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Inhaltsverzeichnis
Ein weitgehend vernachlässigter Aspekt
Die Zukunft der Arbeit in einer nachhaltigen Entwicklung
Ansatzpunkte für Reformstrategien
Von Eckart Hildebrandt
Dr. Eckart Hildebrandt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am
Wissenschaftszentrum Berlin (WZB),
Forschungsschwerpunkt II: Technik -Arbeit- Umwelt.
Das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung versucht, Ökologie,
Ökonomie und soziale Gerechtigkeit, national wie weltweit, in Einklang zu bringen. Doch
wie das im sozialen Bereich geschehen soll, bleibt weitgehend unerörtert. Das ist um so
erstaunlicher, weil der Arbeit für eine nachhaltige Entwicklung eine zentrale Rolle
zukommt. Denn mit Arbeit greift der Mensch per se in die Natur, in die Umwelt ein - ganz
gleich, ob die Arbeit Erwerbs arbeit ist oder nicht, ob sie in Gemeinschaften auf
Gegenseitigkeit geleistet wird oder industriell. Mehr noch: Auch in seiner Freizeit greift
der Mensch in das Ökosystem ein, und je aufwendiger die Freizeitaktivitäten, desto
kräftiger! Arbeiter und die ihre Interessen vertretenden Gewerkschaften sind in erster
Linie am Bestand der Arbeit, an der Erhaltung von Arbeitsplätzen interessiert, in
Konfliktfällen ist das vorrangig. Auch die Strategien zur Globalisierung von Arbeit sind
alles andere als umweltfreundlich. Wo gibt es denn nun Ansatzpunkte dafür, daß Arbeit
die Ziele der Nachhaltigkeit respektiert, mit weitgehender Schonung der Ressourcen und
unter Beachtung der Regenerationsmöglichkeiten des Ökosystems?
Red.
Die Forderung nach der Gleichgewichtigkeit von Ökonomie, Ökologie und Sozialem
Die grundlegende Definition der Sustainability (Nachhaltigkeit)
im Brundtland Report umfaßt die drei Ziele, durch die Umstellung der
Wirtschaftsweise und der Lebensstile in den hochentwickelten Ländern die erreichte
Lebensqualität zu er halten, sie in den unterentwickelten Be reichen weltweit zu
verbessern sowie die entsprechende Option auch für die folgenden Generationen zu
gewährleisten. Es handelt sich also um ein ethisch-normatives Konzept einer intra- und
intergenerationalen Verteilungsgerechtigkeit. Da mit ist die Vision eines
menschenwürdigen Lebens (dignified life) für alle Generationen in allen Teilen
der Welt aufgrund der gleichberechtigten Teilhabe an den natürlichen Ressourcen
konstitutiver Bestand teil jeder Projektion von Zukunftsfähigkeit. Obwohl also die
Nachhaltigkeitskonzepte auf Berechnungen der Tragekapazität unseres Planeten aufbauen,
enthalten sie einen sozialen Kern, dessen Radikalität häufig nicht diskutiert wird,
aber die Dimension der Reduktionsanforderungen maßgeblich mitbestimmt.
Das Konzept der Zukunftsfähigkeit hat seitdem eine
bedeutende gesellschaftliche Karriere gemacht, weil es einerseits eine konsensfähige
Richtung notwendigen gesellschaftlichen Wandels aufzeigt, gleichzeitig aber offen für
unterschiedliche Interessenlagen, Strategien und Rahmenbedingungen ist. Dementsprechend
haben sich unterschiedliche Nachhaltigkeitskonzeptionen herausgebildet. Sie basieren auf
verschiedenen Prioritätensetzungen und führen zu unterschiedlichen Reduktionszielen.
Verbunden mit der jeweiligen Nachhaltigkeitskonzeption sind auch die Vorstellungen über
jeweils spezifische Strategien. Der Schwerpunkt kann beispielsweise bei Innovationen liegen, die ökonomische Vorteile und ökologische Entlastungen gleichzeitig ermöglichen,
beim Schließen von Stoffkreisläufen durch öffentliche Intervention oder bei individuellen
Verhaltensänderungen. In der gesellschaftlichen Diskussion um die Umsetzung dieser
Konzepte sind neben die nach wie vor zentralen ökologischen Begründungen zunehmend die
Wechselbeziehungen mit ökonomischen und sozialen Bedingungen und Wirkungen thematisiert worden. Die Forderung nach der Gleichgewichtigkeit von Ökologie, Ökonomie und
Sozialem gehört inzwischen zum Standard aller Studien (vgl. z. B. Enquete-Kommission 1994,
S. 280 ff.) und ist auch von den Gewerkschaften insbesondere mit dem Interesse
aufgegriffen worden, soziale Fragen stärker in die Diskussion einzubringen (vgl. Wiesehügel
1996). Wie schwierig dieses Unterfangen ist, zeigt der Aufbau lokaler Netzwerke nach
den Anforderungen der Agenda Z1, in denen bisher die soziale Dimension kaum
thematisiert wird.
Wenn man die wichtigsten vorliegenden Studien zur
Nachhaltigkeit daraufhin befragt, in welcher Weise sie menschliche Arbeit - im
wesentlichen Erwerbsarbeit einbeziehen, wird deutlich, in welchem Maße die Trennung
dieser beiden Politikfelder sich auch in eine Trennung zwischen Disziplinen und
Konzepten verlängert hat. Nachhaltigkeitskonzepte sind zielorientiert. Dieses Ziel wird
durch die langfristige Erhaltung des Planeten Erde definiert als Grundlage für ein
menschenwürdiges Leben. Demgemäß werden Stoff- und Energieströme daraufhin untersucht, ob und inwieweit sie die Bestände an Ressourcen sowie die Aufnahme- und
Regenerationsfähigkeit der Erde belasten bzw. überlasten. Strategisch richten sich die
Studien notwendigerweise an die Hauptakteure der Ressourcenentnahme und der
Emissionsabgaben, d. h. an die öffentlichen und privaten Unternehmen und die Haushalte
sowie an die politischen Instanzen, denen die Steuerung dieser Prozesse obliegt.
Erwerbsarbeit bleibt dabei - als Verbindungsglied zwischen Input und Output - weitgehend
im Hintergrund.
Vier Ansätze bei Nachhaltigkeitsmodellen
Soziale und arbeitspolitische Ziele nehmen in
Konzepten der Nachhaltigkeit eine sehr unterschiedliche Stellung ein und werden über
unterschiedliche Argumentationsmuster eingeführt. Wir können prinzipiell vier Ansätze
von Nachhaltigkeitsmodellen unterscheiden:
- In Weltmodellen zur Rettung des Planeten
Erde werden aufgrund ökologischer Kapazitätsgrenzen Anforderungen an eine
globale Wirtschaftswende formuliert. Die Hauptbezugspunkte dieser Wirtschaftswende sind
die Begrenzung des Bevölkerungswachstums, die Begrenzung des Wirtschaftswachstums sowie
der verstärkte Einsatz neuer Technologien (vgl. z. B. Club of Rome 1995, Grenzen
des Wachstums 1992, Erdgipfel 1992).
- In einem anderen Ansatz werden die sozialen
Bezüge aus dem gemeinsamen Kontext von Umweltkrise und Beschäftigungskrise heraus
abgeleitet. Es wird argumentiert, daß auf der einen Seite die natürlichen Ressourcen zu
billig seien und verschleudert würden, daß auf der anderen Seite Beschäftigung zu teuer
sei und durch arbeitssparende Rationalisierung vernichtet werde. Ein Ausweg aus dieser
gemeinsamen Krisenursache wird in der Verlagerung des Rationalisierungsschwerpunkts von
der Erwerbsarbeit auf die Ressourcen durch eine Veränderung von Preisrelationen gesetzt.
Diese Umsteuerung steht für das Konzept der Öko Steuer im Mittelpunkt (vgl. z.
B. Binswanger et al. 1988, von Weizsäcker 1994).
- Nationale Umbaukonzepte gehen von Reduktionszielen
aus, die über eine Veränderung von Wirtschaftsstrukturen und Modernisierungspfaden
durchzusetzen sind. Strategisch unterscheiden sie dabei zwischen Einsparungen durch Effizienz
Steigerungen und Einsparungen durch Verhaltensänderungen (Suffizienz). Sie
betonen die Notwendigkeit eines anderen Wohlstandsmodells und betonen die Abhängigkeit
der Lebensführung von den angebotenen Strukturen (vgl. z. B. Sustainable Netherlands,
Zukunftsfähiges Deutschland).
- Schließlich gibt es eine Reihe von Sektorstudien zum Zusammenhang von sinn vollen Maßnahmen des ökologischen Umbaus mit
Veränderungen der Beschäftigung. Mit dem Schwerpunkt auf erneuerbaren Energien
und Verkehrs wende wird argumentiert, daß mit verbrauchernahen und arbeitsintensiveren
Wirtschaftsformen arbeitsplatzschaffende Effekte verbunden sein können und damit eine
doppelte Dividende von Umwelt Schutz und Beschäftigungssicherung/Arbeitsplatzbeschaffung
möglich sei (vgl. Speiser/Hickel et al. 1994, Cames et al. 1996).
Überlegungen zur Ökologisierung der Erwerbsarbeit finden darin wenig Platz.
Obwohl alle Konzepte im Prinzip die Gleichwertigkeit
von ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen behaupten, beruhen sie dennoch
im wesentlichen auf ökologischen Vorgaben und wirtschaftsstrukturellen Modellberechnungen, in denen soziale Kategorien nur in spezifischer Weise berücksichtigt werden. Wenn
wir im nächsten Schritt genauer bestimmen, in welcher Funktion die sozialen Ziele in
diese Ansätze eingebaut sind, können wir vier Formen unterscheiden.
- Auf der obersten Ebene stellen soziale Normen
einen Teil des Grundkonzepts und einen Teil der Begründung der Reduktionsziele dar. Es
sind dies die Forderung nach internationaler und inter generativer Gerechtigkeit, die im
weiteren als ethische Grundprinzipien nicht weiter verfolgt werden. Sie definieren den prinzipiellen sozialen Ge halt von Nachhaltigkeit und nehmen faktisch die
Stellung von Menschen rechten ein. Ihre Umsetzung wird in den Operationalisierungen kaum
behandelt. Im Ergebnis hängt ihre Einlösung davon ab, inwieweit die Reduktionsziele
in den hochindustrialisierten Ländern erreicht werden und inwieweit in den Ländern der
Dritten Welt aufgrund weltweiter Umverteilung ein breiter, umweltverträglicher Wohlstand
entsteht.
- Auf einer zweiten Ebene werden soziale
Voraussetzungen der Durchsetzbarkeit und Realisierung einer Wende zur Nachhaltigkeit
definiert. Dies sind im wesentlichen die Wiederherstellung der Vollbeschäftigung und die
Abkehr vom industriell-konsumeristischen Wohlstandsmodell und d. h, auch die Abkehr von
der Dominanz der Erwerbs arbeit (vgl., exemplarisch von Weizäcker 1994).
Wohlstand wird dabei nicht nur als Bedingung, sondern auch als positives Ziel
unterhalb der Menschenrechte verstanden, wobei dessen Konkretisierung häufig
unspezifisch bleibt. Die Verbindung zur Erwerbs arbeit wird negativ über die Argumentationsfigur des "Parasitismus" hergestellt (Bierter et al. 1996, S. 74
ff.), nach der es darauf ankommt, die positiven Formen des Parasitismus gegenüber seinen
negativen zu stärken und über den Mechanismus des "kompensatorischen Konsums", nach dem
kommerzieller Konsum als Ausgleich für eine nicht befriedigende Arbeit dient und in die
Abhängigkeit von steigenden Arbeitsein kommen führt (Scherhorn 1997). Neben dem
Oberbegriff Wohlstand fin den wir eine weitere soziale Dimension als Bedingung der
Realisierung von Nachhaltigkeitskonzepten: die Beteiligung. Sie wird häufig nur
programmatisch eingebracht und defensiv im Sinne von Akzeptanz gedacht. Offensiv formuliert meint sie die Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen und die breite
Kommunikation von Konzepten und ihren Operationalisierungen (z. B. Agenda Z1,
Schmidtheiny 1993).
- Die Ebene der Realanalyse von Erwerbs
arbeit und ihrer Entwicklungsdynamiken wird selten erreicht. Im wesentlichen
konzentrieren sich die Texte auf die Beschreibung der Negativdynamik von
Rationalisierungsprozessen, die als arbeitssparend und entfremdet charakterisiert werden
und die Arbeitslosigkeit und kompensatorischen Konsum zur Folge haben (vgl. das Kapitel
"Soziale Fairneß" in der Wuppertal-Studie). Es gibt kaum Überlegungen
zur Ökologisierung der Erwerbsarbeit; der Schwerpunkt wird auf das Anstreben einer anderen
Vollbeschäftigung gelegt, wofür Modelle der Arbeitszeitverkürzung und
-flexibilisierung eine entscheidende Rolle spielen, aber auch die Ausweitung konsumnaher
Tätigkeiten, die in handwerklichen Klein betrieben, neuen Dienstleistungen und
Selbsthilfenetzwerken durchgeführt werden können (vgl. z. B. Ullrich 1995, Bierter
1995).
- Schließlich die Ebene der sozialen Folgen
von Nachhaltigkeit, die am stärksten hervorgehoben wird. Die Verschränkung der
ökologischen Nachhaltigkeitsziele mit einem anderen Wohl stand wird weitgehend apodiktisch
behandelt. Dafür sind vier Formeln zentral:
- Umweltschutz schafft Arbeitsplätze;
- Erwerbsarbeit wird als Träger von Wohlstand
(Einkommen, kommerzieller Konsum, Zufriedenheit) unwichtiger;
- weitere Wohlstandssteigerungen sind nicht nur
durch ressourceneffizientes Wachstum, sondern im wesentlichen im immateriellen Bereich
möglich;
- weniger Erwerbsarbeit, mehr Eigen arbeit und ressourcenschonender Konsum sind zufriedenstellender und ökologischer als das bisherige
Wohlstandsmodell.
Auffällig an den Überlegungen zur Zukunft der
Arbeit ist, daß sie in den verschiedenen Zugängen einen sehr unter schiedlichen
Charakter erhält. Beim Blick auf die aktuell und konkret stattfindende Erwerbsarbeit wird
der Raubbau an Natur und Arbeitsvermögen hervorgehoben; ihre Ökologisierung ist kein
Thema. Aus der Perspektive der Umsetzung der Reduktionsanforderungen dagegen wer den
große Chancen für andere Arbeit, andere Arbeitsplätze und neuen Wohlstand postuliert.
Es erscheint so, als ob Arbeitsplätze und Tätigkeiten, die aus ökologischer
Perspektive entstehen oder um gestaltet sind, auch arbeitspolitisch und sozial ganz andere
und prinzipiell bessere sind. Als Anknüpfungspunkte für die Ökologisierung der
Erwerbsarbeit werden arbeitspolitische Strategien benannt, deren sozialer Gehalt
zumindest sehr widersprüchlich beurteilt werden muß (Arbeitszeitflexibilisierung, lean
production, Beschäftigung im zweiten Arbeitsmarkt, Selbsthilfe etc.). Diese Wider
Sprüche sind von ökologischer Seite bis her gar nicht oder nur sehr einseitig zur
Kenntnis genommen worden. So ist die Frage nach der Qualität von Arbeitsplätzen im
Umweltschutz unter Aspekten wie Stabilität, Einkommen, Qualifikation, Belastung etc.
bisher kaum gestellt. Zusammenfassend können wir die bisherige Denkfigur der
Verknüpfung von Nachhaltigkeit und Arbeit folgendermaßen beschreiben: Erwerbsarbeit
wird als eher in direkter Bereich behandelt, der von zwei Ebenen sozialer Ziele eingerahmt
wird. Die sozialen Grundziele der internationalen und der intergenerativen Gerechtigkeit
sind in die Basisdefinition von Nachhaltigkeit eingegangen und sind unumstritten.
Auf der zweiten Ebene werden soziale Ziele wie
Beschäftigung und Versorgungssicherheit, Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit gesetzt,
die zum großen Teil in den zentralen Begriff des Wohlstands bzw. der Lebensqualität
einfließen. Diese sozialen Ziele werden einerseits als Vor aussetzungen definiert für
die Realisierung von Nachhaltigkeit oder als Teil einer Nachhaltigkeitsstrategie selbst.
Der bisherige Wohlstand ist größtenteils an Er werbsarbeit gebunden, beruht folglich
auf der Verfügbarkeit von Erwerbsarbeit und Einkommen, den darauf aufbauen den
Konsumtionsmöglichkeiten sowie auf den sozialen Sicherheiten und Umverteilungseffekten,
die von einem funktionierenden Sozialstaat gewährleistet werden. Die anderen Formen der
Arbeit, insbesondere die weiblichen Versorgungsarbeiten, die zeitlich überwiegen und
unabdingbare Voraussetzung der männlich geprägten Erwerbsarbeit sind, bleiben
weitgehend ausgeblendet.
Fortschrittsoptimismus versus
Fortschrittspessimismus
In der politischen Debatte um die gang baren Zukunftspfade
der Nachhaltigkeit haben sich - vergleichbar der Diskussion um die zwei Modernen -
zwei Pole her ausgebildet, die man als fortschrittsoptimistisch bzw.
fortschrittspessimistisch im traditionellen Sinn einschätzen kann. Auf der einen Seite
stehen Positionen der ökologischen Modernisierung, die die bisherigen ökologischen
Schäden als unvermeidbar, aber beherrschbar einschätzen und die materiellen
Wohlstandseffekte des Wachstums in den Vordergrund stellen. Die ökologischen Schäden
sind nur durch verstärkte technische Innovationen zu sanieren und zukünftig vermeidbar
(Effizienzrevolution), die sozialen Risiken sind durch weiteres Wirtschaftswachstum
aufzufangen. Die Gegenposition hebt die bereits ökonomisch gesetzten Grenzen des
Wachstums und die Grenzen von Effizienzstrategien hervor. Sie setzt auf die re flektierte
Beschränkung von Wachstum, modifiziert den Weg zum Wohlstand und den Charakter des
Wohlstands selbst. Ein an Erwerbsarbeit gebundener Wohlstand wird abgelöst durch einen
Ressourcen schonenden, viel stärker selbstversorgenden Wohlstand, der die überwiegend
von Frauen geleistete informelle Arbeit auf wertet und in viel stärkerem Maße auf
Eigenarbeit in sozialen Netzen beruht. Aus der Sicht der Nachhaltigkeitskonzepte ergeben
sich daraus vordringlich folgende arbeitspolitische Themenfelder:
- Arbeitsplätze durch Umweltschutz,
- Arbeitszeitverkürzung und Arbeitszeitflexibilisierung bei gleichzeitiger Neugestaltung der sozialen Sicherung,
- Qualifizierung und Beteiligung der Beschäftigten als für Umweltschutz bisher nicht genutzte Ressource,
- Eigen- und Subsistenzarbeit als Fokus eines neuen
Arbeitsverständnisses, Ablösung der Negativverschränkung von Erwerbsarbeit und
kompensatorischem Konsum, mehr Freizeit, Relativierung der Erwerbsarbeit als Einkommens
quelle,
- Veränderung der Kostenrelationen zwischen den
Produktionsfaktoren (z. B. Ökologische Steuerreform), gesellschaftliche Verteilung der
Kosten des Umweltschutzes.
Beschäftigung durch Umweltschutz?
Die Debatte um die Beschäftigungswirkungen des
Umweltschutzes ist die längste und gewichtigste Debatte, die die Wechselwirkungen
zwischen Arbeit und Ökologie zum Gegenstand hat. Dabei lassen sich einzelne historische
Phasen unter scheiden, in denen dieser Zusammenhang unterschiedlich gesehen bzw. sozial be
wertet wurde. Der Aufbau einer nationalen Umweltpolitik Anfang der siebziger Jahre
verlief im wesentlichen über staatliche Ordnungspolitik. Für die Unternehmen folgte
daraus eine starke prozessuale Reglementierung und der Zwang zu Investitionen in nachsorgende
Umwelttechnologien. Diese wurden im wesentlichen als Kosten angesehen, die
insbesondere kleine und schwache Unternehmen untragbar belasteten. Dies galt in
besonderem Maße für Unternehmen der Chemieindustrie, bei denen Basisrohstoffe oder Produkte im gesetzlich reglementierten Gefahrstoffbereich lagen. Hier drohten die Regelungen
massiv auf die ökonomische Basis der Unternehmen durchzuschlagen und Arbeitsplätze zu
gefährden, was in einzelnen Fällen auch Wirklichkeit wurde. In diesen speziellen
Konstellationen stand konsequenter Umweltschutz gegen Arbeitsplatzerhalt, die
Betriebsräte und Belegschaften kämpften mit den Unternehmensleitungen gegen die
Umweltauflagen.
In der nächsten Phase waren die Akzeptanz und
die Machbarkeit der grundlegenden Umweltauflagen erheblich gestiegen, immer mehr
Unternehmen gaben ihren hinhaltenden Widerstand auf und wechselten zu einer Strategie der
moderaten Anpassung an die staatlichen Vorgaben, die zudem in den entstehen den
Verhandlungssystemen zunehmend abgemildert wurden. Die höheren Umweltstandards bei den
Kunden und die steigenden Entsorgungskosten erhöhten die Rentabilität von
Umweltinvestitionen, die Risiken von Umweltskandalen waren in schwer kalkulierbare Höhen
gestiegen. Eine wachsende Zahl von Unter nehmen betonte auch die Chancen aktiven
Umweltmanagements, was sich unter anderem in der Gründung grüner Unternehmensverbände
ausdrückte. Diese Chancen lagen insbesondere in dem wachsenden Umweltmarkt, auf dem
Deutschland aufgrund der massiven staatlichen Vorgaben bis vor kurzem an der Spitze lag.
Insgesamt ergab sich eine ausgewogenere Beurteilung, die Risiken und Chancen für das
einzelne Unternehmen, aber auch für den Arbeitsmarkt ins gesamt sah.
Mit der Erkenntnis, daß Dauer- und Massenarbeitslosigkeit nicht nur ein Durchgangsstadium eines ökonomischen Krisenzyklus
sind, verstärkte sich die Suche nach neuen Lösungen für diese alte soziale
Frage. Die alltäglich spürbare Bedrohlichkeit sozialer Probleme verdrängte den
Umweltschutz von einem vorderen Platz der öffentlichen Agenda. Es gab nicht nur keine
zusätzlichen Mittel mehr für den Umweltschutz, sondern es waren Verluste zu verteilen.
Umweltschutz mußte in den Unternehmen in den normalen Modernisierungsprozeß integriert
werden, durfte keine zusätzlichen Kosten erzeugen und sollte möglichst zusätzliche
Rationalisierungseffekte erbringen. Das bedeutete, daß an Unternehmen, in denen gerade
Kosteneinsparungen durch Personalabbau im Mittelpunkt standen, keine Erwartungen an
zusätzliche Einstellungen durch Umweltschutz gestellt werden konnten. Dem Umwelt Schutz
bot sich dagegen die große Chance, durch die Betonung der Beschäftigungswirkungen von
umweltpolitischen Investitions- und Subventionsprogrammen des Staates Argumentationskraft
und politisches Gewicht zu gewinnen. Die Umweltverbände förderten eine Viel zahl von
Sektorstudien, die die "doppelte Dividende" von umweltpolitisch begründeten
Beschäftigungsprogrammen herausstrichen.
Die Hoffnungen auf einen wachsenden neuen "Umweltarbeitsmarkt" haben sich nicht erfüllt
An dieser Stelle kann nur resümiert wer den, daß
die Beschäftigungswirkungen nur in makroökonomischen Gesamt modelten abgeschätzt werden
können, die direkte und indirekte Wirkungen sowie die Kurz- und die Langzeitperspektive
berücksichtigen. Für Deutschland gibt es inzwischen solide Schätzungen (BMU 1996), die
die Gesamtbeschäftigung mit knapp einer Million Personen (= 2,7 %) der Erwerbstätigen
schätzen. Davon waren 53 % unmittelbar an ihrem Arbeitsplatz mit Umweltschutzaufgaben befaßt (allerdings nur 7 % ausschließlich mit Umweltaufgaben), 200.000 in den
Gebietskörperschaften (Abwasser und Abfallbeseitigung, Pflege von Grünanlagen, Planung, Verwaltung und Vollzug), 90.000 in Entsorgungs- und Recyclingunternehmen und 50.000
im produzierenden Gewerbe. Die restlichen 47 % sind mit der Produktion von
Umweltschutzgütern beschäftigt, 260.000 direkt mit Schwerpunkten im Baugewerbe und im
Maschinenbau und 190.000 indirekt.
Die früher prognostizierte Wachstumsquote
"eines neuen Umweltarbeitsmarktes" hat sich dabei nicht realisiert, seit An
fang der neunziger Jahre ist sogar ein Zurückbleiben der Umweltschutzinvestitionen der
Industrie gegenüber den Gesamtinvestitionen zu verzeichnen. Der Rückgang ist folglich
nicht allein konjunkturell zu erklären, vielmehr wirken hier einige grundlegende
Mechanismen, die für die zukünftige Entwicklung der Beschäftigung im Umweltbereich
prägend sein werden:
- die Schwerpunktverlagerung von zentraten
Steuerungsvorgaben des Staates zu dezentralen Absprachen und Selbstverpflichtungen der
Akteursgruppen;
- die Verlagerung von kostenintensivem additiven
Umweltschutz zu integriertem Umweltschutz mit zusätzlichen Rationalisierungseffekten;
- die Abschwächung der deutschen Vorreiterposition
auf dem Weltmarkt durch das Aufholen anderer Staaten wie Japan;
- die Konzentrations- und Privatisierungswelle im
Umweltschutz, die zu erheblichen Einsparungen allein durch die economies of scale
führt, und
- die Rationalisierung der Leistungserstellung im
Umweltschutzbereich, wofür aufgrund der arbeitsintensiven und kleinbetrieblichen
Strukturen in der Gründungsphase erhebliche Potentiale bestehen.
In der Debatte um die Beschäftigungswirkungen des
Umweltschutzes wird vor dem Hintergrund bedrohlicher Arbeitslosenquoten mit großen
Zahlen argumentiert. Was für Tätigkeiten, Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse
sich hinter diesen Zahlen verbergen und welcher arbeitspolitische Gestaltungsbedarf eventuell dahintersteckt, das bleibt verborgen. Hier zeigen sich deutlich die umweltpolitische Funktionalisierung und die fehlende Aufmerksamkeit für die Fragen der Arbeitsqualität. Erste Studien, die von dem europäischen Wissenschaftlernetzwerk IRENE
angestoßen wurden, haben einen ersten Blick auf diese Probleme eröffnet (Hildebrandt/Oates
1997). Eine neuere österreichische Studie (Ritt 1997) macht deutlich, daß
grundsätzlich zwischen neu geschaffenen Arbeitsplätzen im nachsorgenden Umweltschutz
und Tätigkeiten im integrierten Umweltschutz unterschieden werden muß. Die erstgenannten
Arbeitsplätze haben überwiegend eine geringe Beschäftigungsdauer bzw. -Sicherheit, die
Qualifikationsanforderungen und die Bezahlung sind niedrig, die gesundheitlichen
Belastungen dagegen hoch. Die Be reiche wurden als wenig innovativ gekennzeichnet, die
Chancen für eine Anschlußbeschäftigung, eventuell sogar in einer qualifizierteren
Tätigkeit, sind minimal, Dementsprechend sind in diesem Segment überdurchschnittlich
viele Frauen und Ausländer beschäftigt. Im Sektor des integrierten Umweltschutzes sind
die Tätigkeiten vielfältiger und lehnen sich an die normalen Arbeitsbedingungen an.
Der Anteil qualifizierter und gut entgoltener Arbeit ist höher, es gibt Karrierewege
über ökologisches Engagement und Kompetenz. Daraus ergibt sich die
beschäftigungspolitisch widersprüchliche Situation, daß die Tätigkeiten in den
Bereichen, in denen erhebliche Zusatzbeschäftigung möglich ist, arbeitspolitisch nicht
wünschenswert sind, während im qualifizierten und geschützten Sektor kaum neue
Arbeitsplätze entstehen. Eine Zusammenstellung von Untersuchungen zur
Umweltbeschäftigung im zweiten Arbeitsmarkt (Petschow/Steinl Hildebrandt 1997) hat
darüber hinaus er geben, daß die Anstrengungen zur öko logischen Qualifizierung und
Anschlußbeschäftigung weitgehend von arbeitsmarkt- und finanzpolitischen Problemen
überlagert werden. Die Programme sind stärker auf Dauerarbeitslose als auf ökologisch
Interessierte ausgelegt, sie sind vollständig von staatlichen AB-Maßnahmen abhängig
und zu kurzfristig angelegt. Für diese Klientel gibt es kaum offene Stellen auf dem
ersten Arbeitsmarkt, erst recht nicht speziell für die gerade erworbenen ökologischen
Qualifikationen.
Berührungspunkte zwischen Arbeit und Ökologie
Obwohl, wie im gewerkschaftlichen Be reich durchaus
zu registrieren, immer wie der Initiativen zur Verknüpfung von Arbeit und Ökologie
gestartet werden (vgl. Heuermann 1996), sind sie bisher punktuell und fragil
geblieben. Eine systematische Analyse dieses Zusammenhangs steht bisher
aus. Dabei zeichnen sich zwei Wege ab (vgl. Abb. 1):
Erstens eine Analyse der Berührungspunkte,
die sich in der Realdynamik abzeichnen, die durch drei Politikfelder geprägt werden: den
Entwicklungstrends der Erwerbsarbeit (Wettbewerbsmodelle), der Stellung der
Arbeit in Nachhaltigkeitskonzepten und den Erwartungen an Arbeit, wie sie von der
Arbeitsbevölkerung und ihren Interessenvertretungen gesehen werden (Wohlstandsmodelle).
Zweitens die Suche nach einer konzeptionellen
Verknüpfung beider Bereiche, die es ermöglicht, die vielfältigen Wechselwirkungen
in einen gemeinsamen Rahmen zu stellen.
Meines Erachtens muß vorläufig der erste Weg beschritten werden.
Er bietet den Vorteil, daß er die verschiedenen Wechselwirkungen in den Blick bekommt,
ohne sich aus den ökologischen bzw. arbeitspolitischen Bewertungszusammenhängen zu
lösen. Darüber hinaus kann er Bereiche hoher Synergie identifizieren wie auch Bereiche
absehbarer Konflikte und entsprechende strategische Optionen an stoßen. Schließlich
kommt hinzu, daß Entwürfe für eine konzeptionelle Klammer bisher nur in Ansätzen
erkennbar sind und die Verbindung einseitig angehen.
Die Stellung der Arbeit
im Stoffkreislauf
Die Identifikation von Wechselwirkungen zwischen
Arbeit und Umwelt stand bisher nicht im Zentrum umweltpolitischer Strategien und auch
kaum ökologischer Reflexion. Konkrete Erwerbsarbeit als solche trat in ihren produktiven
wie destruktiven Potentialen hinter die Betrachtung des Industrialismus als
Wirtschaftssystem zurück.
Hier wird die These vertreten, daß nur die
Betrachtung der Rolle der Arbeit im Produktions- und Reproduktionskreislauf einen
systematischen Zugang zu Ansatz punkten nachhaltiger Arbeit eröffnet. Wie die Bedingungen
und Möglichkeiten des Verhaltens an diesen Interventionspunkten gestaltet sind, darüber
geben Trendanalysen zur Erwerbsarbeit Auskunft, auf die ich anschließend noch zu
sprechen komme.
Das zugrundeliegende Kreislaufmodell zeigt
die Ressourcenströme, die von gesellschaftlicher Arbeit angetrieben wer den (Abb. 2).
Dabei wird nicht im Detail zwischen verschiedenen Formen bzw. Be reichen unterschieden, in
denen Arbeit er bracht wird. Unter ökologischen Aspekten sind diese erst einmal gleich:
Sie verbrauchen natürliche Ressourcen, um Produkte und Dienstleistungen herzustellen.
Sie er bringen für den Arbeitenden ein Einkommen in geldlicher Form oder einen Ertrag,
wenn ihm das Produkt bzw. seine Nutzung gehört. Gleichzeitig hat der Arbeitende sein
Arbeitsvermögen verausgabt, das er in immaterieller und in kommerzieller Form (Konsum)
reproduziert. Dazu nutzt er Produkte und Dienstleistungen, deren Konsum Umweltbelastungen
er zeugt bzw. Abfälle übrig läßt. Ein Teil der Abfälle der Produktion und der
Abfälle der Produkte und Dienstleistungen wird gesammelt und in den Kreislauf zurückgeführt. Der andere Teil belastet die natürliche Senke und verringert bzw. verschlechtert die für weitere Kreisläufe verfügbaren Ressourcen.
Diese Kreislaufbetrachtung versucht mit dem Blick
eines ideellen Arbeiters, Erfahrungen aus dem industriellen Bereich zu verallgemeinern.
Als Produzent wird dabei der Gesamtbetrieb, aber auch der einzelne Beschäftigte
verstanden, in so weit er die Produktionsentscheidungen beeinflussen kann. Aus dieser
Kreislaufbetrachtung ergeben sich systematisch vier Interventionspunkte:
- Ressourcenverbrauch der Produzenten,
- Gestaltung von Arbeits- und Dienstleistungsprozessen,
- Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen,
- private Nutzung von Produkten und
Dienstleistungen sowie von natürlichen Ressourcen.
Der Ressourcenverbrauch der Produzenten
Der Produzent entscheidet darüber, welche
Rohstoffe, Vorprodukte und Energien er in welcher Menge einsetzt. Dieser Einsatz ist
maßgeblich durch die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen gesteuert, d. h. welche
Menge von welchen Produkten/Dienstleistungen nachgefragt wird. Der Spielraum des
Produzenten ist allerdings durch die Verwissenschaftlichung und Chemisierung der
Produktion, z. B. auch in der landwirtschaftlichen Produktion, fast exponential
ausgeweitet worden. Da die Kunden bestimmte Funktionen bzw. Gebrauchswerte nachfragen,
können diese mit der Vergrößerung der wissenschaftlich technischen Möglichkeiten in
immer vielfältigerer Weise erstellt werden. Der voran schreitende Ersatz natürlicher
Rohstoffe durch künstlich erzeugte Materialien veranschaulicht diesen
"Fortschritt". Zur Zeit findet er z. B. in dramatischer Weise durch den Einsatz
der Gentechnologie in der Lebensmittelherstellung statt.
Abb. 1: Konzipierung der Wechselwirkungen Arbeit-
Ökologie

Abb. 2: Arbeit - Umwelt - Wirkungszusammenhänge

Der Einsatz von Rohstoffen und Energien wird neben
der Nachfrage über einige zentrale Parameter gesteuert: Verfügbarkeit,
Verarbeitbarkeit, Preis, Qualität, spe zielte Kundenwünsche. Die Vorteile künstlich
erzeugter Rohstoffe liegen darin, daß ihre zeitliche und mengenmäßige Verfügbarkeit
kaum von natürlichen Kreisläufen abhängt, daß die Eigenschaften leichter gesteuert
werden können, daß die Prozesse ihrer Herstellung besser industrialisiert,
rationalisiert und damit verbilligt werden können - und nicht zuletzt, daß die ökologischen Folgen der Herstellung künstlicher Ressourcen externalisiert werden können,
d. h. an anderen Orten und zu anderen Zeitpunkten anfallen. Dabei ist allein schon der
direkte Naturverbrauch bei der Herstellung von künstlich erzeug ten Ressourcen oft weit
höher, als wenn direkt natürliche Ressourcen eingesetzt würden.
Der Einfluß des Produzenten liegt also im
wesentlichen darin, eine Ressourcenkombination auszuwählen, mit der er nach gefragte
Produkte und Dienstleistungen erstellt. Dazu muß er die in der Ressource eingeschriebene Vorgeschichte
kennen, d. h. die eingegangenen Stoffe mit ihren Eigenschaften und die Aufwendungen
bei deren Herstellungsprozeß. Die aber wird durch die Vervielfältigung der Komponenten,
der Komplexität der Herstellungsprozesse und der globalen Verflechtung der
Herstellungsprozesse und -stufen immer weniger transparent.
Dazu müssen zweitens die Preisrelationen zwischen
natürlichen und künstlichen Ressourcen, zwischen schädlichen und weniger schädlichen
Rohstoffen stimmen. Auf diese Preisrelationen hat der einzelne Her Steller in der Regel
kaum einen Einfluß; er kann allerdings versuchen, höhere Kosten umweltverträglicherer
Vorprodukte über Qualitätsargumente und Hinweise auf deren Nachhaltigkeit an den Kunden
weiterzugeben. An diesem Punkt setzen auch die Argumente ein, "daß die Preise die
ökologische Wahrheit sagen müssen" (von Weizsäcker) und damit die Voraussetzungen ökologischerer Stoffströme in Be trieben verbessern. Die Produzenten können
sich auf der einen Seite zusammenschließen, um über eine erhöhte und stabilere
Nachfrage die Preise umweltverträglicher Ressourcen zu senken und um auf der anderen
Seite Druck auf die Politik auszuüben, die Preisrelationen zu ändern (z. B. ökologische
Steuerreform).
Die Gestaltung von Produktions- und Dienstleistungsprozessen
Die Sphäre der Produktion gilt als das eigentliche Gestaltungsfeld
der Produzenten. Dabei geht es zunehmend um weit gehend selbsttätig ablaufende, naturwissenschaftlich-technische Prozesse und Verfahren, die nur noch von Systembedienern über
Leitstände gesteuert und kontrolliert werden. Arbeitsintensive Prozeßteile und
Prozeßphasen sind zunehmend an den Rand gedrängt, als vorbereitende Forschungs- und
Entwicklungstätigkeiten oder als gering qualifizierte "Rest"-Tätigkeiten.
Aufgrund der Prozeßkomplexität und der hochgradigen innerbetrieblichen (und
außerbetrieblichen) Arbeitsteilung besteht für den einzelnen Beschäftigten keine
Möglichkeit, die vielfältigen ökologischen Wirkungsketten auch nur ansatzweise zu
überblicken oder sogar zu gestalten. Dies gilt für die eingesetzten Stoffe und
Energien, die im Betrieb ablaufenden Prozesse und ihre externen Folgen in Form von
Emissionen, Abfällen und natürlich Produkten und Dienstleistungen. Dabei hat der
Herstellungsprozeß selbst höchste Relevanz, da häufig noch nicht einmal zehn Prozent
der eingesetzten Ressourcen in das Produkt eingehen (z. B. Pkw, PC). Wie effizient die
Ressourcen ein gesetzt werden und welcher Anteil weiter- bzw. wiederverwendet wird, das
wird im Produktionsprozeß entschieden.
Eine direkte Verknüpfung zwischen Arbeitsprozeß
und ökologischen Sachverhalten liegt für den einzelnen Beschäftigten im sogenannten
Arbeitsumweltschutz vor. Hier geht es im wesentlichen um den Ein Satz von Stoffen, die
neben umweltschädigenden Wirkungen auch Gesundheitsgefährdungen verursachen,
und um die Sparsamkeit im Ressourcenverbrauch, so weit diese vom Einzelarbeitsplatz
aus gesteuert werden kann. Der Zusammenhang zwischen Gefahrstoffen und Gesundheit ist zum
Hauptthema der Verknüpfung von betrieblicher Interessenvertretung und Umweltschutz
geworden, weil direkte Befindlichkeiten eine Rolle spielen und weil an bestehende Systeme
des Arbeitsund Gesundheitsschutzes angeknüpft werden kann. Ein alltäglicher Einfluß
auf den Ressourceneinsatz durch den einzelnen Arbeitnehmer ist durch die Standardisierung von Produkten und Prozessen sowie die systemische Rationalisierung der Produktion
immer weiter eingeschränkt worden.
Statt Ökologisierung der Arbeit Alternativprodukte?
Produkte und Dienstleistungen entstehen weitgehend unter Kundenorientierung.
Sie werden danach gestaltet, welche Funktionen und welche Eigenschaften sie haben
sollen. Allerdings werden die Möglichkeiten für Produktalternativen immer
eingegrenzter, je älter, etablierter und zentraler ein Produkt ist (vgl. Noble 1980).
Produkte und Dienstleistungen werden - wie exemplarisch am Pkw ein sichtig ist - Teile von
Infrastrukturen, Funktionsverknüpfungen, kulturellen Mustern und Produktionsstrukturen,
die jede Veränderung extrem voraussetzungsvoll machen: Entweder, daß sie sich ohne
großen Umstellungsaufwand in die gewachsenen Strukturen einpassen, oder daß sie
unwahrscheinlicherweise Baustein einer neuen Produktlinie sind, die sich in absehbarer
Zeit ökonomisch etablieren kann.
Auch in diesem Gestaltungsbereich hängen die Entscheidungsstrukturen weitgehend von der
Betriebsgröße und der Organisationsform von Arbeit ab. Im alt- und
großindustriellen Rahmen ist die Produktentwicklung in der Regel ausgegliedert und
hoch spezialisiert; die Einflüsse anderer Unternehmensbereiche während des
Produktentwicklungsprozesses und bei laufender Produktion sind hoch spezialisiert und
hoch institutionalisiert. Dies hat für den einzelnen Beschäftigten gravierende
Wirkungen: Er hat nicht nur den Überblick über die Stoff- und Prozeßketten in und um
den Betrieb herum verloren, auch sein Verhältnis zum Endprodukt wird immer spezieller
und distanzierter. Der Anteil des einzelnen Produzenten am Endprodukt ist so gering
geworden und so vermittelt, daß ein Bezug zum konkreten Arbeitshandeln keine Rolle mehr
spielt. Ein Gefühl von Produzentenstolz, das stark mit handwerklicher Produktion
verbunden war, ist kaum noch möglich und bezieht sich inzwischen am ehesten auf den
Status des Endprodukts. Dieses Produkt kann z. B. ein Pkw sein, dessen statusbegründende
Eigenschaften nicht in der Ökologie liegen, sondern eher im Gegenteil: Ökologische
Überlegungen stellen des Status des Produkts und die eigenen Nutzungsmuster eher in
Frage. Bewegung in die Ökologisierung von Produkten und Dienstleistungen ist zu An fang
der Umweltbewegung weniger von innen, d. h. durch Innovationen in bestehenden Betrieben
(Produkt-Mitbestimmung), vorangetrieben worden, sondern eher von außen, indem andere,
einfache Produkte als Alternative zum Ressourcen intensiven Konsum angeboten und dann auch
hergestellt wurden (Bioläden, Alternativbetriebe). Die Motivation der Beschäftigten in
diesem neuen Marktsegment des ökologischen Konsums ist eine andere: Ihnen geht es nicht
um die Ökologisierung ihrer Arbeit in bestehenden industriellen Strukturen (über
Formen der Mitarbeiterbeteiligung), sondern um eine umweltverträgliche Lebensweise und
die Möglichkeit, die Erstellung der dazu notwendigen Produkte und Dienstleistungen auch
zum Gegenstand der eigenen Arbeit zu machen. Die Erwerbstätigkeit ist also aus dem
Produkt abgeleitet, und ihre Dimension und Gestaltung bleibt - trotz Kommerzialisierung
und Professionalisierung des Alternativsektors - an den Charakter des Produkts gebunden
(vgl. Netz e. V. (Hg.) 1997).
Die Grenzen der Eigenarbeit
Der vierte Zusammenhang entsteht über die individuelle
Reproduktion. Die Frage, welche Rolle Arbeit bei dieser Reproduktion spielt, führt
in komplexe Zusammen hänge. Über Erwerbsarbeit werden Produkte und Dienstleistungen zur
Reproduktion hergestellt und über den Markt oder als staatliche Leistungen angeboten.
Ein anderer Teil wird privat erbracht, entweder in Form von Eigenarbeit in Haus und
Familie (Subsistenzarbeit) oder in Form gegenseitiger Hilfe (Gemeinschaftsarbeit). Zwischen diesem informellen Sektor und dem formellen Sektor des ersten und
zweiten Arbeitsmarktes existiert eine Grauzone, in der Erwerbsarbeit unter in formellen
Bedingungen geleistet wird (zur Struktur der informellen Arbeit vgl. Teichert 1993).
Eine wichtige Verbindungslinie zwischen Arbeit und
Ökologie besteht nun in der Analyse und Gestaltung dieser informellen Arbeit, da
auch bei ihr die ersten drei Verknüpfungspunkte auftauchen: Ressourcenverbrauch,
Prozeßgestaltung und Produktgestaltung. Der gravierende Unterschied zur formellen Arbeit
liegt auf den ersten Blick darin, daß informelle Arbeit privat erbracht wird und daher gestaltbarer erscheint als in institutionellen Strukturen. Nimmt man noch die Annahme
hinzu, daß die Menschen von sich aus sinnvollere Dinge umweltverträglicher produzieren
wollen, ergeben sich Potentiale hoch attraktiver Synergien, insbesondere wenn man dann
noch die Annahme hinzunimmt, daß informelle Arbeit sozial kommunikativer und persönlich
befriedigender als Erwerbsarbeit ist (vgl. das Konzept des produktiven Konsums bei Scherhorn
1997). Alle diese Annahmen sind jedoch zu hinterfragen und für die verschiedenen
Tätigkeitsbereich zu differenzieren.
So verleitet die Annahme, daß Eigenarbeit
gestaltungsoffen ist, zur Vernachlässigung der Restriktionen und Interessenorientierungen, in denen die Menschen all täglich stehen, wie auch der Bedingungen, unter
denen Eigenarbeit erbracht wird (Infrastrukturen, eingesetzte Maschinen und Materialien,
Qualifikationen etc.); schließlich werden auch die sozialen Bedingungen, in denen der
Eigenarbeiter steht, vernachlässigt (Arbeitszeitmuster, Einkommen, Lebensform etc.).
Demgegenüber wäre ein Konzept der "reflexiven Lebensführung" zu setzen (Hildebrandtl
Hielscher 1998, Voß 1996), das auf der Interdependenz der Lebensbereiche und der
Interessenlagen des einzelnen beruht und dabei soziale Milieus und Infrastrukturen
einbezieht. Insgesamt muß wohl davon ausgegangen werden, daß der Anteil von Subsistenz
gegenüber kommerzieller Versorgung immer weiter zurück geht und daß die Qualität von
kommerziellen Produkten immer weniger in Eigenarbeitsformen erreicht werden kann. Hier
gelten wieder die Argumente der kumulativen Produktivitätssteigerung bei kommerziellen
Produkten und Dienstleistungen, der technischen Netzwerke und Infrastrukturen, die immer
weitergehend auf kommerzielle Nutzungsformen ausgelegt sind und dementsprechend Eigenarbeit besonders aufwendig bzw. unproduktiv machen.
Freizeitnutzung ist zunehmend umweltrelevant
geworden
Eine zweite Verbindungslinie besteht in der
Notwendigkeit der Erholung, die in den Beanspruchungen der Arbeit begründet ist.
Erholungsbedarf und Erholungsformen haben sich in den letzten Jahr zehnten gravierend
geändert. Erstens sind die Belastungen in der Erwerbsarbeit durch Intensivierung der
Arbeit, durch die Verlagerung von körperlichen zu mentalen Anforderungen durch steigende
Komplexität und Varianz der Tätigkeiten gestiegen. Zweitens ist der zeitliche Auf wand
für Erwerbsarbeit kontinuierlich gesunken. Verschiedene Formen der täglichen,
wöchentlichen, jährlichen und Lebensarbeitszeitverkürzung haben sich zu einem
epochalen quantitativen Bedeutungsverlust von Erwerbsarbeit aufsummiert. Dadurch ist im
Prinzip auch der Erholungsbedarf verringert. Die Zunahme der nicht an Erwerbsarbeit
gebundenen Zeit hat zu einer Aufwertung und höheren Eigenständigkeit der Freizeit
geführt. Gleichzeitig mit der Arbeitszeitverkürzung wird aber auch eine Intensivierung
der Arbeit festgestellt, die den Erholungsbedarf wieder steigert. Die Kombination von
Arbeitszeitverkürzung mit Flexibilisierung beschränkt ebenfalls die Verfügbarkeit
freier Zeit und erhöht die sozialen Koordinationsanforderungen. Viertens nun haben sich
passive Erholung und Freizeitgestaltung ineinander verschoben, haben neue Formen
angenommen, in denen Regeneration und Selbstverwirklichung nicht mehr zu trennen
sind (z. B. fernsehen).
Diese Formen der Freizeitnutzung sind zu nehmend
umweltrelevant geworden, d. h. daß der Umweltverbrauch für private Erholung drastisch
gestiegen ist und eine Diskussion um "umweltverträglichere Lebensstile"
angestoßen hat (vgl. Reusswig 1995, Bogun 1997). Einen guten Blick auf die
Bedeutung dieses Zusammenhangs bietet ein Rückblick auf die Geschichte der
Arbeiterbewegung, auf die Kleingarten Bewegung, die Siedlungsbewegung, die Wandervögel,
die Sport- und Jugendbewegung, die Konsumgenossenschaften (vgl. Linse 1986).
Eine dritte Verbindungslinie bildet das Konstrukt
des kompensatorischen Konsums. Ausgehend von der Tendenz der Entfremdung in der
Produktion, d. h. daß der Mensch seine Fähigkeiten und Fertigkeiten immer weniger in
die Erwerbs arbeit einbringen kann, aber auch seine sozialen Interessen und Bedürfnisse,
wird angenommen, daß er eine "instrumentelle Arbeitsorientierung" entwickelt,
die auf die Erzielung von Einkommen und die Erhaltung der Leistungsfähigkeit als dessen
Grundlage gerichtet ist. Für das Ertragen der Zumutungen der Erwerbsarbeit, des
Arbeitsleids, sind das hohe Geldeinkommen und das damit mögliche, hohe Konsumniveau die
angemessene Entschädigung. Selbstverwirklichung findet dem gemäß in der Freizeit
statt, teilweise in immer weiter gesteigertem Ressourcen intensiven Erlebniskonsum,
teilweise in naturnahen immateriellen Befriedigungen. Hier ergibt sich wieder der
Interventionspunkt der umweltverträglichen Lebensstile (Schutze 1992).
Diese Argumentationsfigur des kompensatorischen
Konsums ist grundsätzlich plausibel, birgt aber Gefahren der Überziehung und
Grenzüberschreitung. So sind zumindest die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse und
Arbeitsbedingungen in den letzten Jahrzehnten zu reflektieren, und es ist zu fragen,
inwieweit sie das Kompensationsbedürfnis verringert haben. Grundsätzlich ist zu
berücksichtigen, daß ein bestimmter Konsumakt notwendige Reproduktion, individuelle
Kompensation und kollektive Kompensation in einem ist. Schließlich finden Konsumakte
zunehmend außengelenkt statt, gelenkt von kommerziellen Angeboten, von Medien, von
kulturellen Mustern und sozialen Milieus, so daß die Entscheidung für ökologische
Alternativen subjektiv zusätzlich erschwert wird.
Trends der Erwerbsarbeit: Ausdifferenzierung und Globalisierung von
Arbeit
Im vorangegangenen Abschnitt wurden die vier
Interventionspunkte erläutert, an denen Arbeit prinzipiell in ökologische Kreisläufe
eingebunden ist. Die genauere Frage danach, in welchem Maße, in welcher Form und mit
welchem Resultat Arbeit in die Stoffkreisläufe interveniert, ist damit ebensowenig
beantwortet wie die umgekehrte Frage danach, in welchem Maß Stoffstromänderungen die
Quantität und Qualität der Arbeit verändern. Diese Einwirkungen und Auswirkungen sind
konkret davon abhängig, um welche Tätigkeit, um welche Branche und um welche
Betriebsform es sich handelt. Die Grade der Betroffenheit und der Relevanz variieren
danach in hohem Maße.
Für die Verallgemeinerbarkeit von Aussagen über
das Wechselverhältnis zwischen Arbeit und Ökologie und d. h. auch für die Bedeutsamkeit
von einzelnen strategischen Ansätzen im Arbeitsumweltschutz sind die
Entwicklungsdynamiken der Struktur von Erwerbsarbeit von erheblichem Gewicht,
insbesondere in Phasen schneller und tiefgreifender Umbrüche. Bisher konnte von einem
relativ einfachen Schema von Arbeit ausgegangen werden, das auf der Annahme einer
wachsenden Konformität in den betrieblichen Großgruppen der ungelernten, der
qualifizier ten Facharbeit und der Angestelltenarbeit ausging. Normalbiographie,
Beruflichkeit, Normalarbeitszeit und weitgehende Verregelung der Arbeitsbedingungen durch
Gesetz und Tarifvertrag waren die Grund lagen dieser historischen Formierung. In zwischen
befinden wir uns in einem Prozeß der Ausdifferenzierung und Globalisierung von Arbeit,
der die Größe und Qualität der Varianzen von Arbeit ständig erhöht. Dies gilt für
- den Wandel der Branchenstruktur, d. h. die
Abnahme des gewerblichen Sektors zugunsten des Dienstleistungssektors;
- die Verschiebung in den Betriebsgrößen, den
Unterschieden in der internen Unternehmensorganisation, in den externen
Verflechtungen und internationalen Kooperationen;
- die Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses
mit entsprechenden Spaltungstendenzen der Arbeitsbevölkerung in Überbeschäftigte,
Teilzeitbeschäftigte, geringfügig Beschäftigte und Arbeitslose;
- die Destabilisierung der Erwerbsbiographien durch
Phasen der Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, der Weiterbildung und des Berufswechsels;
- Verschiebungen der Interessenvertretungsstrukturen weg von Großverbänden und flächendeckenden Regelungen hin zu Verbetrieblichung
und Individualisierung;
- Verschiebungen in der individuellen Versorgung zwischen
Markt, Staat und Subsistenz.
Besondere Bedeutung für die betrieblichen
Handlungspotentiale im Umweltschutz kommt der Zuständigkeitsverteilung zu, d. h.
wer für die ökologischen Aspekte der Produktion verantwortlich ist: die
Unternehmensleitungen als Veranstalter der Produktion, spezialisierte und beauftragte
Fachkräfte, der einzelne Arbeitnehmer oder die betriebliche Interessenvertretung. Die in
den Betrieben vor herrschende Entscheidung für zentralistische, delegatorische, technik-
und wissenschaftsorientierte Organisationsformen ist ein starkes Moment, das die
Möglichkeiten der Entfaltung eines "ökologischen Mandats" der Beschäftigten
kanalisiert.
Die neuen Wettbewerbsstrategien zielen nicht auf
Entlastung des Ökosystems
Die Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte
findet auch im Arbeitsbereich in gewachsenen Strukturen, vielfältigen Interessenlagen,
etablierten Institutionen und Regelungsmechanismen statt. Die Entwicklung der Arbeit wird
dominiert von Anforderungen der Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märk ten.
Arbeitnehmerinteressen bezüglich Beschäftigung, Einkommen, qualifizierter Tätigkeit
etc. sind in diesen Rahmen ein gespannt; dies um so mehr, je stärker durch Globalisierung
konkurrierende Sozialstandards direkt durchschlagen und die Sozialstaatsaktivität
zurückgedrängt wird (vgl. z. B. Martin/Schumann 1996). Globalisierung,
Informatisierung, Wirtschaftsstrukturwandel und neue Produktionskonzepte sind die
Motoren des der zeitigen gesellschaftlichen Wandels. Mit Bezug auf das Kriterium einer
nachhaltigen Entwicklung lassen sich daher drei Aussagen treffen:
Die neuen Wettbewerbsstrategien zielen nicht in
erster Linie auf die Entlastung des Öko-Systems. Auch unter Berücksichtigung
erheblicher Verbesserungen durch nachsorgenden und auch im integrierten Umweltschutz
dominiert weiterhin die Wachstumsorientierung bei verschärfter Preiskonkurrenz, wodurch
die Entlastungseffekte überkompensiert werden. Zweitens, die vorherrschenden Managementstrategien enthalten keine Elemente, die auf eine qualitative Anreicherung von
Ausbildungen und Tätigkeiten der Beschäftigten zielen, um einen Zuwachs an sozialer
Innovation und Kapazitätsbildung im betrieblichen Umweltschutz zu erreichen.
Drittens, die Wettbewerbsdynamik mit ihrem enormen
Produktivitäts- und Ertragsdruck (shareholder value) wird weiterhin eine
Situation aufrechterhalten, in der Arbeitslosigkeit und Armut für einen wachsenden Anteil
der Arbeitsbevölkerung zu einer steigenden Bedrohung und zumindest zeitweisen Realität
werden. Dadurch werden das vorhandene ökologische Bewußtsein und die vorhandene
Handlungsbereitschaft durch andere Prioritäten, durch die soziale Frage überlagert und
ihrer Umsetzung entzogen. Die neuen sozialen Zustände sind in ihrer Entstehung und
Entwicklung nicht durch ökologische Einflüsse geprägt worden im Gegenteil, es steht zu
befürchten, daß nicht nur das weitere Wachstum, sondern auch der neue "prekäre
Wohlstand" mehr auf Kosten der Umwelt lebt als zuvor.
Mit dieser Grundlage können vier arbeitspolitischen Felder identifiziert werden, aus deren Entwicklung gewichtige um
weltpolitische Folgen zu erwarten sind:
- Das beschäftigungslose Wachstum, d. h.
die Verteilung des vorhandenen Arbeitsvolumens auf immer mehr Köpfe, die jeweils weniger
arbeiten und weniger verdienen. Die Beschäftigungspyramide öffnet sich nach unten zu
einer Vielzahl labiler, flexibler Beschäftigungsverhältnisse, die häufig nicht ein mal
zur Reproduktion des einzelnen ausreichen, insbesondere seiner Kranken- und
Alterssicherung.
- Die erweiterte Nutzung des Arbeitsvermögens
in den Unternehmen, die einerseits durch steigende Wissens- und Leistungsanforderungen
gekennzeichnet ist, andererseits durch steigende Flexibilität, Mobilität und
Unsicherheit.
- Die Individualisierung der Lebensführung,
die mit steigenden Anforderungen an Eigenaktivität, Bildungsanstrengungen und mit
Diskontinuität verbunden ist, gleichzeitig aber größere Chancen für qualifizierte
Arbeit und hedonistische Lebensstile bietet. Dieser Prozeß ist mit einer Bedeutungsverlagerung zwischen Arbeit und Freizeit verbunden.
- Vor dem Hintergrund verschlechterter
Beschäftigungsmöglichkeiten und sinkender Sozialstaatsleistungen steigt die gesellschaftliche
Differenzierung, drohen Entsolidarisierung und Spaltung entlang ökonomischer,
geschlechtsbezogener und ethnischer Grenzen. Der Machtzugewinn der Unternehmen wird durch
den Zerfall traditioneller Interessenvertretungsstrukturen im Be trieb und Konsum
verstärkt, neue Netz werke können den Verlust an sozialem Schutz durch Deregulierung und
Machtverschiebung nicht ausgleichen.
Die nähere Analyse dieser arbeitspolitischen
Entwicklungen ist deshalb so bedeutsam, weil darin angelegte ökologische Folgen
eventuell gravierender sind, als durch kleine Fortschritte z. B. im Umweltmanagement und
bei Beteiligungsprojekten aufgewogen werden können. Aber auch umgekehrt: Es können sich
unter ökologischer Betrachtung Potentiale ökologischer "Mitnahmeeffekte"
eröffnen, die nicht von allein entstehen, sondern erst mit ihrer Aufdeckung und bewußten Förderung.
Die Auswirkungen des Wertewandels auf die
Arbeitswelt
Zu den wichtigen Bezugspunkten, von denen her sich
das Spannungsverhältnis zwischen Arbeit und Ökologie gestaltet, gehören nicht zuletzt
die individuellen Erwartungen an Arbeit und ihre kollektiven Ausdrucksformen. Die
Beschäftigten wählen sich Tätigkeiten und Unternehmen aus, bei denen sie sich
bewerben, sie gestalten ihren Arbeitsalltag und ihren konkreten Arbeitsvollzug bzw.
führen vordefinierte Aufgaben und Abläufe mit mehr oder weniger starker Identifikation
aus. Nach welchen Kriterien sie dies tun und welche Möglichkeiten ihnen dafür offenstehen, das ist unter anderem weitgehend von der wirtschaftlichen Phase, dem
dominierenden Wirtschaftsmodell, den Managementstrategien sowie dem individuellen Status
im Beschäftigungssystem abhängig. Die personelle Komponente dieses sozialen
Wandels wird seit längerem unter dem Begriff des Wertewandels diskutiert, d. h. der
Veränderung von persönlichen Leitbildern bzw. ihrer Gültigkeit. Die Debatte war von
der These eines grundlegenden Wandels von materiellen Grundwerten, in denen die
protestantische Arbeitsethik eine zentrale Rolle spielt, zu postmateriellen Werten bestimmt. Inglehart, der Hauptpromotor dieser These, faßt seine langjährigen internationalen Untersuchungen folgender maßen zusammen:
"Hinsichtlich des wirtschaftlichen Verhaltens
beobachten wir eine allmähliche Verschiebung dessen, was Menschen zur Arbeit motiviert:
die Betonung verschiebt sich beim einzelnen von der Maximierung des Einkommens und der
Arbeitsplatzsicherheit darauf, zunehmend eine interessante und sinnvolle Arbeit zu
erwarten. Auf der einen Seite beobachten wir eine stärkere Betonung kollegialer und
partizipatorischer Managementstile. Aber gleichzeitig kehrt sich die Tendenz um, bei der
Suche nach Problemlösungen auf die Regierung zu schielen, und Kapitalismus und
Marktgesetze werden zunehmend akzeptiert. Beide Trends sind mit einer wachsenden Ablehnung
hierarchischer Autoritätsmuster und einer zunehmen den Betonung individueller Autonomie
verknüpft." (Inglehart 1998, S. 453) Bereits aus diesem Zitat wird deutlich,
daß sich die Wertewandeldiskussionen stark auf grundlegende gesellschaftliche Leit bildet
konzentriert und Spezifizierungen zu einzelnen gesellschaftlichen Gruppen und Bereichen
wie Arbeitnehmern eher am Rande stehen, insbesondere da diese keineswegs zu den Promotoren
des Wandels gehören. Für die Gruppe der Arbeitnehmer gilt die These der "partiellen Modernisierung" (Herlyn/Scheller/Tessin 1994, S. 19ff.), nach der
Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen unvollständig ausgeprägt sind.
Umorientierungen beziehen sich vorwiegend auf den Konsum- und Freizeitbereich, in dem
größere Freiheitsgrade für die Realisierung individueller Lebensstilelemente existieren als im Erwerbsarbeitsbereich, der durch feste Strukturen und materialistische
Normen geprägt ist. Diese wichtige Einschränkung der Dominanz und Durchgängigkeit der
Wende zum Postmaterialismus ist generell in dem Sinne erhoben worden, daß das zunehmende
Interesse z. B. an freier Meinungsäußerung und Mitsprache in Wirtschaft und Politik, an
Selbstverwirklichung in hedonistischem Konsum nicht nur vorrangig in den Mittel und
Oberschichten ablaufen (Lüdtke 1989, S. 155), sondern sich überhaupt nicht mit
materialistischen Orientierungen wie Leistung, Disziplin, Ordnung und
Wirtschaftsstabilität ausschließen (Bolte 1993, S. 11 ).
Die Auswirkungen des Wertewandels auf die
Arbeitswelt werden grundsätzlich in fünf Dimensionen gesehen (vgl. ebenda, S. 14-18):
Forderungen zu größeren Mitentscheidungsmöglichkeiten in Tätigkeit und Betrieb;
die Relativierung insbesondere der subjektiven
Bedeutung von Erwerbsarbeit durch stärkere Freizeitorientierungen, wobei durchaus
Leistungsorientierungen in den Nichterwerbsbereich über tragen werden;
Erhöhung der Erwartungen an die gesellschaftliche
Verantwortung von Unternehmen, insbesondere auch im Bereich des Umweltschutzes.
Geht bei Arbeitern Ökonomie vor Ökologie?
Die sichtbaren Umweltschäden und öffentlich
bekannten Gefährdungen sind zu einer der wichtigsten Nebenfolgen des kapitalistischen
Wachstumsmodells geworden und haben seit den siebziger Jahren Bewußtsein und Verhalten
der Bevölkerung zunehmend geprägt. Das Umweltbewußtsein der Bürger ist kontinuierlich
gestiegen, es ist allerdings in bezug auf die eigene Situation und den eigenen Bei trag
weniger kritisch als bei "den anderen" und setzt sich auch nicht umstandslos in
umweltbewußtes Verhalten um (vgl. z. B. UBA 1996).
Auch hier mußte die Frage gestellt wer den, ob
aufgrund der zentralen Arbeitsplatzabhängigkeit ein spezifisches Umweltbewußtsein der
Arbeiter existiere, also die These, bei ihnen gehe Ökonomie vor Ökologie. Die Befunde
entsprechen der industriesoziologischer Untersuchungen (Heine/Mautz 1989, Bogun/Oster
Iand/Warsewa 1990) bestätigen die grundlegende Differenz zwischen Nähe und Ferne:
Das Umweltbewußtsein ist vergleichbar hoch und bezieht sich auch auf die Industrie, ihre
Herstellungsprozesse und Produkte; durchaus radikale Verhaltensänderungen zugunsten des
Umwelt Schutzes werden eingefordert. Das Bild ändert sich erst, wenn es um den eigenen
Betrieb, die eigene Tätigkeit, das eigene Produkt geht; dort wird die Beurteilung
deutlich positiver, einschneidende Verhaltensänderungen sind nicht erforderlich bzw.
treten dann hinter unmittelbare materielle Interessen zurück; die Bemühungen des
eigenen Betriebs im Umweltschutz werden hervorgehoben und unter stützt.
Obwohl dies "kein arbeiterspezifisches Problem
im Umgang mit dem Umweltthema" ist (de Haan/Kuckartz 1996, S. 134), hat es
doch für unser Thema gravierende Auswirkungen: Es deutet darauf hin, daß Umweltschutz
von den Beschäftigten nicht aktiv in den Arbeitsbereich hineingetragen wird, daß
zwischen persönlichem Umweltengagement und betrieblichem Verhalten stark getrennt wird.
Das heißt, wir finden die Separierung von Arbeit und Ökologie auch auf dieser Ebene
wieder.
Bei Managern und Facheliten gehört das Umweltthema zu den wichtigsten Legitimationsproblemen
Die Forschung hat allerdings frühzeitig auf die
Sonderstellung der Facheliten in den Unternehmen hingewiesen, der Techniker, Ingenieure
und Naturwissenschaftler und auch des Managementnachwuchses. Bei ihnen sind die
arbeitsinhaltlichen Ansprüche ausgeprägter und die Gestaltungsmöglichkeiten in der
Arbeit größer. Wenn also, insbesondere aufgrund höherer Bildung, ein gehobenes
Umweltbewußtsein vorliegt, ist auch ein entsprechend großer Umsetzungsdruck zu erwarten. Bei einer Befragung von Führungskräftenachwuchs ergaben sich entsprechend der
Wertwandel-These erhebliche Differenzen zwischen Soll-Zielen der Unternehmenstätigkeit
und den wahrgenommenen Ist-Zielen; die Diskrepanz war beim Ziel Umwelt am
ausgeprägtesten und läßt auf latente Kritik und "an gekränkelte
Identifikationsbereitschaft" schließen (von Rosenstiel 1992, S. 83-105). Das
Umweltthema gehört bei Managern und industriellen Experten zu den wichtigsten
beruflichen Legitimationsproblemen, insbesondere in der Chemie- und Metallindustrie, und
führt zu einer "eskalierenden Unvereinbarkeit zwischen dem Zuschnitt der
subjektiven Orientierungen und den betrieblichen Verhaltensstandards und
Organisationsformen" (Baethge/Denkinger/Kadritzke 1995, S. 23). Die
Bezeichnung als Dilemma verdeutlicht, daß die Umsetzung der hohen Handlungsbereitschaft
in konkretes Engagement auch bei dieser Gruppe begrenzt ist, vor dringlich aufgrund von
Zeitproblemen und Politikvorbehalten.
Das Fortbestehen des Spannungsverhältnisses zwischen Arbeit und
Ökologie spie gelt sich auch in den Ergebnissen von Befragungen, ob die Gewerkschaften
sich stärker im Umweltschutz engagieren soll ten. Eindeutig wird die Bedeutung der
Gewerkschaften in der Umweltpolitik Deutschlands als gering angesehen; bei der Frage nach
geforderter Rolle sprachen sich in einer Allensbach-Befragung 43 der Befragten und
50% der Gewerkschaftsmitglieder für ein stärkeres Engagement und 34 % dagegen aus (Natur,
Heft 10/1992, S. 48).
Für die Gruppe der Arbeitnehmer ist natürlich die
Veränderung der Arbeitsmarktlage und der sozialen Sicherheit von entscheidender
Bedeutung. Wenn, wofür starke Indikatoren sprechen, für den Be reich der eigenen
Erwerbsarbeit zwischen Ökonomie und Ökologie eine klare Prioritätensetzung
vorherrscht, wird diese in der sozialen Krise eher noch verstärkt wie die laufenden
Erhebungen von gesellschaftlichen Problemprioritäten dokumentieren. Solange es nicht
gelingt, die Möglichkeiten der Integration durch die Beteiligung der Beschäftigten an
ökologischen Managementmethoden und die Förderung umweltverträglicherer Lebensstile
unter Bedingungen gering entlohnter und flexibler Erwerbsarbeit zu fördern, bleibt die
Polarisierung bedeutsam und verschiebt sich zuungunsten des Umweltschutzes (vgl. z .B. Köcher
1997).
Auch die Gewerkschaften bleiben in diesem Dilemma
befangen. Während die Öko-Initiativen auf betrieblicher Ebene randständig sind (vgl. z.
B. Biere/Zimpelmann 1997), versuchen sie die Zusammenführung forciert auf
programmatischer Ebene. Im Entwurf einer "sozialökologischen Reformstrategie"
wird die umweltpolitische Umsteuerung mit den zentralen Zielen der Vollbeschäftigung,
Verteilungsgerechtigkeit und Lebensqualität kombiniert (vgl. DGB 1997). Diese
Integration entspricht eher der zusätzlichen Aufnahme umweltpolitischer Ziele als einer
Prüfung der Wechselwirkungen zwischen den beiden Bereichen und der Identifikation
konkreter Synergien.
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Zapf, W. (Hg.) (1990): Die Modernisierung moderner
Gesellschaften, Frankfurt/New York
Zapf, W. (1994): Modernisierung, Wohlfahrtsentwicklung und Transformation, Berlin

Wie eine Auswertung der Patentstatistiken durch
das Münchner ifo Institut zeigt, stammten über ein Viertel der weltweiten
Patentanmeldungen zur Umweltschutztechnik aus Deutschland. Damit konnten sich die
deutschen Erfinder den zweiten Platz hinter den USA (27,9 Prozent) sichern. Auf Platz
eins liegt deutsches Umwelt-Know-how bei der Abfallwirtschaft und der Lärmdämmung; bei
Abwassertechnik und Luftreinhaltung waren die Neuerungen aus Deutschland an zweiter Stelle
zu finden. - Welche Bedeutung das Umwelt-Know-how für Deutschland hat, erschließt
sich beim Blick auf den Welthandel. Auf dem Weltmarkt für Umweltschutzgüter konnten
sich deutsche Exporteure Mitte der neunziger Jahre den Titel
Exportweltmeister sichern.
Globus

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