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Inhaltsverzeichnis
Politisch-institutionelle Voraussetzungen schaffen
Nachhaltigkeit als Frage der politischen Durchsetzbarkeit
Eine Analyse der Interessenlagen mit Hilfe der Neuen
Politischen Ökonomie
Von Jürgen Volkert
Dr. Jürgen Volkert ist Geschäftsführer des
Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen.
Zwar ist nachhaltige Entwicklung als um welt- und
wirtschaftspolitisches Leitbild weitgehend anerkannt, doch stößt die Umsetzung auf
Schwierigkeiten. Die Realität ist teilweise von Unterlassungen und dem Einsatz wenig
effizienter Mittel gekennzeichnet. Mit Hilfe des Konzepts der Neuen Politischen Ökonomie
lassen sich die Interessen der Akteure analysieren: der Wähler, Politiker,
Interessengruppen und Umweltverwaltungen. So müssen beispielsweise die Kosten für die
Umstellung auf eine Politik der Nachhaltigkeit von der gegenwärtigen Generation bezahlt
werden, während der Nutzen weit gehend erst den künftigen Generationen zugute kommt -
und die sind heute nicht wahlberechtigt. Politiker müssen kurzfristige Erfolge
vorweisen, die ihnen bei der nächsten Wahl zugerechnet werden können. Produzenten
weisen stärkere Droh potentiale auf als Umweltverbände, den Umweltverwaltungen passen
die wenig effektiven und effizienten Auflagen und Subventionen besser ins Behördenkonzept als ökonomische Hebel. Welche Möglichkeiten gibt es, mit diesen Umsetzungsschwierigkeiten fertig zu werden?
Red.
Was fehlt, ist die politische Umsetzung
Nachhaltigkeit ist als wirtschaftspolitisches
Leitbild heutzutage weithin anerkannt. Bereits seit längerem werden eine ganze Reihe
umweltökonomisch sinnvoller Vorschläge präsentiert, mit denen sich dieses Ziel
zuverlässiger als bislang erreichen ließe. Verglichen mit der größeren Zahl
wissenschaftlich oftmals einhellig empfohlener Strategien mangelt es bis heute vor allem
an der politischen Umsetzung dieser Empfehlungen.1
In einer Studie des Instituts für Angewandte
Wirtschaftsforschung, Tübingen (IAW) 2 wird im Auftrag des Bundesministeriums für
Wirtschaft untersucht, weshalb, ungeachtet zahlreicher gleichlautender wirtschaftswissenschaftlicher Vorschläge, die notwendige Politik der Nachhaltigkeit bis heute
nicht selten durch Unterlassungen sowie durch den Einsatz ineffizienter Instrumente
gekennzeichnet ist. Zugleich werden Ansatzpunkte für die politisch-institutionelle
Gewährleistung einer Politik der Nachhaltigkeit im demokratischen Parteienwettbewerb
diskutiert. Grundlage für die Analyse des erwähnten Vollzugsdefizits ist die sogenannte
Neue Politische Ökonomie. Sie geht davon aus, daß politische Akteure, d. h.
insbesondere Wähler, Politiker, Interessenvertreter und Mitarbeiter der Umweltverwaltung,
zu nächst ihre eigenen individuellen Interessen verfolgen. Wähler, Verbandsvertreter
und Verwaltungsmitarbeiter werden für jene politischen Maßnahmen eintreten, die ihren
eigenen Nutzen direkt maximieren. Für Politiker steht dagegen zunächst das Ziel der
Wiederwahl im Vordergrund, das erreicht werden muß, um weitergehende eigene Interessen
verfolgen zu können. Ob und inwieweit die gegebenen politisch-institutionellen
Rahmenbedingungen es erlauben, eine Politik der Nachhaltigkeit in effizienter Weise zu
verfolgen, hängt somit davon ab, welche Anreize Wähler, Politiker sowie Verbands- und
Verwaltungsvertreter im politischen Wettbewerb besitzen, um für eine dauerhaft
umweltverträgliche Entwicklung einzutreten.
Der Wähler zwischen Umweltqualität und
Beschäftigung
Vor diesem Hintergrund gilt es zu untersuchen,
welche Anreize Wähler, die ihren eigenen Nutzen maximieren wollen, besitzen, um in
demokratischen Wahlen zugunsten einer Politik der Nachhaltigkeit zu stimmen. Zum einen
ist es denkbar, daß die Bürger versuchen, durch ihre Wahlbeteiligung das Wahlergebnis
in ihrem eigenen Sinne zu verändern. Nutzen für die Wähler kann sich - unabhängig vom
Aus gang der Wahl - jedoch auch aus der Wahlbeteiligung selbst ergeben. Die Ökonomische
Theorie des Wählens spricht im ersten Fall von einem sogenannten Investitionsmotiv, im zweiten vom Konsummotiv des Wählens.
Handelt ein Bürger im Einklang mit dem Investitionsmotiv
und versucht also, das Wahlergebnis in seinem Sinne zu verändern, so sind für ihn
folgende Faktoren ausschlaggebend:
der unterschiedliche Nutzen, der sich für
ihn jeweils aus einem Wahlsieg der unterschiedlichen Parteien ergäbe;
die Stichhaltigkeit der Wählereinschätzung, d. h. die Verläßlichkeit, mit der die Auswirkungen der denkbaren Wahlergebnisse
geschätzt werden;
- der Einfluß des Wählers auf den Wahlausgang sowie
die Zeit- und Geldkosten der Wahlbeteiligung.
Der Nutzen einer nachhaltigen Politik ist in den
Augen der bundesdeutschen Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten tendenziell
angestiegen, da Umweltprobleme als immer bedeutender eingeschätzt werden. Hieraus kann
jedoch nicht zwangsläufig geschlossen werden, daß vorrangig jene Parteien gewählt
werden, die sich in besonderem Maße für eine dauerhafte umweltgerechte Entwicklung
einsetzen. Schließlich ist die langfristige Erhaltung und Verbesserung der Umweltqualität ein öffentliches Gut, von dem der einzelne Wähler profitiert, unabhängig
davon, ob er für dessen Realisierung gestimmt hat oder die hierzu erforderlichen Kosten
selbst trägt. Oftmals besitzt dem gegenüber die Sicherung der eigenen Beschäftigung
Vorrang vor einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung, die der Allgemeinheit zugute
kommt. So werden in Regionen mit relativ hoher Arbeitslosigkeit deutlich weniger Stimmen
für stark ökologisch ausgerichtete Parteien abgegeben. Zugleich wurde empirisch festgestellt, daß die Wahlchancen umweltorientierter Parteien um so geringer sind, je bedeutender in der betreffenden Region die Chemie bzw. Metallindustrie ist, die durch eine
verstärkte Umweltorientierung geschwächt werden könnte.
3 Auf dieses
Spannungsverhältnis zwischen Beschäftigungssicherung und dauerhaft umweltgerechter
Entwicklung wird auch von politischen Entscheidungsträgern hingewiesen. So hebt
Bundesumweltministerin Angela Merkel 4 hervor: "Bei mehr als vier
Millionen Arbeitslosen kann niemand er warten, daß nicht auch eine harte Diskussion um
den Einfluß der Umweltpolitik auf den Standort Deutschland geführt wird."
Die Schwierigkeiten, das umwelt-politische
Verhalten der Parteien abzuschätzen
Für umweltbewußte Wähler kommt hin zu, daß die
Komplexität und schwer ab schätzbare Tragweite einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik zu
Schwierigkeiten bei der exakten Einschätzung der unter schiedlichen Parteiprogramme (d.
h. des Parteiendifferentials) führt und damit auch die Stichhaltigkeit der Wählereinschätzung beeinträchtigt. Beides spricht dagegen, daß sich Wähler bei ihrer Entscheidung zur Wahlteilnahme in starkem Maße an den (Unterschieden der) Wahlaussagen
über Nachhaltigkeitsfragen orientieren. Denkbar ist dies vor allem dann, wenn die
Wähler die notwendigen komplexen Informationen nicht nur besitzen, sondern auch
auszuwerten wissen. Voraussetzung hierfür ist in der Regel ein relativ hohes
Informations- und Bildungsniveau. In der Tat gehen in Deutschland von einem hohen
Bildungsniveau der Wählerschaft eindeutig positive Einflüsse auf das Wahlergebnis
umweltorientierter Parteien aus.5
Es ist allerdings fraglich, ob sich die Wähler
erforderliche Informationen allein aufgrund des Investitionsmotivs beschaffen.
Schließlich ist ein solches Engagement nur sehr selten wirklich lohnend, da die
Wahrscheinlichkeit, den Wahlausgang durch die eigene Stimme zu beeinflussen, zumeist sehr
niedrig ausfällt. Zum Teil ist beispielsweise das Risiko, bereits auf dem Weg ins
Wahllokal von einem Auto über fahren zu werden, größer als die Chance, den Wahlausgang
mit der eigenen Stimme entscheidend zu verändern. 6
Das Investitionsmotiv, das auf eine Beeinflussung des
Wahlergebnisses abzielt, genügt daher oftmals nicht, um die An reize der Wählerschaft
zur Wahlbeteiligung ökonomisch zu analysieren. Bedeutsam ist darüber hinaus das so
genannte "Konsummotiv des Wählens", bei dem nicht der Wahlausgang, sondern
bereits die Wahlbeteiligung selbst Nutzen stiftet. Gründe hierfür können etwa die
Freude an der Teilnahme am politischen Prozeß oder das Bedürfnis, der Unterstützung
bestimmter Politiker Aus druck zu verleihen, sein. Wichtig für eine solche Motivation ist
auch hier in der Regel ein ausreichender Informationsstand und Bildungsgrad der Bürger.
Aufgrund des geringen Einflusses auf die Wahlentscheidung, der beim Konsummotiv ohnehin
nicht im Vordergrund steht, ist jedoch damit zu rechnen, daß die Wähler möglicherweise
wenig informiert sind und ihre Wahlentscheidung mit vergleichsweise geringer Sorgfalt
vorbereiten.
Die Informationskosten der Wähler senken helfen
Werden die Informationen für die Wähler über
Fragen der Nachhaltigkeit jedoch in größerem Umfang bereitgestellt, können
demokratische Wahlen zu einer wichtigen Grundlage für eine dauerhaft umweltgerechte
Politik werden. Der relativ geringe Einfluß des einzelnen Bürgers auf das Wahlergebnis
ebenso wie die Unabhängigkeit des Konsumnutzenmotivs vom Wahlausgang gestatten es den
Stimmberechtigten, die eigene umweltpolitische Position "gefahrlos" zum
Ausdruck zu bringen. So kann ein Wähler, gemäß seiner Vorstellungen, beispielsweise
für sehr weitgehende umweltpolitische Reformen stimmen, ohne deshalb unmittelbar höhere
individuelle Belastungen in Kauf nehmen zu müssen. Die Stimmberechtigten besitzen
insofern keinen Anreiz, ihre eigene umweltpolitische Position aus strategischen Gründen
zu verschleiern und zu versuchen, von den Ergebnissen einer nachhaltigen Politik als
Trittbrettfahrer zu profitieren.
Voraussetzung hierfür ist allerdings, daß den
Wählern ausreichende Informationen zur Verfügung gestellt werden. Schließlich erhöht
die Verbreitung umweltpolitischer Sachinformationen nachweislich die Sensibilität der
Bevölkerung für Nachhaltigkeitsaspekte. Dies zeigen beispielsweise die Aktivitäten
des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums und die zeit weise breit geführten
Diskussionen um die Einführung des Katalysatorautos sowie um die Gefährdung der Wälder
durch sauren Regen. Eine höhere Wählersensibilität für Umweltprobleme besitzt einen
signifikant positiven Einfluß auf die Bereitschaft von Politikern, umweltpolitische
Maßnahmen zu verabschieden. Für die Bundesrepublik wurde festgestellt, daß sich eine
höhere umweltpolitische Sensibilität mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa drei
Jahren auf die Gesetzgebungstätigkeit auswirkt. 7
Insgesamt ist mit einem aktiven Eintreten von
Wählern für eine dauerhaft umweltgerechte Politik somit nur dann zu rechnen, wenn
diesen ausreichende Informationen zur Verfügung gestellt werden. Je höher das Bitdungs-
und Qualifikationsniveau der Betreffenden sind, um so besser können sie die
vorliegenden Informationen interpretieren und um so mehr werden sie auch in Wahlen für
eine Politik der Nachhaltigkeit votieren.
Politiker denken an ihre Wahlchancen
Politischen Entscheidungsträgern fällt es um so
leichter, ihre Entscheidungen an Kriterien einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung
auszurichten, je zuverlässiger sich hierdurch ihre eigene (Wieder-) Wahl sichern läßt.
Schließlich stellt für sie aus der Perspektive der Neuen Politischen Ökonomie das
eigene Mandat die wichtigste Grundlage für die Verfolgung weitergehender eigener
Interessen dar. In dieser Hinsicht besitzen vor allem jene Maßnahmen gute
Realisierungschancen im politischen Wettbewerb, die:
kurzfristigen Nutzen vor der Wahl er
bringen, den die Wähler zum Zeitpunkt der Stimmabgabe noch deutlich vor Augen haben,
den Wählern spürbare Vorteile verschaffen, die eindeutig als Erfolg von Politikern angesehen werden,
Belastungen von nur geringer Merklichkeit verursachen
und erst später im "günstigsten Fall" künftigen Generationen, die heute noch
nicht wahlberechtigt sind - Lasten auferlegen.
Hauptbegünstigte einer Politik der Nachhaltigkeit
sind künftige Generationen, während den heutigen Wählern nicht selten zusätzliche
Lasten auferlegt werden müssen. Entsprechende umweltpolitisch langfristig ausgerichtete
Maßnahmen sind mit Blick auf die skizzierten Kriterien zur Sicherung der Wiederwahl daher
vergleichsweise wenig geeignet und lassen sich im politischen Wettbewerb um
Wählerstimmen nur schwer durchsetzen. Dies wird von verantwortlichen Politikern ähnlich
gesehen. So hat Bundesumweltministerin Angela Merkel
8 beklagt, Politiker
allein seien mit umweltpolitischen Aufgaben, bei denen in langen Zeiträumen gedacht
werden müsse, überfordert, da sie durch ihre Ausrichtung an der Wiederwahl zu
kurzfristigem Handeln gezwungen würden.
Umgekehrt folgt hieraus, daß, besonders in Zeiten
öffentlicher Mittelknappheit, Mittelkürzungen in jenen Bereichen durchgeführt werden,
in denen diese zu nur geringen Stimmenverlusten führen. Selbst wenn, ungeachtet der
genannten Schwierigkeiten, erste Schritte in Richtung einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung gegangen wurden, kann somit
nicht ausgeschlossen werden, daß Budgetkürzungen
vorrangig auch bei Maß nahmen zur Sicherung von Nachhaltigkeit vorgenommen werden.
Welche umweltpolitischen Maßnahmen sind leichter, welche schwerer
durchzusetzen?
Langfristig sind im politischen Wettbewerb vor
allem jene umweltpolitischen Maßnahmen durchsetzbar, deren Wirkungen von den Wählern
unmittelbar wahrgenommen und den politischen Entscheidungsträgern zugerechnet werden.
Hierzu gehören einerseits die staatliche Beseitigung von Umweltschäden und ordnungsrechtliche
Vorgaben. Andererseits erfüllen auch Umweltsubventionen diese Kriterien,
wenngleich deren langfristige Finanzierung Einbußen an Wählerstimmen verursacht.
Deutlich weniger attraktiv sind in dieser Hinsicht Umwelt abgaben und Umweltzertifikate.
Während nämlich der Nutzen von Umwelt abgaben oftmals nur längerfristig wirksam und der verantwortlichen Regierung damit nur teilweise zugerechnet wird, sind die
unmittelbar entstehenden Kosten deutlich spürbar und werden der Regierung direkt
angerechnet. Auch die ökologischen Vorteile einer Zertifikatslösung, die quasi
automatisch wirkt, wer den den verantwortlichen Politikern in der Regel nicht
zugeschrieben.9 Die politisch-institutionellen Anreize sind damit eine wesentliche
Ursache der in der Nachhaltigkeitsdiskussion oftmals beklagten Unterlassungen ebenso wie
für die aus umweltökonomischer Sicht teilweise ineffizient starke Ausrichtung am
Ordnungsrecht. Bereits heute existieren allein in Deutschland etwa 800 umweltrelevante
Gesetze und 2000 Verordnungen, die zu überblicken, vor allem Klein- und Mittel betrieben
zunehmend Schwierigkeiten bereitet. 10
Insgesamt sind die Voraussetzungen für eine
dauerhaft umweltgerechte Entwicklung im politischen Wettbewerb somit nur schwer
durchzusetzen und aufrechtzuerhalten. Selbst wenn dies gelingen sollte, so besteht
derzeit eine Anreizstruktur, die den Einsatz teilweise ineffizienter um weltökonomischer
Instrumente nahelegt. Ähnlich Tendenzen ergeben sich auch aus dem Einfluß von
Interessengruppen.
Potentielle Adressaten und Umweltverbände als
Lobbyisten
Mit einer Politik der Nachhaltigkeit sind sehr
komplexe Probleme zu lösen, die oftmals detaillierte Sachinformationen erfordern. Der
Gesetzgeber ist daher in vielen Fällen auf die Mitwirkung von Verbänden angewiesen,
die ihm Sachinformationen zur Verfügung stellen können. Ob sich hierbei Umweltgruppen
oder potentielle Adressaten der Umweltschutzmaßnahmen vorrangig Gehör verschaffen,
hängt von deren Organisations- und Durchsetzungsfähigkeit ab.
Grundsätzlich stellt jede reine Interessenvertretung ein Kollektivgut dar, von dem auch Trittbrettfahrer profitieren. Besonders bei
einer sehr großen Zahl von potentiell Begünstigten, bei der das Trittbrettfahrerproblem
stark ausgeprägt ist, kann eine Gruppenbildung somit selbst bei äußerst bedeutsamen
Fragen mißlingen11 Ungeachtet dessen sind jedoch auch sehr große Gruppen politisch
mobilisier bar. So gelingt eine Organisation weit verbreiteter Interessen um so leichter12:
Je größer der Nutzen der Interessenvertretung für die Gruppenmitglieder ist; er ist vor allem abhängig von der eigenen
Durchsetzungsfähigkeit im politischen Wettbewerb.
Je produktiver die Interessenvertretung
betrieben werden kann.
Je leichter und wirksamer Vergünstigungen gewährt
werden können, die ausschließlich Gruppenmitgliedern zu gute kommen. Man spricht hier
von so genannten "selektiven Anreizen".
Je stärker und gleichmäßiger alle Mitglieder
der Gruppe von der Interessenvertretung und den selektiven Anreizen profitieren und je
weniger Nichtmitglieder als Trittbrettfahrer an den Ergebnissen der Lobbyarbeit
teilhaben.
Ein hoher Nutzen der Interessenvertretung verlangt,
daß eigene Anliegen politisch möglichst weitgehend durchgesetzt werden können.
Wesentliche Grundlage hierfür ist die Verfügbarkeit einer breiten Informationsbasis, mit
der nicht nur Politiker, sondern auch eigene Verbandsmitglieder bis hin zur gesamten
Wählerschaft beeinflußt werden. Über Informationen verfügen prinzipiell sowohl
Umweltgruppen als auch die Adressaten der Umweltpolitik bzw. Produzenten. Allerdings
sind letztere, etwa über mögliche Vermeidungstechnologien, oftmals besser informiert.
Entsprechende Hinweise können von ihnen als Gegenleistung für die Einschränkung
umweltpolitischer Maßnahmen an Politiker weitergegeben werden.
Die Drohpotentiale sind unterschiedlich verteilt
Über die Verfügbarkeit politischer relevanter Informationen
hinaus erleichtert Marktmacht im Sinne eines Drohpotentials die Durchsetzungsfähigkeit
von Interessengruppen. In dieser Hinsicht besitzt eine Umweltinitiative weniger Möglichkeiten als Lobbies von Produzenten und Adressaten umweltpolitischer Maßnahmen; diese
besitzen oftmals nicht nur auf dem Güter-, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt erhebliche
Marktmacht. Ferner stehen ihnen meist mehr finanzielle Mittel zur Artikulation und
Durchsetzung eigener Belange zur Verfügung. Erleichtert wird die Organisation und Artikulation eigener Anliegen außerdem durch eine hohe Produktivität bei der Interessenvertretung selbst sowie bei der Erzeugung selektiver Anreize. Ingenieure und
andere Spezialisten auf Seiten der Produzentenverbände besitzen oftmals einen
Know-how-Vorsprung, der die Produktivität der Interessenvertretung deutlich steigert.
Insofern besteht ein Vorteil gegenüber Umweltgruppen. Allerdings können auch diese ihre
Mitglieder durch selektive Anreize, die allein den Gruppen mitgliedern Vorteile
verschaffen, stärker an sich binden. Hierzu zählen beispielsweise regelmäßige
Informationen umweltpolitisch engagierter Mitglieder, etwa über das gemeinsam angestrebte Nachhaltigkeitsziel. Nutzen und Wirkung solcher Anreize auf die Mitglieder werden um so
höher sein, je sachgerechter die Mitglieder solche Informationen auswerten und
interpretieren können. Der Bildungs- und Informationsstand der Beteiligten ist daher
auch in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung.
Über den reinen Informationswert hinaus kann
umweltpolitische Lobbyarbeit für Produzenteninteressen hingegen eine Investition mit
kalkulierbaren monetären Erträgen darstellen. Dies gilt insbesondere, wenn der Verband
seinen Mitgliedern exklusive Informationen über umweltpolitische
Subventionsmöglichkeiten, Vermeidungstechniken oder Widerspruchsmöglichkeiten
gegenüber der Umweltverwaltung erteilt.
Ein Handicap für die Organisations- und
Durchsetzungsfähigkeit von Umweltgruppen ergibt sich daraus, daß die Auswirkungen
einer erfolgreichen Interessenvertretung nicht auf die hieran Beteiligten beschränkt
bleiben, sondern der gesamten Bevölkerung bis hin zu künftigen Generationen Vorteile
verschaffen. Es bestehen hier starke Anreize zu Trittbrettfahrerverhalten. Diese sind
bei Produzenten und Verursacherinteressen in der Regel weniger ausgeprägt, da die
geringere An zahl der potentiellen Begünstigten eine Kontrolle von
Trittbrettfahrerverhalten erleichtert.
Doch stehen die Interessen von Produzenten nicht zwangsläufig dem
Nachhaltigkeitsziel entgegen
Allein schon mit ihrer besseren Organisationsfähigkeit läßt es sich erklären, daß Vertreter der Adressaten einer nachhaltigen Politik häufig persönlich an umweltpolitischen Gesetzgebungsprozessen beteiligt
sind. Auf diese Weise gelingt es ihnen, Reichweite und Ausgestaltung dauerhaft
umweltverträglichen Wirtschaftens auch zwischen den Wahlterminen zu beeinflussen. Vor
allem in der Initiativphase der Gesetzgebung werden Verbandsvertreter über
institutionalisierte Anhörungs- und Beteiligungsverfahren einbezogen. Die Herausbildung
von Arrangements zwischen Politik und privater Wirtschaft spiegelt sich inzwischen in
mehr als 50 Branchenabkommen, freiwilligen Selbstverpflichtungen und mehreren Hundert
Gremien zur Definition des Stan des der Technik wider. Mehr und mehr werden
umweltpolitische Aufgaben - auf nationaler und internationaler Ebene auch vollständig auf
private Normungsorganisationen übertragen. Deutlich wird dies an der zunehmenden
umweltpolitischen Bedeutung von privaten Normungsorganisationen, wie z. B. dem Deutschen
Institut für Normung (DIN), dem europäischen Comite Europeen de Normalisation (CEN)
sowie der International Organization for Standardization (ISO).13
Insgesamt sind die Anliegen von Produzenten und
Adressaten umweltpolitischer Maßnahmen somit leichter organisier und durchsetzbar als die
Belange, die von Umweltgruppen vertreten werden. Dies bedeutet allerdings nicht, daß eine
dauerhaft umweltverträgliche Entwicklung im politischen Verbandswettbewerb in je dem
Fall vernachlässigt würde. Vielmehr ist bei einigen Unternehmen gerade in den letzten
Jahren das Umweltbewußt sein deutlich gestiegen. Hinzu kommt, daß die Interessen von
Produzenten nicht zwangsläufig den Erfordernissen nachhaltigen Wirtschaftens
entgegenstehen müssen. Zumindest in der Umweltschutzindustrie ist dies mit
Sicherheit nicht der Fall. Statt dessen läßt sich empirisch zeigen, daß die
umweltpolitische Gesetzgebung insgesamt um so bessere Durchsetzungschancen besitzt, je
höher der Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung ist, der von
Umweltschutzindustrien erzeugt wird und je mehr Arbeitskräfte in solchen Bereichen
beschäftigt werden.14
Auflagen oder Abgaben?
In nicht wenigen Branchen entstehen durch die
notwendigen Umstrukturierungen im Rahmen einer dauerhaft umweltverträglichen Politik
allerdings bis heute zunächst höhere Kosten. Angesichts einer insgesamt verschärften
Konkurrenzsituation wird die Mehrzahl der Produzenten verbände daher Schritte in
Richtung nachhaltigen Wirtschaftens tendenziell zu verhindern oder mindestens zu
begrenzen versuchen. So stellte die Bundesumweltministerin vor einiger Zeit fest, die
Zusammenarbeit mit den Verbänden sei "nicht gerade leichter geworden".15
Kann eine Politik der Nachhaltigkeit gemeinsam mit oder auch gegen
den Einfluß bestimmter Interessengruppen realisiert werden, so stellt sich die Frage,
für welche umweltpolitischen Instrumente Produzenten und Verursachergruppen tendenziell
eintreten. Gesetzliche Auflagen werden in der Regel gegenüber anderen Instrumenten
bevorzugt. In Umfragen votierten beispielsweise zwei Drittel der einbezogenen Unternehmen
für Auflagen, während sich nur ein Drittel für Umweltabgaben als Alternative
aussprachen. Verständlich ist dies zum einen schon deshalb, weil bei Auflagen nur jene
Umweltverschmutzung vermieden werden muß, die die festgelegten Grenzen übersteigt. Zum
anderen entstehen vor allem bei speziellen technischen Auflagen Verhandlungsspielräume,
die von den in der Regel gut informierten Unternehmen zu ihren eigenen Gunsten genutzt
werden können. Dies kommt auch in Äußerungen der Mehrzahl der befragten Unternehmen
zum Ausdruck, die erklärten, Auflagen seien eher erfüllbar und verursachten weniger
Ärger als entsprechende Umweltabgaben.16 Umweltsteuern bedeuten für die Unter nehmen
dagegen nicht nur einen geringeren Verhandlungsspielraum; vielmehr müssen Kosten für
die Gesamtemission in Kauf genommen werden. Ähnliches gilt für Zertifikatslösungen.
Hier entstehen einerseits Kosten der Vermeidung von Umweltbelastungen über die
festgelegte Grenze hinaus, andererseits jedoch meist auch für den Erwerb von
entsprechenden Rechten. Insgesamt richtet sich der Einfluß von Verbänden im Rahmen einer
Politik der Nachhaltigkeit somit oftmals entweder gegen eine solche Politik oder zumindest auf eine Realisierung umweltpolitischer Ziele mit teilweise ineffizienten Instrumenten.
Die Bedeutung der Umweltverwaltungen
In den letzten Jahren ist die Bedeutung der
Umweltverwaltung, d. h. sowohl der Ministerialbürokratie als auch nachgeordneter
Umweltverwaltungsebenen, merklich angestiegen. Bemerkenswert ist ins besondere die
zunehmende Bedeutung von Gewerbeaufsichtsämtern und kommunalen Umweltämtern, die für
Genehmigungen, Kontrollen, Dimensionierung und Sanktionierung bei der Realisierung
umweltpolitischer Entscheidungen verantwortlich sind.17 Aus der institutionellen
Anreizstruktur bürokratischer Instanzen lassen sich, folgt man den Überlegungen der
Neuen Politischen Ökonomie, zwei wesentliche Ziele von Verwaltungsmitarbeitern ableiten:
Die Maximierung des Budgets bzw. des Outputs.
Die Maximierung des diskretionären Budgets, d. h.
der bewilligten finanziellen Mittel, über die von der Verwaltung faktisch eigenständig
entschieden wer den kann.
Einer energischen, erfolgreichen Ausrichtung am
Ziel der Budget- und Outputmaximierung steht das vergleichsweise geringe politische
Gewicht entgegen, das dem Ziel der Nachhaltigkeit im politischen Wettbewerb zukommt. In
der Konkurrenz über eine verbesserte Budgetierung wer den sich Umweltverwaltungen auf kommunaler Ebene nur dann durchsetzen, wenn die von ihnen geplante Mittelverwendung den
politischen Nachfragern von Verwaltungsleistungen höhere Wählerstimmenanteile
verspricht und nur geringe Stimmenverluste zu erwarten sind. Hiermit stehen empirische
Ergebnisse im Einklang, nach denen die Umweltverwaltung vorwiegend in solchen Städten unterstützt wird, in denen nur wenige Industrieunternehmen angesiedelt sind, die durch
eine Politik der Nachhaltigkeit hohe Kosten in Kauf nehmen müßten.18
In Befragungen wurde außerdem ermittelt, daß die
Ziele der Budget- und Outputmaximierung sowie die Maximierung des diskretionären Budgets
für die Mitarbeiter in Umweltverwaltungen von erheblicher Bedeutung sind. So forderten
76% aller in einer Umweltbehörde befragten Mitarbeiter einen größeren Etatumfang,
verbunden mit erweiterten Zuständigkeiten. 49% der Befragten plädierten dafür, daß
politische Instanzen möglichst wenig regeln sollten, um den Behörden einen ausreichenden
eigenen Entscheidungsspielraum zu gewährleisten. Lediglich 36% vertraten die Auffassung,
die Verwaltung solle von den politischen Entscheidungsträgern klare Vorgaben erhalten.19
Schon weil die Umweltverwaltung allein über keine
ausreichende Informationen verfügt, werden vor allem in der Vorverhandlungsphase
behördlicher Genehmigungen auch die Adressaten umweltpolitischer Maßnahmen beteiligt.
In manchen Wirtschaftszweigen kommt es hier regelmäßig zu kontroversen Standpunkten. So
führt die potentiell hohe Kostenbelastung durch geplante Umweltschutzmaßnahmen in der
Eisen- und Stahlindustrie bei fast 50% aller befragten Unternehmen zu
Meinungsverschiedenheiten mit den Umweltbehörden. Zugleich muß die Umweltverwaltung
gerade in diesem Sektor die meisten "Kompromisse pro Betrieb" schließen.
20
Die Verhandlungsposition von Umweltverwaltungen in
der Auseinandersetzung mit den Adressaten umweltpolitischer Maßnahmen ist in vielen
Fällen relativ schwach. Hierfür ist nicht nur der im Vergleich zur Gegenseite relativ
geringe Informationsstand, sondern auch die zum Teil noch immer vergleichsweise bescheidene Personalausstattung von Umweltbehörden verantwortlich. Aus einer solchen schwachen
Position folgt eine nur geringe Bereitschaft oder Fähigkeit der Behörden zu einseitigen
Sanktionen. Als Gründe hierfür werden Beweisschwierigkeiten, hoher Verwaltungsaufwand
im Vergleich zum tatsächlichen Erfolg, die "Gefahr" der Beeinträchtigung von
Beziehungen zu den Adressaten bis hin zur mangelnden Ausgestaltung der Strafjustiz
genannt. In der Folge werden Umweltdelikte teilweise nur in geringem Umfang sanktioniert.
So wurden noch bis vor wenigen Jahren nur gegen ca. 5% der Betreiber
genehmigungspflichtiger Anlagen Sanktionsmaßnahmen durchgeführt. In Kiel entfielen
beispielsweise auf 714 im Umweltschutzbereich verfolgte Ordnungswidrigkeiten DM 59 600 an
Bußgeldern, d. h. insgesamt lediglich DM 80 pro Fall. 21
Auch die Umweltverwaltungen schätzen Auflagen mehr als Steuern und
Abgaben
Ähnlich wie politische Entscheidungsträger und
Vertreter von Interessengruppen tendiert auch die Umweltverwaltung teil weise zum Einsatz
umweltpolitisch ineffizienter Instrumente. Auflagen werden schon deshalb häufig
bevorzugt, weil diese mit relativ großem Personal- und Sachaufwand erteilt und
kontrolliert wer den müssen. Auf diese Weise ergeben sich Spielräume für eine
Ausdehnung des offiziellen oder aber des diskretionären Budgets. Vor dem Hintergrund
der beschriebenen Zielsetzungen sind auch Umweltsubventionen für Verwaltungsmitarbeiter
durchaus attraktiv. Schließlich erlauben sie die Erhöhung des offiziellen Budgets und
ergänzend oder alternativ die Vergrößerung eigener Entscheidungsspiel räume.
Sehr viel weniger interessant als Umwelt auflagen und -Subventionen
erscheinen für die Umweltbehörden ökologische Steuern und Abgaben. Schließlich kann
von ihnen eine Ausweitung offizieller oder diskretionärer Budgets sehr viel weniger
erwartet werden. Hinzu kämen Transaktionskosten durch die Umstellung von den im
Verwaltungsbereich gängigen Auflagen auf ein Abgabensystem. Transaktionskosten
entstünden auch bei der Einführung von Umweltzertifikaten.
Sie zeichnen sich durch geringe Informationserfordernisse aufseiten der Umweltverwaltung aus, was jedoch eine Erhöhung von
Behördenbudgets erschwert. Zugleich bestehen bei solchen Zertifikaten in der Regel
deutlich weniger Verhandlungsspielräume als bei Umweltauflagen und -Subventionen. Schon
aus diesen Gründen läßt sich die Ablehnung von Lizenzen durch die Umweltverwaltungen
erklären, die nicht selten im Widerspruch zu den Empfehlungen von Umweltökonomen steht.
So werden Zertifikate in Um fragen bei Mitarbeitern in Umweltverwaltungen von allen
umweltpolitischen Instrumenten mit Abstand am schiechtesten beurteilt. Eine solche
Ablehnung läßt sich damit erklären, daß Kriterien wie "ökonomische
Effizienz" und "volkswirtschaftliche Kostenoptimierung" von den in Umweltbehörden befragten Mitarbeitern ei ne nur untergeordnete Bedeutung beige messen wird.
22
Die Verfügbarkeit von Informationen verbessern
Die Realisierung einer nachhaltigen Politik mit den
jeweils effizientesten Instrumenten stößt also auf Schwierigkeiten. Hierdurch entsteht
die Gefahr, daß den Erfordernissen dauerhaft umweltverträglichen Wirtschaftens nicht
immer der erforderliche Stellenwert zukommt. Um weltpolitische Defizite ebenso wie der
Einsatz teilweise ineffizienter Instrumente sind oftmals nicht die Folge individueller
politischer Fehlentscheidungen; viel mehr werden sie nicht selten durch die derzeitigen
Anreize bestehender politischer Institutionen verursacht. So ist die von
wirtschaftswissenschaftlicher Seite oftmals bemängelte starke Betonung von
umweltpolitischen Auflagen für Politiker, Vertreter von Produzenteninteressen wie für
Mitarbeiter in Umweltverwaltungen eine Strategie, mit der eigene Ziele best möglich
erreicht werden können. Weil sich für die Wähler eine zeitintensive Auseinandersetzung
mit den komplexen Fragen einer möglichst effizienten Politik der Nachhaltigkeit zur
Vorbereitung wahlpolitischer Entscheidungen allein nicht lohnt, werden sie kein nennenswertes Gegengewicht zu diesen Anreizen bilden.
Eine Mindestvoraussetzung hierfür wäre es, die
Verfügbarkeit von Informationen durch unabhängige Informationsquellen sicherzustellen
und der Öffentlichkeit einen möglichst breiten und einfaches Zugang zu eröffnen. Hierbei
bietet es sich an, Gründe und Ausmaß risikoreicher Entwicklungen zu verdeutlichen. Vom
Auf bau einer Umweltberichterstattung innen halb des Statistischen Bundesamtes
könnten daher Impulse für eine verbesserte Information der Öffentlichkeit und
Wähler
über Fragen der Nachhaltigkeit ausgehen Informationen über ein komplexes Themen wie eine
dauerhaft umweltverträglich Entwicklung alleine reichen jedoch nicht aus, sondern
erfordern außerdem die Fähigkeit, diese auch angemessen interpretieren zu können. Der
Bildungspolitik kommt in diesem Zusammenhang somit eine besondere Rolle zu.
Bildung und umweltpolitische Informationen ändern
noch nichts an der Tatsache, daß die Wähler über Fragen der Nachhaltigkeit allein
zumeist nicht abstimmen können. Statt dessen entscheiden sie mit ihrer Stimmabgabe in der
Regel über Maßnahmebündel, innerhalb derer diese umweltpolitischen Themen nicht selten
eine eher untergeordnete Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund ist zu diskutieren, ob
nicht zumindest bei existentiell wichtigen Entscheidungen über eine nachhaltige
Entwicklung auch Volksabstimmungen zugelassen werden sollten.
Zu den institutionellen Reformen könnten auch qualifizierte Mehrheiten bei Großrisiken gehören
Solche institutionellen Reformen wären zugleich
Elemente einer stärker am Subsidiaritätsprinzip orientierten Politik der
Nachhaltigkeit. Die damit verbundene Verlagerung von Entscheidungskompetenzen und
-verantwortung auf kleine überschaubare Einheiten erleichtert den Bürgern die
Information über umweltrelevante Sachverhalte ebenso wie die Zurechnung der Ergebnisse
umweltpolitischen Handelns auf die jeweils Verantwortlichen. Ohnehin läßt sich eine
dezentralisierte Umweltpolitik stärker an den Vorstellungen der jeweiligen Steuerzahler
bzw. Wähler ausrichten. 23
Verbesserte Informationsgrundlagen, etwa durch den
Aufbau einer Umweltberichterstattung beim Statistischen Bundes amt würden
außerdem die Unabhängigkeit der Informationsgrundlage für politische
Entscheidungsträger verbessern. Schließlich wären diese weniger als bisher auf
Informationen von Interessenverbänden angewiesen. Innerhalb der Neuen Politischen
Ökonomie wird darüber hinaus diskutiert, ob Entscheidungen zugunsten von
"Großrisiken" von qualifizierten parlamentarischen Mehrheiten abhängig gemacht werden sollten. Hierfür spräche, daß jene Minderheiten, die von den negativen
Folgen im Schadensfall zum Teil erhebliche Beeinträchtigungen hinnehmen müßten, in den
parlamentarischen Abstimmungen besser geschützt würden. Dies entspricht dem
Grundgedanken der Neuen Politischen Ökonomie, nach dem die Mehrheitserfordernisse um so
höher anzusetzen sind, je bedeutsamer die Beeinträchtigungen für die unterlegene
Minderheit ausfallen können.24
Mit Blick auf den Wettbewerb der Interessengruppen
in der Nachhaltigkeitsdiskussion kann zunächst eine Stärkung von Umweltinteressen in
Erwägung gezogen werden. Als Möglichkeit hierzu wird die Einführung einer bundesweiten
Verbandsklage diskutiert, nach der auch an erkannte Umweltschutzverbände die
Möglichkeit erhalten sollten, gegen ökologisch umstrittene Planungen und Projekte
vorzugehen. Allerdings ist ein Gleichgewicht der verschiedenen Interessengruppen im
politischen Wettbewerb aufgrund der erheblichen strukturellen Unterschiede in der
Organisations- und Durchsetzungsfähigkeit nicht erreichbar. Immerhin könnte aus diesem
Grund versucht werden, den Einfluß von Interessengruppen insgesamt zu kanalisieren und
teilweise auch zu verringern. Ansatzpunkte hierfür sind die Begrenzung von Landeslisten, die nicht selten den Zugang von Verbandsvertretern und parlamentarische Gremien
sichern, eine Erhöhung der Transparenz und Verbesserung der Dokumentation in
parlamentarischen Ausschußarbeit bis hin zur Ordnung des Gruppenwettbewerbs im Rahmen
eines Verbändegesetzes. Nicht zuletzt erwartet man von der Einführung von Referenda bei
existenziellen umweltpolitischen Entscheidungen zumindest eine gewisse Reduzierung des
Einflusses von Interessengruppen.
In der ordnungspolitischen Tradition der Sozialen Marktwirtschaft
Die Begrenzung des Verbandseinflusses würde
zugleich die Position der Umweltverwaltungen verbessern. Darüber hinaus wäre es im
Interesse der Allgemeinheit, wenn all jene, die durch die Folgen der weit verbreiteten
informellen Absprachen mit Interessengruppen und -vertretern potentiell in Mitleidenschaft
gezogen werden, den gesamten Entscheidungsprozeß besser kontrollieren könnten. Voraussetzungen hierfür sind eine verbesserte Dokumentation der Verhandlungsprozesse ebenso
wie ein erweitertes Klagerecht. Die hier nur kurz skizzierten Ansatzpunkte einer
politisch-institutionellen Reform sind selbstverständlich nicht als Patentrezepte für
die Gewährleistung einer dauerhaft umweltverträglichen Entwicklung anzusehen. Sie
sollten statt dessen als Bei trag zu einer Diskussion über die Bedeutung der
politisch-institutionellen Rahmenbedingungen für die Gewährleistung nachhaltigen
Wirtschaftens interpretiert werden. Es war dabei das Ziel zu zeigen, daß die derzeitigen
politisch-institutionellen Anreizstrukturen zumindest teilweise zu Hemmnissen einer
effizienten Realisierung nachhaltiger Politik führen.
Eine solche Sichtweise steht in der ordnungspolitischen Tradition der Begründer der Sozialen Marktwirtschaft. So hat bereits Walter
Eucken mit Nachdruck hervor gehoben, daß eine Ordnung des marktwirtschaftlichen
Wettbewerbs allein nicht ausreicht, sondern einer flankierenden Ordnung des Staates
bedarf. Dementsprechend hat er nicht nur Prinzipien für die marktwirtschaftliche
Wettbewerbsordnung, sondern auch staatspolitische Grundsätze aufgestellt, die allerdings
in der jüngeren Diskussion teilweise zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. So
verlangt beispielsweise gleich der erste dieser staatspolitischen Grundsätze eine
Verminderung des Einflusses von Interessengruppen. Eine Forderung, die gerade für die
Zukunftsfragen nachhaltigen Wirtschaftens unvermindert aktuell ist. Dieses Beispiel
unterstreicht, daß Nachhaltigkeit nicht nur eine eminent wichtige ökologische und
wirtschaftspolitische, sondern auch eine politisch-institutionelle Gestaltungsaufgabe
darstellt.
Anmerkungen
1) Vgl. Schneider, F.; Volkert, J.: Die
Realisierung ökologisch-orientierter Wirtschaftspolitik - eine Unmöglichkeit?
Überlegungen aus Sicht der Neuen Politischen Ökonomie, in: Ordnungskonforme Wirtschaftspolitik in der Marktwirtschaft, hrsg. von S. Behrendts, Berlin u.a., S. 567 f.
2) Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich im
wesentlichen auf die ausführlichere Darstellung in Kurz, R.; Volkert, J. unter Mitarbeit
von Helbig, J.: Ordnungspolitische Grundfragen einer Politik der Nachhaltigkeit:
IAW-Schlußbericht an das Bundesministerium für Wirtschaft, Tübingen, 1995; als
aktualisierte Überarbeitung veröffentlicht in Kurz, R.; Volkert, J.: Konzeption und
Durchsetzungschancen einer ordnungskonformen Politik der Nachhaltigkeit, Tübingen und
Basel, 1997.
3) vgl. Horbach, J.: Neue Politische Ökonomie und
Umweltpolitik, Frankfurt am Main, 1992, S. 158.
4) Merkei, A.: "Die Politik allein ist
überfordert", Die ZEIT, Nr. 32, z. August 1996, 5. 19.
5) Vgl. Kurz, R.; Volkert, J., a.a.0., S. 82.
6)' Vgl. Mueller, D.C.: Public Choice II, A Revised
Edition of Public Choice, Cambridge u.a., 1989, 5. 350.
7)vgl. Kurz, R.; Volkert, J., a.a.0., S. 82 f.
8) Vgl. Merkei, A., a.a.0.
9) Vgl. Frey, B.S.; Umweltökonomie, 3. Auflage,
Göttin gen, 1992, S. 137.
10) Vgl. Helbig, J.; Pfaus, R.; Volkert, J.:
Wirtschaftspolitische Aspekte einer wachsenden Bedeutung von Normen im betrieblichen
Umweltschutz, IAW-Schlußbericht an das Bundesministerium für Wirtschaft, Tübingen,
1997, S. 5.
11) Vgl. Olson, M.: Die Logik des kollektiven
Handelns, Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen, Tübingen, 1968 sowie ders.: The
Rise and Decline of Nations, Economic Growth, Stagflation and Social Rigidities, New
Haven 1982.
12) Vgl. Volkert, J.: Existenzsicherung in der
marktwirtschaftlichen Demokratie, Heidelberg 1998.
13) Vgl. zu den Branchenabkommen und freiwilligen
Selbstverpflichtungen Maier-Rigaud, G.: Für eine ökologische Wirtschaftsordnung,
Jahrbuch für Ökologie 1996, S. 71-79, sowie zur umweltpolitischen Normung Helbig, J.;
Volkert J.: Freiwillige Standards im Umweltschutz, Heidelberg 1998.
14) Vgl. Horbach, J., a.a.0., S. 107.
15) Vgl. Merkei, A., a.a.0.
16) Vgl. Kurz/Volkert, a.a.0., S. 90 ff.
17) Vgl. Sandhövel, A.: Ministerialverwaltungen und
die Durchsetzbarkeit von Preis- und Mengenlösungen. Zeitschrift für Umweltpolitik und
Umweltrecht 2, 1994, S. 246; Gawel, E.: Bürokratietheorie und Umweltverwaltung.
Ökonomische Einsichten in verwaltungsrechtliches Handeln im Umweltschutz, Zeitschrift
für angewandte Umweltforschung, B. Jg., S. 79 sowie Horbach, a.a.0., S. 42 und S. 161.
18) Vgl. Sandhövel, A.: Marktorientierte
Instrumente der Umweltpolitik. Die Durchsetzbarkeit von Mengen und Preislösungen am
Beispiel der Abfallpolitik, Opladen 1994, S. 110; Gawel, E., a.a.0., 5. 85 sowie Horbach, J. a.a.0., S. 256 f.
19) Vgl. Holzfinger, K.: Umweltpolitische
Instrumente aus der Sicht der Bürokratie. Versuch einer Anwendung der "Ökonomischen
Theorie der Bürokratie", München, S. 396 ff. und S. 465.
20) Vgl. Horbach, a.a.0., S. 222 ff.
21) Vgl. ders., a.a.0., S. 202 und S. 231.
22) Vgl. Holzfinger, a.a.0., S. 409 sowie S. 482.
23) Vgl. Schneider Nolkert, a.a.0., S. 584 ff.
24) Vgl. Binswanger, H.C.; Minsch, J.: Theoretische
Grund lagen der Umwelt- und Ressourcenökonomie - Traditionelle und alternative Ansätze,
in: Ökonomie und Ökologie, hrsg. von M. v. Hauff und U. Schmid, Stuttgart 1992, S. 57
f. sowie Frey, B.S.: Kirchgässner, G.: Demokratische Wirtschaftspolitik. Theorie und
Anwendung, z. Aufl., München, 1994, S. 48.

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