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Inhaltsverzeichnis
Internationale Vereinbarungen müssen national
umgesetzt werden
Politische Umsetzungsstrategien nachhaltiger Entwicklung
Gefordert sind nicht nur die nationale, sondern auch die regionale und lokale Ebene
Von Angelika Zahrnt
Dr. Angelika Zahrnt ist Stellvertretende Vorsitzende des Bundes für
Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND).
Die Ergebnisse der Konferenz für Umwelt und
Entwicklung 1992 in Rio können sich sehen lassen. Neben 169 anderen Staaten ist auch die
Bundesrepublik Deutschland der dort verabschiedeten Agenda 21 bei getreten. Doch damit ist
sie noch nicht gesellschaftliche Wirklichkeit. Vielmehr müssen die dortigen
Zielsetzungen national umgesetzt werden. Doch genau daran fehlt es. In die politischen
Umsetzungsstrategien müssen auch gesellschaftliche Organisationen einbezogen werden. Im
Fall Deutschland haben die katholische Entwicklungshilfeorganisation Misereor und der BUND
eine Studie des renommierten Wuppertal Instituts in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse
wegweisend sein können.
Red.
Nachhaltige Entwicklung Politische Umsetzungsstrategien Trotz Agenda
21: weiter so?
Gleiche Chancen und Rechte auf natürliche
Ressourcen und auf Lebensqualität für alle, in aller Welt, im Süden wie im Norden, und
für alle kommenden Generationen - diese Forderungen bildeten die Grundlage der
Ergebnisse der sogenannten Rio-Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Jahr
1992. Hier verabschiede ten 170 Staaten die Agenda 27, formulier ten also die
Aufgaben, die jetzt anstehen, um die weltweite Entwicklung so zu gestalten, daß das
Erreichen weltweiter sozialer Gerechtigkeit und gleichmäßiger Ressourcenverteilung und
-nutzung in der Zukunft überhaupt möglich wird.
In der Verantwortung der Nationalstaaten lag und
liegt es, die in der Agenda 21 grob skizzierten Aufgaben auf nationaler Ebene inhaltlich
präziser zu definieren. Die Zielsetzung ist zunächst - oberflächlich betrachtet - eine
negative: Auch ohne quantifizierbare Größenordnungen war schon vor Rio längst deutlich
geworden, daß die Industriestaaten die natürlichen Ressourcen der Erde
unverhältnismäßig stark ausbeuten, andererseits diese Erde Boden, Wasser, Luft, und die
darin beheimateten Lebewesen - wiederum mit Emissionen stark belasten.
Nachhaltige Entwicklung aber fordert, nur in der Menge Ressourcen zu
entnehmen, wie sie erneuert werden, und nur so viele Emissionen zuzulassen, wie wieder
abgebaut werden. Das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung stellt deshalb auch Deutschland
vor große, zunächst überwältigend scheinende Probleme. Diese Konstellation mag
erklären, aber keines falls entschuldigen, warum große Teile von Politik und Wirtschaft
in Deutschland am "Weiter So", an alten Denkmustern und vermeintlichen
Erfolgsstrategien fest halten und mit diesen grundlegenden Aufgaben ganz offensichtlich
überfordert sind.
Umsetzung braucht Konkretion und gesellschaftliche
Diskussion
Um den in Rio formulierten und auch von der
deutschen Regierung unterzeichneten Zielen der Staatengemeinschaft eine so wohl empirische
Grundlage wie auch perspektivische Dimension zu verleihen, fanden sich der Bund für
Umwelt und Natur Schutz Deutschland (BUND) und das katholische entwicklungspolitische
Hilfswerk Misereor zu einer bis dato neuen Allianz zusammen: Ein Umweltverband und
eine Entwicklungshilfeorganisation wollten schon in der Zusammenarbeit dem Anspruch der
Agenda 21 - den Umweltschutz und die Entwicklung in den Ländern des Südens gleichzeitig
zu betrachten und voranzubringen - entsprechen. Eine breite gesellschaftliche Diskussion darum anzustoßen, wie verantwort bares Leben innerhalb ökologischer Grenzen neu zu
organisieren sei, war die primäre Zielsetzung. Ergebnis war die gemeinsame
Auftragsvergabe an das Wuppertal Institut für eine Studie, die die Parameter und
Perspektiven zukünftiger und vor allem zukunftsfähiger Entwicklung in Deutschland
untersuchen sollte. Der Versuch, damit nicht nur die globalen Ziele von Rio für
Deutschland zu konkretisieren, sondern durch die Art des "Zählens und
Erzählens" auch den Einstieg in eine gesellschaftliche Diskussion nachhaltiger
Entwicklung - und damit letztlich eine Wertedebatte - anzustoßen, gelang. Nachdem
"Zukunftsfähiges Deutschland" am 23. Oktober 1995 in Köln erstmals öffentlich vorgestellt worden war, waren 15 weitere dezentrale, ganz unterschiedlich
geprägte Präsentationen, veranstaltet von BUND und Misereor, von jeweils 100 bis
500 Teilnehmern und Teilnehmerinnen besucht. Volkshochschulen, Hochschulgruppen,
Parteien, Kirchengemeinden und Umweltgruppen griffen die Studie auf und trugen sie weiter.
Presse, Hörfunk und Fernsehen nahmen das Thema auf mit breitem Echo bei Lesern und
Leserinnen, Zuhörern und Zuhörerinnen. 130000 Exemplare der Kurzfassung der Studie sind
bisher verkauft. Die erste Auflage des Buches mit 11000 Exemplaren war verkauft, bevor es
im Buchhandel erschienen war. Inzwischen sind es 35 000 verkaufte Exemplare.
Schon in den Veranstaltungen im Herbst 1995 war die
Atmosphäre geprägt von großer Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit, ein Wille zu
Engagement und Veränderung war zu spüren. Diese breite positive Resonanz ist
Voraussetzung dafür, daß "Zukunftsfähiges Deutschland" nicht eine Studie
bleibt, sondern Anstöße zur Umsetzung gibt.
Ein Zukunftsentwurf in der Zeit
gesellschaftlicher Verunsicherung
Dabei schien der Zeitpunkt der Veröffentlichung im
Herbst 1995 zunächst ungünstig: In der politischen Diskussion dominierte die
Arbeitsplatzfrage. Vielleicht war es aber auch die Zeit, in der sich deutlich
abzeichnete, daß es sich nicht allein um ein Konjunkturproblem, eine leicht behebbare
"Wachstumsdelle" - so Wirtschaftsminister Rexrodt - handelte. Die
ökonomische und ökonomistische Debatte, mit positiv besetzten Schlagworten wie
"schlank" und "effizient", die aber gleich zeitig Arbeitslosigkeit und
finanzielle Unsicherheit bedeuten, ließ das Gefühl der gesellschaftlichen Verunsicherung
wachsen. In einer Phase der Orientierungslosigkeit stellt die Studie einen Zukunftsentwurf dar, der statt einer Anpassungsspirale nach unten bei Sozial- und
Umweltstandards im Globalisierungswettlauf neue Wege aufzeigt. Es scheint, als würde die
Studie als Aufforderung verstanden, aus dem "Fatalismus der Industriemoderne" (Ulrich
Beck) herauszukommen, die Krise auch als Chance zu sehen.
Was machte nun die Wirkung der Studie aus, und was
besagt diese Wirkung bezüglich der Strategien, die letztlich zur Umsetzung aller für
eine nachhaltige Entwicklung notwendigen Schritte benötigt werden? Abstrakte
Zielvorstellungen wollen nicht nur in konkrete Zahlen, sondern auch in
gesellschaftlich-kulturelle Entwürfe eines zukünftigen Lebens gegossen werden. Erst
diese Modelle erlauben eine faßbare Vorstellung der neuen, zukunftsfähigen Gestaltung
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Industriestaaten wie Deutschland. Die
Studie selbst griff diese Notwendigkeit in der Art auf, daß sie über eine rein
quantitative Bestandsaufnahme und Extrapolation möglicher Szenarien hinausging. In
Leitbildern beschrieben die Autoren - unter deutlichem Hinweis auf die
Unzulänglichkeiten solcher Entwürfe - Beispiele oder Ideen zukünftigen, nachhaltigen
gesellschaftlichen Lebens. In den Leitbildern wurden auch Werte- und Sinnfragen
reflektiert, etwa nach dem rechten Maß für Raum und Zeit oder indem der gängigen Konsumorientierung das Leitbild "Gut leben statt viel haben" gegenübergestellt
wurde.
Die Politik ist inzwischen nicht mutiger geworden
Viele Menschen sprach diese Art der Darstellung an. Doch die große
öffentliche Resonanz der Studie hat die Politik auch mehr als fünf Jahre nach Rio nicht
mutiger gemacht. Die Zukunftsdebatte der Politiker wird weiter überwiegend als reine
wirtschaftliche Standortdebatte geführt. Während die Studie "Zukunftsfähiges
Deutschland" festgestellt hat, daß nachhaltige Entwicklung für die Bundesrepublik
Deutschland z.B. bedeuten würde, unseren Energie- und Ressourcenverbrauch bis zum Jahre
2050 um 80 bis 90 zu reduzieren, sind nach wie vor alle politischen Anstrengungen darauf
gerichtet, das herkömmliche Modell des Wirtschaftens und Konsumierens möglichst lange
beizubehalten - und dies wird dann, ganz modisch und mehrdeutig, als "nachhaltiges
Wachstum" bezeichnet.
Warum aber wird die Herausforderung von der Politik
nicht ernsthaft angenommen? Die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Krisen
nehmen zu. Die Politik hat sich bislang im Krisenmanagement zu Lasten von Umwelt und
sozialem Aus gleich erschöpft. Langfristig tragfähige Konzeptionen für die
Herausforderung der Zukunft fehlen. Die Bekenntnisse der Politiker zu dem Ziel einer
nachhaltigen Entwicklung, wie sie in der Folge der Konferenz zu Umwelt und Entwicklung
1992 in Rio immer wieder formuliert wurden, bleiben folgendes.
Das weitgehende Ignorieren der entscheidenden
Zukunftsfragen macht ein großes Defizit politischer Strategie offensichtlich. Es gibt
offenbar kein Konzept, mit den Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung umzugehen, in
einer von Massenkonsum und Überfluß geprägten Gesellschaft neue Lebensmodelle
anzudenken, geschweige denn Wege dorthin zu entwickeln.
Der grenzüberschreitende Charakter der Umweltproblematik wie die
Globalisierung der Wirtschaft erfordern internationale Abkommen
In den 70er Jahren brachten Luftverschmutzung,
saurer Regen und Waldsterben die Erkenntnis vom grenzüberschreitenden Charakter der
Umweltprobleme. Treibhauseffekt, Ozonabbau und Meeresverschmutzung machten einer breiten
Öffentlichkeit die Globalität von Umwelt problemenbewußt. Es wurde offenkundig, daß
diese Probleme internationaler Regelungen bedürfen. Internationale Ab kommen bis hin zu
weltweiten Konventionen sind Ausdruck der Bemühungen um adäquate Antworten.
Die Notwendigkeit zu internationalen Umweltregeln
ergibt sich zunehmend auch aus der Globalisierung der Ökonomie - etwa, wenn Unternehmen
mit dem Hinweis auf niedrigere Umweltstandards in anderen Ländern und eine daraus resultierende Wettbewerbsverzerrung die Einführung oder Verschärfung nationaler Gesetze
verhindern. Zum anderen wird das national erwünschte Niveau nicht er reicht, wenn beim
intensiven Warenaustausch Produkte mit höherer Umweltbelastung importiert werden.
Weltweite ökologische (Mindest-)Standards im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO)
müssen deshalb angestrebt werden.
Trotz bestehender Ansätze bleibt aber festzuhalten,
daß eine funktionsfähige globale Entscheidungs- und Handlungsstruktur bis heute fehlt.
Ihre Notwendigkeit steht im Mittelpunkt der Diskussion um globalgovernance, um
die globale Regierbarkeit, und um die Frage, mit welchen Strukturen aus einem globalen
Konsens praktische Politik werden kann. Im Rahmen der umfassenden Reformdiskussion der
Vereinten Nationen steht auch die Schaffung einer Weltumweltorganisation an; dem
wird aber derzeit keine Priorität eingeräumt.
Von der globalen zur europäischen Ebene: Hier gibt
es zwar eine Umweltpolitik der Europäischen Union, aber der Aufbau einer neuen,
integrierten Umweltpolitik für das 21. Jahrhundert wurde zunächst vertagt. In den
Maastricht-II-Verhandlun gen wurde zwar das Nachhaltigkeitsziel in den Vertragstext
aufgenommen, aber ohne Konsequenzen für die Vertrags grundlagen anderer Politikbereiche,
wie der Verkehrs-, Landwirtscharts- oder Strukturpolitik.
Die Tragweite der ökologischen und ökonomischen
Krise erfordert eine neue Umweltpolitik auf allen Ebenen, global bis lokal. Zentrales
Instrument auf nationaler Ebene ist dabei ein Nationaler Umwelt plan, auf den im
folgenden vorrangig ein gegangen wird - gestützt auf ein Gutach ten von Prof. Dr.
Martin Jänicke im Auf trag des BUND zu "Nachhaltigkeit als politische
Strategie".
Auf nationaler Ebene ist ein nationaler
Umweltplan erforderlich
Auf nationaler Ebene ist ein wesentliches Element
einer neuen Umweltpolitik zur Umsetzung der Agenda 21 ein nationaler Umweltplan, der
langfristige ökologische Ziele festlegt. Denn wenn auch Nachhaltigkeit die gleichzeitige
Berücksichtigung ökologischer, sozialer und ökonomischer Inter essen bedeutet, so ist
doch die Einhaltung der ökologischen Grenzen - der Grenzen der Belastbarkeit der Erde -
eine Grundbedingung, die nicht verhandelbar ist.
Eine moderne Umweltplanung im Sinne der Agenda 21
bedeutet keine Neuauflage zentralistischer Planwirtschaft und auch keine Wiederaufnahme
bürokratischer Planungsillusionen der 60er Jahre. Die Festlegung des Staates auf
langfristige Umweltziele ist eine Planung neuen Typs, die durch folgende Merkmale
charakterisiert ist:
die einvernehmliche Formulierung langfristiger
Umweltziele (Konsens),
die Einbeziehung wichtiger anderer Ressorts (Querschnittspolitik),
die Beteiligung der Verursacher an der
Problemlösung (Verursacherbezug),
eine breite Beteiligung von Kommunen, Verbänden,
Bürgerinnen und Bürgern (Partizipation),
die Orientierung an einem globalen, meist auch
wissenschaftlichen Konsens über langfristige Problemlagen (Langzeitorientierung), und
Berichtspflichten über erzielte Verbesserungen (Monitoring).
Die Vielzahl "sektoraler" Umweltpläne kann damit
koordiniert werden
Die möglichen Vorteile nationaler Umweltplanung
liegen sowohl in der Umweltpolitik wie auf dem Gebiet der ökonomischen Modernisierung.
Der umweltpolitische Nutzen kann u. a. darin
bestehen, daß erhöhte Anstrengung in Bereichen möglich wird, wo befriedigende
Lösungen bis dahin nicht erzielt wurden. So ist beispielsweise die Bundesrepublik
Deutschland in Bereichen mit (potentiell) hoher Betroffenheit und Politisierbarkeit wie
Teilbereichen der Luftreinhaltung, des Gewässerschutzes oder der Gefahrstoffkontrolle
erfolgreich. Bei Problemen des Typus "schleichende Umweltverschlechterung", wie
Flächenverbrauch, Bodenvergiftung oder Grundwasserbelastung sind Erfolge dagegen seltener oder fehlen ganz. Massenmedien und parlamentarische Institutionen folgen in der Regel
einem Reaktionsmuster, das negative Erfahrungen (etwa Schocks wie Seveso oder
Tschernobyl) voraussetzt. Moderne Umweltplanung soll dagegen die Handlungsbedingungen für
die Lösung von Zukunftsproblemen verbessern, deren Dringlichkeit nicht auf unmittelbarer Erfahrung, sondern "nur" auf wissenschaftlicher Prognose fußt.
Eine wissenschaftlich begründete Zielbildung ist
angesichts der schleichenden Akkumulation von Umweltbeeinträchtigungen unvermeidlich:
Auch wenn Ressourcen, Genverbrauch, Emissionen, Abfallmengen usw. pro Jahr zurückgehen,
nehmen die angehäuften Bestände an Schadstoffen und Eingriffen zu - nur langsamer.
Außer dem wird eine umfassende Maßnahmenplanung deutlich machen, wie weit technische
Verbesserungen ausreichen, die Ziele zu erreichen und wo und in welchem Ausmaß die sehr
viel schwierigere Umstellung von Verhaltensweisen notwendig ist.
Der neue Typ der Umweltplanung kann nicht zuletzt
aufgrund der Einbeziehung der Verursacher - auch zur Entlastung der nationalstaatlichen
Umweltpolitik beitragen. Die einvernehmliche Zielbildung auf breiter Basis erlaubt, daß
die Umsetzung teilweise an nichtstaatliche Akteure delegiert werden kann, der Staat
beschränkt sich stärker auf die Rolle der "letzten In stanz", die erst
eingreift, wenn dezentrale Maßnahmen sich als unzulänglich erweisen.
Industrieländer wie Deutschland verfügen bisher
über eine Vielzahl "sektoraler" Umweltpläne wie Raumordnungs-, Abfall
wirtschafts- oder Gewässerschutzpläne, Nationale Umweltpläne ermöglichen endlich
einen Überblick über den Standard umweltpolitischer Zielvorgaben und sind eine wichtige
Informationsbasis für ein breites Spektrum von Akteuren. In Österreich begann der
Planungsprozeß mit der Zusammenfassung von 134 vorhandenen Zielvorgaben. Der japanische
Umweltplan von 1995 setzt sich überwiegend aus bestehenden Fachplänen und Zielvorgaben
zusammen. In den Niederlanden und in Neuseeland war Umweltplanung auch mit
Verwaltungsvereinfachungen verbunden.
Auch wirtschaftliche Gründe sprechen für eine umweltpolitische
Langzeitplanung
Auch wirtschaftliche Gründe sprechen für eine umweltpolitische
Langzeitplanung.
- Sie macht Umweltpolitik für Investoren langfristig kalkulierbar und
verringert den Einfluß unberechenbarer Veränderungen der Politik, z.B. nach Wahlen/
Regierungswechsel.
Sie verringert das Investitionsrisiko für
umweltbewußte Pionierunternehmen und schafft zusätzliche Anregungen für technische Innovationen.
Sie ist ein systematischer Anreiz, Ressourcen
effizient und kostengünstig zu verwenden, Umweltkosten zu senken und auf dem
Weltmarkt der durch Umweltkennzeichen u.ä. geprägten Produkte Wettbewerbsvorteile zu
erringen.
Langfristig unvermeidbare Umweltschutzmaßnahmen
lassen sich wirtschaftsverträglich gestalten oder mit wirtschaftlichen Vorteilen
verbinden (sog. win-win-Lösungen).
Sie sorgt vor gegen ökologische Standortverschlechterungen, unbezahlbare Schäden/Schadenskosten und folgen schwere Verluste an
Naturkapital.
In den Niederlanden beispielsweise hat seit dem
ersten Umweltplan 1989 die Bedeutung umweltfreundlicher Technologien, wie beabsichtigt,
signifikant zugenommen. Wirtschaftliche Vorteile, etwa im Export, werden mit Nachdruck im
Be richt Sustainable America (1996) des von Präsident Clinton eingesetzten
Rates für Nachhaltige Entwicklung betont.
Es spricht vieles dafür, daß ökologische
Nachhaltigkeitsstrategien international so weit um sich greifen, daß ihre Vernachlässigung einem wirtschaftlichen Standort nachteilnahekommt. Wer die Globalisierung der
Wirtschaft zum Argument gegen den Umweltschutz macht, übersieht das Ausmaß, in dem der
Weltmarkt bereits heute durch eine Globalisierung des Umweltschutzes bestimmt wird. Dies
ist eine Chance, wie der Umfang an Arbeitsplätzen zeigt, die der Umweltschutz in OECD
Ländern geschaffen hat (in Deutschland fast 3 % der Beschäftigten), oder auch die
Tatsache, daß die internationalen Vorreiter der Umweltpolitik immer auch technologische
Pioniernationen waren.
Der niederländische Umweltplan ist nicht ohne Grund zum inter
nationalen Modellfall geworden
Bisher gleicht kein Umweltplan dem an deren. Viele
sind nicht viel mehr als ein erster Schritt hin zu einer verbindlichen Programmierung
der Politik auf langfristige Umweltziele (etwa der österreichische Nationale
Umweltplan). Andere Nachhaltigkeitsstrategien haben eine differenzierte Zielstruktur und
wirksame Mechanismen der Umsetzung. Für eine Bilanz ist es zu früh. Nach einem langen
Vorlauf (in den Niederlanden fünf Jahre) befinden sich die meisten Umweltpläne in einem
Stadium des Probierens (trial-and-error). Für eine Bewertung ist wichtig, wie mit
nicht erreichten Zielen umgegangen wird: Wer den sie "vergessen", werden sie
revidiert oder führen sie zu verstärkten Anstrengungen?
Der niederländische Umweltplan, der am
gründlichsten untersucht wurde, kann in seinen Kernbereichen als Erfolgsfall angesehen
werden und ist nicht ohne Grund zum internationalen Modellfall geworden. Seine präzise
Zielstruktur macht aber auch die Defizite bei der Durchsetzung sichtbar, zumindest im
Bereich der Verkehrspolitik.
Allgemein legen die bisherigen Erfahrungen folgende
Grundbedingungen für den Erfolg neuer Umweltpolitik im Sinne der Agenda 21 nahe:
Von der wissenschaftlichen Problemdarstellung
über vielfältige Konsensbildungsprozesse bis zur Überprüfung festgelegter Ziele ist
nationale Umweltplanung mit so vielen Teilschritten verbunden, daß ihre Abläufe nur
durch Institutionalisierung die nötige Zielstrebigkeit und Verbindlichkeit erhalten.
Alternativ zur Schaffung zusätzlicher Einrichtungen sind in den Niederlanden, in
Dänemark, Schweden, Japan und Südkorea die bestehenden nationalen Umweltbehörden mit
dieser Aufgabe betraut. Wichtiger als die spezielle Einrichtung ist die klare, förmliche Aufgabenzuweisung.
Sowohl die Erarbeitung der wissenschaftlichen
Grundlagen wie die kompetente Organisation von Zielbildungsprozessen auf
breiter Grundlage bedürfen einer angemessenen, professionellen Infrastruktur und damit
vor allem entsprechender personeller Ressourcen.
Für die Darstellung der zu formulieren den
Umweltziele empfiehlt sich eine Matrix-Struktur, die die zentralen Problemfelder den
wichtigsten Verursacherbereichen zuordnet (s. Grafik).
Eine strategische Anstrengung zur Überwindung
ökologischer Langzeitprobleme
Das bedeutet: Eine auf Nachhaltigkeit an gelegte
nationale Umweltplanung ist kein beiläufiger Routineakt der Umweltverwaltung, kombiniert
mit unverbindlichen Gesprächsrunden. Sie muß
als strategische Anstrengung zur Überwindung
bisher ungelöster ökologischer Langzeitprobleme begriffen wer den,
- von der Regierung gewollt sein,
mit Geschick und Zielstrebigkeit verfolgt
werden,
von allen Beteiligten als Lernprozeß akzeptiert werden, der seine Wirkung nicht sofort erzielen kann.
Nationale Umweltplanung setzt auf sei ten der
Umweltverbände einen langen Atem voraus und erfordert aufseiten der Wirtschaft die
Einsicht, daß immobilismus in der Umweltfrage für ein hochentwickeltes Land wie
Deutschland zum entscheidenden Standortnachteil werden kann, wenn Märkte immer stärker
von ökologischen Zukunftserfordernissen und einer Globalisierung des Umweltschutzes
geprägt sind. Wenn sich nationale Umweltplanung bei der mittelfristigen Maßnahmenplanung zunächst auf diejenigen Maßnahmen beschränkt, die wirtschaftliche
Vorteile bieten, werden Güterproduzentinnen wie Verbraucherinnen, aber auch Wähler und
Wählerinnen das Risiko neuer Wege eher wagen.
Schon heute ist festzustellen, daß nationale
Umweltplanung
- ein wirksames Instrument zur Konfrontation der
Verursacher langfristiger Umweltprobleme ist,
- ein Vehikel zur "Vergesellschaftlichung" von Umweltpolitik über den Staat hinaus ist,
- gerade auch dort, wo Ziele nicht er reicht wurden,
wichtige Impulse gibt,
- auch indirekte Lerneffekte bei den Beteiligten
erzielt.
Ergänzt werden müssen nationale Umweltpläne
wiederum durch Umweltpläne der Bundesländer, wie sie in Deutschland z.B. derzeit
in Sachsen und Baden-Württemberg angegangen werden (bisher ohne nationalen Bezugsrahmen)
oder im österreichischen Bundesland Oberösterreich bestehen.
Die Bedeutung der lokalen Ebene
Auf kommunaler Ebene hat Nachhaltigkeit schon
vielfach ein konkreteres Ge Sicht: die lokale Agenda 21. In den Kommunen zeigt
sich, daß die Erkenntnis der langfristigen Herausforderung der Agen da 21 der politischen
Kultur eines Gemeinwesens Impulse verleihen und auf diese Weise neue
Problemlösungskompetenzen entwickeln kann. Hier bilden sich Runde Tische nicht nur
virtuell, sondern höchst real. Hier können Akteurskoalitionen auch kurzfristig sichtbare
Erfolge bringen. Hier ist das Ausloten von Lösungen, die ökologische und soziale und
ökonomische Verbesserungen bringen, in überschaubarem Rahmen möglich.
Gleichzeitig stößt man aber an Grenzen mangelnder
Rahmenbedingungen durch den Staat oder des Weltmarktes. Spätestens hier zeigt sich, daß
die Frage, ob Umweltpolitik stärker nach der Maxime des top-down oder bottom-up
(durch staatliche Vorgaben von oben nach unten oder Veränderung von unten nach oben)
erfolgen solle, als müßig: Beide Ansätze sind nötig, aus ihrer Dynamik ergibt sich
ökologische Innovation.
Zum Willen der Politik muß das breite gesellschaftliche Engagement
treten
Ökologische Umsetzungsstrategien, die wir dringend
benötigen, um die in Rio 1992 von 170 Staaten der Welt geforderte nachhaltige
Entwicklung ohne Benachteiligung kommender Generationen und der Länder des Südens zu
erreichen, müssen auf Werten fußen, die uns die Chance zu einem zukunftsträchtigen Lebens- und Wirtschaftsstil in den Industrieländern eröffnen. Nur mit solchen konsensualen Wertmaßstäben läßt sich u.a. verhindern, daß Begriffe wie Nachhaltigkeit
ins Zwielicht geraten bzw. dazu benutzt werden, um ausgefahrene Gleise weiter zu
verfolgen. Langfristige Umweltplanung, entsprechend der 1992 verabschiedeten Agenda 21,
erfordert erstens, die derzeit eher zurückgestellte Einrichtung internationaler
Strukturen umweltpolitischer Verantwortung und Regelungskompetenz, zweitens die Erstellung nationaler Umweltpläne, drittens die weitere Umsetzung in den Kommunen mit der
Lokalen Agenda 21. Nationale Umweltpläne bilden die Brücke zwischen lokaler und
internationaler Ebene, erlauben vorsorgende, wirtschafts- und sozialverträgliche Planung,
orientiert an den nicht verhandelbaren ökologischen Grenzen der Belastbarkeit unserer
Erde. Nationale Umweltpläne sind ein neuartiges, vielversprechendes Instrument, um eine
zukunftsfähige Entwicklung der Industriestaaten doch noch möglich zu machen.
Voraussetzung für die konsensuale Zielbildung einer Umweltpolitik ist jedoch, daß die
nationale Regierung diesen Prozeß will und ihn mit den notwendigen infrastrukturellen wie
personellen Ressourcen ausstattet. Von den Umweltverbänden erfordert die langfristige
Umweltplanung neuen Typs einen langen Atem, von der Wirtschaft die Einsicht, daß
Immobilismus in der Umweltfrage zum entscheidenden Standortnachteil werden kann, je
stärker die Weltmärkte von ökologischem Druck geprägt sein werden.
Von den Politikern ist zu fordern, daß sie sich auf
eine breite, offene Diskussion um die Zukunft einlassen, daß sie sich selbst für
langfristige Ziele einsetzen und nicht eigene (unbequeme) Einsichten letztlich
wahltaktischem Kalkül opfern. Die kurzfristigen Parteistrategien und die auf
Nachhaltigkeit orientierten Strategien - wie die Entwicklung eines Nationalen Umweltplans
oder eines kommunalen Leitbilds - zu vereinbaren, ist eine notwendige und ungewohnte Aufgabe.
So wichtig die Rolle der Politik ist, so ist
Nachhaltigkeit doch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die vielfältigen Wandel
erfordert - kulturellen, sozialen, technischen und wirtschaftlichen Wandel. Wandel ist
Wagnis - aber so weiterzumachen wie bisher ist noch riskanter.

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