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Inhaltsverzeichnis
Danny Rubinstein
Yassir Arafat: Vom Guerillakämpfer zum Staatsmann
Palmyra Verlag Heidelberg, 1996. 199 S., DM 34,-
Nicht nur die Politik, sondern auch die Person Jassir Arafats
genießt beim deutschen Leser Interesse. Nach der ambitiösen und sehr umfänglich
geratenen Biographie von Janet und John Wallach, die in deutscher
Übersetzung 1994 im Heyne-Verlag unter dem Titel "Jassir Arafat: Der lange Weg zur
Versöhnung" erschienen ist, liegt nun auch Danny Rubinsteins Biographie
in einer aktualisierten deutschen Fassung vor. Diese Biographie zeichnet sich durch ihre
Kürze sowie ihren spezifischen Ansatzpunkt aus: Rubinstein stellt zunächst nicht
den Politiker in den Vordergrund, sondern versucht das Interesse des Lesers zu wecken,
indem er sein Bild von der facettenreichen, widersprüchlichen Persönlichkeit Jassir
Arafats zeichnet. Der englische Originaltitel "The Mistery of Arafat" trifft
das Anliegen des Autors sehr viel besser als der Titel der deutschen Übersetzung, denn es
geht Rubinstein weniger darum, die Entwicklung Arafats "vom
Guerillakämpfer zum Staatsmann" nachzuzeichnen, sondern einen Beitrag zur Lösung
eines biographischen Rätsels zu leisten: Wie erklärt es sich, daß ein Mann, dessen
politische Kompetenzen von vielen Zeitgenossen mit Hinweisen auf sein unkonventionelles
Erscheinungsbild, seine Launenhaftigkeit, seine Unbeholfenheit bei öffentlichen Reden und
seinem autoritären Führungsstil bezweifelt worden sind, sich über ein
Vierteljahrhundert an der Spitze einer international einflußreichen Organisation hat
halten können, obwohl er sich nie auf einen Staatsapparat stützen konnte?
Rubinstein unterteilt sein Buch in elf Kapitel, die Arafats
Werdegang von dessen Kindheit bis zum aktuellen Friedensprozeß umspannen. Die Kapitel
greifen zentrale Aspekte des Lebens Arafats wie etwa "Reisediplomatie" oder
"Führungsstil" heraus, so daß die Chronologie oft gebrochen wird. Rubinstein
pflegt einen eher assoziativen Stil und wechselt locker zwischen der Darstellung zentraler
historischer Ereignisse und der psychologischen, anekdotischen und mitunter spekulativen
Präsentation der Persönlichkeit Arafats. Unter der leichten Feder des Autors
leidet zwar manchmal die Übersichtlichkeit. Während aber die Kosten dieses Verfahrens
bei einem so schmalen Band kaum ins Gewicht fallen, zieht der Leser aus ihm einen hohen
Nutzen: Das Buch ist sehr gut lesbar. Allerdings sind die ersten Kapitel, in denen die
Kontroverse über Arafats Geburtsort referiert und über seine diversen Beinamen
reflektiert wird, zu lange geraten. Eher auf den amerikanischen Leserkreis zugeschnitten
scheint die ausführliche Wiedergabe der Diskussion über Arafats vermeintliche
Homosexualität oder die Schilderung seiner Figurprobleme, die der Autor auf
übermäßigen Honiggenuß zurückführt. Mitunter störend wirkt auch, daß Rubinstein
häufiger polemische Urteile gegenüber Arafat nur wiedergibt, ohne sie
kritisch zu kommentieren.
Rubinstein kommt das Verdienst zu, gängige Interpretationen
gegen den Strich zu bürsten und vermeintliche Widersprüche und Schwächen Arafats
als funktional für seine Herrschaftsausübung zu deuten. So löst er etwa das
Spannungsverhältnis zwischen Arafats Unbestechlichkeit und seinem asketischen
Lebensstil zum einen und seiner Toleranz gegenüber der Korrumpierbarkeit von
PLO-Funktionären zum anderen auf, indem er darauf verweist, daß dies zur
Unangreifbarkeit Arafats beiträgt. Dennoch gelingt es Rubinstein nicht
immer, dem selbst auferlegten Maßstab der Enträtselung von vermeintlich ineffizienten
Politikstilen Arafats und dessen politischem Erfolg zu genügen. So mokiert sich Rubinstein
über Arafats "chaotischen Arbeitsstil", ohne zu erkennen, daß bei
einer typisch orientalischen, durch informelle Strukturen geprägten Organisation wie der
PLO jede Führungsperson zum Scheitern verurteilt wäre, der es nicht gelänge, simultan
eine Sitzung zu leiten, zu telefonieren, Dossiers zu lesen, Zahlungsanweisungen zu
unterschreiben, Konkurrenzkämpfe zu schüren und Debatten zu schlichten.
Insbesondere für den eiligen Leser, der sich auf unkomplizierte
Weise über die Person Arafats informieren will, lohnt sich die Lektüre von Rubinsteins
Arafat-Biographie. Rubinstein macht begreiflich, daß die verbreitete
Darstellung von Arafat als einem hitzigen Haudegen ein Zerrbild ist. Arafat ist
ein mit akademischer Ausbildung ausgestatteter besonnener Politbürokrat in
palästinensischer Uniform, der sieht man vom Ziel der Errichtung eines palästinensischen
Nationalstaates ab, weitgehend frei von programmatischen Inhalten am Machterwerb
orientiert ist. Nicht verschwiegen sei, daß das Buch nur bedingt dazu taugt, den
Nahostkonflikt und damit den politischen Hintergrund der Persönlichkeit Arafats angemessen
zu verstehen. So wird beispielsweise auf die für die Psyche der Palästinenser
traumatischen Erlebnisse in Zusammenhang mit der Libanoninvasion 1982 und deren Folgen
für die Entwicklung der PLO kaum eingegangen.
(Martin Beck)
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