Tab. 7), wobei die
höchsten Geburtenraten in den Bundesstaaten nördlich der Satpura-Ketten zu verzeichnen
sind und die südlichen Bundesstaaten, ins besondere Kerala, nach dem "Modell des
demographischen Übergangs" schon mehrere Phasen durchlaufen haben
(GanslTyagi 1994). Das jährliche Bevölkerungswachstum in Kerala und Tamil Nadu unterschritt schon 1991 den Projektionswert
Indiens für 2011 (Tab.7). Das derzeitige Bevölkerungswachstum wird nach statistischen
Analysen insbesondere durch das Alter der Frauen bei der Hochzeit sowie den
Alphabetisierungsgrad der Frauen beeinflußt, d.h. je höher diese bei den Werte sind,
desto geringer fällt die Wachstumsrate aus. Die Urbanisierung oder die
Frauenbeschäftigungsquote zeig ten demgegenüber keine signifikanten Einflüsse. Daneben
erklärt statistisch ein hoher Anteil von purdah praktizierenden Frauen, d.h.
solche die weitgehend in familiärer Abgeschiedenheit leben, hohe
Bevölkerungswachstumsraten (GanslTyagi 1994). Neben der demographischen Entwicklung wird demnach auch die Entwicklung der Wirtschaft und des Humankapitals durch
sozio-kulturelle Aspekte bestimmt.
Wirtschaftliche Entwicklungsdisparitäten
Antipoden der Wirtschaftsentwicklung sind nach einer Analyse
verschiedener Indikatoren durch D. Bronger (1996b) die Bundesstaaten Punjab und
Bihar, so liegt das Pro-Kopf-Einkommen im Punjab um das 3,3fache höher als im ärmsten
indi schen Staat (Tab.7). Bronger hebt dabei insbesondere eine starke Korrelation
zwischen hoher ländlicher Bevölkerungsdichte ("ländliche
Überbevölkerung") und Unterentwicklung hervor, die jedoch bei günstigen
Produktionsbedingungen, d.h. Böden, Bewässerung sowie Infrastrukturausstattung, nicht zwangsläufig ein Entwicklungshemmnis darstellt. Vielmehr kann dies auch als Stimulus für Agrarinnovationen,
z. B. Plantagen und Marktfruchtanbau, interpretiert werden, wie etwa für Kerala, mit
überdurchschnittlich kleinen Höfen und niedriger Pro-Kopf Getreideproduktion (vgl. Rothermund
1995b; Parayil 1996).
Entgegen anderen Autoren bestätigt D. Bronger (1996b)
keine eindeutigen regionalen Nord-Süd- oder West-Ost-Polaritäten. In Übereinstimmung
mit Rothermund (1995b) stellt er jedoch Zentralindien mit angrenzenden Gebieten als
Region der niedrigsten Wirtschaftsentwicklung her aus. Das sogenannte
"Hindu-Herzland" (Bihar; Madhya Pradesh, Rajasthan und Uttar Pradesh) bezeichnet
Rothermund (1995b) mit Bezug auf den indischen Demographen A. Bose als
"BIMARU", wobei dieses Akronym auf die Hindi-Vokabel bimar (d.h. krank)
verweist.
Neben diesen zwischenstaatlichen Entwicklungsdisparitäten sind die Entwicklungsvorteile der Metropolen und Megastädte von
noch größerer Bedeutung. So weisen etwa Bombay und Kalkutta für 1985 Indexwerte der
Wirtschaftsentwicklung von 1088 und 1036 auf, wobei der indische Durchschnitt mit ,100'
indiziert wurde (D. Bronger 1996b). Dieses Stadt Land-Entwicklungsgefälle (primacy)
konnte durch Maßnahmen der Regionalplanung und Dezentralisierung nicht nachhaltig
aufgelöst werden, wie für das Bei spiel Bombay und Maharashtra dokumentiert ist (vgl. Clemens
1997).
Die Sonderstellung Keralas
Nach den auf Staatenbasis publizierten Daten des
"Index der menschlichen Entwicklung" (human development Index, HDI; UNDP
1997) liegt Indien 1994 auf Rang 138 von insgesamt 175 Staaten, fiel gegenüber dem
Vorjahr um drei Plätze und nimmt verglichen mit ähnlich wohl habenden Staaten sehr viel
niedrigere HDI-Werte ein. Die nach indischen Bundesstaaten unterschiedenen Werte (Haq
1997) zeigen jedoch krasse Unterschiede des Entwicklungsniveaus, die sich nicht al lein
durch die jeweilige Wirtschaftskraft oder das Pro-Kopf-Einkommen erklären lassen (Tab. 7
& Abb. 3e). So wäre Kerala als selbständiger Staat weltweit in der mittleren Gruppe (medium
human development) etwa auf Rang 108 einzuordnen, während es das mittlere
Pro-Kopf-Ein kommen Indiens deutlich unterschreitet. Die herausragende Stellung Keralas
sowie von Maharashtra, Haryana und Punjab trifft neben dem HDI-Wert auch auf andere Sozialindikatoren zu, wobei deren Streuung jedoch krasser ausfallen kann (Abb. 3d).
Hinsichtlich der Erklärung für die Sonderstellung Keralas variieren die Ansätze in der
Literatur sehrdeutlich. Rothermund (1995b) verweist auf die Auswanderung aus Kerala
sowie die Innovationsfähigkeit der Bevölkerung. Demgegenüber wird der Entwicklungsprozeß in Kerala als ein mögliches Beispiel für nachhaltige Entwicklung in Entwicklungsländern präsentiert (DuttlRao 1996; Parayil 1996). Als positiv
werden neben der demographischen Entwicklung
seit 1950, von einem Bundesstaat mit sehr hohem zu
dem mit dem niedrigsten Bevölkerungswachstum, auch die hier konsequenter durchgeführte
Landreform sowie die Ausbildungsleistungen herausgestellt. Parayil (1996) warnt
jedoch vor einer "Romantisierung" dieser Entwicklung, da auch in Kerala
weiterer Handlungsbedarf zur Förderung marginalisierter Gruppen, beispielsweise Fischer,
bestehe. So sind auch dort Modernisierungs- und zusätzliche industrielle
Fördermaßnahmen erforderlich. Mit bedürfnis-orientierten Entwicklungsansätzen sind
nach Dutt und Rao (1996) sowohl nachhaltige Verbesserungen der regionalen
Disparitäten sowie der ökologisch Oftmals sehr fragilen Produktionsbedingungen
möglich, so daß die vermeintlich unauflöslichen Teufelskreise von Überbevölkerung,
Armut und Degradation über wunden werden können. In dem Staat In dien von
subkontinentalem Ausmaß sind dabei jedoch keine allgemein gültigen Patentrezepte oder
"Blaupausen"-Ansätze, sondern den regionalen Bedingungen an gepaßte Strategien
erforderlich.
Literaturhinweise
Acharya, S. & G.F. Papanek (1995): Explaining
agricultural wage trends in India. Development Policy Review, 13, s. 23-39.
Alsdorf, L. (1955): Vorderindien, Bharat-Pakistan-Cey lon. Eine
Landes- und Kulturkunde. Braunschweig. Asian Development Bank/ADB (1997): Annual Report
1996. Manila.
Beck, T. (1995): The green revolution and poverty in
India. A case study of West Bangal. Applied Geography, 15, 2, S. 161-181.
Betz, J. et al (1997): Indien. Bonn. = Informationen
zur politischen Bildung, 257.
Blanckenburg, P.v. (1993): Rezension zu: Hazell,
P.B.R. & C. Ramasamy (1991): The green revolution reconsidered. The impact of
high-yielding rice varieties in South India. Baltimore, London. Zeitschrift für
ausländische Land wirtschaft, 32, 2, S. 224-225.
Blenck, J. (1977): Die Städte Indiens. In: Bienck/Bronger/Uhlig
(Hrsg.): Südasien. Frankfurt. S. 145-163. Blenck, J., D. Bronger & H. Uhlig
(Hrsg.)(1977): Südasien. Frankfurt/M. = Fischer Länderkunde, z.
Bohle, H.-G. (1989): 20 Jahre "Grüne
Revolution" in Indien. Eine Zwischenbilanz mit Dorfbeispielen aus Südindien.
Geographische Rundschau, 41, S. 91-98.
Bohle, H.-G. (1995): Ökologische Grundlagen:
Naturraum und Klima. In: Rothermund, D. (Hrsg.); Indien: Kultur, Ge schichte, Politik,
Wirtschaft, Umwelt. München. S. 19-37. Bronger, A. (1996): Die naturräumlichen und landschaftsökologischen Rahmenbedingungen; sowie: Entwaldung und Bodenerosion. In: Bronger,
D. (Hrsg.): In dien. Gotha. S. 51-86, sowie S. 375-379.
Bronger, D. (1977): Die Bevölkerungsproblematik der indischen
Union; sowie: Entwicklungsprobleme der Agrarwirtschaft Indiens. In: Blenck/Bronger/Uhlig
(Hrsg.): Südasien. Frankfurt. S. 110-121; sowie S. 306-376. Bronger, D. (1996a):
Megastädte. Geographische Rund schau, 48, 2, S. 74-81.
Bronger, D. (1996b): Indien. Größte Demokratie der
Welt zwischen Kastenwesen und Armut. Gotha. = Perthes Länderprofile.
Bronger, D. & N. v.d. Ruhren (1986): Indien.
Stuttgart. _ Länder und Regionen.
Cambridge Encyclopaedia of India, Pakistan, Bangladesh, Sri Lanka, Nepal, Bhutan and the Maldiven. Hrsg. v. F. Robinson. Cambridge, 1989.
Clemens, J. (1997): Bombay: Polarisierung in Indiens
größter Stadt. Wirtschaftskraft und Slums. Der Bürger im Staat, 47 2 S. 112-118.
Currie, B. (1992): Food cirisis and prevention: an
analysis in the Indian context. Contemporary South Asia, 1, 1, S. 93-111.
Diercke (1996): Erdkunde für Gymnasien in Nordrhein
Westfalen, B. Braunschweig.
Diercke Weltatlas. Hrsg. v. Westermann Schulbuchverlag, Braunschweig, 4. aktual. Aufl. 1996.
Dillen, S.v. & E. Weber (1997): Landwirtschaft und
Ernährungssicherung in Indien von der Kolonialzeit zur Epoche der Globalisierung.
Südasien, 17, 7-8, S. v-xü. Dogra, B. (1997): Wieviele Arme leben in Indien? Südasien,
17, 2, S. 24.
Domrös, M. (1977): Das Klima des vorderindischen
Subkontinents. In: Blenck/Bronger/Uhlig (Hrsg.): Südasien. Frankfurt. 5. 47-55.
Domrös, M. (1997): Südasien. Das natur- und -kulturgeographische
Potential. Praxis Geographie 27, 9, S. 4-12. Dutt, A.K. & J.M. Rao (1996): Growth,
distribution, and the environment: sustainable development in India. World Development,
24, 2, S. 287-305.
Economic Survey 1995-96. Hrsg. v. Government of
India, Ministry of Finance. New Delhi, (o.J./1995?).
Fischer Weltalmanach 1998. Zahlen, Daten, Fakten.
Hrsg. v. M. von Baratta. Frankfurt, 1997.
Food and Agriculture Organisation/FAO (1995):
Lessons from the green revolution - Towards a new green revo lution. Rom (provisional
version, Dec. 1995).
Frater, A. (1997): Regen-Raga. Eine Reise mit dem
Monsun. München. (Engt. Original: London, 1990; 1. deutsche Ausg.: Stuttgart, 1994).
Freebairn, D. (1995): Did the green revolution
concen trate incomes? A quantitative study of research reports. World Development, 23, 2,
5. 265-279.
Gans, P. & V.K. Tyagi (1994): Spatio-temporal
variations in population growth in India since 1901. Petermanns Geographische
Mitteilungen, 138, 5, S. 287-296.
GEO Special 1993, 4: Indien. Hamburg.
Geographische Rundschau 1984, 36, 2: Indien. Braunschweig.
Geographische Rundschau 1989, 41, 2: Indischer Subkontinent. Braunschweig.
Geographische Rundschau 1993, 45, 11: Südasien.
Braunschweig.
Gödde, H. (1996): Erste Ergebnisse des Census von
Indien 1991. Petermanns Geographische Mitteilungen, 140, 1, s. 43-50.
Gutschow, N. & J. Pieper (1978): Indien. Von den
Klöstern im Himalaya zu den Tempelstädten Südindiens. Bauformen und Stadtgestalt einer
beständigen Tradition. Köln. = DuMont Kunst-Reiseführer.
Handbuch der Welternährung. Die zwei Gesichter der
globalen Nahrungssituation. Hrsg. v. Deutsche Welthungerhilfe, bearb. V Oltersdorf, U.
& L. Weingärtner. Bonn, 1996. Haq, Mul (1997) Human Development in South Asia 1997.
Islamabad.
Hazell, PB.R. & C. Ramasamy (1991): The green
revoluti on reconsidered. The impact of high-yielding rice varie ties in South India.
Baltimore, London.
indian Agriculture in Brief. Hrsg. v. Government of India, Ministry
of Agriculture. New Delhi 1992, 24th Edition. Johnson, B.L.C. (1979): India: Resources and
devefop ment. London.
Krafft, T. (1996): Delhi. Von Indraprashta zur Hauptstadt Indiens. Geographische
Rundschau, 48, 2, S. 104-112. Krebs, N. (1965): Vorderindien und Ceylon. Eine Landeskunde. Darmstadt. (Neudruck, Original: Stuttgart, 1939). Kreutzmann, H.: Südasien.
Stuttgart. = Teubner Studien bücher Geographie. (in Vorbereitung).
Kulkarni, S. (1993): Adivasi und die Forstwirtschaft. Ge setze gegen Menschen. Progrom,
171, S. 28-31. Länderbericht Indien. Hrsg. v. Statistisches Bundesamt. Stuttgart,
Wiesbaden, 1995.
Länder und Klima. Asien, Australien.
Zusammengestellt v. G. Grünewald. Wiesbaden, 1982.
Lauer, W. (1993): Klimatologie. Braunschweig. = Das
Geographische Seminar.
Manshard, W. & R. Mäckel (1995): Umwelt und
Entwicklung: Naturpotential und Landnutzung in den Tropen. Darmstadt.
Nitz, J. (1977): Die agrargeographische Struktur
Indiens. In: Blenck/Bronger/Uhlig (Hrsg.): Südasien. Frankfurt. s. 171-200.
Parayil, G. (1996): The Keralamodell of development: development and sustainability in the Third World. Third World Quaterly, 17,
5 S. 941-957.
Rothermund, D. (1994): Indien. In: Nohlen, D. & F. Nuscheler
(Hrsg.): Handbuch der Dritten Welt. Band 7, Südasien und Südostasien. Bonn, 3. Aufl. S.
205-243. Rothermund, D. (Hrsg.)(1995a): Indien: Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft,
Umwelt. Ein Handbuch. München. Rothermund, D. (1995b): Regionale Diskrepanzen. In: ders.
(Hrsg.): Indien. München. S. 66-73.
Schweizer, G. (1995): Indien: Ein Kontinent im
Umbruch. Stuttgart.
Schwerin, K. Gräfin v. (1988): Indien. München. =
Beck'sche Reihe, Aktuelle Länderkunden.
Seuffert, O. (1989): Ökomorphodynamik und Bodenerosion.
Geographische Rundschau, 41, 2: 5. 108-115. Stang, F.: Indische Union. Darmstadt. =
Wissenschaftliche Länderkunde. (in Vorbereitung).
Statistical Outline of India 1996-97. Hrsg. v. Tata
Services Ltd, Department of Economics and Statistics. Bombay, 1996.
Storm, 5. (1995): On the rote of agriculture in
India's longterm development strategy. Cambridge Journal of Economics. 19, 6, S. 761-788.
Storm, S. (1997): Agriculture under trade policy
reform: a quantitative assessment for India. World Develop ment. 25, 3, S. 425-436.
Töpfer, E. (1996): "Die drittgrößte Nation
der Welt" -!ndiens Städte. Südasien. 16, 5, S. 35-36.
Uhlig, H. (1977): Bau-Relief-Böden-Vegetation.
Natur räumliche Gliederung. In: Blenck/8ronger/Uhlig (Hrsg.): Südasien. Frankfurt. S.
55-78.
United Nations Devefopment Programme/ UNDP (1997):
Bericht über die menschliche Entwicklung 1997. (Deut sche Fassung: Bonn: Deutsche
Gesellschaft für die Vereinten Nationen).
Vij, G.K. & R.C. Shenoy (1968): Hydrology of Indian rivers. In:
Law, B.C. (Hrsg.): Mountains and rivers of India. National Commitee for Geography:
Calcutta. 21st Interna tional Geographical Congress, India 1968. S. 258-283. Weischet, W.
(1988): Einführung in die Allgemeine Klimatologie. Stuttgart, 4. Aufl.
Zingel, W.-P. (1995): Bodenrecht in Indien.
Entwicklung + ländlicher Raum, 6/1995, S. 7-10.

|