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Inhaltsverzeichnis
Lokal kann und muß gehandelt werden
Regionale und lokale Umsetzungsmöglichkeiten
Das Beispiel Ulmer Initiativkreis nachhaltige
Wirtschaftsentwicklung
Von Helge Majer
Prof. Dr. Helge Majer lehrt Volkswirtschaft an der
Universität Stuttgart, Institut für Sozialforschung und leitet dort die Abteilung für Wachstums-
und Innovationsforschung. Er hat 1993 die Gründung des Ulmer Initiativkreis
nachhaltige Wirtschaftsentwicklung e. V. (unw) angestoßen und ist dessen Vorsitzender.
Nachhaltige Entwicklung muß nicht zu letzt vor der
eigenen Türe beginnen, vor Ort, regional und lokal. Die bloße Mitgliedschaft einer
Gemeinde z. B. im Klimabündnis reicht nicht, sie muß auch Folgen haben. Erfolge sind
nur dann zu erreichen, wenn die Menschen in einer Gemeinde, die Unternehmen eingeschlossen, in einen umfassenden Kommunikations- und Partizipationsprozeß einbezogen werden.
Der Ulmer Initiativkreis nachhaltige Wirtschaftsentwicklung e. V ist ein Beispiel, auch
dafür, welche Erfolgsbedingungen es gibt, welche Hemmnisse bestehen und wie diese
überwunden werden können.
Red.
Was heißt regionale Nachhaltigkeit?
"Ein neues Grundprinzip wirtschaftlichen
Handelns tritt ... in einer ökologisch modernisierten Volkswirtschaft an die Stelle des
Abbaus von Naturvermögen: die Substanzerhaltung und Entwicklung des Naturvermögens für
künftige Generationen."1
Regionale Nachhaltigkeit ist ein Teilaspekt dieser globalen
nachhaltigen Entwicklung. Mit regionaler Nachhaltigkeit sollen die Anforderungen des
Kapitels 28 der Beschlüsse der Rio-Konferenz von 1992 (Agenda 21) auf lokaler Ebene
umgesetzt werden. Es handelt sich hierbei um eine Konzeption, die in vielerlei Hinsicht
die traditionellen Umsetzungsstrategien der Öko-Pax-Bewegung aufbricht und weiter führt.
Der Ulmer Initiativkreis nachhaltige Wirtschaftsentwicklung e.V. (unw) geht hierbei
dezidiert eigene Wege. Nachhaltige Entwicklung ("sustainable development") kann
durch die folgenden Elemente charakterisiert werden:2 Nutzungsansprüche an die
Öko-Systeme bestehen durch Wirtschaftsweisen und Lebensstile. Wirtschaftsweisen
und Lebensstile nutzen die natürlichen Systeme als Quellen und Senken. Soll eine
Übernutzung vermieden und dauerhaftes Leben und Wirtschaften auf der Erde möglich
werden, müssen die Nachhaltigkeitsregeln eingehalten werden.3
Globalität: Begrenzter Raum. Nachhaltige
Entwicklung ("sustainability") ist eine globale Konzeption, die sich aus
der Endlichkeit des Planeten Erde ergibt. Langfristigkeit: Langsame Anpassung.
Nachhaltige Entwicklung ist ein Leitbild, das nur über langfristige Anpassungszeit räume
erreichbar ist.
Irreversibilität: Die Zeit ist nicht umkehr
bar, daher ist die Vorhersagbarkeit der Zukunft nur sehr eingeschränkt möglich und der
Umsetzungsprozeß muß schrittweise und iterativ erfolgen.
Ganzheitlichkeit: Ökologischer, ökonomischer und sozialer
Aspekt. Nachhaltigkeit bedeutet, die Ziele Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit,
Sozial- und Internationalverträglichkeit gleichzeitig zu verwirklichen. Anders
ausgedrückt: Ökologie und Ökonomie müssen unter dem Postulat der (gesellschaftlichen
und inter nationalen) Gerechtigkeit aufeinander abgestimmt werden. Ganzheitlichkeit bedeutet auch, Nachhaltigkeit als eine Lebenswissenschaft zu interpretieren. Vorsorge: Pfleglicher,
haushälterischer Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen.
Ziele und Wege
Notwendige Anpassungszeiträume und
Leitbildcharakter nachhaltiger Entwicklung legen es nahe, zwischen Zielen und Wegen zu
unterscheiden.3 Das Ziel der Nachhaltigkeit ist dann erreicht, wenn die genannten
Nachhaltigkeitsregeln gelten. Diese Regeln können nur in langfristigen
Anpassungsprozessen erreicht werden. Diese Anpassungsprozesse können als "Wege zur
Nachhaltigkeit" beschrieben werden. Bei diesen Wegen geht es letzlich darum, Quellen
und Senken zu sparen (und zu substituieren). Dies wird mit der folgenden Tabelle
verdeutlicht.
| Maßnahmen |
Quellen
- Rohstoffe
- Energie
- Fläche |
Senken
- Luft
- Boden
- Wasser |
| Substitutionen |
Nicht-regenerative
Quellen ersetzen
durch regenerative |
Nicht-assimilitionsfähige Schad-
und Reststoffe ersetzen durch
assimilationsfähige |
| Einsparung |
Reduktion der Mengen
bei Gesunderhaltung
(Qualität) der Systeme |
Mengenreduktion und
Gesunderhaltung |
In der Tabelle wird von den Wirkungen ausgegangen,
die Wirtschaftsweisen und Lebensstile auf die Natur haben. Soll dauerhaftes Überleben
von Mensch und Natur auf diesem Planeten gewährleistet werden, dann müssen diese
Wirtschaftsweisen und Lebensstile letztlich so ausgerichtet sein, daß sie die
"Management-Regeln" (H. Daly) für Nachhaltigkeit einhalten. Nach
Maßgabe dieser Regeln müssen Quellen und Senken gespart und substituiert werden. Wege
zur Nachhaltigkeit bestehen darin, sukzessive über zahlreiche Zwischenziele die
Nachhaltigkeitsregeln bei den Wirtschaftsweisen und Lebensstilen durch Substitution und
Einsparung so zu verwirklichen, daß das genannte Gerechtigkeitspostulat erfüllt ist.
Manchen mag diese Sicht von Nachhaltigkeit zu
ökonomisch-technisch sein. Dann könnte Nachhaltigkeit in einer anderen Weise beschrieben
werden, als die "Kunst des Überlebens" für die heute lebenden Generationen und
für die zukünftigen. Hierin wären dann alle Wirtschaftsweisen und Lebensstile
eingeschlossen, die schon so ausgerichtet sind, daß sie von vornher ein die
Nachhaltigkeitsregeln erfüllen. Be griffe wie Sorge, Vorsorge, haushälterischer Umgang
mit Personen und Dingen stehen dann im Mittelpunkt.
Ich möchte noch einen weiteren Aspekt ins Zentrum rücken, den ich
etwas abstrakt mit "Strukturähnlichkeit der Begriffe auf den Betrachtungsebenen
herstellen" bezeichnen möchte. Es geht hierbei darum, die allgemein formulierte
Aufgabe der dynamischen Harmonisierung von Ökologie und Ökonomie und Sozialem auf allen
Ebenen deutlich zu machen. Entscheidend ist, daß die Ganzheitlichkeit dieser drei Ebenen
im Zentrum steht. Dies würde auch verlangen, daß die regionalen und lokalen Leitbilder
sich an diese Begriffsebenen anlehnen müßten; bei der Lokalen Agenda 21 ist
diese Bedingung erfüllt, da sie sich direkt von Rio 1992 aus ableitet.
Betrachtungs-
ebene |
Ökologisches
System |
Ökonomisches
System |
Soziales
System |
| Globale Ziele |
Umweltverträglichkeit |
Wirtschaftlichkeit |
Sozialverträglichkeit
Internationalverträglichkeit |
| Expo 2000 |
Natur |
Technik |
Mensch |
Wirtschaftsunter-
nehmen (individuelle
Akteure) |
Naturnutzung
(Nutzungsansprüche
an Quellen und
Senken) |
Kapital
(Nutzung von
Sachkapital) |
Arbeiter
(Nutzung menschlicher
Arbeitskraft) |
Die Lokale Agenda 21 zeigt auf, wie Kommunen den
Weg zur Nachhaltigkeit gehen können
Auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der
Vereinten Nationen in Rio de Janeiro 1992 haben 179 Staaten eine Agenda 21 beschlossen,
ein Programm der nachhaltigen Entwicklung ("sustainable development") fürs
21. Jahrhundert. Dieses Programm muß von allen Akteuren auf allen Handlungsebenen
angepackt werden. Im Kapitel 28 dieser Agenda wird aufgezeigt, wie die Kommunen den Weg zu
nachhaltiger Entwicklung gehen können, im Kapitel 30 ist die Rolle der Privat wirtschaft
angesprochen.
Die Lokale Agenda 21 ist ein Programm, das den
Kommunen Anhaltspunkte dafür gibt, wie die Beschlüsse der Rio-Konferenz auf Städte und
Gemeinden heruntergebrochen werden können. Inzwischen haben in Deutschland etwa 100
Städte und Gemein den Maßnahmen für eine Umsetzung beschlossen. Darunter sind
München, Germering, Heidelberg, Leipzig, Rostock, Hamburg, Köpenick, Osnabrück,
Dervörden und Ulm. Doch zu Recht beklagt die Enquete Kommission zum Schutz des Menschen
und der Umwelt des Deutschen Bundestages, daß wir in Deutschland sehr spät dran
sind. Denn das Kapitel 28 der Agenda 21 sieht vor, daß bis 1996 die Mehrzahl der Gemein
den der Welt Programme zur lokalen Um Setzung der Agenda 21 verabschiedet hat. Diesem
Beschluß sollte ein breit angelegter Diskussions- und Beratungsprozeß mit der lokalen
Bevölkerung vorausgehen.
Diese Verpflichtung hat die Bundesrepublik
Deutschland durch die Bundesregierung im Juni 1992 in Rio mit der Unterzeichnung des
Abschlußdokumentes der Agenda 21 übernommen. Am 27. Mai 1994 verabschiedeten die
Teilnehmer der Europäischen Konferenz überzukunftsbeständige Städte und
Gemeinden in Aal Borg, Dänemark die sog. Aalborg-Charta, mit der die
europäischen Städte in die Lokale Agenda 21 eintreten. Auch der Bundestag (17. 6. 94)
und die Ministerpräsidenten der Bundesländer (1. 12. 94) haben sich zu dieser Aufgabe
bekannt. Die Aufgabe heißt, einen ökologischen, ökonomischen und sozialen Veränderungsprozeß in Gang zu setzen und vor anzutreiben, der zur Einsparung von Rohstoffen,
Energie und Fläche führt, und der die Schad- und Reststoffe, die an Luft, Boden und
Wasser abgegeben werden, wesentlich reduziert. Wir müssen lernen, mit der Natur sorgsam
umzugehen
Welche Ansatzpunkte gibt es,
Veränderungen zu bewirken?
Was unterscheidet diese Aktivitäten von den
umweltpolitischen Maßnahmen, die schon seit über 25 Jahren in der Bundesre publik
verfolgt werden
Der erste Unterschied besteht darin, daß
Nachhaltigkeit ausdrücklich verlangt, Ökologie, Ökonomie und Sozia les aufeinander
abzustimmen. Entscheidendes Handlungskriterium ist (inter temporale und
interregionale) Gerechtigkeit. Das Prinzip der Ganzheitlichkeit muß also stets beachtet
werden.
Zweitens sind alle gesellschaftlichen Akteure
aufgefordert, die Verantwortung für diesen Abstimmungsprozeß zu übernehmen, die
Wirtschaft, die öffentlichen und die privaten Haushalte. Das heißt, daß die
traditionelle Trennung zwischen Umsetzern und Betroffenen aufgehoben werden sollte,
und zwar im Sinne eines partizipativen Dialogs. Damit ist ein neues Politikverständnis
angesprochen, das sich wesentlich ableitet aus Einsichten der "neuen Physik",
der Irreversibilität der Zeit (zukünftige Ereignisse sind prinzipiell nicht vorher
sagbar) und der Nicht-Linearität von Prozessen (Ursache und Wirkung können nicht linear
zugeordnet werden; die Wirkung kann gleichzeitig Ursache für eine weitere Wirkung sein).
Drittens sind die Wege zur Nachhaltigkeit wohl in
Innovationen festgemacht, jedoch in einer sehr breiten Sicht. Innovationen sind
alle neuen und neuartigen Handlungsmöglichkeiten. Diese beschränken sich nicht nur auf
technisch-ökonomische Effizienz, sondern sie beziehen auch verändertes Verhalten (z.B.
materieller Verzicht) und neue Institutionen (z.B. neue formale Regeln durch Gesetze,
Verordnungen, Verträge, oder informelle Regeln wie neue Werte, Sitten, Gebräuche) ein.
Viertens müssen auf allen Handlungsebenen neue
Handlungsmöglichkeiten in Technik, Verhalten und Institutionen erkundet und
ausprobiert werden, international (z.B. Commission for Sustainable Development
CSD), national (z.B. Enquete-Kommission zum Schutz des Menschen und der
Umwelt), regional (z.B. Akademie für Technikfolgenabschätzung in
Baden-Württemberg) und lokal (z.B. Ulmer Initiativkreis nachhaltige
Wirtschaftsentwicklung e.V.). Entscheidend ist, daß die lokalen Aktivitäten in ein
nationales Sustainability
Ethos oder in eine Verantwortungskultur
eingebettet sind. Die Trennung von top-down und buttom-up sollte aufgehoben
werden: Umsetzungsmaßnahmen müssen - wie eine Zange - von oben und von unten angesetzt
werden.
Bedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung
Die Überlegungen zum Begriff regionaler
Nachhaltigkeit haben die wichtigsten gestaltenden Elemente einer Systematik für die
Umsetzung benannt und können nun zusammengestellt werden: Leitbild, Akteur, Netzwerk,
Lernprozesse, Ressorcenveränderung, Veränderung von Zielen und Aktivitäten,
Machtverschiebungen, Innovation, Gerechtigkeit. Andererseits kann das Gliederungsmuster
für eine er folgreiche Veränderung von Manfred Linz verwendet werden:
Sinnvermittlung: Den Akteuren muß der Sinn
der Veränderung vermittelt werden.
Glaubwürdigkeit: Der
"Vermittler" muß glaubwürdig sein.
Gerechtigkeit/Gleichbehandlung: Die
Veränderung muß gerecht sein, ihre Kosten müssen alle gleichermaßen
"treffen", und sie sollten auch alle gleichermaßen von der Veränderung
"profitieren".
Handlungsmöglichkeiten: Es sollten konkrete
Handlungsmöglichkeiten angeboten werden.
Diese Kriterien sind in der folgenden Über sicht
(nächste Seite) zusammengestellt; sie lauten Strategie, Infrastruktur und Umgebungsbedingungen. Zur Illustration ist ei ne Reihe von Beispielen angefügt.
Erfolgsfaktoren und Hemmnisse
Die aufgeführten lokalen Aktivitäten wer den durch
vielfältige Hemmnisse behindert, aber es kann auch an Erfolgsfaktoren angeknüpft
werden. Die wichtigsten sind in der folgenden Tabelle zusammen gestellt. Wie können die
Hemmnisse über wunden und die Erfolgsfaktoren gestärkt werden? Nach aller Erfahrung
scheint es, daß den einzelnen Faktoren schwer mit einzelnen Maßnahmen beizukommen ist.
Wie dies auch aus dem letzten Abschnitt der strategischen Faktoren und der Umsetzungs-Infrastruktur, alles eingebettet in Umgebungsbedingungen, hervorgeht, scheint ein
ganzheitlicher, systematisch aufgebauter Ansatz die meisten Aussichten zu haben, einen
Veränderungsprozeß herbeizuführen. Die Vielfalt der Maßnahmen ist dabei nicht
redundant (oder, wie man mit engen Kriterien auch sagt: "ineffizient"), sondern
eröffnet einem von starker Unsicherheit geprägten Planungsprozeß vielfältige
Möglichkeiten der Abpufferung.
Die schraffierten Felder der folgenden Abbildung
sollen im Anschluß besprochen werden. Um möglichst konkret zu bleiben, will ich das
Beispiel des Ulmer Initiativkreis nachhaltige Wirtschaftsentwicklung e. V. (unw)
verwenden.
Kriterien Thesen (allgemeine Handlungsvorschläge)
STRATEGIE
1. Strategische Leitlinien und Umsetzungsprinzipien Partizipativ-diskursiver Ansatz
Sinnhaftigkeit der Veränderung deutlich
machen.
Nachhaltigkeitslücken: Aufzeigen, welche Lücken
zwischen gemessenen Umweltbelastungen (Senken und Quellen) und Nachhaltigkeitszielen (bei
erfüllten Nachhaltigkeitsregeln) bestehen.
Vertrauen schaffen.
Offenlegung und Öffentlichkeit der Entscheidungen.
- Betroffenheit herstellen.
- Mit der individuellen Verantwortung der Akteure das
Problemlösungspotential der Beteiligten wecken (Selbstorganisationspotential wecken).
Verantwortung wahrnehmen.
Kooperieren.
- Verläßlichkeit der Ziele.
Taktische Flexibilität bei strategischer Konstanz.
- Suchprozeß veranstalten.
Hierarchisch-regulativer Ansatz
Durch Informieren Veränderungen anstoßen
Informationen verständlich aufbereiten und
bereitstellen.
- Hohe Qualität der Veranstaltungen.
- Praktisches Handeln theoretisch fundieren.
- An der (lokalen) Geschichte ansetzen. Gerechtigkeit
- Kooperative Lösungen suchen.
- Gerechte Lösungen aushandeln.
- Langfristige Lösungen anstreben. Ganzheitlichkeit
- Zielkonflikte zu wirtschaftlichen und sozialen Bereichen wegen
Kurzfristorientierung aufzeigen.
Nachhaltigkeit in den Dimensionen Ökologie,
Ökonomie und Soziales.
Vorgehensweise partial, selektiv oder total.
Zeitdimension
Weitere Faktoren
- Erfolgserlebnisse für alle schaffen.
Agenda-Erstellung als Ereignis aufbauen, das allen
Spaß macht.
Vom guten Leben sprechen und versuchen, es zu
praktizieren.
Humor und Fröhlichkeit nicht unter drücken.
2. Umsetzung der Leitlinien und Ziele (Ansatzpunkte)
Innovationen in
Technik,
- Verhalten und
- Institutionen
Akteursbezogenes Vorgehen
Netzwerke: Lernprozesse anstoßen,
Zielveränderungen bewirken, Ressourcenverschiebungen, Machtverschiebungen, Krisen,
Handlungsbeispiele
Unterschiedliche Durchsetzungs- oder Umsetzungsstrategien: fertige Lösungen vs. Such- und Lernprozesse.
Vorbilder herausstellen.
Maßnahmenschwerpunkte setzen.
Konkrete Projekte durchführen. Überzogene
Erwartungen (Erwartungsdruck) und leere Versprechungen vermeiden.
Einzelpersönlichkeiten in den Mittelpunkt stellen
(bei Schlüsselakteuren beginnen), Netzwerkbeziehungen ausnützen.
Profilierungsbestrebungen von Einzelpersonen und
Gruppen kanalisieren.
- Vorstellungen über "Lagertheorien" (ideologische
Verhärtungen und Vorurteile über andere) beachten.
Kompetenzkonflikte zwischen Behörden offenlegen.
Chronischen Termindruck und Zeitmangel der
Verantwortlichen durch Langfristplanung entschärfen.
3. Infrastruktur
Personelle, sachliche und finanzielle Ausstattung der umsetzenden
Organisation
Glaubwürdigkeit
- Glaubwürdigkeit der Träger der Umsetzung.
Rolle als "Ehrlicher Makler" erarbeiten.
Unabhängigkeit.
- Neutraler (breiter, kompensatorischer) ideologischer
Hintergrund, z.B. durch viele Mitglieder aus unterschiedlichen Bereichen.
- Forschung betreiben.
Theoriegebundenes (begründbares, "wissenschaftliches") Vorgehen.
Kommunikation aufbauen und pflegen.
Finanzierung
- Finanzknappheit und Mangel an Personal.
- Öffentliche/private Finanzierung.
Einbindung in Handlungsebenen
Angebliche Entscheidungsunfähigkeit wegen fester
Rahmenbedingungen (z.B. Steuergesetze, Verordnungen, globale Märkte) durch Einbindung
überwinden.
Personalunion von Aktivitäten auf unter
schiedlichen Handlungsebenen nutzen (statt bekämpfen).
4. Umgebungsbedingungen
| Hemmnisse |
Erfolgsfaktoren |
Profilierungsbestrebungen von
Einzelpersonen und Gruppen |
Mitgliedschaften der Stadt (z.B. Klimabündnis) |
Unterschiedliche Durchsetzungs- oder
Umsetzungsstrategien (Wende vs.
Langfristiger Strukturwandel - fertige
Lösungen vs. Such- und Lernprozesse) |
Glaubwürdigkeit der Träger der Umsetzung |
Vorstellungen über "Lagertheorien"
(ideologische Verhärtungen und
Vorurteile über andere) |
Kenntnis der Beziehungsmuster
( "Netzwerke") in der Stadt |
Zielkonflikte zu wirtschaftlichen
und sozialen Bereichen wegen
Kurzfristorientierung |
Engagement wichtiger
Persönlichkeiten
der Stadt (z.B. OB, Bau- und
Umweltbürgermeister, Rektoren, Professoren, etc.) |
| Chronischer Termindruck und Zeit-
mangel der Verantwortlichen |
Hohe Qualität der Veranstaltungen |
| Besitzstände und Machtpositionen |
Langfristorientierung |
Angebliche Entscheidungsunfähigkeit
wegen fester Rahmenbedingungen
(z.B. Steuergesetze, Verordnungen,
globale Märkte) |
Unkonventionelles Handeln, taktische Flexibilität
bei strategischer Verläßlichkeit der Ziele
|
Kompetenzkonflikte zwischen
Behörden |
Konkrete Projekte durchführen |
Finanzknappheit und Mangel
an Personal |
Günstiges Veränderungsklima in der Stadt |
|
Große Anzahl an "Verbündeten" in der
Kommune und außerhalb |
Keine Bereitschaft zur Kommunikation
("Wir- wissen-alles-Syndrom") |
Betroffenheit herstellen |
| Vollzug versus Aushandeln |
Offenlegung und Öffentlichkeit der Entscheidungen |
Überzogene Erwartungen
(Erwartungsdruck) |
Einbeziehen kirchlicher Initiativen |
| Leere Versprechungen |
Erfolgserlebnisse für alle schaffen |
Keine rasch sichtbaren Ergebnisse
(Ungeduld) |
Agenda-Erstellung als Ereignis aufbauen,
das allen Spaß macht |
Zusammengestellt aus der Anhörung der
Enquete-Kommission zum Schutz des Menschen und der Umwelt am 18. 11. 96 in Bonn
Das Beispiel des unw in Ulm
Der unw wurde am 5. November 1993 im Ulmer Rathaus
von Wissenschaftlern, Politikern und Unternehmern gegründet; im Januar 1998 hatte er
knapp 140 Mitglieder. Der unw versteht sich als "intermediäre Organisation" (von
der Heydt) zwischen staatlichen und privaten Organisationen, oder, im Sinne von Scott Lash
als "reflexive Gemeinschaft", die eigenverantwortlich und
selbstorganisatorisch als wichtig er kannte kollektive Zielsetzungen verfolgt. In der oben
erwähnten Handlungsabfolge geht Manfred Linz davon aus, daß Veränderungen von
Lebensstilen und Wirtschaftsweisen in einer aufgeklärten Gesellschaft nur möglich
sind, wenn sie Sinn machen und wenn diejenigen, die sich ändern sollen, diesen Sinn
einsehen. Daher ist es ein entscheidendes strategisches Prinzip des unw, durch
vielfältige Informationen Lernprozesse anzustoßen, die dann zu Handeln führen sollen.
Manfred Linz stellt aber zu Recht heraus,
daß diejenigen, die die Notwendigkeit von Veränderungen propagieren, selbst glaub
würdig sein müssen. Deshalb muß sich die umsetzende Organisation das Vertrauen aller
gesellschaftlichen Gruppen erarbeiten. Dies ist sehr schwer. Doch wie soll an deren
vermittelt werden, daß sie ein schneidende Veränderungen ihrer Wirtschaftsweisen und
Lebensstile vornehmen müssen, wenn die umsetzende Organisation nicht glaubwürdig ist?
Der unw versucht, diese Glaubwürdigkeit mit Hilfe von zwei Faktoren zu erreichen:
Erstens durch eine wissenschaftliche Fundierung seiner Arbeit, zweitens durch eine
Zusammensetzung der Mitglieder, die quasi einem Mikro-Netzwerk der Stadtgesellschaft entspricht und in dem alle gesellschaftlichen Gruppen vertreten sind. Dies geht aus der
folgenden Übersicht hervor:
Wegen des Schwerpunktes auf der Wirtschaft sind im
Vorstand auch zwei Unternehmer vertreten. Der Wissenschaftliche Beirat ist
interdisziplinär zusammengesetzt. In der Forschungsgruppe arbeiten i.d.R. vier
Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Eine wichtige Institution ist die
Strategiediskussion der Mitglieder, die zwei Mal im Jahr stattfindet.
Die wichtigste strategische Frage lautet: Wie
können mit Hilfe von Informationen Lernprozesse angestoßen werden, die zu nachhaltigen
Wirtschaftsweisen und Lebensstilen führen? Der unw setzt dabei auf die bekannten
Informationsmöglichkeiten wie Zeitschrift (unw nachrichten), Schriftenreihe (Verlag
Wissenschaft & Praxis), Informationsblätter (unw-extra, unw regional
Wirtschaftsblatt), Ausstellungen, Projekte und Veranstaltungen, alles in höchstmöglicher
Qualität. Die jährliche Großveranstaltung des unw mit der Stadt Ulm im Stadthaus zeigt
"Wege zur Nachhaltigkeit" für und mit wichtigen gesellschaftlichen Gruppen
auf.
Runde Tische als Medium für die Umsetzung
Im Mittelpunkt der Informationen stehen aber sog.
mediations-basierte Runde Tische mit Schlüsselakteuren. In zahlreichen
Strategiediskussionen von Vereinsmitgliedern wurde beschlossen, Runde Tische mit der
Wirtschaft, der Verwaltung, der Energieversorgung und den Bürgern ein zurichten. Zunächst
sollte bei den Verantwortlichen, also bei den Managern, Amtsleitern und Energieanbietern
angesetzt werden, um später weitere Gruppen zu erreichen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts sind nun Runde Tische mit Beschäftigten von fünf Ulmer Unternehmen angelaufen.
Die Vorbereitungen für Runde Tische mit Handwerksmeistern sowie mit Schulleitern laufen.
Mediations basiert heißt, daß die Runden Tische auf den Erfahrungen der Mediation
aufbauen und insbesondere versuchen, die Problem lösungspotentiale der Teilnehmer und
Teilnehmerinnen der Runden Tische zu aktivieren.
Die Hemmnisse sind vielfältig; sie müssen - wie
gesagt - ganzheitlich angegangen werden. Die meisten lassen sich mildern oder beseitigen,
indem ohne Zeitdruck in intensiven, beharrlichen und geduldigen persönlichen Gesprächen
mit Schlüsselpersonen im Netzwerk der Stadtgesell Schaft der Sinn und die Notwendigkeit
einer Veränderung und die konkrete eigenverantwortliche Handlungsmöglichkeit verhandelt
werden. In den meisten Fällen kann aufgezeigt werden, daß mit einer auf Nachhaltigkeit
ausgerichteten Veränderung ein individueller Eigennutzen erfüllt werden kann, am besten
natürlich mit Argumenten, die auf die mittel und langfristige Sicht hinauslaufen.
Auf soziale Ansteckungsprozesse setzen
Sehr schwierig ist es aber, mit der kurzfristigen
Ergebnisorientierung zurechtzukommen. Wie sollen die Ergebnisse sozial ökonomischer
Prozesse gemessen wer den? Welcher Zeiträume bedarf es, um überhaupt Veränderungen
feststellen zu können für Prozesse, die weitgehend selbstorganisatorisch ablaufen? Die
unw Unternehmergespräche fanden inzwischen fünf Mal mit zuletzt ca. 30 Managern statt.
Welche Ergebnisse? Viele Unternehmen sind als Mitglieder in den unw eingetreten und
unterstützen seine Ziele, finanziell und ideell. Fünf Unternehmen führen Öko-Audits
nach der EU-Verordnung durch und lassen sich von einem Umweltgutachter prüfen. Doch die
entstandene Sensibilität für Umweltfragen, wie läßt sich diese messen? Wie läßt sich
angeben, ob entstandene Kooperationsbeziehungen durch die unw-Gespräche oder durch
andere Impulse zustande gekommen sind? Der unw setzt auf soziale Ansteckungsprozesse, auch
bei den Unternehmergesprächen, und geht davon aus, daß ein hochmotivierter Kern von
Unternehmerpersönlichkeiten, die vor allem aus dem mittelständischen Bereich kommen,
für andere als Vorbilder dienen kann.
Seit Sommer 1997 koordiniert der unw zusammen mit
der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg einen
Umweltdiskurs mit gesellschaftlichen Gruppen und Bürgern als erste Stufe der Lokalen
Agenda 21 in Ulm. Hier zeigten sich zum ersten Mal schwierige Probleme mit anderen
Initiativen in Ulm über "den richtigen Weg". Es ist sehr schwer, diese
Probleme zu lösen, da sie häufig auch mit Personen verbunden sind.
Gesprächsbereitschaft, offene Informationspolitik und Konsultation scheinen wichtige
Möglichkeiten, um Vertrauen und eine "gesunde Streitkultur" herzustellen.
Allgemeines und Abschließendes läßt sich wohl
niemals sagen. "Reflexive" Gemein schalten befinden sich in einem andauern den
Lernprozeß, und zwar innerhalb ihrer Gemeinschaft und mit den Akteuren, mit denen sie
zusammenarbeiten. Die Kunst der sinnvollen Veränderung besteht wohl darin, dieses Lernen
zuzulassen und seine Ergebnisse so gebündelt weiterzugeben, daß sie weiteres Lernen
anstoßen. Dies klingt recht einfach und die meisten können dem wohl zustimmen. Was ist
aber, wenn wir meinen, alles schon zu wissen?
Anmerkungen
1)BMBF, Rahmenkonzept zum Förderschwerpunkt Konzepte für nachhaltiges Wirtschaften, Entwurf vom 4. 6. 1996, S. 5.
2) In der Literatur finden sich zahlreiche
Definitionen (vgl. etwa die Zusammenstellung bei Majer, 1995); diese sollen hier nicht
referiert werden. Vielmehr wird versucht, den Begriff mit seinen wesentlichen Elementen
zu beschreiben, die dann als Bausteine der Analy se verknüpft und verwendet werden
können.
3)Ein von der Neo-Klassik beeinflußter Zweig der
Nachhaltigkeitsforschung unterscheidet zwischen strong und weak sustainability. Dieser
Ansatz vermischt Ziel und Weg und wird deshalb hier nicht weiter dargestellt.
Literaturhinweise
Helge Majer, Joachim Bauer, Christian Leipert,
Ulrich Lison, Friederike Seydel, Carsten Stahmer, Regionale Nachhaltigkeitslücken.
Ökologische Berichterstattung für die Ulmer Region, Schriftenreihe des unw, Bd. 2,
Sternenfels-Berlin 1996
Helge Majer, Mediationsbasierte Runde Tische in: Adelheid
Biesecker, Klaus Grenzdörffer, Christiane Vocke (Hg.), Neue institutionelle Arrangements
für eine zeit gemäße Wohlfahrt, Pfaffenweiler 1997, 5. 125 - 142 Helge Majer,
Wirtschaftswachstum und nachhaltige Entwicklung, 3., vollständig neu bearbeitete Auflage
von: Wirtschaftswachstum. Paradigmenwechsel vom quantitativen zum qualitativen Wachstum,
z. Aufl., München Wien 1998
Helge Majer, Friederike Seydel (Hrsg.),
Pflastersteine. Ulmer Wege zur Nachhaltigkeit, Schriftenreihe des unw, Bd. 4,
Sternenfels-Berlin 1998

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