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Inhaltsverzeichnis
Eine besonders bedeutsame Akteursgruppe
Nachhaltigkeit als unternehmerische Aufgabe1
Die Bedeutung von Nachhaltigkeit für die
langfristige Existenzsicherung von Unternehmen
Von Rudi Kurz
Die Orientierung von Unternehmen an
Nachhaltigkeitszielen - gesellschaftlich von strategischer Bedeutung - heißt keinesfalls
Wettbewerbsnachteile in Zeiten der Globalisierung. Neben Zuwächsen an Effizienz vor allem
in der Ressourcennutzung bedeutet die Orientierung an Nachhaltigkeit eine Verbesserung
der Wahrnehmungsfähigkeit, der Anpassungsfähigkeit, der Gestaltungsfähigkeit durch
Teilnahme am gesamtgesellschaftlichen Diskurs - altes Voraussetzungen für eine dauerhafte
Überlebensfähigkeit von Unternehmen.
Red.
Die strategische Bedeutung der Unternehmen
Nachhaltige Entwicklung ist ein gesellschaftlicher
Suchprozeß nach einem Lebens- und Wirtschaftsstil, der nicht zu Lasten der
Lebenschancen zukünftiger Generationen geht. Der Erfolg dieses Suchprozesses hängt
davon ab, ob die Einbeziehung und Mitwirkung möglichst vieler Akteure und Akteursgruppen
gelingt. Eine gesellschaftlich und ökologisch besonders bedeutsame Akteursgruppe sind
die Unternehmen wegen der
unmittelbaren Effekte der von ihnen
getroffenen Entscheidungen über Produktgestaltung und Produktionstechnik (z.B.
Emissionen, Abfälle);
indirekten Effekte (z. B. auf die gesellschaftliche Akzeptanz von Nachhaltigkeitszielen);
Sozialisationsfunktion (Lernort Unternehmen).
Während die Bedeutung einer aktiven und offensiven
Rolle der Unternehmen im Prozeß der nachhaltigen Entwicklung außer Zweifel steht, wird
kontrovers diskutiert,
ob Unternehmen, die unter Wettbewerbsdruck stehen,
überhaupt relevante Verhaltensspielräume haben, um Entscheidungen an (ethischen)
Postulaten wie der Nachhaltigkeit auszurichten;
welche Anreize und Motive Unternehmen
veranlassen könnten, Verhaltens Spielräume tatsächlich zu nutzen;
ob es politische Möglichkeiten gibt, die
Handlungsspielräume auszuweiten und/oder die Anreize zu deren Nutzung zu stärken;
welche Maßstäbe herangezogen wer den
können, um den Beitrag eines Unternehmens zu nachhaltiger Entwicklung zu bestimmen.
In einer marktwirtschaftlichen Ordnung können
Unternehmen ihre Existenz langfristig nur sichern, wenn sie Gewinne er zielen.
Gewinnerzielung ist nicht gleichbedeutend mit kurzfristiger Gewinnmaximierung, sondern
umfaßt auch die langfristige Existenzsicherung. Diese erfordert strategische
Entscheidungen, die nicht durch Rahmenbedingungen und Wettbewerbszwänge vorbestimmt
sind, sondern die eigentliche gestalterische Aufgabe des Unternehmers ausmachen. Hier
bestehen Freiheitsgrade und damit potentielle Handlungsspielräume für nachhaltige Unternehmensentwicklung. Daran ändert sich auch durch die Verschärfung des Wettbewerbs
nichts, die sich gegenwärtig unter den Schlagworten Globalisierung und Shareholder
Value vollzieht.
Abb. 1
: Ökologischer Handlungsdruck auf das
Unternehmen

Sind Globalisierung und Shareholder Value ernsthafte Hindernisse?
Globalisierung bedeutet Verschärfung des Wettbewerbs
aufgrund des Wegfalls von Marktzutrittsschranken hoheitlicher Art (Regulierungen) und/oder
ökonomischer Art (z. B. hohe Transportkosten). Etablierte Unternehmen geraten dadurch
unter verstärkten Anpassungs- und Innovationsdruck. Ihre kurzfristig defensiven Reaktionen richten sich primär auf Kostensenkungen. Gefährdet sind dadurch alle Investitionen in die Zukunft und damit auch die
Auseinandersetzung mit Fragen der nachhaltigen (Unternehmens-)Entwicklung. Nachhaltigkeit
hat deshalb nur in Unter nehmen eine Chance, die grundsätzlich willens und fähig sind,
verschärftem (globalem) Wettbewerbsdruck offensiv zu begegnen. Für sie bedeutet
Globalisierung "nur", noch konsequenter in die In novations- und
Entwicklungsfähigkeit des Unternehmens zu investieren. Shareholder Value ist nicht
identisch mit Gewinnmaximierung, sondern verlangt einen möglichst hohen Ertrag für die
Anteilseigner aus ihrer Anlage. Der Er trag setzt sich zusammen aus den (jährlichen)
Gewinnausschüttungen und aus dem Wert des Unternehmens (z. B. Aktienkurse). Letzterer
hängt nicht allein von den aktuellen Gewinnausschüttungen ab, sondern auch von
den langfristigen Potentialen (Gewinnerwartungen). Investitionen in die Zukunft des Unternehmens schmälern zwar den aktuellen Gewinn, können aber dennoch zu einem Anstieg der
Aktienkurse führen und sind daher mit Shareholder Value kompatibel. Gerade um den Shareholder
Value zu sichern und zu mehren, wird die Pflege der Beziehungen zwischen externen Anspruchsgruppen, den sogenannten Stake holdern, immer wichtiger (vgl. Abb. 1).
Statt nachgeschaltetem Umweltschutz . . .
Die betriebswirtschaftliche Diskussion um
Nachhaltigkeit begann in den 80er Jahren praxisorientiert und pragmatisch mit der Frage,
wie sich Umweltbelastungen aus der betrieblichen Leistungserstellung vermindern lassen -
möglichst ohne Zusatz kosten, besser noch bei gleichzeitiger Verbesserung der
Rentabilität. Inzwischen liegen zahlreiche Publikationen vor, in denen erfolgreiche
Fallbeispiele dokumentiert sind, die in der Praxis zu Umweltentlastung und Kostensenkung
geführt haben (vgl. z. B. Winter 1993, Hopfenheck 1996, Gege 1997).
Hier kann nur ein kurzer Überblick gegeben werden. Grundsätzlich stecken in allen
unternehmerischen Aktionsfeldern Potentiale für Verbesserungsmaßnahmen (vgl. Abb.2).
Abb. 2: Aktionsfelder umweltbewußter
Unternehmensführung im Überblick
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Unternehmensführung |
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Strategische Planung |
Organisation |
Controlling |
| Forschung &
Entwicklung |
Beschaffung |
Produktion |
Absatz
|
Wertstoff-
management |
Eine erste Stufe des betrieblichen Umweltschutzes,
die zunächst als akute Gefahrenabwehr und als Reaktion auf staatliche Gebote und Verbote
dominierte, ist gekennzeichnet durch nachgeschaltete Maßnahmen (end-of
the-pipe-Technologien) wie Kläranlagen und Luftfilter. Umweltschutz als
"Krisenmanagement" hat allerdings den entscheidenden Nachteil, daß er in aller
Regel erhebliche Zusatz kosten verursacht, ohne daß das Unter nehmen daraus
irgendwelche Vorteile ziehen kann. Immerhin hat diese Art des Umweltschutzes
gesamtwirtschaftlich aber zu einer prosperierenden Umweltschutzindustrie geführt.
... produktionsintegrierter Umweltschutz
Auf einer zweiten Stufe des betrieblichen
Umweltschutzes steigen die Chancen, auch Kostensenkungspotentiale zu er schließen.
Der produktionsintegrierte Umweltschutz zielt darauf, den Produktionsprozeß so zu
verbessern, daß Emissionen und Abfälle weitgehend vermieden wer den und damit die
Notwendigkeit von (teurem) nachgeschaltetem Umweltschutz entfällt. Ansatzpunkte dafür
sind z. B.:
Entwicklung: Durch Vereinfachung des
Produkts sowie frühzeitige Abstimmung von Produktgestaltung und Produktionsverfahren
lassen sich (material und energie-)aufwendige Produktionsverfahren vermeiden,
Ausschußquoten senken.
Anlagenhersteller: Soweit die ökologische
Effizienz des Produktionsprozesses von den Maschinenherstellern ab hängt, kann das
Unternehmen versuchen, diese zu Verbesserungen anzuregen.
Erhöhung der Energieeffizienz, z. B. durch
Kraft-Wärme-Kopplung, Abwärmenutzung, Wärmerückgewinnung. Durch Umschichtung im
Energie-Mix zugunsten emissionsarmer Energieträger (Erdgas) bzw. Nutzung regenerier
barer Energiequellen (Wasser-, Solarenergie) können (bei gegebenem Energieverbrauch)
die Emissionen gesenkt werden.
Abfallminimierung und -wiederverwertung: Einführen
geschlossener Stoffkreiskläufe im Unternehmen (z. B. für Kühl- und Schmiermittel).
Soweit dies nicht gelingt, erhöht die sortenreine Sammlung von Abfällen (z. B. für Altmetall, Glas, Kunststoffe) die Chancen eines ökologisch und ökonomisch sinn vollen
externen Recycling.
Beschaffungspolitik: Schrittweise Substitution stark umweltbelastender
Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe und Vorprodukte.
Mit der Formulierung von Beschaffungsrichtlinien und der Forderung nach
Sicherheitsdatenblättern, Unbedenklichkeitsnachweisen und ökologischen Daten zur
Vorproduktion wird den Lieferanten Anpassungsbedarf bei deren Produkten signalisiert.
Verbesserung der Prozeßsteuerung und
laufende Wartung von Meß- und Regeltechnik, um einen ökologisch optimalen
Prozeßablauf im Normalbetrieb zu gewährleisten.
Arbeitsschutz und Arbeitsplatzsicherheit: Selbstverständlicher
Teil des betrieblichen Umweltschutzes muß der Schutz der Arbeitnehmer vor Belastungen
durch Abgase, Lärm, Gefahrstoffe oder Strahlung sein. Vielfach sind Arbeitnehmer die
ersten, die gesundheitsgefährdenden Stoffen unmittelbar aus gesetzt sind (z. B.
Asbestfasern, Staub).
Produkte, die weniger umweltbelastend sind ...
Auf einer dritten Stufe wird das Produkt und die
Produktpalette zum Gegenstand ökologischer Verbesserung gemacht. In einigen Branchen (z.
B. der Chemischen Industrie oder der Verpackungsherstellung) sind gerade die Produkte die
eigentlich umweltbelastende "Emission". Als erster Schritt können die gegebenen
Produkte und ihre Verpackung weniger umweltbelastend gestaltet werden. Im nächsten
Schritt müssen stark umweltbelastende Produkte ersetzt werden durch weniger schädliche
Substitute, um zu einem zukunftsfähigen Produktportfolio zu gelangen. Dieser Schritt
kann auch durch Umweltgütezeichen (Blauer Engel, EU Blume) absatzwirksam genutzt
werden. Durch frühzeitige umweltbezogene Innovationen, die zentrale Eigenschaften der
Produkte betreffen, kann verhindert wer den, daß der ökologische Strukturwandel das
Unternehmen in die Krise stürzt.
... sowie Problemlösungen statt Produkte
Auf einer vierten Stufe steht schließlich die
gezieltere Ausrichtung der Produkte an den Bedürfnissen der Kunden - die so genannte Funktionsorientierung
- im Mittelpunkt. Hier geht es darum, das Unter nehmen neu zu positionieren - durch
Problemlösungen, die es erlauben, bestimmte Bedürfnisse (Ernährung, Mobilität,
Kommunikation etc.) mit möglichst wenig Güterproduktion zu befriedigen. Bei einer
gezielten Strategie des Verzichts auf Güterproduktion wird beispielsweise die
Stromproduktion durch Energiesparmaßnahmen ersetzt. Es werden neue, intelligente
Nutzungskonzepte entwickelt, z. B. Leasing-Modelle oder Carsharing. Möglicherweise geht
dies zu Lasten des Umsatzwachstums, langfristig kann aber die Rentabilität des
Unternehmens gesichert werden.
Entscheidende Einsichten in die Möglichkeiten
einer Unternehmenspolitik, die an Funktionen statt an einzelnen Gütern ausgerichtet ist,
wurden in der Energiedebatte gewonnen. Das in den USA entwickelte Prinzip des Least-Cost
Planning (LCP) ist ein Beispiel dafür, wie betriebs- sowie gesamtwirtschaftliche
Rationalität und Umweltschutz auf einen Nenner gebracht werden können. LCP ist eine
integrierte Betrachtung der Angebots- und der Nachfrageseite des Energiesektors, d.
h. die
Energieversorgungsunternehmen versuchen, vor einer Ausweitung ihres Angebots (z.B. durch
den Bau eines neuen Kraftwerks) bei ihren Kunden alle Energieeinsparmaßnahmen zu
realisieren, deren Kosten unter denen der sonst notwendigen Erweiterungsinvestition
liegen. Als konkrete Maßnahmen zur Erschließung von Einsparpotentialen kommen z. B. in
Betracht: Informations- und Beratungsprogramme, Anreizsysteme (z. B. Auszahlung von
Prämien beim Kauf effizienter Geräte), Einspar-Contracting (Energiedienstleister
finanziert, projektiert und investiert für den Nutzer).
Mitarbeiterschulung und geeignete
Organisationsstrukturen
Damit betrieblicher Umweltschutz über isolierte
Einzelmaßnahmen hinauskommt, muß er systematisch in die Unternehmensführung integriert
werden. Für jeden einzelnen Mitarbeiter muß klar erkennbar sein, daß Umweltschutz
wesentlicher Teil des unternehmerischen Zielsystems ist und welche Anforderungen sich
daraus für sein Tätigkeitsfeld ergeben. Mitarbeiterschulung und eine geeignete Organisationsstruktur sind Grundbedingungen für einen kontinuierlichen Verbesserungsprozeß.
Dokumentiert wird dies durch ein Öko-Controlling, das Stoff- und Energie ströme
erfaßt und bewertet. Diese Zahlen sind einerseits Grundlage, um Schwach stellen zu
erkennen und damit für die Schwerpunkte weiterer Verbesserungsmaßnahmen; sie sind
andererseits Grundlage für die externe Kommunikation mit Stakeholdern. Einen
wesentlichen Anreiz für die Durchführung eines Umwelt-Controlling stellen die
EG-Öko-Audit-Verordnung von 1993 (EG-VO 1836/93, Neufassung 1997) und die
internationale Norm ISO 14.001 dar, die es den Unternehmen ermöglichen, den hohen
Standard ihrer Umweltschutzorganisation auch nach außen zu dokumentieren.
Maßstäbe für nachhaltige
Unternehmensentwicklung
Parallel zum praxisgeprägten Suchprozeß nach
umweltverträglicheren Produktionsverfahren und Produkten hat sich eine eher
theoretisch-konzeptionell ausgerichtete Diskussion entwickelt, die das Unter nehmen als
Akteur in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um nachhaltige Entwicklung begreift,
dessen Handlungsmöglichkeiten, Chancen und Risiken analysiert. Um die Frage zu
beantworten, ob ein Unternehmen "nachhaltig" wirtschaftet, sind zunächst
geeignete Meßkonzepte und Indikatoren erforderlich.
Gesellschaftliche Nachhaltigkeitsziele können nur einen groben
Maß Stab abgeben
Ein Ansatz könnt sein, gesellschaftliche
Nachhaltigkeits- bzw. Reduktionsziele ohne weitere Differenzierung auf einzel ne
Unternehmen zu übertragen, z. B.:
Eine Reduktion der CO2-Emissionen um 25 %
innerhalb von 15 Jahren würde demnach verlangen, daß jedes einzelne Unternehmen seine
emittierte Menge in diesem Ausmaß reduziert.
Eine Reduzierung des Flächenverbrauchs auf
Null (vgl. BUND/Misereor 1996) bzw. auf 10 % der heutigen Versiegelungsrate bis
2010 (vgl. Enquete Kommission 1997) hieße, daß jedes Unternehmen sich darauf
einstellen muß, mit der gegebenen Gewerbefläche aus zukommen.
Dieser schematische Ansatz hat offen sichtlich nur
sehr begrenzte Aussagekraft, weil er Strukturänderungen nicht berücksichtigt.
Gesellschaftliche Nachhaltigkeitsziele können nur eine grobe Orientierung für die
Beurteilung der Nachhaltigkeit von Unternehmen sein; sie zur Norm zu erheben, wäre
ökonomisch und ökologisch kontraproduktiv.
Die Ressourcenproduktivität erhöhen
Ein weit verbreiteter Maßstab für Nachhaltigkeit
ist die (Erhöhung der) Ressourcenproduktivität, d.h. des Outputs pro eingesetzter
Ressourceneinheit (z.B. Nutz wärme pro Tonne C02-Emmission, Fahr strecke pro Liter
Benzin). Es wird also nicht auf den absoluten Ressourcenverbrauch abgestellt, sondern auf
die Effizienz der Ressourcennutzung. Da sich Erhöhungen der
Ressourcenproduktivität auch im Zuge der routinemäßigen Modernisierung der
Produktionsanlagen einstellen, ist die Erhöhung der Ressourcenproduktivität als
Maßstab nachhaltiger Unternehmenspolitik nur bedingt tauglich. Eine gestiegene
Ressourcenproduktivität kann nicht zu verlässig Aufschluß über den Grad der
Ausschöpfung unternehmerischer Handlungsspielräume für nachhaltige Entwicklung geben.
Gute ökologische Managementpraktiken als
Maßstab?
Statt auf die letztlich nicht normierbaren
Ergebnisse der betrieblichen Leistungserstellung abzustellen, kann nachhaltige Unternehmensentwicklung auch durch Struktur- und Verhaltenskriterien charakterisiert werden. Grundlage dieses Ansatzes sind allgemeine Erkenntnisse über Organisationsstrukturen und Verhaltensweisen, die zu guten ökologischen Ergebnissen führen.
Soweit diese im Unternehmen realisiert werden, gilt dann die Vermutung, daß die sich
einstellenden Ergebnisse (Faktoreinsatz, Output) die ökologischen Möglichkeiten des
Unternehmens ausschöpfen. Zu prüfen ist daher, inwieweit ein Unter nehmen solchen Regeln
und Handlungsmaximen folgt. Voraussetzung für die Brauchbarkeit dieses Ansatzes ist,
daß sich allgemein gültige Regeln identifizieren lassen. Aus der kaum noch überschaubaren Vielzahl solcher Empfehlungen und Regeln seien hier nur einige genannt:
Einsatz der best available technology zur
Reduzierung der Stoff-/Energieströme und Risiken.
Verringerung des Einsatzes von nicht erneuerbaren
Ressourcen und über nutzten erneuerbaren Ressourcen (qualitative Veränderung der
Stoff-/Energie ströme durch Substitution).
Funktionsorientierung (Problemlösungen
für grundlegende Bedürfnisfelder) statt Fixierung auf ein bestimmtes materielles Produkt
(Vermeidung von Stoff und Energieströmen).
Ausrichtung der Kommunikationspolitik auf Dialog
(auch) mit ökologischen Anspruchsgruppen (Stakeholdern) statt
Einweg-Kommunikation (Werbung).
Schulung und Einbeziehung der Mitarbeiter in
nachhaltige Unternehmensentwicklung, weil dies zugleich Motivations- und
Innovationspotentiale frei setzt.
Einrichtung eines Umweltmanagementsystems und
regelmäßige Überprüfung, ob dieses geeignet ist, die Umweltziele des Unternehmens zu
erreichen (kontinuierlicher Verbesserungsprozeß).
Die Probleme einer Beurteilung nachhaltiger
Unternehmensentwicklung mit Hilfe solcher Struktur- und Verhaltensmerk male liegen vor
allem darin, daß eine Zuspitzung auf wenige, wirklich wesentliche Merkmale bislang nicht
gelungen ist und daß es sich um nur schwer quantifizierbare Merkmale handelt, die nicht
genügend trennscharf zwischen nachhaltiger und nicht bzw. weniger nachhaltiger
Unternehmensentwicklung unterscheiden.
Umfassende Kennzahlensysteme oder was "nachhaltig" ist,
erweist sich im ökologischen Wettbewerb
Weil jeder einzelne Indikator spezifische Schwächen
aufweist, wird versucht, durch mehrdimensionale Kennzahlensysteme ein ausgewogenes Bild zu
gewinnen und zu dokumentieren, inwieweit Nachhaltig keit die Unternehmensaktivität
insgesamt prägt. Dazu werden Indikatoren aus drei Bereichen herangezogen:
- Produktionsprozeß (Input-Output-Analyse)
- Managementsystem (Implementierung eines
kontinuierlichen Verbesserungsprozesses)
- Produkt (Produktverantwortung von der Wiege bis zur
Bahre).
Auch dieser Ansatz ist mit einer Reihe von Problemen
behaftet (z. B. Repräsentativität, Gewichtung, Kosten), die noch weit gehend ungelöst
sind. Die bisherige Diskussion hat gezeigt, daß branchenspezifische Differenzierungen
insbesondere dann notwendig sind, wenn die Kennzahlen als Grundlage für Benchmarking dienen sollen. Die Kennzahlen helfen den Unternehmen dann, eigene Schwachstellen zu erkennen
und regen den ökologischen Wettbewerb an. Was "nachhaltig" ist, erweist sich
im ökologischen Wettbewerb. Nachhaltigkeit ist keine feststehende Zielmarke, sondern
ein moving target.
Fazit: Es gibt keinen einfachen, eindimensionalen
Maßstab für nachhaltige Unternehmensentwicklung. Nachhaltigkeit verlangt von den
Unternehmen primär einen Beitrag zur "Effizienzrevolution"; die
Nachhaltigkeitsdiskussion würde jedoch in unzulässiger Weise verkürzt, wenn nicht
weitere Aspekte mit berücksichtigt werden, insbesondere die Position des Unternehmens im
ökologischen Wettbewerb (ermittelt durch geeignete Kenn zahlen).
Nachhaltigkeit als Impuls
für die Unternehmensentwicklung
Die Beteiligung am gesellschaftlichen Suchprozeß
nach nachhaltigen Entwicklungspfaden kann für ein Unternehmen über kurzfristig
realisierbare und berechenbare Kostenvorteile hinaus strategische Vorteile bringen, vor
allem die Lernfähigkeit verbessern und damit zur langfristigen Existenzsicherung
beitragen. Als Elemente der Lernfähigkeit werden im folgenden Wahrnehmungsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit (an veränderte Umfeldbedingungen), Gestaltungsfähigkeit (Einflußnahme auf Umfeldbedingungen) diskutiert.
Wahrnehmungsfähigkeit: Die Existenz je des
Unternehmens hängt davon ab, ob es über Antennen verfügt, die grundlegende
Veränderungen seines Umfelds frühzeitig erfassen und damit Zeit für Anpassung bzw.
kreative Gestaltung verschaffen. Dazu müssen auch weiche Faktoren (Einstellungen,
Ängste, Leitbilder) beachtet und schwache Signale aufgenommen werden, die (noch) kaum
wahrnehmbar sind. Um kritische Außensichten aufnehmen zu können, müssen
Sensoren und Frühwarnsysteme entwickelt werden, muß z. B. die Kommunikationspolitik von
Einweg-Kommunikation auf Dialog um orientiert werden. Nachhaltigkeit ist ein,
Beispiel für einen grundlegenden gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungsprozeß. Die Nachhaltigkeitsdiskussion kann daher genutzt werden, um die
Wahrnehmungsfähigkeit als Grundvoraussetzung für eine lernende Organisation zu
schärfen.
Wahrnehmungsfähigkeit ist nicht nur nach außen
gerichtet, sondern umfaßt auch die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung.
Erfahrungen mit der Erstellung von betrieblichen Ökobilanzen haben gezeigt, wie
wenig Unter nehmen vielfach mit den Stoff- und Energieströmen vertraut sind, die von
ihnen ausgelöst werden. Ein rein monetär aus gerichtetes Wahrnehmungssystem
(Betriebliches Rechnungswesen) hat diese Dimension in der Vergangenheit nahezu
vollständig ausgeblendet. Anpassungsfähigkeit: Die Auseinandersetzung mit
nachhaltiger Entwicklung kann die Fähigkeit des Unternehmens zu (rascher) Anpassung an
exogene Veränderungen der Umfeldbedingungen erhöhen, d.h. ein Impuls für Innovation
und Organisationsentwicklung sein. Dies läßt sich wie folgt begründen:
Grundlage der Unternehmensentwicklung ist eine Vision
von der Zukunft des Unternehmens. Dazu bedarf es eines Bildes von der Zukunft und von
der Rolle, die das Unternehmen darin wahrnehmen soll. Das gesellschaftliche Leitbild
"Nachhaltigkeit" fordert diese grundlegende Orientierung des Unternehmens
heraus und ist daher ein geeigneter Prüfstein für die Vertretbarkeit und Tauglichkeit
eines bestehen den Unternehmensleitbildes und seines Beitrags zur Befriedigung grundlegender Bedürfnisse.
Organisationsentwicklung setzt Lernfähigkeit
voraus. Erhaltung und Training der Lernfähigkeit ist daher eine zentrale Aufgabe
der Unternehmensführung (lernen zu lernen). Dies ist im Unternehmen nicht als abstrakte
Übung, sondern nur als Verarbeitung relevanter gesellschaftlicher und kultureller
Entwicklungen vorstellbar. Da durch profitiert die Unternehmenskultur von der
gesellschaftlichen Dynamik. Die Adaption neuer gesellschaftlicher Herausforderungen hilft,
interne Widerstände zu überwinden und er schließt aktuelle Quellen der Mitarbeitermotivation (die sich im kulturellen Wandel verändern). Es können neue
Kommunikationsformen und -kanäle erprobt und Lösungsstrategien für neue Konfliktfelder
entwickelt werden.
Ansatzpunkte, um Nachhaltigkeit als unternehmerischen Entwicklungsimpuls zu nutzen, bieten sich in nahezu allen Aktionsfeldern
des Unternehmens. Sie reichen von der (partizipativen) Erarbeitung von Umweltleitlinien
über Veränderung von Organisationsstrukturen bis hin zum Personalmanagement (Schulung,
Anreizsystem).
Gestaltungsfähigkeit: Die Teilnahme am
Nachhaltigkeitsdiskurs stärkt die Fähigkeit des Unternehmens, selbst auf Veränderungen
seines Umfelds Einfluß zu nehmen:
auf das Bild des Unternehmens (und seiner
Produkte) in der Wahrnehmung der Stakeholder: Der Nachhaltigkeitsdiskurs bietet
Gelegenheit, wenig wahrgenommene Aspekte der Unternehmensaktivität hervorzuheben, gezielt Vorurteile abzubauen, Ansprüche durch Aufklärung über (kurzfristige) Sachzwänge
zu korrigieren. Soweit dies gelingt, wird die Glaubwürdigkeit des Unternehmens gestärkt,
Vertrauenskapital aufgebaut und damit in den (im materiellen) Wert des Unternehmens
investiert. Positive Effekte sind längerfristig allerdings nicht ohne konkretes
Handeln (nachhaltige Praxis) möglich; auch ein
Imagetransfer z. B. durch Kooperation mit einem Umweltschutzverband kann lediglich
flankierende Funktion haben,
auf Präferenzen und Lebensstil von Konsumenten:
Die Präferenzen der Konsumenten sind nicht "autonom", sondern durch
unternehmerische Aktivität gestaltbar. Im Nachhaltigkeitsdiskurs kann es gelingen, sie
von der Unvertretbarkeit bestimmter Formen der Bedürfnisbefriedigung zu überzeugen und
dadurch die Marktchancen für die eigenen (Substitut-)Produkte zu verbessern.
durch Koalitionen mit Akteuren, die
gleichgerichtete Interessen verfolgen und Beteiligung am Aufbau von Netz werken mit
anderen (nachhaltigen) Unternehmen derselben Branche (Qualitätsgemeinschaft), mit
Lieferanten und Kunden (Lösung eines ökologischen Problems an der kostengünstigsten
Stelle in der Prozeßkette), mit Stakeholdern (um regionales Wirtschaf ten zu stärken,
Transport- und Verkehrsströme zu reduzieren), mit Unternehmensverbänden (um eine
Veränderung der Rahmenbedingungen herbei zuführen).
auf hoheitlich gesetzte Rahmenbedingungen (Gesetze, Nationaler Umwelt politikplan etc.), die als verbindlicher Fixpunkt
nachhaltiger Unternehmensentwicklung wichtig sind und dem einzelwirtschaftlichen
Verbesserungsprozeß Orientierung geben.
Selbst wenn nachgewiesen werden kann, daß
nachhaltige Entwicklung einem Unternehmen Vorteile bringt, ist nicht sicher gestellt,
daß dazu notwendige Veränderungen sich im Unternehmen durchsetzen. In jedem
Unternehmen treffen eine Vielzahl von Gruppen mit unterschiedlichen Interessen
aufeinander (Kapital eigner, Management, Arbeitnehmer, externe Anspruchsgruppen), die
sich zu entwicklungshemmenden Konstellationen und Koalitionen verbinden können. Solche
(internen) Blockaden können aufgelöst oder zumindest aufgelockert werden, wenn eine
gemeinsame externe Bedrohung sichtbar wird und/oder wenn es gelingt, eine gemeinsame
positive Zukunftsvision zu entwickeln. Nachhaltigkeit enthält Elemente von beidem und
ist insofern eine fruchtbare Idee zur Überwindung von Entwicklungshemmnissen im Unter
nehmen.
Lern- und Innovationsfähigkeit als
Überlebensbedingung
Unternehmen verfügen über Handlungsspielräume, die sie zur
Unterstützung von nachhaltiger Entwicklung nutzen können, ohne daß die Ertragskraft
leidet. Die Unternehmen können zudem das Ausmaß der Handlungsspielräume beeinflussen.
Sie sind für die Schaffung der Verhaltensspielräume, die sie für nachhaltige Entwicklung benötigen, mitverantwortlich. Ein wichtiger Beitrag der Unternehmen zu
nachhaltiger Entwicklung besteht in der Erhöhung der Ressourcenproduktivität.
Erhöhte Ressourcenproduktivität beschreibt den
möglichen und für die Unter nehmen vorteilhaften Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung
jedoch nicht vollständig. Es bestehen weitergehende Handlungsspielräume.
Unternehmensintern: Strategische Neuausrichtung
des Unternehmens, die nicht nur zu Effizienzsteigerungen, sondern auch zu einem absoluten
Rück gang der Stoff- und Energieströme führt. Für den dazu erforderlichen Verbesserungs- und Innovationsprozeß können Handlungsmaxime und Kenn zahlen Orientierung
bieten.
Unternehmensextern: Beteiligung am
gesellschaftlichen Diskurs über Nachhaltigkeit (um die Rahmenbedingungen für
nachhaltiges Wirtschaften zu verbessern) und Auseinandersetzung mit einzelnen Stakeholdern
(z. B. zugunsten von nachhaltigen Konsum mustern).
Je besser es einem Unternehmen gelingt, das
Nachhaltigkeitsthema zur Erhöhung seiner Innovationsfähigkeit zu nutzen und daraus
strategische Vorteile zu ziehen, um so nachhaltiger wird es an Nachhaltigkeit
interessiert bleiben und sich am gesellschaftlichen Diskurs aktiv und offen siv
beteiligen. Aktive Beteiligung der Unternehmen an der Suche nach Wegen zu nachhaltiger
Entwicklung ist dann nicht nur normative Forderung, sondern aus rationalen Erwägungen zu
erwarten. Diese richten sich nicht auf unmittelbare Gewinnsteigerung, sondern dienen der
Existenzsicherung des Unternehmens durch Verbesserung seiner Kernkompetenz: der Lern- und
Innovationsfähigkeit. Nicht erwartet werden darf, daß die Unternehmen insgesamt Motor
der gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsdiskussion sein werden, sehr wohl aber
interessierte und engagierte Mitwirkende - solange das Thema gesellschaftliche Relevanz
hat. Sollte das Thema von der gesellschaftlichen Agenda verschwinden, hält auch die
unternehmerische Praxis nicht stand. Von außen kann Nachhaltigkeit als strategisch
relevantes Thema in den Unternehmen am besten dadurch gestärkt werden, daß das
öffentliche Interesse an diesem Thema über intellektuelle Zirkel hinausdringt und sich
auch durch wirtschaftliche Krisen nicht in den Hintergrund drängen läßt. Nachhaltigkeit
kann zum Kristallisationspunkt von (technischen, sozialen, institutionellen)
Innovationen und damit positi ver Standortfaktor werden.
Anmerkungen
1) Die folgenden Ausführungen basieren im wesentlichen auf Kurz (1998), Kurz/Volkert (1997), Kurz/Spiller (1994).
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Winter, G. (Hrsg. 1997): Ökologische
Unternehmensentwicklung. Management im dynamischen Umfeld, Berlin etc.

Ungenutzte Elektrogeräte können Strom verbrauchen.
Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn der Fernseher für die Fernbedienung in
Bereitschaft gehalten wird oder wenn der Warmwasserspeicher ständig einen
wohltemperierten Vorrat enthält. Auch Anrufbeantworter, Faxgeräte usw., lassen sich nur
mit Strom in Bereitschaft halten und tragen so zum Leerlaufverbrauch bei. Mindestens 20,5
Milliarden Kilowattstunden (kWh) gehen in Deutschland jährlich auf das Konto solcher und
anderer "Stromfresser" (zum Vergleich: In Berlin werden jährlich ca. 14
Milliarden kWh verbraucht, die damit etwa 1,5 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes
verursachen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Ingenieurbüros für Energieberatung,
Haustechnik und ökologische Konzepte (ebök). In der Studie nicht berücksichtigt wurden
unnötig brennende Lampen, Warmwasserbereitung im Büro oder branchenspezifische Geräte
(z. B. Geldschein-Prüfgeräte), so daß der tatsächliche unnütze Stromverbrauch noch
höher liegt.
Globus

Die Norweger stehen beim Wasserverbrauch
einsam an der Spitze: Im Land der Fjorde fließen - je Einwohner gerechnet - Z60 Liter
des kostbaren Rohstoffs tagtäglich durch Hähne, Duschen und
Toilettenspülungen. Ebenfalls großzügig gehen die Italiener mit dem lebenswichtigen
Naß um. Sie verwandeln Tag für Tag Z49 Liter Trinkwasser zumeist in Abwasser. Weniger
als die Hälfte dieser Wassermenge (1z0 Liter) benötigen die Belgier für ihre täglichen
Verrichtungen. Von den in unserer Grafik aufgeführten Nationen gehen sie am sparsamsten
mit dem Wasser um. Ihnen dicht auf den Fersen sind die Deutschen, die mit einem
täglichen Konsum von 1Z8 Litern pro Kopf ebenfalls zu den sparsamen Wasserverbrauchern in
Westeuropa zählen.
Globus

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