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Inhaltsverzeichnis
Erforderlich ist eine Mentalitätsänderung
Nachhaltigkeit als Bildungs- und Erziehungsaufgabe
Möglichkeiten und Grenzen schulischen Umweltlernens
Von Gerhard de Haan und Dorothee Harenberg
Prof. Dr. Gerhard de Haan ist Professor für Allgemeine
Erziehungswissenschaft und Umweltbildung an der Freien Universität Berlin und Leiter der
dortigen Arbeitsgruppe Ökologie und Pädagogik. Zudem ist er Vorsitzender der Deutschen
Gesellschaft für Umwelterziehung (DGU).
Dorothee Harenberg ist
Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsstelle für Ökologie und Pädagogik an der
Freien Universität Berlin in einem BMBF-Projekt zur Erschließung von
Unterrichtsmaterialien und -methoden zum Thema "Nachhaltige Entwicklung in der
schulischen Bildung ".
Umweltpolitik, die auf Nachhaltigkeit setzt, braucht
mehr als jede andere die Akzeptanz und die Bereitschaft zur Verhaltensänderung, über
Wissen und Bewußtsein hinaus. Deswegen ist die politische Forderung nach nachhaltiger
Entwicklung eine eminent erzieherische Herausforderung. Eine zentrale Aufgabe ist dabei
die Reflexion der Grenzen menschlichen Verhaltens, von Verhaltensmotiven und
Lebensstilen.
Red.
Wie die Umweltpolitik befindet sich auch die
Umweltbildung im Umbruch
Die Umweltbildung befindet sich im Um Bruch -
ausgelöst durch eine enorme Erweiterung des Themenhorizontes. Nicht mehr
Umweltkatastrophen und Natur Schutz stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie ein
Übergang in eine nachhaltige Gesellschaft erreicht werden kann. Das läßt sich als
Hinwendung zur kulturellen Seite der Ökologie begreifen, die die bisher im Vordergrund
stehende "grüne" Seite der Ökologie ablöst. Die Umwelt Bildung ist immer noch
weitgehend durch "grüne" und naturwissenschaftlich-technische Themen
dominiert: etwa Naturschutz, Schulhofumgestaltung, biologische und chemische
Untersuchung von Biotopen sowie effiziente Mülltrennung und Energienutzung.
Sowohl die internationale umweltpolitische
Diskussion der letzten Jahre als auch Ergebnisse der empirischen Sozialforschung
(Lebensstil-, Umweltbewußtseins und Verhaltensforschung) geben neue Im pulse für die
Bildung, die eine Neuorientierung, bezogen auf Ziele, Inhalte und Methoden, erforderlich
machen.
Mit dem 1987 erschienenen Bericht "Unsere gemeinsame
Zukunft" (Brundtland Bericht) der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung
(vgl. Hauff 1987) wurde die Diskussion um eine ökologische und sozial
"nachhaltige Entwicklung" im breiteren politischen Rahmen forciert (vgl.
Harborth 1993, S. 58). Wie schon aus dem Namen der Kommission hervorgeht, wer den hier
umwelt- und entwicklungspolitische Stränge zusammengeführt. Dabei steht eine
Vermittlung zwischen ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Dimensionen
und Zielen im Vordergrund (vgl. Kastenholz/Erdmann/Wolff 1996, S. 1 ).
Der soziale Leitgedanke, das grundlegende
Werturteil des Sustainability-Konzepts, ist die "Gerechtigkeit", und zwar
in einem doppelt verpflichtenden Sinne. Es geht so wohl um die Lebenschancen und -qualitäten aller auf der Erde existierenden Menschen (globale Dimension) als auch um die
künftiger Generationen (Zukunftsdimensionen), also um gleiche Rechte an Ressourcen und intakter Umwelt.
Zukunftsfähige Entwicklung: zur Seite des Menschen wie zur Seite
der Natur
Zukunftsfähige Entwicklung, so läßt sich das
bündeln, folgt zur Seite der Menschen wie zur Seite der Natur hin jeweils drei Maximen:
Zur Seite der Menschen hin:
- Gleiche Lebensansprüche für alle heute
lebenden Menschen
- Gleiche Lebensansprüche für künftige
Generationen
- Freie Gestaltung innerhalb des Umweltraums
Zur Seite der Natur hin bedeutet es,
daß die Reduktionsziele selbst in eine recht normative Vision von Rahmenparametern
eingebettet sind, unter denen die künftige Nutzung der Umwelt sich entfalten kann:
- Die Nutzung einer Ressource darf nicht größer
sein als die Regenerationsrate. Das heißt z. B.: Die Einschlagmenge an Holz in
Europa sollte nicht über der dort jährlich nachwachsenden Menge liegen.
- Die Freisetzung von Stoffen darf nicht größer
sein als die Aufnahmefähigkeit (critical loads) der Umwelt. Dies ist besonders
wichtig, da die Knappheit der Tragfähigkeit (carrying capacity) der Ökosysteme
größer zu sein scheint als die Knappheit der Ressourcen (vgl. Mohr 1996).
- Nicht erneuerbare Ressourcen sollten nur in dem
Maße genutzt werden, wie auf der Ebene der erneuerbaren Ressourcen solche nachwachsen,
die anstelle der nicht erneuerbaren in Zukunft genutzt werden können (Substitutionsregel).
Das an dieser Stelle nur knapp umrissene Modell
(vgl. auch den guten Überblick bei Harborth 1993; Huber 1995) wurde von der
Brundtland-Kommission in den 1980er Jahren im Zuge des Nord-Süd-Dialogs politikfähig
gemacht.
Der entscheidende Schritt zur Substainability wurde
dann aber erst auf der Rio Konferenz 1992 (UNCED), dem Welt-Umwelt-Gipfel getan.
Mit der dort verabschiedeten Agenda 21, dem Aktionsprogramm für das Leben im 21.
Jahrhundert, wurde die Idee der Nachhaltigkeit zum Weltmodell erklärt: Nahezu 180 Staaten
unterzeichneten dieses Papier.
Auch in Deutschland hat man auf die Beschlüsse von
Rio sehr intensiv reagiert. In zahlreichen Gutachten, Empfehlungen, Erklärungen der
Parteien und der Regierung zu Umweltfragen wird die nachhaltige Entwicklung zur
zentralen nationalen Orientierungsgröße bestimmt. Entschließt man sich, dem Konzept -
und es gibt der zeit keine diskussionswürdige ökologische Alternative - zu folgen, hat
das einschneidende, umwälzende Konsequenzen für das Leben und Wirtschaften, für das
Politik- und Bildungssystem.
Um wirklich zu einer entscheidenden Reduktion des
Ressourcenverbrauchs und zu umweltschonenden Produktions-, Distributions- und
Konsumkonzepten zu kommen, also umweltgerecht zu produzieren und zu leben, bedarf es:
1. einer erheblichen Effizienzsteigerung: Wir
benötigen radikale technische Innovationen. Dazu gibt es zahlreiche Ansätze: Maschinen,
die mit weitaus weniger Energie betrieben werden können, Motoren, die mit weniger
Brennstoff betrieben wer den können, neue Techniken, die auf nachwachsenden Rohstoffen
basieren. Im Bereich der Technik ist man sehr erfinderisch, wie der Band "Faktor
Vier" ein drucksvoll zeigt (vgl. v. Weizsäcker/Lovins/Lovins 1995).
2. Aber diese Effizienzsteigerung reicht nicht aus.
Nur Rohstoffe sparen, genügt nicht. Man muß dafür sorgen, daß möglichst nur noch
nachwachsende Rohstoffe genutzt werden und daß die Gewinnung, Verarbeitung, Nutzung und
Entsorgung so erfolgt, daß die Natur keinen Schaden nimmt. Man spricht hier von der Konsistenz des Wirtschaftens und Lebens (vgl. Huber 1995). Andere sprechen eher von
der Permanenz der Nutzung der Ressourcen: Man sollte so wirtschaften und leben,
daß dieses Handeln dauerhaft ohne Schäden für die Natur, ohne Nachteile für künftige
Generationen und sozial verträglich ausgerichtet ist.
3. Was nützt aber die Effizienzsteigerung und was
nützen konsistente Wirtschafts- und Lebensformen, wenn die neuen Techniken nicht von der
Bevölkerung angenommen werden? Was nützen sie, wenn immer weiter auf quantitatives
Wachstum gesetzt wird? - Wenig, wird man sagen müssen, wenn sich nicht die Mentalität in
der Bevölkerung ändert.
Für die neuen Ziele muß gesellschaftliche
Akzeptanz erreicht werden
Die Konkretisierung des Sustainability Konzepts
für den nationalen Raum muß zur Aufstellung lang- und mittelfristiger Reduktionsziele
führen. Erhebliche Ein sparpotentiale liegen danach z.B. in den Bedarfsfeldern Wohnen,
Freizeit (hier besonders Mobilität) und Ernähung (besonders: industrielle Herstellung
von Nahrungsmitteln, Fleischverbrauch) (vgl. BUND/Misereor 1995).
Die konkrete Gestaltung des Lebens und Wirtschaftens innerhalb der
dadurch gesetzten Grenzen ist frei entscheidbar. Da durch weist das Konzept im
Unterschied zu "nachsorgenden" umweltpolitischen Überlegungen eine deutliche
Zukunftsorientierung auf, die in sogenannten "Leitbildern der Nachhaltigkeit"
zum Ausdruck kommt. Solche Szenarien und Visionen, wie sie etwa in der von BUND und Misereor
in Auftrag gegebenen Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" dargestellt
werden, ergänzen die rechnerische, stofflich-quantitative Darstellung von
Einsparpotentialen (z.B. "Rechtes Maß für Raum und Zeit", "Eine ,grüne'
Marktagenda", "Gut Leben statt viel Haben", "Internationale Gerechtigkeit und globale Nachbarschaft"). Sie sollen zeigen, wie sich die Reduktionsziele
qualitativ in der Gestaltung des Lebens und Wirtschaftens umsetzen ließen und sollen für
diese Wandlungsprozesse gesellschaftliche Akzeptanz schaffen, sie also für die Menschen
attraktiv machen. Veränderungen des Konsum- und Mobilitätsverhaltens werden aber nur
dann ein treten, Konsistenz und technische Effizienzsteigerungen können nur dann wirksam
werden, wenn gesellschaftliche Akzeptanz hergestellt ist. Eine nachhaltige Entwicklung
kann nicht als zentral gesteuerter Wandlungsprozeß mit einer "top-down" Strategie
erfolgen, sondern verlangt "das Engagement und die echte Beteiligung aller
gesellschaftlicher Gruppen" und damit "neue Formen der Partizipation" (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit o.J., S. 217), 1992 wurde
das Nachhaltigkeits-Konzept im Rahmen der Rio-Konferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt
und Entwicklung mit der Agen da 21 politisch verbindlich.
In der Agenda z1 liegt auch die neue Aufgabe
der Umweltbildung begründet: Es wird als politische Umsetzungsstrategie eine
"Neuausrichtung der Bildung auf eine nachhaltige Entwicklung" verlangt (ebd., S.
231, Kap. 36). Bildung wird hier als integraler Bestandteil der umweltpolitischen
Konzeption und nicht als ergänzende Maßnahme, wie bei stärker nach sorgend oder
ausschließlich technisch orientierten Ansätzen, gesehen.
Der Rat der Sachverständigen für Umwelt fragen griff diese
Forderung in seinem Umweltgutachten 1994 für eine dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung
auf und konkretisierte sie, indem er "Retinität" (Gesamtvernetzung der
Kulturwelt mit der Natur) als Schlüsselprinzip des Sustainability-Ethos postulierte.
In dem Teil, der sich mit Bildung beschäftigt, werden Kognition, Reflexion, Antizipation
und Partizipation als wichtige Faktoren ökologisch orientierter Schlüsselkompetenz benannt (vgl. Rat von Sachverständigen für Umweltfragen 1994). Die Erwartungen an
die Bildung sind hoch. So heißt es in dem Bericht der Enquete-Kommission Schutz des
Menschen und der Umwelt: "Änderungen im Denken und Handeln können vom Staat
nicht erzwungen werden. Eine langfristig angelegte Politik kann diesen Wandel jedoch
unterstützen. Auch Schul- und Berufsausbildung spielen dabei eine große Rolle. In diesem
Zeitraum findet ein entsprechendes soziales Lernen statt, in dessen Verlauf die neuen
Verhaltens- und Lebensweisen angeeignet und eingeübt werden. Rückblickend betrachtet
kann diese Veränderung der Lebensweisen und Lebensstile unter dem Begriff des
Mentalitätswandels zusammengefaßt und beschrieben werden. Ein solcher Umschwung der
Einstellungs- und Verhaltensweisen ist vergleichbar mit den grundlegenden Prozessen des
Wandels von Mentalitäten zu Beginn der Moderne sowie während der industriellen Revolution." (Enquete-Kommission Schutz des Menschen und der Umwelt 1994, S.
86.) Fast alle Dokumente, in denen der Gedanke einer "Nachhaltigen Entwicklung"
formuliert und politisch forciert wird, benennen Bildung als einen der wesentlichen
Faktoren auf dem Weg zur nachhaltigen Gestaltung der Gesellschaft. Demgegenüber sind die
Überlegungen zur pädagogischen Umsetzung dieser Konzeption noch vergleichsweise neu und
stoßen an die Grenzen schulischen Umweltlernens. Diese Grenzen sollen dargestellt und
dann einige Beiträge zur Nachhaltigkeit entworfen werden, die die Schule in diesem
Rahmen leisten könnte.
Kinder und Jugendliche: für Gerechtigkeit, aber
auch für Konsum
Zweifellos lassen sich aus dem Konzept der
Nachhaltigkeit wichtige und spannen de Unterrichtsthemen entwickeln. Die Gestaltung
dauerhafter Produkte von der "Wiege bis zur Bahre", die Entwürfe um
weltgerechter Städte, die Entwicklung neuer, heute noch futuristisch anmuten der
Mobilitätskonzepte, die Bedeutung der Zeit für Mensch und Natur sind nur einige
Beispiele.
Inhaltlich geht es bei der Nachhaltigkeit aber um
mehr als die Ökologie und Ökonomie, um mehr als die Frage nach den Anteilen
erneuerbarer und nicht erneuerbarer Ressourcen. Nur einige der vom zentralen Werturteil
"Gerechtigkeit" berühr ten Problemfelder können hier genannt werden:
Bevölkerungsentwicklung, Überschuldung, die Notwendigkeit und Schwierigkeit gemeinsamen
Handelns und schließlich die Vorstellung vom "Guten Leben".
Kinder und Jugendliche orientieren sich in ihrem
Denken viel stärker als Erwachsene am Leitbild einer gerechten Welt, sie wer den uns bei
diesen Entwürfen folgen und sie begeistert zu ihrer Sache machen. Aber Kinder und
Jugendliche sind auch begeisterte Konsumenten, sie entscheiden jährlich über 23 Mrd.
DM Familienausgaben und haben eine 60%ige "Markentreue" bis ins Erwachsenenalter
(vgl. Reusswig, 1994, S. 101). Nach der IBM-Jugendstudie "Wir sind o.k." hätten
viele von ihnen gerne noch mehr, wenn sie nur über die finanziellen Mittel verfügen
würden (vgl. IBM-Jugendstudie 1995, S. 87ff.). Aber genau hier, bei den
Verhaltens- und Konsumgewohnheiten, soll die Bildung ansetzen.
Vom Wissen zum Bewußtsein und von da zum Verhalten: das
funktioniert nicht
Studien zu Umweltbewußtsein und -verhalten legen
nahe, die allgemeine Gültigkeit der Kausalkette "vom Wissen über
Bewußtseinsbildung zum Verhalten" für das Umwelthandeln zu bezweifeln (vgl.
beispielsweise: Preisendörfer 1993 und de Haan/Kuckartz 1996b). Personen
mit relativ hohem Umweltbewußtsein handeln in einigen Bereichen, z. B. beim Mülltrennen
oder Einkaufen, umweltfreundlich, weil es ihrer Einstellung entspricht. In anderen
Bereichen heben sie dieses Verhalten durch ausgesprochene "Umweltsünden" auf,
wenn sie beispielsweise Fernreisen mit dem Flugzeug unternehmen, weil der in ihrem
Bekanntenkreis gepflegte Lebensstil es so nahelegt. Andere, die vom eigenen
Umweltbewußtsein längst nicht so überzeugt sind, benutzen immer öffentliche
Verkehrsmittel, kaufen dafür aber im Billigsupermarkt industriell er zeugte und
verarbeitete Lebensmittel beides aus materiellen Gründen: Sie können sich kein Auto und
keinen teuren Ein kauf im Bioladen leisten. Kurz gesagt: Es gibt nicht das schlechthin
umweltgerechte Verhalten, man muß einerseits zwischen den unterschiedlichen Verhaltens
bereichen unterscheiden und andererseits neben dem Umweltbewußtsein zusätzliche Motive
annehmen, wie Wohlbefinden, Gewohnheiten, finanzielle Möglichkeiten, objektive
Gegebenheiten. Hier scheinen besonders die individuellen Lebensstile eine große Rolle zu
spielen (vgl. Reusswig 1994).
Dem aufmerksamen Beobachter menschlichen Verhaltens
ist vieles davon nicht neu, im Bildungsbereich scheinen diese Erkenntnisse jedoch nur
wenig Eingang zu finden. Von Schülern wird erwartet und verlangt, daß sie ihr Verhalten
dem Gelernten anpassen, und es wird ignoriert, daß sie es in vielen Bereichen viel
leicht gar nicht können, weil andere, für die Persönlichkeit ebenso entscheidende
Motive, dem entgegen stehen. Der im Elternhaus gepflegte Lebensstil oder die Einbindung
in die Kultur einer für viele Jugendlichen wichtigen Clique sind Bei spiele dafür.
Vermutlich wären die Schüle und außerschulische Einrichtungen über fordert, sollten
sie diese Motivlagen in Gänze zu bearbeiten versuchen, aber sie anzuerkennen und dieses
auch mit Schülerinnen und Schülern zu thematisieren, wäre möglich. Dadurch, daß
Bildung in erster Linie auf Wissensvermittlung ab hebt, wird zunächst einmal suggeriert,
daß es andere Motive für das Verhalten gar nicht gäbe. Wird die Vermittlung von Wissen
dann noch begleitet von moralischen Appellen, werden Konflikte er zeugt, die
Schülerinnen und Schüler über fordern und denen sie sich zu entziehen wissen - häufig
gerade durch die Abkehr von ökologischen Zielen und Inhalten. In der Erzeugung solcher
Blockaden könnte auch eine Ursache für die mangelnde Wirksamkeit umweltpädagogischer Bemühungen liegen. Die nordrhein-westfälische Bildungskommission weist in ihrer
Denkschrift nachdrücklich auf die Grenzen hin, die der Schule in ihrer Funktion der
Kompensation gesellschaftlicher Defizite gesetzt sind: "Werte, die in der Gesellschaft nicht gelebt werden, die nicht wenigstens in Teilen der Gesellschaft
glaubwürdig vertreten werden, kann die Schule nur begrenzt und schwer, viel leicht gar
nicht vermitteln." (Bildungskommission NRW 1995, S. 71.) Die Ein sicht, daß
die Reichweite schulischer Umweltbildung begrenzt ist, mag unter diesem Gesichtspunkt
auch als entlastend empfunden werden.
Reflexion statt Umerziehung
Die dargestellte Diskrepanz von Wissen und Verhalten
ist den politischen Nachhaltigkeitsexperten wohlbekannt. Die bereits zitierte
Enquete-Kommission fordert: "Der zukunftsfähige Lebensstil braucht Schick und
Glanz." (Enquete-Kommission 1994, S. 87). Wenn damit gemeint ist, die
Attraktivität von Verhaltensalternativen herauszustellen, könnte sich die Schule dem
zweifellos anschließen. Problematisch wird es allerdings, wenn "Schick und
Glanz" dazu benutzt werden sollen, um bestimmte Verhaltensweisen unreflektiert als
Norm zu statuieren und zu habitualisieren. Hier liegt eine weitere Grenze der
Umweltbildung, die im pädagogischen Selbstverständnis begründet ist. Eine Schule, deren
Bildungsziel die Herausbildung autonomer Persönlichkeiten ist, muß Reflexion und
selbständige, verantwortliche Entscheidungsfindung des Einzelnen fördern und sollte
auf "Dressurakte" mit schicken und glänzenden Belohnungen und auf
Umerziehungsprogramme verzichten. Ganz abgesehen davon, daß sie erstens die Konkurrenz
zu den Tempeln des Jugendkonsums sicher verlieren würde und zweitens heute unklar ist,
wie umweltrelevant die so antrainierten Verhaltensweisen in zwanzig Jahren sein werden.
Die Organisation schulischen Lernens türmt
Hindernisse auf
Eine dritte Grenze von Umweltbildung ist die
Organisiertheit von Schulen (Stichworte sind: 45-Minuten-Takt, Rahmenpläne,
wirtschaftliche Flexibilität). Sie setzt fächerübergreifenden, handlungsorientiert und
binnendifferenziert angelegten Vor haben - und um solche wird es sich bei einer Bildung
der Nachhaltigkeit handeln müssen - enge Grenzen. Es werden der zeit in fast allen
Bundesländern Konzepte entwickelt, um den Schulen größere Entscheidungsspielräume und
Verantwortlichkeiten zu geben. Alle bisherigen Erfahrungen zeigen, daß zur sinnvollen
Nutzung dieser Freiräume Hilfestellungen erforderlich sind. Eine Neuorientierung auf
Umgestaltung des Systems "Schule" sollte teilnehmerorientiert und "von
unten" er folgen, aber es bedarf in den meisten Fällen auch externer Angebote, um
sie zu befördern.
Eine vierte - quasi von außen gesetzte Grenze ist
in der vielfach beklagten Verknappung personeller und materieller Mittel im
Bereich der Bildung zu sehen. Innovative Entwürfe - auch wenn sie politisch gewollt
werden - sind in Zeiten der Kürzungen und Streichungen schwerer zu realisieren.
Eine "kulturelle Wende" ist
erforderlich
Eine Bildung für nachhaltige Entwicklung erfordert
über die klassische "grüne" Umweltbildung hinaus eine Neuorientierung, die
auch als "kulturelle Wende" (vgl. de Haars 1995) beschrieben wird: Neben
nachhaltiger Produktion und technischen Effizienzsteigerungen wird es um neue Lebensstile,
Konsummuster und um Partizipation gehen.
Die Bildung sollte die Attraktivität des Zukunftsbezugs, des gestalterischen Potentials des Nachhaltigkeitsgedankens hervorheben
und eine stärkere Verschiebung von einer Pädagogik der Zustandsbeschreibung zu einer
der Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten und -alternativen vollziehen. Die derzeitige
umweltpädagogische Praxis, die Erfassung und Beschreibung des Status quo - beispielsweise die naturwissenschaftliche Problemanalyse durch Messungen von Schadstoffkonzentrationen oder durch freilandbiologische Erhebungen - muß stärker als bis her
ergänzt werden durch zukunftsorientierte Lösungsvorschläge. Bezogen auf die
Bildungsinhalte haben dann solche, die auf Ressourceneinsparung und -ersatz ab heben,
beispielsweise durch technologische Innovation oder durch Mobilisierung
gesellschaftlicher und individueller Ein sparpotentiale, den Vorrang gegenüber
klassischen End-of the-pipe-Strategien. Konkret hieße das beispielsweise, nicht
nur die Abfallproblematik und Recycling, sondern auch die Entwicklung dauerhafter
Produkte, die gemeinsame Nutzung statt den Verkauf von Produkten usw. zu thematisieren.
Vieles von dem, was wir heute über die Umwelt,
über menschliche Naturnutzung und Ökosysteme wissen, wird schon in wenigen Jahren
überholt oder verändert sein. Möglicherweise gilt die Anwendung dieses veralteten
Wissens dann sogar als schädlich. Die Vermittlung von Umweltwissen muß von der
Vermittlung der Relativität und Unsicherheit dieses Wissens begleitet werden. Das
ist mit dem herkömmlichen Verständnis und der bisherigen Organisation des Lernens kaum
zu vereinbaren. Michael Schratz spricht vor diesem Hintergrund von einer
"Neubestimmung der Kultur des Lebens und Lernens", die "eher da durch
gekennzeichnet (ist), daß sie das, gesicherte Wissen' in Frage stellt, als daß vor
gegebene Fragen beantwortet werden." (Schratz 1996, S. 26; Ergänzung d.
Verf.) Be zogen auf den Bereich der kognitiven Kompetenz hieße dann eine der Schlüssel
fragen: "Können die Schülerinnen neue In halte so bearbeiten, daß ihnen deren relative Gültigkeit bewußt wird? (Fehler "Freundlichkeit")" (Ebd., S. 120)
Das Bewußtsein von der Unsicherheit der Wissens bestände wird hier zum Bildungsziel,
das jedoch nicht einfach additiv zu den herkömmlichen kognitiven Zielen realisierbar
ist, sondern einen umfassenden Rahmen, eine Neuorientierung über den Mikrokosmos der
Unterrichtsstunde hinaus verlangt.
Umweltbildung als fächerübergreifende
politische Bildung
Über den individuellen Bereich und den der Bildung hinaus könnten Wege
der zivilen Politik aufgezeigt werden. Neben den "großen" politischen
Weichenstellungen wird einer Neuorientierung im lokalers und kommunalen Bereich, einer
Wiederbelebung des Allmendegedankens, der Etablierung neuer Wohlstandsmodel le, große
Bedeutung zugemessen. Es wird nach "sozialen Innovationen", nach gesellschaftlichen Visionen gefragt. Dabei werden den Bürgern erhebliche Kompetenzen bei
der Beteiligung an selbstorganisierten Verständigungs- und Entscheidungsprozessen
abverlangt (z. B. Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, vorausschauendes Planen,
eigenständige Informationsaneignung und -bewertung). Für die Umweltbildung bedeutet das,
neben der Kognition die Schlüsselkompetenzen Reflexion, Antizipation und Partizipation
stärker in den Vordergrund zu stellen. Die Kooperation mit Institutionen und
Organisationen, die im Zusammen hang "lokaler Agenden" tätig sind, wäre dabei
wünschenswert. Partizipationsfähigkeit müßte dann in viel differenzierteren Kontexten
als bisher erworben werden. Das ist im wesentlichen eine Frage der
Partizipationsangebote, die die Bildungseinrichtungen machen. "Mitreden können"
und "Abstimmen dürfen" ist nicht genug. Verbale und nicht -verbale, mehr oder
weniger institutionalisierte, gemeinschaftliche und individuelle Angebote der Teilhabe
sollen zu Aktivität auffordern. Diese sind zu suchen und auf die unterschiedlichen
Handlungsfelder schulischen Lebens zu beziehen: auf den Unterricht, auf die Schulgemeinschaft, die Gestaltung des Schullebens und die Einbettung der Schule in kommunale,
regionale und überregionale Zusammen hänge. Im methodischen Bereich ergibt sich daraus
die Forderung nach innovativen Lernformen, beispielsweise nach Zukunftswerkstätten und
-konferenzen, Planungszirkeln und -zelten, Szenario- und Simulationstechniken und
Planspielen. Das Schlüsselprinzip der "Retinität", der Vernetzung, fordert das
Selbstverständnis von Umweltbildung als fächerübergreifende politische Bildung
stärker heraus als bisherige Konzepte (vgl. Claußen 1997); schließlich zeichnet
sich das Nachhaltigkeitsdenken gerade durch Interdisziplinarität, durch das Einbeziehen
aller Akteure in Wirtschaft, Politik, Ökologie und Technik bis hin zum konsumierenden
Individuum aus.
"Ökologisierung" auch von Schule und
Schulalltag
Eine Chance zur Weiterentwicklung bietet der Versuch
einer deutlichen Profilbildung der verschiedenen Einrichtungen. Man kann das Ziel der
Profilbildung unter dem Schlagwort der "Ökologisierung" zusammenfassen. Das
meint:
Es kommt nicht nur auf die veränderten Inhalte und
auf projekt- und handlungsorientierte Methoden in der Umweltbildung an, sondern mit dem
Terminus der "Ökologisierung" ist die umfängliche Hinwendung der
Bildungseinrichtungen zur umwelt- und menschengerechten Gestaltung des Alltags gemeint.
Mit "Ökologisierung" wird der Versuch
bezeichnet, einerseits durch Reduktion der Stoffdurchsätze (Energiehaushalt der
Einrichtung; Büromaterialien; chemische Stoffe; Lehr- und Lernmittel; Verkehrswege;
Küche) schonender mit den Ressourcen umzugehen. Dann soll durch umweltfreundliche
Materialien beim Bau, durch die Nutzung umweltfreundlicher Materialien in den Büros, in
den Taschen und Rucksäcken, beim Essen in der Kantine usw. ein Beitrag zum Umweltschutz
geleistet werden. Andererseits heißt es aber auch, eine umweltschonende Mobilität zu
erreichen, also öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad zu benutzen. Betrachtet man
die Einrichtungen aus dem Blickwinkel der vier wichtigsten Themenkomplexe, dem
Energieverbrauch, der Mobilität, der Ernährung und des Bauens, so wird sehr schnell
deutlich, daß bisher nur ein Thema Eingang in den Bildungsalltag gefunden hat: Im
schulischen Bereich hat sich die Initiative durchgesetzt, Energie sparen zu wollen. Mit
den inzwischen in vielen Ländern der Bundesrepublik Deutschland angelaufenen Konzepten,
bei denen den Schulen ein Anteil der ein gesparten Energiekosten zur direkten Verfügung
überlassen werden ("Fifty Fifty"), wird ein erhebliches Energiesparpotential
sichtbar (vgl. Vom Denken zum Handeln 1996). Den Anfängen auf diesem Gebiet
korrespondieren ähnliche Entwicklungen hinsichtlich des Sparens von Wasser in
Bildungseinrichtungen. Doch ist man derzeit noch weit entfernt von einer Durchdringung und
Behandlung der komplexen Stoffströme - auch im eigenen Hause - in den
Lehrveranstaltungen bzw. im Unterricht.
Die Ökologisierung einer Bildungseinrichtung
betrifft aber auch das Durchforsten der pädagogischen Konzepte und Programme. In den
Maßnahmen systematisch auf den Bezug zur Nachhaltigkeit zu ach ten, die im
Nachhaltigkeitsdiskurs mit transportierten Werte und wissenschaftstheoretischen Konzepte
aufzugreifen und zu reflektieren, dies gehört ebenfalls zu einer Profilbildung im Sinne
der Ökologisierung. Die Thematiken, Strategien und Kompetenzen unter der Fahne der
"Nachhaltigkeit" signalisieren ein anspruchsvolles Programm. Es wird sich am
ehesten realisieren lassen, wenn man es einbettet in eine generelle Bildungsreform, die
den teilweise sehr hoch und komplex entwickelten grundlegenden Theorien, wie sie in der
Debatte um ein Sustainable Development zum Ausdruck kommen, Priorität gegenüber
der traditionalistisch wissenschaftlichen Theorie, Weltinterpretation und kulturellen
Handlungsmustern einräumt (vgl. zu diesem unseres Erachtens erfolgversprechenden und
etliche Schwierigkeiten der Adaption der Nachhaltigkeit im Bildungssystem vermeiden des
Konzept: de Haan 1997).
Interessant dabei ist, die sich entwickeln den
Fähigkeiten der Kinder zu betrachten, die vom Erwerb von Umweltwissen über soziale
Kompetenzen zu politischem Bewußtsein führen können, wie sie Hart beschreibt
(vgl. Hart 1997; vgl. Abbildung 1). Sind im Alter von vier bis sechs Jahren
Aktivitäten im unmittelbaren Umfeld, wie dem Zuhause oder dem Kindergarten wichtig und
liegen die Schwerpunkte im Pflegen der eigenen Tiere oder eines Gartens, stehen in der
Schulzeit zunehmend Tier- und Wetterbeobachtungen im Vor Bergrund und die
Auseinandersetzung mit Formen des Energiesparens. Das Engagement erfolgt zunehmend auf
kommunaler Ebene. Es wird für die Jugendlichen interessant, Bürger, Politiker und
Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen in Hinblick auf die Umweltsituation zu befragen und sich im kommunalen Umfeld zunehmend selbständiger - zu engagieren. Ziel ist,
so Hart, das Interesse an systematischer ökologischer Forschung in Bezug auf
Nachhaltigkeit auf kommunaler, regionaler und globaler Ebene. Konkrete Beispiele dafür
wären die Auseinandersetzung mit der Dritten Welt oder das Nachvollziehen von
Lebensmitteltransportwegen.
Im Zusammenhang mit den vier wichtigen Kompetenzen (Erwerb von Vernetzungs-
und Planungskompetenzen; Erwerb von Partizipationsstrategien für die Entfaltung
einer Kultur der Nachhaltigkeit; Entwicklung und Reflexion der Leitbilder und
Kommunikationsstrategien zur Bewertung und Etablierung von ökologischer,
ökonomischer und sozialer Gerechtigkeit; Fähigkeit zur reflektierten
Risikowahrnehmung und -bewertung), wird besonderes Gewicht auf die Partizipation gelegt. Ohne
Partizipation, ohne Teilhabe an Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen, so die
einhellige Meinung aller, die sich mit der Idee der Nachhaltigkeit beschäftigen, wird es
keinen Weg in die nachhaltige Gesellschaft geben.
Ohne Teilhabe an den Gestaltungsprozessen, die in
den Bildungsinstitutionen statt finden, wird in Hinblick auf eine dauerhafte umfängliche
Sensibilisierung und Aufklärung für Umweltbelange nicht viel erreicht. Partizipation
wird immer noch kaum, dem klassischen Wortsinn nach, als Teilhabe an politischen,
gesellschaftlichen, und das sind immer: öffentlichen Entscheidungen, begriffen.
Reflexion fördern, Verhaltens alternativen
anbieten
Zielt Umweltbildung auf Möglichkeiten zur
Verhaltensänderung ab, zeigen die Ergebnisse der Lebensstil-, Umweltbewußtseins- und
Verhaltensforschung sehr deut lich, daß Wissen und Einstellungen hier nur sehr geringen
Einfluß haben und andere Motive in viel stärkerem Maße verhaltensbestimmend sind. Es
wird notwendig sein, einzelne Verhaltensweisen und deren unterschiedliche Motive zu betrachten und Verhaltensalternativen aufzuzeigen. Damit werden Wissen und Einstellungen für das Verhalten jedoch nicht bedeutungslos, denn sie bilden gewissermaßen den
Horizont für Verhaltensentscheidungen: Aus welchen Motiven, wie bewußt oder unbewußt,
ein bestimmtes Verhalten auch gewählt wird, es kann immer nur dem Repertoire entnommen
werden, das dem einzelnen bekannt ist und zur Verfügung steht- und hier kann die
Umweltbildung durchaus einen Beitrag leisten. Lernprozesse können Verhaltensmöglichkeiten offerieren und erlebbar machen, unter denen das Individuum aus unter schiedlichen
Motiven heraus wählt (vgl. dazu: de Haan 1994). Die Erfahrungshorizonte der
meisten Schüler sind zunächst auf die Gepflogenheiten des Elternhauses begrenzt. Die
Schule kann dieses Spektrum erweitern, indem sie Verhaltensalternativen offeriert.
Erleben und Erprobung sind hier von großer Bedeutung, denn für die Entscheidung des
einzelnen wird es einen Unterschied machen, ob er eine Verhaltensweise in einem theoretischen Vermittlungskontext kennengelernt hat oder bereits über entsprechende praktische
Erfahrungen verfügt. Damit sind allerdings nur in den wenigsten Fällen die häuslichen
Gepflogenheiten veränderbar, noch kann etwas Konkretes über die späteren
Verhaltensentscheidungen der Schüler und deren Motive gesagt werden, lediglich der
Entscheidungshorizont wird erweitert. Das wird vermutlich um so besser gelingen, je
stärker das Bewußtsein des Angebotscharakters den Lernprozeß prägt, je weniger
nachdrücklich mit der Verhaltensofferte die Erwartung und der moralische Druck
verbunden ist, sie nun auch in der individuellen Lebensführung zu realisieren, und je
differenzierter die angebotenen Verhaltens weisen sind. Unterschiedliche Motivlagen
können für die Bildung fruchtbar gemacht werden. Dieses wird im schulischen Bereich
nicht mit ausgefeilten zielgruppenspezifischen Strategien erfolgen, sondern bestenfalls
in einer Verknüpfung von Umweltwissen, unterschiedlichen Verhaltensmöglichkeiten und
deren Bezug zu den Verhaltensdeterminanten bestehen. Der Schwerpunkt sollte dabei auf der
Reflexion von Handlungen und Motiven liegen, weil - wie schon gesagt - eine Instrumentalisierung der Bildung im Sinne eines "Verhaltenstrainings" pädagogischem
Selbstverständnis widerspricht.
Abb. 1: Die sich entwickelnde Fähigkeit der
Kinder, sich an ökologischem Forschen, Planen und Management zu beteiligen.
Ein zweiter Grund für diesen reflexionsorientierten Ansatz ist den Sozialwissenschaften entlehnt und wesentlich pragmatischer:
In individualisierten Gesellschaften mißt der Einzelne Selbstbestimmungs- und
Partizipationsmöglichkeiten einen hohen Wert zu. Strategien, die Reflexion (etwa über
ihre Ziele und An Sprüche) verweigern, werden erfolglos bleiben.
Eine Thematisierung von Verhaltensmotiven, selbst
wenn sie Verhaltensänderung nicht unmittelbar bezwecken, sollte Anlaß und Gegenstand von
Reflexionsprozessen sein, die gegebenenfalls die pädagogischen Zielvorstellungen ein
schließen. Methoden wie die bereits genannten Zukunftswerkstätten und -konferenzen,
Utopien, Visionen, Phantasiereisen und -geschichten und die Lernform Szenisches Spiel
haben auch in diesem Kontext große Bedeutung. Sie bieten eine Möglichkeit zur
Distanzierung und Reflexion von eigenen und fremden Verhaltensweisen, die u. a. Aspekte
der Selbst und Fremdwahrnehmung, Widersprüche zwischen intendierten und tatsächlichen
Handlungen berücksichtigt. Damit korrespondieren diese Überlegungen mit der aus dem
Nachhaltigkeitskonzept abgeleiteten Forderung nach Zukunftsorientierung und
Gestaltungsmöglichkeiten in der Umweltbildung. Sie zeigen einmal mehr die Bedeutung der
nicht-naturwissenschaftlichen Fächer.
Was sich als pädagogische Orientierungen
festhalten läßt
Aus den vorangegangenen Überlegungen kann man
zusammenfassend folgende pädagogische Orientierungen festhalten:
Das gestalterische, zukunftsweisende Potential des
Sustainability-Konzepts für die schulische Bildung fruchtbar machen.
Die Orientierung der Inhalte an der Ökologischen
Relevanz menschlicher Bedarfs- oder Handlungsfelder.
Die Vermittlung von Umweltwissen, begleitet von
der Vermittlung der Relativität dieses Wissens.
Die Interpretation der Umweltbildung vor dem
Hintergrund des Sustainability Ethos als fächerübergreifende politische Bildung,
die stärker als bisher originäre Zugänge der Einzelfächer fordert.
Das Verständnis der Schule als ökologischer und
sozialer Lernort, der selbst Nachhaltigkeit anstrebt, Thematisierung und Förderung der
Einbettung in kommunale, regionale und überregionale Zusammenhänge und Aktivitäten.
Die Thematisierung und Reflexion der Ergebnisse
der Anthropologie, Lebensstilforschung, Umweltbewußtseins und Verhaltensforschung als
Voraussetzungen pädagogischer Entscheidungen.
Die Vermittlung der Schlüsselqualifikationen
Partizipation, Antizipation und Reflexion unter Einbeziehung innovativer Lernformen.
Neben zukunftsorientierten methodischen Elementen
Rückgriff auf bewährte Merkmale aktivierender Umweltbildung (z. B. Lernen vor Ort,
Einbeziehung von außerschulischen Lernorten, Experten und Kooperationspartnern,
Projekt-, Handlungs- und Situations- Orientierung).
Insgesamt ist festzustellen, daß das Leitbild einer
Nachhaltigen Entwicklung durchaus neue Perspektiven für die Umweltbildung eröffnet.
Dabei ist zu vermuten, daß neben den ökologischen, ökonomischen und technischen
besonders die sozialen und kulturellen Dimensionen des Sustainability-Gedankens Bedeutung
gewinnen werden. Ob eine solche Bildung noch mit dem Begriff "Umweltbildung"
beschreibbar ist, bleibt eine offene Frage.
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